Dem Guerillatraum nachgehen

BERFIN HELFETÎ

Wie so viele kurdische Jugendliche kommt in jedem von uns der Traum auf, ein Guerillakämpfer, bzw. eine Guerillakämpferin zu werden. Weil wir sehen, wie es unserer Gesellschaft geht, weil wir sehen, wie von Tag zu Tag die Assimilierungspolitik uns angreift und nichts mehr von kurdischer Kultur und Identität übrig lassen will. Wir wachsen mit dieser Realität auf. Deswegen ist dieser Gedanke nie weit entfernt von uns. Und jedes mal wenn wir sehen, wie schön Kurdistan ist und wie der Feind alles daran setzt es zu entstellen, wird auch die Wut in uns stets größer. Alle Besatzerstaaten in Kurdistan greifen alles Lebendige an, sei es die Natur, die Gesellschaft, die Kinder, die Tiere. Sowohl physisch als auch psychisch. Obwohl Mesopotamien als die Wiege der Menschheit gilt, ist es auf den ersten Blick manchmal nicht erkennbar. Man sieht nur wenig von den Werten, für die sie einst in der Welt bekannt war. Das löst natürlich in einem eine große Wut aus. Man ist sich auch bewusst darüber, dass wenn die Feinde Kurdistans unsere Heimat niemals angefasst hätten, unsere Heimat das schönste Land auf Erden wäre. Und nicht das Land, das so bewusst rückständig gehalten wird, verarmt wird und allen natürlichen Ressourcen beraubt wird.

Das sollte in uns aber nicht Hoffnungslosigkeit auslösen. Die Liebe zur Heimat überwiegt. Mit all dem Leid wird unsere Verbundenheit größer. Aber auch der Wille unsere Heimat zu befreien steigt stets.

Das erlebte ich besonders zu den Zeiten der Angriffe auf Sûr, Gever und Nisêbîn. In dieser Phase war ich emotional sehr angeschlagen. In mir tobte ein großes Gefühlschaos. Vor allem die Erinnerungen an das Erlebte in diesen Städten ging mir sehr nah. Die schönste Zeit meines Lebens verbrachte ich eigentlich dort, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Sie prägte mich dennoch sehr stark, weil nichts größer ist als die Liebe zur Heimat.

Meine Reise nach Kurdistan

Obwohl man annehmen könnte, weil ich hier in Deutschlang großgeworden bin und den größten Teil meines Lebens verbracht habe, dass ich mich hier wohl fühlen würde, ist es genau das Gegenteil. Als eine junge kurdische Frau habe ich mich hier nie richtig wohl fühlen können, ich spürte immer, dass ich hier nicht hingehöre. Das ich woanders hingehörte. Aber wohin konnte ich mir zu dem Zeitpunkt auch nicht erklären.

Ich war ständig auf einer Art Selbstsuche. Aus diesem Grund ergriff ich die Chance und reiste 2012 mit einer Delegationsreise nach Amed, in die kurdische Hauptstadt um dort Newroz zu feiern. Auf dieser Delegationsreise lernte ich die kurdische Jugend näher kennen. Es war eine sehr schöne Zeit. Wir verbrachten sehr viel Zeit miteinander, in der wir diskutierten, tanzten und sehr viel durch Kurdistan reisten. Ich hatte das Gefühl, ich sei endlich Zuhause angekommen. Es war ein sehr besonderes Gefühl. Ich war wie Zuhause dort. Schon zu Beginn wurde ich von allen sehr herzlich aufgenommen, wir teilten im Leben sehr viel miteinander. Und dieses Gefühl begleitete mich stets, sei es in den Familien, bei denen wir schliefen, oder im Jugendverein. Ich hatte nicht das Gefühl fast 4000 km entfernt zu leben, sondern als hätt’ ich schon immer hier mit diesen ganzen Menschen gelebt. So stark hat man sich dem eigenen Volk und der Heimat verbunden gefühlt. In dieser Reise konnte ich zum ersten Mal Kurdistan nicht von der feudal, religiösen Seite sehen, sondern wie politisch, organisiert und welatparêz die Bevölkerung war. Jede Familie traf Vorbereitungen für Newroz. Die Frauen ließen sich Xeftans nähen, die Kinder auf den Straßen fragten uns ob wir zur Newrozfeier kommen würden, in den Stadteilen Ameds feierten die Jungendlichen schon im Vorfeld. Von jung bis alt ließen dich alle spüren, dass es unser Fest ist, welches vor der Tür steht. Das sind Momente, die ich nie vergessen werde.

Gewohnter Ort, gewohntes Leben

Als es dann wieder nach einer Woche vorbei war und es Zeit für die Abreise war, fühlte ich, wie alles in mir eigentlich nur dort bleiben wollte. Ich hatte nicht das Gefühl nach Hause zu wollen. Weil ich wusste, wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich einsam sein und mich nicht wohl fühlen. Aber ich kam auch nicht auf die Idee dort zu bleiben, weil ich auch nicht wusste wie. Die Rückreise ist wohl immer noch der größte Fehler meines Lebens gewesen. Ich konnte zu dem Zeitpunkt nicht benennen, warum ich so glücklich dort war und mich so aufgehoben fühlte bzw. eigentlich wusste ich es schon, aber es war so überwältigend.

Als ich dann wieder in Deutschland, in den gewohnten vier Wänden ankam, fing für mich schon der gleiche Alltag von vorne an. Man muss für ein System funktionieren, welches von deiner Realität sehr weit weg ist. Diese Entfremdung kann einen Menschen sehr unglücklich machen. Die Menschen entwickeln auf Grund dessen eine sehr oberflächliche Beziehung zueinander, haben keine Zeit für einander und sind nur mit ihrer Arbeit beschäftigt. Entweder fokussieren sie sich auf ihre Karriere oder das Heiraten. Das Heiraten kam mir auch absurd vor, weil ich sah wie viele Frauen sehr unglücklich in ihrer Ehe waren, die meistens in Depressionen endeten. Damit die Ehe einigermaßen hält, muss die Frau sich dem Mann unterordnen, oder sie erlebt körperliche und psychische Gewalt. Ich wusste, ich muss etwas für mein Volk machen, somit verging eine Zeit in der ich eigentlich auch wusste, dass ich einen Austritt aus meinem alten Leben machen muss, um mit all dem zu brechen. Dafür hat mir aber anfangs der Mut gefehlt.

Mut für eine Veränderung

2015 fingen dann die Angriffe auf Kurdistan an. Es hatte mich sehr stark getroffen. Wir konnten nicht zusehen, wie die Städte zertrümmert, dem Erdboden gleich gemacht wurden. Es war die Aufgabe von allen kurdischen Jugendlichen dagegen was zu tun. Wir hatten uns mit Jugendlichen zusammengetan, um uns zu organisieren. Wir versuchten von hier aus auch viel zu machen, aber es war nicht genug, es reichte nicht aus, weil der Krieg in Kurdistan stattfand.

Nachts konnte ich nicht schlafen. Die Städte in denen ich meine Verbundenheit zur Heimat stark entwickeln konnte, waren ständigen Angriffen ausgesetzt. Meine Heimat blutete vor meinen Augen. Ich fühlte, dass etwas gemacht werden musste. Die Jugendlichen vor Ort leisteten heroischen Widerstand, um ihre Heimat zu verteidigen. Eine Geschichte wurde geschrieben. Die Geschichte der Unterdrückten, die sich wehrten und nichts als die Freiheit akzeptierten. All das vor meinen Augen ließ in mir ein Gefühlschaos aus. Ich fühlte mich auch verpflichtet etwas tun zu müssen. Als Jugend wurden wir sehr aktiv. Je mehr wir machten, desto größer wurde meine Hoffnung. Die Sehnsucht zur Heimat stieg ständig. In diesen Arbeiten entwickelte ich Mut auch größere Schritte zu gehen. Und dieser Mut brachte mich endlich dazu meinem Wunsch nachzugehen, für mein Volk und meine Heimat zu kämpfen, Rêber APO näher zu kommen und ein Teil der Revolution zu sein. Ich wollte zu der Geschichte beitragen, in der sich die Unterdrückten rächen werden. Ich wollte dazu beitragen, eine freie Gesellschaft aufzubauen. Ich wollte mich endlich auf den Weg der Freiheit begeben.

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