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Abdullah Öcalan – Nur ein kurdischer Repräsentant?

by rcadmin

ŞIYAR GABAR

Immer wieder führt die Rolle von Rêber APO und sein Verhältnis zur kurdischen Frage und der Revolution in Rojava zu Diskussionen und Missverständnissen. Oft versuchen eher nationalistische und auch liberale Spektren Rêber APO als einen nationalen Repräsentanten des kurdischen Volkes darzustellen, der schlicht der legitimen Forderung eines kurdischen Nationalstaates nachginge. Einige sich kommunistisch definierende Organisationen werfen ihm sogar vor, ein nationalistischer klein-bürgerlicher Reformist zu sein, der das Proletariat aufgegeben habe. Andererseits wird in anarchistischen und feministischen Bewegungen die Frage gestellt, wie es sein kann, dass eine anti-autoritäre Revolution, einschließlich radikaldemokratische Strukturen und Prinzipien der Befreiung der Frau, von oben nach unten, außerdem von einem Mann, dirigiert werden könne? Hinzu kommt, dass zumindest in Deutschland, erstens der Begriff Serok (Vorsitzender, Führer) negativ mit dem NS-Regime verbunden wird und zweitens auch mit einer bestimmten von schlechten Erfahrungen mit revolutionären Kämpfen abstammenden Angst verknüpft ist. Doch wir täuschen uns, wenn wir nicht hinter das von Vorurteilen geprägte Bild in unserem Kopf blicken und wirklich versuchen tiefer zu verstehen und dem Bedeutung zu geben. Schließlich ist die Suche nach Wahrheit und der richtigen Lebensweise seit Beginn an Antriebskraft von Mensch und Gesellschaft. Rêber APO sagt: „Wahrheitssuche ist Liebe, Liebe ist freies Leben.“

Revolutionäre Führung

Das grundlegende Problem aller revolutionären Bewegungen und die Frage ihres nachhaltigen Erfolges drehen sich um die revolutionäre Führung – keine der bisherigen Bewegungen war davor gefeit, dem System ausgeliefert zu werden, da die Frage der revolutionären Führung unbeantwortet blieb. Die Frage der richtigen (Lebens-)Führung ist insbesondere schwierig, wenn wir uns mit der Selbstbestimmung und -organisation der Gesellschaft auseinandersetzen und das natürlich auch für die kurdische Befreiungsbewegung. Um die Antwort Rêber APOs auf diese Frage anzunehmen, bietet die Entwicklungsgeschichte der PKK ein nützliches Beispiel dessen Verständnis und Vergegenwärtigung steter Wegweiser für Militante der kurdischen Befreiungsbewegung darstellt. Rêber APO und die PKK folgen nicht einfach einem festen ideologischen Schema oder einem dogmatisches System, wie der von den früheren sozialistischen Staaten behauptete einzig wahre Weg des Marxismus-Leninismus. Gleichzeitig unterscheidet er sich grundlegend von anderen sogenannten nationalen Führern des Mittleren Ostens, die keineswegs im Interesse ihres eigenen Volkes handeln, sondern mit ihr Regierungsform schlicht zum längeren Arm der hegemonialen Staaten geworden sind. Dies ist z.B. insbesondere für den Barzanî-Clan der Fall, welcher kapitalistischen Interessen anderer Staaten alle Türen öffnet und sich dabei nur selbst bereichert.
Die Grundlage der revolutionären Führung Rêber APOs ist die Annahme, dass Kurdistan eine Kolonie sei und daher verschiedenster Formen der Verleugnung, Unterdrückung und Ausbeutung ausgesetzt sei. Die wohl wichtigste Waffe des patriarchalen Staates ist es jedoch die Gesellschaft ihrer Geschichte, Kultur und des Widerstandsbewusstseins zu berauben. Dementsprechend initiierte Rêber APO, mit sich selbst anfangend, eine tiefgründige Wiederaneignung der kurdischen Kultur und Geschichte innerhalb der Partei, Bewegung und Gesellschaft. Er beschränkte sich dabei allerdings niemals nur auf die KurdInnen oder Kurdistan, sondern stieß hierbei bis auf die Anfänge der Menschheit und Zivilisation vor, um den Fragen nach Unterdrückung und Freiheit bis zu ihrem Kern nachzugehen. Dabei liest er die Geschichte als den Kampf zweier Systeme, einerseits der demokratischen Zivilisation, die auf kommunalen Werten und Widerstand der Gesellschaft basiert und andererseits die zentralistische Zivilisation, deren aktuellster Ausdruck die kapitalistische Moderne und der Nationalstaat sind.
Wir als Befreiungsbewegung Kurdistans verstehen uns als Erbe der Gesellschaften und Kräfte, die versuchen auf Grundlage demokratischer und kommunaler Werte zu leben und gegen alle Formen von Herrschaft und Ungleichheit zu kämpfen. Die Geschichte ist für uns die Quelle der Hoffnung und der Wegweiser. Rêber APO sagt von sich selbst, dass er sich als Student aller revolutionären Bewegungen in der Geschichte sieht und in diesem Sinne die revolutionäre Vorreiterrolle für die Verteidigung der politisch-ethischen Gesellschaft auf sich genommen hat. Auf diese Art und Weise wird der Kampf von Rêber APO zum Repräsentanten eines universellen Kampfes. Sein Ziel ist es mit uns gemeinsam die Wünsche und Ziele derer, die in der Länge der Geschichte versucht haben auf eine freie und gleiche Weise zu leben, jedoch nicht ganz erfolgreich waren, Wirklichkeit werden zu lassen. All unser Kampf und unsere Anstrengungen sind dafür. Für dessen Erfolg braucht es allerdings Methoden, die auf der richtigen Mentalität und Ideologie basieren. Das was die unterdrückte Gesellschaft am meisten braucht, ist ein freies Bewusstsein und Organisation. Für eine Gesellschaft bedeutet politisch-ethisches Bewusstsein die Seele und Selbstorganisation der Körper. Damit eine Gesellschaft existieren kann, braucht sie Körper und Seele.

Rêber APO- Die Quelle zur Kraft

„Für mich liegt klar auf der Hand: Die kapitalistische Moderne bezieht ihre eigentliche Stärke weder aus dem Geld noch aus den Waffen; ihre eigentliche Stärke liegt darin, sämtliche Utopien, einschließlich der jüngsten und stärksten Utopie – der sozialistischen – im eigenen Liberalismus zu ersticken, der jede Farbe annehmen kann und den besten Zauberkünstlern überlegen ist.“ – Rêber APO im ersten Band seines Manifests der Demokratischen Zivilisation.
In den Metropolen scheint es so offensichtlich wie Patriarchat und Kapitalismus sich in jeden Winkel unseres Lebens ausgebreitet haben. Um den Prozess der Selbstbefreiung zu beginnen und den Kampf zwischen diesen beiden Systeme zu gewinnen, müssen wir unsere liberale bürgerliche Persönlichkeit und unser kapitalistisches Verhalten überwinden, um den innerlichen Staat mental zu bezwingen. Die Entwicklung des Sozialismus setzt gleichzeitig auch die Aufhebung der auf den Mann zentralisierten Gewalt voraus. Das wir dafür nicht auf nach die Revolution warten können, sondern mit unserer eigenen Persönlichkeit beginnen müssen, auch dafür ist Rêber APO mit seiner Haltung ein lebendes Beispiel für diesen Prozess.
Die Persönlichkeit und Lebensführung Rêber APOs verkörpert eine Quelle von Leben und Veränderung. Insbesondere seit den 90er Jahren hat er sich intensivst für die Befreiung der Frau und das „Töten des dominanten Mannes“ innerhalb und außerhalb der PKK eingesetzt und dies ganz klar als Bedingung für den Sozialismus des 21. Jahrhunderts proklamiert. Ein Ergebnis seiner vielen Vorschläge an die kurdische Frauenbefreiungsbewegung ist Jineolojî – die Wissenschaft der Frauen und des Lebens – die heute tausende Frauen und feministische und soziale Bewegungen begeistert, um sich sammelt und zu Diskussion und Aktion anregt. Die Frauenguerilla Kurdistans ist im Kampf gegen den IS und türkischen Faschismus heute weltweit zum Symbol des Freiheitskampfes geworden.

Die Ideen sind frei

Das Internationale Komplott, das 1999 durch Kooperation verschiedenster Staaten und aller führenden Weltmächte zur Verhaftung Rêber APOs führte, richtet sich gegen diese Form revolutionärer Lebensführung, die durch jahrzehntelangen Kampf der Befreiungsbewegung Kurdistans Tag für Tag mehr Menschen mit sich reißt. Nach dem Komplott und der Verschleppung auf die Gefängnisinsel Imralı leistet Rêber APO in Form der Theoretisierung der Dimensionen des kulturellen Genozidregimes und durch umfassende Vorschläge zur Lösung der kurdischen Frage und des Chaos’ im Mittleren Osten Widerstand. Die Isolationsfolter Rêber APOs wird durch eine faschistische Regierungsform in Form von Kontrolle, Beobachtung und Autorität, zur Durchsetzung einer homogenisierten Gesellschaft, und Aufrechterhaltung des Nationalstaatsgedanken, auf die gesamte Gesellschaft angewendet. In der Person Rêber APOs wird nicht nur der kurdische Freiheitskampf, sondern auch jegliche Form der internationalen Solidarität isoliert. Rêber APO ist sich dieser Politik bewusst. Er hat erklärt, dass er die Isolation in vertiefte Analysen und Konzentration umwandelt, weil er seinen Willen und sein Bewusstsein mit der Liebe zur Freiheit ausgestattet hat. Sein „Manifest der demokratischen Zivilisation“ ist ein klares Ergebnis davon. Die gegen ihn gerichtete Isolationspolitik macht sich nach seinen Worten weniger auf Imralı bemerkbar, als auf ‚draußen‘, wo sich das ganze Leben in ein Gefangenenlager verwandelt hat. Die visionären Ideen der Demokratischen Nation Rêber APOs, basierend auf Verbundenheit zur Natur und Gesellschaft, Freiheit der Frau und demokratisches Zusammenleben vieler Identitäten, Kulturen und Religionen, haben die Gefängnismauern deutlich zum Bröckeln gebracht. Seine Ideen beflügeln heute revolutionäre Organisationen und soziale Bewegungen in aller Welt. Dies ist die stärkste Antwort gegen das internationale Komplott. Daher hat er gesagt: „Anstatt mich zu retten, solltet ihr euch selbst retten. Befreit nicht mich, befreit euch selbst.“

„Kurden ja, PKK und Öcalan nein”

Der faschistische türkische Staat kann weder im eigenen Namen Krieg führen noch Frieden schließen. Die Rolle, welche die kapitalistische Moderne ihm zugedacht hat, ist die einer Gendarmerie und eines Wächters, um das türkische Volk und alle anderen Völkern des Mittleren Ostens für die Repression und Ausbeutung des kapitalistischen Systems zugänglich zu machen. Die Türkei gut einzubinden ist daher für das kapitalistische System von großer Bedeutung und es handelt sich nicht um eine beliebige Politik. Raffinierte Politiken und Strategien werden größtenteils im Verborgenen insbesondere durch die NATO und auch die EU gebündelt und koordiniert.
In diesem Zusammenhang müssen wir auch die jüngsten Angriffe auf Nordsyrien – Rojava begreifen, die nicht erst mit dem 9. Oktober anfingen und bis heute anhalten. Im Zuge des intesivierten Vernichtungsfeldzugs des AKP-MHP-Regimes, angeführt durch Erdogan, wird mit Spezialkriegsführung auf jede nur erdenkliche Methode gesetzt, um den Freiheitswillen der Gesellschaft, insbesondere der kurdischen, zu brechen und jegliche demokratische Dynamiken in der Region zu ersticken.
Neben der Totalisolation auf Imralı ist die gezielte Tötung von führenden Kadern der ersten Phase der PKK, der Versuch Kopf und Herz der Freiheitsbewegung zu treffen und damit ihre ideologisch-organisatorische Tiefe zu liquidieren, die sie aus den Erfahrungen Rêber APOs ziehen, auf der Tagesordnung. Gleichzeitig wird gegen Rojava eine Liberalisierungspolitik von „Kurden ja, PKK und Öcalan nein” geführt, während die Region stets mit der Gefahr von Völkermord, ethnischen Säuberungen und demografischen Wandel bedroht wird. Doch auch alle anderen Teile Kurdistans sind intensivierten Angriffen ausgesetzt, wobei insbesondere in Bakur, im Herzen des Widerstands, in den letzten Jahren durch einen faschistischen Vernichtungszug zehntausende Freiheits- und Demokratiesuchende weggesperrt und ermordet wurden. Doch auch in Süd- und Ostkurdistan zeigen die vielen Aufstände der letzten Zeit, dass die Menschen sich aufopferungsbereit vom Joch der Unterdrückung befreien wollen.
„Wir, die PKK, werden unsere Kraft dafür einsetzen, dass wir mehr eine Partei der Gesellschaft, des Humanismus, der Menschlichkeit und des Internationalismus werden als der nationalen Befreiung. Denn die Perspektive der Menschheit wurde verdunkelt. Wir müssen neue Horizonte eröffnen.(…) Wenn wir den Imperialismus aus Kurdistan hinauswerfen, wird unsere Revolution mindestens genauso wirkungsvoll wie die Oktoberrevolution, vielleicht sogar wirkungsvoller.” – Abdullah Öcalan in dem Buch „Auf dem Sozialismus zu beharren bedeutet, auf dem Menschsein zu beharren” von 1998.

Weltweiter Demokratischer Konföderalismus

Die stärkste Antwort, die wir der vielseitigen Vernichtungspolitik global entgegensetzen können, ist daher die Verbreitung und das Diskutieren der Ideen und Lösungen Rêber APOs. Diesbezüglich ist die Diskussion zum weltweiten Demokratischen Konföderalismus, die intensiv von der Revolutionären Jugendbewegung und von der Frauenbewegung Kurdistans angetrieben wird, von strategischer Bedeutung. Jedoch darf es nicht bei der Theorie bleiben, sondern bedarf der geduldigen, alltäglichen Umsetzung in die Praxis. Das heißt, wir müssen uns vom kapitalistischen System lösen, uns organisieren und die Alternative auf allen Ebenen aufbauen. Gleichzeitig ist die Verteidigung der voranschreitenden Revolution in Kurdistan eine Verantwortung eines jeden Jugendlichen, der seine Kindheitsträume noch nicht betrogen hat. Der feste Glaube an die Befreiung Kurdistans, eine sozialistische Utopie und die Verbundenheit zum freien, gleichberechtigten Leben ist heute wichtiger als zuvor. Das Schicksal der Menschheit liegt in unserer Hand, wenn wir uns nur entscheiden „nur ein Leben in Freiheit oder gar keins“ für uns zu akzeptieren.

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