Home ALLE BEITRÄGEMÄRTYRER Aus dem Tagebuch einer Freiheitskämpferin – Teil II

Aus dem Tagebuch einer Freiheitskämpferin – Teil II

by rcadmin

Aus dem Tagebuch einer Freiheitskämpferin-Viyan Amara

Nach einigen Tagen führten wir wieder eine Aktion durch und schlichen uns ins Dorf. Nachdem wir mit unserer Aktion begannen, Waffen und Lebensmittel der Dorfschützer zu stibitzen, fingen plötzlich sogar die Frauen und Kinder der Bande an auf uns zu schießen. Das war ein ziemliches Durcheinander, doch wir konnten uns mit einer sehr erfolgreichen Beute wieder in die Wälder zurückziehen. An diesem Tag gingen wir zu unserem Unterschluf und alle Freunde reinigten ihre Waffen. Mein Gewehr war sehr alt und verrostet und machte deshalb bei Gefechten manchmal Probleme. Da kam Heval Sebrî und reichte mir eins der von den Dorfschützern geklauten Gewehre. Es war eine sehr schöne und saubere Waffe, fast wie neu. Er sagte: “Heval Viyan, wir werden Dir noch einen Gelenk-Schaft besorgen.” Ich ging runter zu Quelle um meine neue Waffe zu reinigen. Gerade, als ich mein Gewehr in alle Einzelteile zerlegt hatte, hörte ich ein Geräusch. Nach wenigen Augenblicken verstand ich, dass es die Stimmen des Feindes waren und die heran nahenden Hubschrauber.
Damals war die Taktik des Feindes wie folgt: Wenn sie einen Unterschlupf der Freunde ausmachten fegten sie zuerst mit Helikoptern darüber und beschossen und bombardierten die Gegend. Danach ließen sie wieder per Helikopter ihre Soldaten auf den nahegelegenen Ebenen ab. Diesmal eröffneten sie jedoch nicht direkt das Feuer. Ich glaube, weil sie gar nicht wussten, dass wir uns hier befinden, da wir dem Dorf noch sehr nahe waren. Wir waren genau auf dem Abhang nahe der Quelle. Ich hatte keine Möglichkeit mehr meine Waffe zusammen zu bauen, sammelte die Einzelteile auf und lief los. Heval Mehmud, Heval Sebrî und unsere Taxim-Komandantin entschieden, dass wir uns unbemerkt entfernen, ohne in Gefechte zu geraten. Wir waren dazu gezwungen, da die Tepecî´s (Genossen auf den Gipfeln der Berge) keine Antwort an den Funkgeräten gaben und wir so nicht wussten, wie der Feind sich genau bewegt. Daher gab es die Warscheinlichkeit, dass wir Verluste erleiden könnten. Unser Ziel war immer: Erfolgreiche Aktionen und so wenig Verluste wie möglich. In diesem Moment heckten Heval Mehmud und die anderen Genossen einen Plan aus, in dem wir unsere Stellung noch oben hin verlassen, um die Kontrolle von obenher über den Feind zu gewinnen und ihn anzugreifen. Die Helikopter verfolgten uns nun auch und versuchten uns ausfindig zu machen, um Soldaten in unserem Umkreis abzuseilen. Der Verantwortliche unserer Tepecî´s war Genosse Seyfî. Heval Mehmud funkte ihn mehrmals an, um ihm zu sagen er solle den Feind unter Beschuss nehmen, bis wir uns entfernt hätten, doch unsere Funkrufe erreichten die Freunde nicht. Also entschlossen wir weiter zu marschieren. Kaum aufgebrochen fingen plötzlich Gefechte zwischen unseren Freunden auf den Gipfeln und dem Feind an. Da nun auch verstärkt Kobra-Helikopter kamen, hatten wir nicht sehr viele Möglichkeiten uns mit einer so großen Anzahl in Gefechte zu begeben. Alle was wir tun konnten, war mit einer kleinen Gruppe auf dem Hügel zu bleiben, die dann in Gefechte mit dem Feind treten kann, um Zeit zu gewinnen und sich mit den restlichen Freunden zurückzuziehen, um sich in Kampfposition zu bringen. Die kleine Gruppe von vier Freunden wurde natürlich von Heval Sebrî geführt.
Wir zogen mit der größeren Gruppe los und kamen recht bald an eine Quelle. Dieser Ort wurde auch Meydana genannt und war einfach nur eine flache Ebene auf der es noch nichtmal kleinste Steine gab, nur Sand. Hier wurden auch die Soldotan abgesetzt und wir schafften es gerade noch die Ebene zu erreichen. Auch die Gruppe, die uns Zeit verschaffte erreichte uns nach einiger Zeit. Wir trafen uns, sahen jedoch keine Möglichkeit wieder aus Maydana herrauszukommen. Die Operationskoordination des Feindes war auf einem kleinen Hügel direkt vor uns positioniert, von dem wir jedoch nichts wussten. Heval Mehmud sagte: “Verteilt Euch!”, doch es gab keinen einzigen Felsbrocken, unter dem wir uns hätten verstecken können. Nur etwas Unkraut gab es vereinzelt, von dem nun Jeder etwas zusammen pflückte um sich zu tarnen und warfen es über sich. Heval Mehmud jedoch nahm seine Waffe in die Hand und sagte: “Wenn hier auch nur einer von euch verletzt wird und sagt `ay`, werde ich denjenigen erschießen!” Er wusste, wenn wir auch nur die kleinste Bewegung täten, würden wir alle dechiffriert werden und fallen. Unsere Situation war sehr ernst.
Die Operationskoordination gab unseren Standort an die Helikoterpiloten, weiter, da sie uns ja von ihrem Hügel aus gesehen hatten. Die Piloten jedoch vermuteten überhaupt nicht, dass wir uns in Mitten der Ebene aufhalten würden und beschossen mehrmals wild das Umfeld der Quelle und flogen wieder davon. Erst da erkannten wir auch den Ort der feindlichen Koordination, konnten aber nichts tun als ausharren. Zweimal wurde unser Umfeld von den Kobras beschossen, uns passierte jedoch überhaupt nichs. Auch unser Maulesel, der Gepäck trug, lag seelenruhig unter dem Unkraut das wir auf ihn geworfen hatten. Man konnte fast meinen er sein ein Mensch, so clever verhielt er sich und zuckte noch nicht einmal mit den Ohren. Eine Mücke setzte sich auf die Nase eines Freundes, der sagte: “Ach Mücke fllieg doch fort, wenn ich mich bewege sehen sie uns und wir sterben beide.”
Eine sehr tragische Situation, die sich damals abspielte, wenn man noch einigen Jahren daran zurück denkt. Es gab nichts was wir tun konnten, doch Heval Sebrî meinte: “Wir hauen jetzt hier ab!” Was sollten wir schon tun, zwei Helikopter entleerten all ihr Arsenal über uns und zogen davon, da schon zwei neue kamen. Die Koordination lag direkt vor uns und unser Umfeld war mit Soldaten gesäht worden. Das beste, was wir tun konnten war uns eins mit dem Erdboden zu machen. Die zwei neuen Kobras kamen und die Koordinatoren funkten den Piloten: “Ich sage Dir schieß dort hin, wieso schießt Du nicht dort hin wo ich es sage und fliegst um die Quelle herum und beschießt dort nur ein Paar Steinchen ?!” Dieses Mal senkten sich die Helikopter genau über uns herrab, sodass wir ohne Probleme die Piloten sehen konnten. Sie kamen so sehr herrab, das sie uns unter dem Gestrüpp erkannten und beschossen uns nur 3-4 mal mit ihren schweren Geschützen. Die Kugeln schlugen zwischen unseren Beinen und neben unseren Köpfen in den Sand ein. Als sie dann mit Raketen auf uns schossen wurde dieser Sand, der uns zuvor ein sicheres Versteck verwehrte zu unserer Rettung. Als die Raketenköpfe in den Sand einschlugen konnten, sich ihre Splitter nicht verteilen und blieben größtenteils im Sand stecken. Beim letzten Mal kamen noch zwei weitere Kobras, sodass jetzt nun 4 Kampfhubschrauber über unseren Köpfen kreisten und uns abermals beschossen und ihre Kugeln zwischen unseren Köpfen wie einen Bleiregen verteilten.
Heval Sebrî verstand die Situation und rief: “Freunde, ich werde gehen. Ich werde ihre Aufmerksamkeit auf mich lenken, sodass ihr hier raus kommt. Ich werde mich schon retten.” Da rief Heval Mehmud: “Ich bring Dich um, das ist ein Befehl, keiner bewegt sich!” Heval Sebrî antworte: “Auch ich bin Komandant und kann Befehle erteilen.” Da stand er plötzlich auf und uns allen lief es eiskalt über den Rücken. Da opfert sich ein einziger Freund um 39 andere zu retten, denn wir waren insgesamt 40 Genossen. “Wir haben so viel Widerstand geleistet bisher und keinen einzigen Verlust erlitten, niemals zu gelassen, dass auch nur ein einziger Freund Şehîd fällt!”, er nahm seine Waffe und lief. Man sagt, im Krieg entwickelt der Mensch Taktiken. Im einfachen Leben entwickelt sich keine Taktik. Vier Kobras fielen über unserem Freund Sebrî herrüber, konnten ihm jedoch nichts antun. Er floh über Stock und Stein und verschaffte uns so die Möglichkeit von hier heraus zu kommen und flüchteten in einen etwas weitgelegeneren Unterschlupf aufwärts der Ebene. Wärend deşsen sahen wir auch unseren Freund, wie er rann und hofften, dass er sich in Sicherheit gebracht hatte, da sich alle vier Kobras über ihm entleert hatten. So lernten wir auch wie und wann in etwa das Arsenal eine Helikopters aufgebraucht war, was uns in Zukunft noch eine riesige Hilfe sein sollte. Wir warteten auf dem Weg auch noch 3-4 Sekunden und dachten unseren Genossen vielleicht noch einmal zu erblicken. Doch er kam nicht.
Der Feind zog sich nun auch zurück, da es langsam dunkel wurde und er wusste, dass, wenn er sich Nachts der Guerilla zu sehr näherte er zehnfache Verluste erleiden würde. Heval Mehmud drei weitere Freunde sagten: “Wir gehen ach Maydana.” Maydana lag mittlerweile gut eine Stunde von uns entfernt. Alo gingen wir los und tatsächlich fanden wir Heval Sebrî auf dem Weg am Boden. Es waren mittlerweile schon gut zwei bis drei Stunden vergangen, doch es gab immernoch die Warscheinlichkeit, dass er lebte. Wir liefen zu ihm und hoben langsam seinen Kopf an, der aber nur schlaff in unseren Händen lag. Weil das Arsenal der Kobras gänzlich aufgebraucht war, schossen sie sogar mit M-16 Gewehren auf unseren Genossen. Von seiner Brust bis zu seinen Füßen war alles voller Einschüsse. Auch an seinen Händen und am Kopf hatte er Schusswunden. “Heval, ihr seid gekommen”, flüsterte er. “Ja natürlich, wir sind gekommen um Dich zum Unterschlupf zu bringen.”, antworteten wir. “Nein, ich habe auf euch gewartet, um euch mein Vermächtniss zu machen.” “Was für ein Vermächtniss, haydî steh auf, wir gehen!”, rief Heval Hakki. “Heval Hakki.”, “Was ?”, “Komm, öffne meine Jacke und schau wie viele Kugeln in meiner Brust stecken”, wisperte Heval Sebrî. Wir sagten: “Brauchen wir nicht, es ist dunkel, wir ehen sowieso nichts.” “Acht”, er hatte uns gezählt. “Das macht nichts wir tragen Dich schon”, meinten wir, doch er sagte nur: “Jetzt geht schon Kinder.” Das sagte er, weil wir alle noch ziemlich jung waren und machte sich einen Spaß. “Hebt mal meine linke Hand”, meinte er und Heval Hakki hob seinen Arm, doch sah keine Hand sondern nur einen Stumpf in einem Jackenärmel. Er hob auch Sebrîs Bein, das auch nur noch in Überresten bestand “Ich bin nur noch hier, um euch einen Wunsch zu verkünden. Unterhalb der Ebene Meydana gibt es einen Ort, wie das Paradis. Dort gibt es alle nur erdenklichen Blumen und Pflanzen und ein kühler kleiner Bach fließt dor hindurch. Dort möchte ich von euch begraben werden.” Wir riefen: “Wieso sollten wir Dich bestatten, wir gehen jetzt zu den Freunden, sie sind sehr neugierig nach Dir.” “Den Freunden geht es gut, nicht wahr ?” “Natürlich, allen geht es gut.” “Ich bereue nichts, alles was für diese Partei getan werden muss, habe ich getan. Grüßt alle Freunde von mir und sie sollen wegen mir nicht sauer sein.”
Nach einigen, wenigen Sekunden fiel er in unseren Armen zum Märtyrer. In all unserer Trauer und Wut nahmen wir ihn, und brachten ihn an den beschriebenen Ort. In der Dunkelheit dieser Nacht vergruben wir unseren Freund und Genossen. Morgen wollten wir wieder kommen um das Grab noch weiter zu befestigen.
Was am Ende blieb, die Moral aller Freunde war am Boden, das ist etwas anderes. Im Herzen jeder Genossin und jedes Genossen, wenn von Liebe, Aktion und Opferbereitschaft die Rede war, erschien Ş. Sebrî. Ş. Sebrî der Held, der Aufopfernde, der sein eigenes Leben, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken für 39 weitere Freunde dahingab.
Ausnahmslos alle Freunde unserer Einheit sagten So lebte er und so wird er in uns weiterleben!
Ich sagte ja, wir wollten einen Tag später noch einmal zu seinem Grab zurückkehren um es zu befestigen und zu schmücken, aber dazu gab es leider keine Möglichkeit. Am nächsten Tag ging die Operation weiter und der Feind kam und nahm den Leichnam Bis heute wissen wir nicht wo sie ihn hin brachten, doch diese Sache blieb bis heute ein tiefer Stich in meinem Herzen. Wir vollbrachten zwar seinen letzten Wunsch, aber nicht auf Dauer.
Natürlich gibt es Tausende Märtyrer, die ohne Grab überall in Kurdistan leben. Daher steckt in jedem Stein, jedem Baum, jeder Blume und in jedem Bach der Geist der Märtyrer. Suche nicht in der Welt, sie sind überall. Verneige Dich einfach, das reicht.

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