Der folgende Text ist ein Auszug vom Buch Jenseits von Staat, Macht und Gewalt von Rêber APO.
RÊBER APO
Auf die ethnischen Gruppen – Klans, nomadische und andere Stammesgemeinschaften – sind wir ausführlich eingegangen. Wir haben durch indirekte Schlüsse versucht, ihre Entstehung, Entwicklung und Wandlungen nachzuzeichnen. Wenn auch nicht im selben Maße wie früher, so sind sie doch im Mittleren Osten immer noch präsent. Auf dem Land ist ihr Einfluss bedeutender. In der Stadt sind Bruderschaften (tariqat 1) und ähnliche religiöse Gemeinden an ihre Stelle getreten. Solange es nicht die vollen Bürgerrechte und Demokratie gibt, fühlt sich beinahe jeder und jede einer ethnischen Gemeinschaft und einer religiösen Gemeinde zugehörig. So wie sie die Zugehörigkeit zu Familien berücksichtigen, so berücksichtigen die
Staaten auch die Zugehörigkeit zu anderen ethnischen Gemeinschaften. Politik kann kaum erfolgreich sein, wenn sie nicht die Stärke der Stämme mit einkalkuliert. Weil diese nicht vollständig in Klassen oder Nationen aufgegangen sind, erhöhen sie das gesellschaftliche Chaos. Sie sind aber auch wichtig, weil durch sie eine edle, historische Widerstandskultur überliefert wird. Sie einfach nur abzulehnen, wäre weder sinnvoll noch hilfreich. Insofern müssen wir zwei Dinge unterscheiden. Es ist notwendig, sich um ethnische Bande zu kümmern und sie zutreffend zu analysieren, da sie zu positiven Resultaten führen können. Anders verhält es sich mit Mikronationalismus und politischem Scheuklappendenken, welche sich auf Ethnien berufen. Diese können äußerst negative Auswirkungen haben. Nation und Nationalismus sind zwei Begriffe, die im Mittleren Osten eher Probleme schaffen als sie zu lösen. Der Kapitalismus brauchte in seiner Entstehungsphase, dem Merkantilismus oder Handelskapitalismus, einen nationalen Markt. So schuf er gemäß der bestehenden Sprachgrenzen zuerst die Nation und später den Nationalismus. Der Begriff Nation entspricht dem Begriff der umma(2) oder Religionsgemeinschaft, nur übertragen auf die Sprachgrenzen. Im Grunde handelt es sich weniger um einen soziologischen als um einen politischen Begriff. Er transportiert eine politische Absicht. Er befriedigt die Nachfrage nach einem Staat in besser definierten Grenzen. Die Nation ist für den Staat weniger wegen ihrer ethnischen, als vielmehr wegen ihrer politischen Grundlage wichtig. Selbst beim Streben nach einer „reinen“ Nation sind politische Absichten entscheidend. Natürlich steht hinter dieser Politik wiederum das Problem des Marktes. Markt und Politik sind der Schoß, aus dem die Nation geboren wird. Soziologisch gesehen ist die Nation schwächer als die Ethnie. Ethnizität ist eines
der stärksten soziologischen Phänomene. Eine Ethnie in der Form eines Volksstammes (kavim) ist einer Nation ähnlich. Der Unterschied zwischen Volksstamm (kavim) undNation ist der, dass derWert des ersteren fürMarkt und Politik noch nicht entwickelt ist. ImMittleren Osten nun steht weniger die Nation als vielmehr der Nationalismus im Vordergrund. Der Nationalismus nimmt den Platz der schwächer werdenden religiösen Bindungen ein. Er ist eine Art weltliche Religion und stellt als solche das bedeutendste Legitimationsinstrument für den Staat dar. Es ist schwer, einen Staat ohne Rückgriff auf Religion oder Nationalismus zu führen. Die Religion ist ohnehin das Genom des Staates, und der Nationalismus stellt ihre moderne Form dar. Heutzutage bieten Nation und Nationalismus für kein gesellschaftliches Problem eine Lösung. Im Gegenteil erschweren sie ihre Lösung, weil Nation und Nationalismus benutzt werden, um Probleme zu kaschieren. Wir brauchen eine realistische Definition und Einschätzung dieser Phänomene und Begriffe, die hierzulande noch nicht einmal hundert Jahre alt sind. Politische und ideologische Konzepte, die sich nur auf Nation und Nationalismus stützen, führen zu Fehlern. Es ist offensichtlich, welche Rolle chauvinistische Nationalismen in den Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts gespielt haben. Gleiches gilt für alle Nationalismen im Mittleren Osten, insbesondere den arabischen und den israelischen, die in die Sackgasse geführt und uns viel Blut und Leiden beschert haben. Es kommt darauf an, bei politischen und ideologischen Aktivitäten in keiner Weise zum Nationalismus zu greifen, das Phänomen der Nation aber einzubeziehen, wo immer dies zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen beitragen kann. Sonst steuert, wie wir es zuvor schon in Europa erleben mussten, auch der Mittlere Osten mit seinen ohnehin in bedeutendem Ausmaß vorhandenen ideologischen Konditionierungen noch tiefer ins Chaos.
(1) Als tariqa (arabisch: Weg, Mehrzahl tariqat) bezeichnet man religiöse Bruderschaften oder Orden, die in der Tradition des Sufismus stehen. In ihnen gibt es meist eine klare Hierarchie zwischen den erleuchteten murshid und ihren Anhängern, den murid. Eine silsila oder Ahnenreihe wird oft bis auf Mohammed zurückgeführt. Der Führer oder murshid ernennt seinen Nachfolger, oft einen Sohn oder Verwandten, selbst. Diese Orden haben oft bedeutenden politischen und wirtschaftlichen Einfluss. In der Türkei und in Kurdistan sind verschiedene Zweige der tariqa der Nakschibendi oder Naqshbandi besonders weit verbreitet.
(2) Im Islam bezeichnet umma die Gemeinschaft aller gläubigen Muslime, unabhängig von der Zugehörigkeit zu einem Stamm oder einer Nation.
