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Analyse: Melodie der Flöte (Dengê Bilûrê)

by rcadmin

In der folgenden Analyse zum Buch Melodie der Flöte (Kurdisch: Dengê Bilûrê) werden Thematiken wie Liebe, Muterrolle, Hevaltî, Widerstand und Tod behandelt.

RÊDAN LUXEMBURG

1. Einleitung

Das Buch “Melodie der Flöte” (Dengê Bilûrê) von Berjîn Hakî wurde 2008 veröffentlicht und ist aus der Büchersammlung der kurdischen Freiheitsbewegung nicht mehr wegzudenken. Es ist schwer, dieses Buch zu analysieren, weil es kein gewöhnlicher Roman, aber auch keine wissenschaftliche Arbeit ist. Es handelt sich lediglich um die schriftliche Wiedergabe, von echten Geschehnissen. Wir können es also am Besten als eine Dokumentation, beeinflusst von den Gefühlen einer Genossin bezeichnen.
Das wir dieses Buch lesen können, ist ebenfalls etwas besonderes, denn es entstand unter den schwierigen Bedingungen des Guerilla-Lebens auf den rauen Bergen Kurdistans. Zusammengebastelt aus der Aufnahme einer Kassette und dem Bericht der Protagonistinnen hat Heval Berjîn es den Leser*Innen ermöglicht, hautnah an der Seite von zwei tapferen Kämpferinnen der Guerilla zu sein und von ihren heldenhaften Persönlichkeiten zu lernen.

2. Liebe

Liebe ist ein Begriff, der mehr Bedeutungen hat, welche nicht ansatzweise der Wahrheit entsprechen, als jene, die zutreffen. Es ist also zu Unterscheiden, zwischen verschiedenen Interpretationen von Liebe.
Am meisten verbreitet ist die romantische Interpretation von Liebe, welche der seit Jahrtausenden bestehenden Herrschaft des „starken Mannes“ als Hilfsmittel dient, das weibliche Geschlecht maximal vom Mann abhängig zu machen. In dem also die Männer ihren Ehefrauen propagieren, sie würden ein gemeinsames Leben, in unendlicher Liebe führen, zwingen sie den Frauen nicht nur ein perfides Bündnis auf, sondern machen ihnen auch noch systematisch glauben, dass dieses Leben ihrem Willen entspräche. Diese Liebe ist reine Demagogie des Patriarchats und basiert auf Vergewaltigung.
Doch dieses Buch handelt weder von Vergewaltigung, noch von der Ehe. Bêrîvan und Dîcle empfinden eine stärkere Liebe füreinander, als jedes Liebespaar, dessen Geschichte wir in gewöhnlichen Büchern lesen können. Freie Liebe lässt sich nur auf Basis der Demokratie, der Gleichberechtigung und der freien Meinungsäußerung aufbauen. In einem System, wie der kapitalistischen Moderne, sind diese Voraussetzungen nicht gegeben.
Was wohl am ehesten der freien Liebe entspricht, ist die Liebe einer Mutter bzw. Mutter-Frau. (Der Begriff Mutter-Frau (anna kadin) ist eine von Rêber APO häufig verwendete Formulierung für Frauen mit besonders starken mütterlichen Eigenschaften). Mütter sind immer noch so sehr mit der Natur und dem Kreislauf, des natürlichen Lebens verbunden, dass sie in der Lage sind, eine unglaublich starke Fürsorge und Zuneigung für die eigenen, aber auch die nicht eigenen Kinder zu empfinden. Diese sogenannte emotionale Intelligenz stammt noch aus der Zeit vor der Zivilisation und hat damals die gesamte Gesellschaft am Leben erhalten. Heute, wo die analytische Intelligenz des „starken Mannes“ und seiner positivistischen Wissenschaft Machtverhältnisse geschaffen hat, ist das Gesellschaftliche fast nur noch in diesen Mutterfrauen zu finden. Aufgrund dessen, dass Bêrîvan und Dîcle füreinander gesorgt haben, wie Mütter es für ihre Kinder tun, konnten sie in dieser ausweglosen Lage überleben.

3. Mutterrolle

Besonders schrecklich ist es, sich die Rolle der Mutter heute anzugucken. Die Mutter wird durch die kapitalistische Moderne  von ihrer eigentlichen Rolle in der Gesellschaft entfremdet. Sie wird an den Rand der Gesellschaft getrieben, ohne großen Wert dargestellt, außer den ihres Nutzens und selbst ihre Arbeit wird als völlig selbstverständlich wahrgenommen. Das  Patriarchat hat der Mutter zuerst das Mutterrecht genommen, sie dann aber verpflichtet rund um die Uhr und völlig im Alleingang Kinder und Ehemann in allen Bedürfnissen zu versorgen. Wie die Arbeit einer Sklavin, ist ihre Arbeit unbezahlt und wird als minderwertig angesehen. Den größten Nutzen sieht der Kapitalismus darin, mit der Frau als Gebärmaschiene unendlich viele neue Arbeitskräfte zu produzieren, um so sich aufrecht zu erhalten. Das ist besonders deutlich in „Dritte Welt“-Ländern zu sehen, in denen die Geburtenrate um ein Vielfaches höher ist, als in Konsum-Ländern wie Deutschland oder Schweden.
Vor Beginn der Hegemonie, also bevor das sumerische Reich die Zivilisation einläutete, war weder Geld noch Religion, geschweige denn beides Zentrum der Gesellschaft. Herrschaft generell, war noch völlig unbekannt. In diesen friedlichen Zeiten war das Zentrum der Gesellschaft dort, wo jedes Leben begann; Die Mutter(-Frau). Während die Männer, welche durch ihr analytisches Denken eher auf die Jagd spezialisiert waren, stellte die Frau, welche mit ihrem emotionalen Denken viel besser die Organisierung zur Deckung aller Bedürfnisse, und sich um andere gesellschaftliche Belange kümmern kann, Dreh und Angelpunkt des Alltages da. Die Gesellschaft war damit natürlich um sie herum organisiert.
Zur Re-Demokratisierung ist es nicht nötig, ins Neolithikum zurückzufallen. Es ist lediglich relevant, das System, welches die Gesellschaft friedlich und demokratisch organisiert hat, zu verstehen und auf die Umstände der heutigen Zeit anzuwenden. Genau das hat Rêber APO getan, in dem er den Demokratischen Konföderalismus entwickelte.

4. Hevaltî

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Beziehung der Freundschaft.
Die Beziehung zwischen Freundschaften und die Liebe innerhalb einer Freundschaft, ist durch das System verunstaltet worden.  Eine Freundschaft zwischen zwei Männern ist meistens eine ganz einfache Kosten/Nutzen Rechnung. Menschen, von denen ich mehr bekomme – oder eher nehmen kann, dienen besser für eine Freundschaft, als diese, die mich „herunterziehen“. Ein einfaches Beispiel hierfür sind die großen Stars der Medienwelt, welche sich mit ihren Privatpartys und Spendengalas von der Gesellschaft abheben. Auf diese Weise schaffen sie eine ultra-Elite, welche sich weder an Gesetze des Staates, noch an die Gesetze der Gesellschaft, also Moral und Ethik, halten müssen. Durch die so nur noch steigende Bewunderung der jungen Menschen, übertragen sie diese ansteckende Krankheit der Arroganz und Ignoranz auf sie. Dies lässt sich also nach ethisch-moralischer Herangehensweise nicht als Freundschaft, sondern eher als spalterische Sektenbildung und gegenseitiges Ausnutzen, also Parlamentarismus bezeichnen.
Die Freundschaft zwischen Mann und Frau ist in sehr vielen Fällen Teil des männlichen Spiels. Geleitet von niederen Gelüsten, in der Hoffnung, das non plus ultra der sexuellen Beziehung, nämlich gratis Prostitution zu erreichen. Freundschaft im ursprünglichen Sinne kann nur auf Freiheit und Demokratie basieren, doch in einem Gefängnis, in dem die Gesellschaft lebenslänglich absitzt, gibt es keine Liebe, keine Moral und auch keine Freundschaft.
Um die Freie Freundschaft bzw. Genossenschaft verstehen zu können, ist es wichtig, sich das Guerilla-Leben anzuschauen. Die Freunde stehen gemeinsam mit der Sonne auf und erarbeiten sich gemeinschaftlich ihr tägliches Brot. Mit kommunaler Methodik wird zusammen analysiert, kritisiert und selbst-kritisiert. Sie Leben den Demokratischen Konföderalismus in Harmonie mit der zentral-demokratischen Struktur einer Kaderpartei, also mit eiserner Disziplin. Sie vereinen auf beeindruckende Art und Weise die Verbundenheit zur Natur, unzerbrechlichen Willen zur Selbstverteidigung und einem ethisch-moralisch-gesellschaftlichem Leben. Während sie also sowohl ideologisch, als auch im Kampf stets moralisch und bedacht handeln, mit der Befreiung der Völker und der Überwindung der Herrschaft zum Ziel – also den pazifistischen Absichten, die der Mensch haben kann, bombardieren Drohnen und Jets ihre Wohnräume. Bomben und Patronen beanspruchen ihre Bäume, ihre Flüsse, ihre Berge und ihre Heimat. Der Ort an dem die Guerilla mit der Umwelt eins werden, wird von ferngesteuerten Maschinen und Überschall-Jets in ein Schlachtfeld verwandelt.

5. Widerstand

Trotzdem bleiben sie, wie Bêrîvan und Dîcle auf dem Weg Rêber APOs und ehren die MärtyrerInnen unseres Kampfes. So wie Dîcle für Bêrîvan und Bêrîvan für Dîcle jede Sekunde bereit wäre, ihr Leben für die andere zu geben, so ist es bei jedem Guerillero und jeder Guerillera Kurdistans. Durch unendliche Opferbereitschaft wie eine Mutter für ihr Kind, schaffen sie ein unzerstörbares Bündnis untereinander (Hevaltî) und einen niemals schwindenden Mut. Nicht einmal der Tod kann sie einschüchtern.

6. Tod

Der Tod ist eine allgegenwärtige Sache und jedes Lebewesen ist damit konfrontiert. Durch das Glück unserer Schöpfung sind wir dazu in der Lage, über den Tod nachzudenken. So viele Menschen wie es gibt, so viele Vorstellungen von Tod und Jenseits gibt es auch, doch ich versuche es auf die, für die Analyse des Buches am Wichtigsten, zu begrenzen.
Das System hat über den Tod und seine eventuellen Folgen unzählige Gerüchte verbreitet. Man muss im allgemeinem zwischen Tod im Kapitalismus und Tod im Feudalismus unterscheiden. In Konsum-Ländern wie Frankreich oder USA steht der Tod nicht hoch im Kurs. Die Menschen hassen und fürchten ihn, denn sie können ihn nicht beherrschen. Sie versuchen mit allen Mitteln, wie Medizin, Verjüngungskuren, Meditation und einigen sehr fragwürdigen Methoden den Tod maximal hinauszuzögern. Das funktioniert auch ein wenig, was wir an der durchschnittlichen Lebensdauer erkennen können, doch wenn der Zufall will, können sie ihr Leben jetzt sofort verlieren. In dieser Formulierung; „Das Leben verlieren“, zeigt sich, wie sehr das Leben als Besitz gesehen wird. Wer leben besitzt, hat die totale Macht. Die Menschen, die an Habgier und Kontrollzwang eines Staates erkrankt sind, erkennen nicht, dass das Leben der Menschen, Tiere und Pflanzen einzig und allein der Natur gehört. Da wir Teil dieser Natur sind, gehört es auch uns, doch kollektiv und nicht individuell.
Ein gutes Beispiel aus der Natur sind Wale. Wenn sie alt werden, schwimmen sie zu bestimmten Orten, an denen sie sich treffen, um gemeinsam zu sterben. Sie spüren, dass sie sterben und akzeptieren den Kreislauf des Lebens vom Zeitpunkt ihrer Geburt. Der Tod in der Natur ist wie Essen, Trinken oder sich fortzupflanzen, ein überlebensnotwendiger Prozess. Jedes Handeln hat eine Konsequenz. Sterben ist unvermeidbar und sogar Grundvoraussetzung für neues Leben – also den Erhalt der Gesellschaft.
Über diese Mentalität der Akzeptanz philosophierten schon viele, unter ihnen viele religiöse Vorreiter. Die Akzeptanz des natürlichen Kreislaufes ist eine große Leistung, welche spirituelle und religiöse Menschen durch Meditation, aber auch durch Illusionen erreichen. In der Bibel ist z.B. vom Himmel und im Koran vom Paradies die Rede. Diese Menschen legen ihr Leben in die Hände Gottes. Diese Menschen verspüren den Drang, ihr Leben wieder zu vergemeinschaftlichen.
Die Guerilla ist ebenfalls mit dem Tod konfrontiert und das in einer noch viel radikaleren Art und Weise. Jede Stunde kann ein neuer Bombenhagel beginnen, jeden Tag, können Freunde fallen, doch die Kämpfer und Kämpferinnen der Guerilla haben ebenfalls den Kreislauf der Natürlichkeit akzeptiert. Das heißt nicht etwa, dass sie aufgeben oder sich dem Tod einfach so hingeben würden, doch sie akzeptieren, dass sie eines Tages sterben. Der Geist, die Geschichte, die Stimme und der Enthusiasmus eines gefallenen Revolutionärs wird von den Genossen und Genossinnen weitergetragen. So hat sich ein Erbe, eine Spiritualität aufgebaut, die unsterblich ist. So wie Bêrîvan und Dîcle jeder Zeit bereit waren, ihr Leben zu geben, um die Gesellschaft zu schützen. Sie trugen das Erbe der MärtyrerInnen in ihren Herzen.

7. Wirkung

Das Besondere an dem Buch ist, dass es zu 100% real ist und auch so geschrieben ist. Als ich die letzte Seite gelesen habe und das Buch zugeklappt habe, fühlte ich mich, als hätte ich Monate in der Guerilla gelebt. Jede Sekunde fieberte ich mit den Genossinnen mit und habe überlegt, wie ich hätte helfen können. Durch die Kritik und Analyse, welche Teil des revolutionären Lebens und des Abenteuers von Bêrîvan und Dîcle ist, konnte ich mich weiterentwickeln.

 

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