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Das Treffen, dass uns zum Schwitzen brachte…



by rcadmin

Cemil Bayik – STERKA CIWAN

Es war das Jahr 1976. Die Tage, wo uns noch niemand kannte, noch niemand uns kennen wollte. Es waren die Tage, in denen wir, nachdem wir bei unserem Treffen in Ankara beschlossen hatten wieder ins Land zurückzukehren, dorthin zurückgingen und mit den Arbeiten begannen. In dieser Zeit leitete ich die Arbeiten in Dersim zusammen mit einem Freund namens Cömert. Niemand wusste etwas von uns, niemand hatte von uns gehört, niemand kannte uns; es war eine Zeit, in der wir überhaupt keine Möglichkeiten besaßen. Obwohl wir uns mit der Entscheidung des bewaffneten Kampfes auf den Weg gemacht hatten, hätten wir selbst, wenn jemand gekommen wäre um auf uns zu schießen, uns wegen fehlender Waffen nicht wehren können. Von so einer Zeit sprechen wir. Zusammen mit dem Freund Cömert leiteten wir die Arbeiten in dem Gebiet zwischen Hozat und Pertek. In der Region zwischen Hozat und Pertek war ein Dorf namens Ballıkaya. Eines Tages beschlossen wir mit dem Freund Cömert in dieses Dorf zu gehen. Wir gingen dorthin und klopften an die erstbeste Tür. Als die Tür sich öffnete, traten wir ein. Drinnen war ein alter Mann. Weil ich weder wusste wer, noch was er war, ging ich und setzte mich neben ihn.

Der Freund Cömert aber wusste das er ein „Dede “ war. Auf Grund der Tradition hätte er sich also niemals neben ihn gesetzt. Aber ich wusste das natürlich nicht. Weil der Freund Cömert aber aus diesem Gebiet kam, wusste er wer hier Dede war und wie man sich in Gegenwart eines Dede zu verhalten hatte. Weil ich es aber nicht wusste, setzte ich mich grüßend neben ihn. Weil der Freund Cömert aber wusste, dass man sich nicht neben den Dede setzte, kam er nicht neben mich. Er ging zu seinem Platz, fast hinter der Tür und setzte sich.

In dieser Zeit rauchte ich sehr viel und weil ich auch keine Zigaretten mehr hatte, fragte ich den Dede als er seine Tabakdose herausholte: „Entschuldigen Sie, meine Zigaretten sind alle, könnte ich mir wohl von Ihrem Tabak eine drehen?“. Und obwohl er mich mit einem gegenteiligen Blick ansah, streckte er mir die Tabakdose entgegen. Mir fiel auf, dass er mir die Tabakdose nicht, als würde es von Herzen kommen, gab. Aber warum das so war, verstand ich nicht. Und schon war Essenszeit und wir setzten uns zum Essen. Es gab in diesem Haus auch einige Jugendliche. Wir hatten gegessen, doch keiner der Jugendlichen erhob sich. Ich sagte zu mir selbst: „Bei uns läuft das so, solange die Alten nicht aufstehen, steht auch niemand der anderen auf“. Deswegen stand auch ich nicht auf. Ein paar Minuten später las der Alte, von dem ich nicht wusste das er ein Dede war ein Gebet vor und jeder nahm erneut zwei, drei Löffel von dem Tablett. Das ich mich in keiner normalen Situation befand, fiel mir auf. Aber um was genau es sich handelte konnte ich mir nicht erschließen. Ich wusste bis zu diesem Augenblick sogar nicht einmal was ein Dede oder fromm sein, war. Weil ich es noch nie erlebt oder gesehen hatte. Der Freund Cömert hatte auch nichts zu diesem Thema gesagt. Wir erhoben uns vom Essen. Nach einer Weile kamen Leute ins Haus. Jeder der kam küsste erst seine Hand, dann meine und setzte sich dann. Ich wollte nicht das man meine Hand küsste, weil unter denen die meine Hand küssten auch sehr alte Leute waren. Einer von ihnen war sogar 80 Jahre alt. Er wollte meine Hand küssen, aber ich ließ es nicht zu. Währenddessen begann ich zu denken: „Wäre ich bloß nicht in diese Situation gekommen, ich schämte mich sehr.“. Innerhalb kürzester Zeit füllte sich der Raum. Während eine der Frauen die von draußen gekommen war sagte „Dede erzählen Sie uns doch etwas“, begriff ich, dass er ein Dede war. Nachdem ich verstanden hatte, dass es sich bei dem Alten um einen Dede handelte dachte ich darüber nach, dass ich einiges falsch gemacht hatte und begann mit Sorge darauf zu warten, was er wohl zu meinen Fehlern sagen würde. Jeder stellte dem Dede Fragen und er beantwortete sie eine nach der anderen.

Während dieser Zeit konnte ich noch nicht sehr viel Kurdisch. Deswegen sagte ich: „Entschuldigen Sie Dede, ich kann nicht viel Kurdisch, aber ich würde gerne auch eine Frage stellen.“. „Bitte sehr, ich höre Ihnen zu“ sagte er. „Während Sie Saz gespielt haben, haben Sie von Dersim und von Kurdistan gesprochen. Es wäre nett, wenn Sie noch etwas mehr davon erzählen könnten. Weil auf Ihrer Saz ein Gedicht aus dem Buch von Baytar Nuri über Dersim geschrieben steht“ sagte ich. Nebenbei, als der Freund Aydın Gül gefallen war, hatten wir von diesem Gedicht ein vierteiliges Foto erstellt und es überall aufgehangen. Während er mich ansah sagte er: „Wir hier sagen zu dieser Gegend hier Kurdistan“. Mehr nicht. Ich hatte mein gewünschtes Ergebnis nicht erzielt und weil ich die gewünschte Antwort nicht bekommen hatte fragte ich erneut: „Dede entschuldigen Sie, ich würde auch gerne ein, zwei Dinge sagen.“ Ich fuhr fort: „Ich habe ein paar Bücher gelesen, dort wurde Kurdistan nur als ein, an das von Ihnen grenzende Gebiet beschrieben“. Während ich das sagte, drehte sich der „Dede“ erneut um und sah mich an, aber diesmal anders.

Nachdem er mich so angesehen hatte, verweilten seine Augen für ein paar Minuten auf dem Boden und er schwieg. Jeder wartete, lauschte sehr aufmerksam auf meinen Dialog mit dem Dede und beobachtete danach die veränderte Luft. Nach ein paar Minuten des Schweigens begann der Dede die Geschichte Kurdistans zu erzählen. Während der Dede sprach, sagte eine der Frauen, bezogen auf mich, zu sich selbst: „Wer ist das da?“. Sie dachte während unseres Dialoges, der bis in die Nacht hinein dauerte, dass ich der Gehilfe des Dede sei. Meine Hand hatten sie sowieso deswegen geküsst. Als sie verstanden, dass ich nicht der Gehilfe des Dede war, begann im Raum eine Diskussion darüber: „Wer ist das und warum sitzt er hier?“. Nachdem der Dede geendet hatte, bedankte ich mich. „Wenn Sie erlauben, würde ich auch gerne ein paar Dinge sagen“ sagte ich. Er sagte: „Bitte schön, du hast das Wort, du kannst reden“. Auch ich sprach über die Kurden und die Geschichte Kurdistans. Der Dede begann dieses Mal, mich noch genauer zu beobachten. Nacheinander begannen alle im Raum zu merken, dass es sich bei dieser Situation, die sie gerade erlebten, um keine Normale handelte. Mit kurzen Gesprächen und Diskussionen, erneut Fragen und Antworten, entwickelte sich die Nacht immer weiter fort. Als die Nacht schließlich ziemlich fortgeschritten war, beendeten wir die Gespräche und Diskussionen. Nach und nach zerstreuten sich alle um nach Hause zu gehen. Nachdem alle gegangen waren, blieben nur wir beide zurück. Nachdem wir alleine waren und in der Absicht, meine den Abend über gemachten Fehler wieder gut zu machen, sagte ich zum Dede: „Es tut mir leid, ich wusste nicht, dass Sie ein Dede sind. Deswegen, sollte ich einen Mangel an den Tag gelegt haben, sollen Sie wissen, das es keine Absicht war. Wenn ich Ihnen gegenüber irgendeinen Fehler gemacht habe, möchte ich Sie wissen lassen, das es unwissentlich passiert ist und Sie um Entschuldigung bitten.“. Der Dede sagte zu mir: „Ich habe in dir jemanden von der türkischen Linken vermutet.“. Er fügte hinzu, dass obwohl die türkische Linke im Namen des Sozialismus Albernheiten mache, er nicht gegen den Sozialismus sei. „Ich bin auch nicht gegen sie. Ich habe sogar Autorität, wenn ich wollen würde, könnte keiner von ihnen in dieses Dorf kommen.“ sagte er. „Aus Respekt vor dem Sozialismus sage ich nichts zu ihnen. Aber mit Sozialismus haben sie nichts zu tun“ fuhr er fort. Ich pflichtete ihm bei, sagte ihm jedoch auch, das wir eine solche Bewegung seien. An dieser Stelle fragte mich der Dede wer wir denn eigentlich seien. Ich sagte, dass wir eine neue Bewegung wären. Nachdem ich das gesagt hatte, meinte der Dede: „Auch wenn ich sterben sollte, werde ich in Frieden ruhen“. Die Gründung einer solchen Partei für die Kurden macht einen glücklich.“ Das der Dede so etwas gesagt hatte, macht mich sehr froh. Fortfahrend sagte der Dede, dass er genau auf die Gründung solch einer Bewegung gewartet habe. „Ich besitze Artikel auf Osmanisch, die von den Kurden und Kurdistan handeln. Da ihr nun einmal als solch eine Bewegung erschienen seid, werde ich euch diese Bücher geben“. Er zog sogar sein gesamtes Geld, das er bei sich hatte, heraus und gab es uns als Unterstützung. Und er sagte: „Wenn ihr möchtet, um noch bessere Arbeiten zu führen und noch bessere Ergebnisse erzielen zu können, kann ich euch mit allen Dörfern hier bekannt machen.“ Wir sagten: „Das wäre sehr gut.“.

Nachdem wir auf diese Weise eine richtige Beziehung mit dem „Dede“ entwickelt hatten, führten wir die Arbeiten in den Dörfern mit denen er uns bekannt gemacht hatte. Dabei war wichtig, dass wir unsere Freundschaft auf diese Weise entwickelt haben. Bis dahin hatte die türkische Linke dort Arbeiten geführt. In ihren Arbeiten gingen sie im Namen des Sozialismus gegen den Dede und die Religion vor. Mit dieser Annäherung zeigten sie eigentlich, dass sie keine Arbeiten führten. In dieser Zeit waren dem Hören und Sagen nach alle diese Dörfer in der Hand der „Ulusal Kurtuluşcu’lar“.

Die Dörfer zwischen Pertek und Mazgirt waren dem Hören und Sagen nach, unter der Kontrolle von TIKKO. Wir besuchten ein paar Dörfer und obwohl wir nicht in alle Dörfer gingen, waren alle aus den Dörfer dort an uns gebunden. Sie kamen alle auf unsere Seite. In die Dörfer in die wir gingen, die Reden die wir dort hielten, wurden auch in die anderen Dörfer weitergeleitet, auf eine Art und Weise wurde sie auch dort reflektiert. Natürlich fing auch der Dede in dieser Zeit an, für uns Propaganda zu machen. Wenn du im Volk Arbeiten führen willst, dann solltest du dies nach dessen Tradition, Sitte und Werten, auf eine passende Art und Weise tun.

Alles von unserem Leben verbrachten wir im Volke. Alles was das Volk anzog, zogen auch wir an, alles was das Volk aß, aßen auch wir. Abgesehen davon lebten wir kein anderes Leben. Wir lernten das Volk aus der Nähe kennen und das Volk lernte uns aus der Nähe kennen. Die Einheit mit dem Volk entwickelte sich im Wesentlichen dadurch. Dass das Volk uns vertraute, entstand auch so. Nach dem ersten Auftreten dieser Bewegung erwartete und glaubte niemand daran, dass die Bewegung solche großen Schritte machen würde. Jeder betrachtete uns herablassend. Es gab sogar Leute, die sich über die Bewegung lustig machten. Deswegen maß uns auch niemand einen ernsthaften Wert bei. Deswegen gab es auch welche die uns: „Verrückte, mit vom Hunger stinkendem Atem“ nannten. Diese Annäherungen waren keine Kritik, sondern Beschuldigungen. Sie steckten uns in eine Schublade. Sie verwendeten auch Worte gegen uns, die uns im Traum nicht eingefallen wären. Manche nannten uns Kommunisten, manche Sozialisten, manche Verrückte; also kurz gesagt, sie sagten das, was ihnen gerade einfiel. Dagegen haben wir mit vollem Selbstvertrauen darauf bestanden, dass wir das Richtige tun. Das war wichtig; was uns entwickelte, was uns wachsen ließ und bis dahin brachte wo wir heute sind, war das.

***
Nachdem der Freund Kemal aus dem Gefängnis geflohen war, gingen wir zusammen in ein Dorf in Pazarcik. Es war ein Dorf, das uns nahestand. Weil wir dort Arbeiten führten, waren wir dort bekannt. Als wir ins Dorf kamen sahen wir, dass dort gerade eine Hochzeit stattfand. In der Hochzeitsfeier waren zahlreiche Leute zusammengekommen. Dort war es bekannt, dass der Freund Kemal sich im Gefängnis befand. Weil davon, dass Kemal aus dem Gefängnis entkommen war weder in den Zeitungen etwas geschrieben, noch in den Nachricht im Radio etwas kam, änderte sich die Stimmung auf der Hochzeit schlagartig, als der Freund Kemal dort erblickt wurde.

Als es Abend geworden war, versammelten sich alle Männer an einem Ort und forderten uns auf, zu sprechen. Wir nährten uns in dieser Zeit sowieso schon so an, dass wenn wir irgendwo viele Menschen versammelt sahen, dies als eine zu bewertende Chance betrachtet haben. Der Freund Kemal war neu aus dem Gefängnis entkommen und hatte seit langem nicht mehr so eine Möglichkeit. Deswegen sagte ich zu dem Freund Kemal, dass er reden solle. Dieser sprach bis in die späten Stunden.

Als es Morgen war, kam ein Jugendlicher aus dem Dorf zu uns und fragte: „Möchtet ihr reden?“. Wir sagten: „Natürlich wollen wir sprechen und wir sind auch jeder Zeit dafür bereit.“ Nachdem er diese Antwort von uns erhalten hatte, entfernte er sich.

Nach kurzer Zeit kam der Jugendliche wieder zur der Stelle, wo wir waren und sagte: „Ich habe alle versammelt, sie warten drauf, dass ihr kommt und redet.“. Als der Jugendliche uns zu dem Platz gebracht hatte, wo wir das versammelte Volk erwarteten, sahen wir, dass alle die dort versammelten Frauen waren. Er hatte nur Frauen versammelt. Aber das er nur Frauen versammelt hatte, hatte er uns nicht gesagt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte noch niemand von uns für Frauen Vorträge oder Sitzungen organisiert. Die dort versammelten waren aber keine jungen Frauen. So viele ältere Frauen wie es im Dorf gab, er hatte sie alle gesammelt und wollte das wir mit ihnen ein Treffen abhielten. Vor einer solchen Masse an Menschen hatten wir noch nie einen Vortrag gemacht. Das war für uns eine Premiere. Ich drehte mich um und sagte zu dem Freund Kemal: „Du hast gestern Abend sehr gut geredet, du bist gerade aus dem Gefängnis gekommen und hast viel Energie, sprich du vor der versammelten Menge.“. Der Freund Kemal sagte: „Ich werde nicht reden, rede du“. Was auch immer ich machte, der Freund Kemal wollte nicht reden“. Der Vortrag blieb also an mir hängen. Mit dem Freund Kemal neben mir begannen wir das Treffen. Ich redete ungefähr 40-45 Minuten. Aber was ich gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Ich war vom Schweiß, nass bis auf die Haut. So als ob man mich ins Wasser geworfen und wieder heraus geholt hätte. So viel wie ich geschwitzt hatte, müsste mein Gesicht von Farbe zu Farbe gewechselt haben. Deswegen schämte ich mich. Außerdem ließen die Frauen in den Pausen immer wieder zilgit ertönen. Ohnehin wusste ich nicht was ich gesagt hatte und außerdem brachte mich das immer wieder ertönende zilgit der Frauen noch mehr durcheinander. Als ich mich dem Freund Kemal zuwandte fragte ich: „Wie war meine Rede?“. Der Freund Kemal sagte: „Ich weiß nicht“. Als der Freund Kemal das so sagte, dachte ich bei mir: „Das heißt, ich habe sehr schlecht gesprochen.“ Meine Moral sank. Ich drehte mich zu Kemal und fragte: „Hab ich schlecht gesprochen?“. Als ich genauer hinsah merkte ich, dass auch er schweißgebadet war. Ich sagte: „Der gesprochen hat, war ich. Deswegen war ich aufgeregt, in Schweiß gebadet und hab die Farbe gewechselt. Für mich können die Menschen Verständnis aufbringen, aber warum bist du verschwitzt, du hast sogar noch gesessen.“. Der Freund Kemal sagte: „Frag erst gar nicht. So einer Masse von Frauen gegenüber zu sitzen ist ziemlich anstrengend. Du komm erst mal und frag mich das, du hast geredet und dieses Gefühl nicht durchlebt, aber ich. Deswegen habe ich deiner Rede nicht zugehört“. Als ich das so hörte, stieg meine Moral wieder etwas. Dem zu Folge, dass er mir nicht zugehört hatte, bedeutete es, dass ich doch nicht so schlecht gesprochen hatte. Als wir von dort verschwanden, war es als wären wir neu geboren. Als wäre das Gewicht der ganzen Welt auf meinen Schultern gewesen und beim Verlassen von mir abgefallen, konnte ich wieder atmen. Ich erinnere mich sogar, dass ich ein erleichtertes ‚oh‘ von mir gab, als wir uns von dort entfernt hatten.

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