Home ALLE BEITRÄGEJUNGE FRAUEN 8. März: Nicht nur ein Tag

8. März: Nicht nur ein Tag

by rcadmin

JENNY ANAHIT

Für uns Frauen ist der 8. März der wichtigste Tag im Jahr. Lasst uns einen Blick auf dessen Entstehung werfen, denn wie immer müssen wir die Geschichte gut kennen und die Gegenwart genau analysieren, um daraus eine Perspektive für uns entwickeln zu können.

Im Jahr 1910 fand in Kopenhagen der zweite Kongress der sozialistischen Fraueninternationale statt. Über 100 Delegierte aus 17 Ländern nahmen daran teil. Auf Initiative von Clara Zetkin, welche damals die internationale Sekretärin war, wurde einstimmig beschlossen, einen internationalen Frauentag einzuführen. Dies war damals der 19. März und wurde im Jahr 1911 zum ersten Mal in Deutschland, Österreich, Dänemark, der Schweiz und den USA organisiert. Der erste Frauentag war ein großer Erfolg: Es gab allein in Berlin 42 Versammlungen mit 45.000 Teilnehmerinnen. Die Einführung des Frauenwahlrechts war die Hauptforderung. Während des Ersten Weltkrieges wurde der Frauentag in Deutschland nicht durchgeführt, doch in Russland waren die Folgen des Krieges so hart für die Arbeiterinnen, dass sie am 08. März (julianischer Kalender: 23. Februar) 1917 ihre Arbeit niederlegten, auf die Straße gingen und andere aufforderten, sich ihnen anzuschließen. Mit dem Streik der Textilarbeiterinnen begannen die Unruhen und nahmen weiter zu, bis es schließlich wenige Tage später zur Februarrevolution kam. Es waren wieder die Frauen, die im Widerstand eine besondere Rolle einnahmen. Sie drückten ihren Unmut als Erste aus, waren Vorreiterinnen. Im Jahr 1921 fand in Moskau der zweite Kongress der internationalen Kommunistinnen statt, bei dem beschlossen wurde, den Frauentag in Erinnerung an die Rolle der Frauen während der Februarrevolution auf den 08. März zu legen.

Wenn wir noch etwas weiter in die Vergangenheit schauen, sehen wir, dass die historischen Wurzeln für den Tag des 08. März‘ sogar eine längere Tradition haben. Im Jahr 1857 fand bereits ein Streik von Textilarbeiterinnen in New York am 08. März statt. Und in Anlehnung daran wiederum streikten Arbeiterinnen einer New Yorker Textilfabrik am 08. März im Jahr 1908. Doch in dem Jahr passierte etwas Schreckliches: Die streikenden Frauen wurden in der Fabrikhalle eingesperrt, da der Streik möglichst nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte. So sollte verhindert werden, dass sich Gewerkschaften mit ihnen solidarisierten. Auf “ungeklärte” Weise brach dann in der Fabrikhalle ein Feuer aus. Wenige Frauen konnten sich in Sicherheit bringen, 129 Frauen verbrannten. Es heißt zwar „auf ungeklärte Weise“, aber wenn wir bedenken, welche Stellung Frauen damals hatten, noch dazu arbeitende, und wenn wir bedenken, dass Geschichte überwiegend von Männern geschrieben wurde, liegt die Schlussfolgerung nicht fern, dass der Brand bewusst gelegt wurde und es Mord an Frauen war, also Feminizid. Diese Ermordung von Frauen durch Feuer erinnert sehr stark an die Hexenverbrennungen. Es ist sicherlich nicht falsch dies in einen Zusammenhang zu bringen und eine Kontinuität aufzuweisen. Es wirkt beinahe sogar so, als würde es eine bewusste Anspielung auf die Hexenverbrennungen sein. Dieser Fall reiht sich in die Hexenverbrennungen ein: Frauen, die stark sind, Widerstand leisten und sich für Gerechtigkeit einsetzen, müssen sterben, werden verbrannt.

Lasst uns noch analysieren, welche Bedeutung der Frauentag heutzutage hat. Während des Nationalsozialismus wurde der 08. März verboten, vor allem auch, weil es eine Errungenschaft sozialistischer Kräfte war. Stattdessen wurde der Muttertag eingeführt. Dies bedeutet, dass den Frauen symbolisch, aber auch praktisch verboten wurde, für ihre Rechte zu kämpfen und anderen kämpfenden Frauen zu gedenken. Gleichzeitig wurde die Rolle der Frau auf die der Mutter und der Gebärmaschine beschränkt und festgelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Frauentag in der DDR 1946 wieder eingeführt, später durch die UNO 1975 international, also auch in der BRD. Doch in dem Frauenbild änderte sich seit dem Zerfall des Dritten Reiches kaum etwas. Allmählich schleicht sich der Neoliberalismus auch in den Feminismus und die Frauenbilder ein. Nun bekommt die Vorstellung, Frauen dürften auch Führungspositionen einnehmen, immer mehr AnhängerInnen, doch das vorherrschende Ideal von Frauen wird nicht radikal hinterfragt, das vorherrschende Patriarchat wird nicht ausreichend entlarvt. Zusätzlich geht es in der kapitalistischen Gesellschaft mehr darum, was einer Frau zum Frauentag geschenkt werden kann. Schokolade, Blumensträuße. Es scheint, als könne der Frauentag nur dann eine Berechtigung haben, wenn er ein Element im Kapitalismus sein kann. Von dem Tag des Frauenkampfes ist nicht viel übriggeblieben. Wir sehen, so wie der Frauenkampftag heutzutage begangen wird, wird er seiner Geschichte und seinen Gefallenen nicht gerecht. Im Übrigen wird seine Begehung auch nicht den aktuellen Umständen gerecht. Es ist nicht die Zeit, um sich mit Blumen und Schokolade zufrieden zu geben. Die Zeiten heute erfordern, genauso wie schon damals, dass wir uns gegen das Patriarchat erheben. Dass wir unseren Willen, das System zu ändern und Gerechtigkeit herbeizuführen, stärken. Dass wir uns an die Märtyrerinnen erinnern, die schon vor uns kämpften, auf deren Kampf unserer aufbaut. Der Frauentag muss wieder zu einem Frauenkampftag werden. Nicht ein Tag, der einfach den Frauen gewidmet ist, sondern ein Tag, der dem Kampf der Frauen gewidmet ist, unserem Widerstand.

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