Dieser Text wurde aus dem YXK Basisreader zum Demokratischen Konföderalismus entnommen. Der folgende Text ist eine Reportage mit Duran Kalkan (Mitglied des Exekutivrates der KCK) über den Demokratischen Konföderalismus.
Ist das System auch eine zeitgemäße Antwort auf den proletarischen Internationalismus?
Zunächst einmal will ich sagen, dass der Demokratische Konföderalismus das Lösungsmodell für die gesellschaftlichen Probleme darstellt, die die kapitalistische Moderne im Zeitalter des imperialistisch globalen Finanzkapitals geschaffen hat. Diese Probleme gibt es sowohl in Ländern, die der Kapitalismus als entwickelt bezeichnet, als auch in Ländern, die durch ihn ausgebeutet werden. Es gibt diese Probleme also überall. Das geht von Arbeitslosigkeit weiter über ethnische und kulturelle Probleme. Es gibt sogar das Problem, dass die Menschen ihres Verstandes beraubt werden. Sie können ihre eigene Realität nicht mehr begreifen. Sie können sich nicht mit ihrem eigenen Bewusstsein organisieren. Es gibt das Problem des
Militarismus. Es gibt staatliche Probleme. Es ist die Rede von einem dritten Weltkrieg. Jederzeit könnte ein neuer weiterer Krieg ausbrechen. Es gibt also die Frage von Krieg und Frieden. Das sind Probleme, die die gesamte Menschheit betreffen. Mancherorts zeigen sich Probleme schärfer und andernorts sind es wieder andere. Aber diese Probleme sind allesamt Menschheitsprobleme. Und ihre Ursache ist ein 5 000-jähriges andauerndes staatliches System. In der heutigen Zeit werden sie auf ein nie dagewesenes Niveau gehoben; sie erscheinen praktisch als unüberwindbar. Und dafür ist die kapitalistische Moderne verantwortlich, also der 500-jährige Kapitalismus. Das System des Demokratischen Konföderalismus ist der Ausdruck eines Lösungsweges für diese Probleme. Und das gilt für alle gesellschaftlichen Bereiche. Egal, in welchem Bereich diese Probleme auftauchen, ihnen kann mit einer demokratischen Organisierung der Gesellschaft begegnet werden. Wenn wir dem folgen, dann können wir, auch wenn an verschiedenen Orten unterschiedliche Probleme vorherrschen, ihnen mit dem Modell der demokratischen Moderne Abhilfe leisten. Unter den gegebenen Bedingungen haben die herrschenden Kräfte, die Bourgeoisie, die VertreterInnen der kapitalistischen Moderne in ihrem Sinne eine Organisierung etabliert, die dem Rest der Gesellschaft vorschreibt, dass sie nach ihren Vorstellungen, also nach den Vorstellungen der Herrschenden, zu sein und zu leben haben. Sie drängen sozusagen ihr System der Gesellschaft auf. Demgegenüber sagt das System der Demokratischen Autonomie: »Nein, Ihr müsst nicht wie sie sein. Ihr seid ein Teil der Gesellschaft. Ihr habt eine eigene Kultur, Euer eigenes Verständnis von Moral und ein eigenes Lebenssystem. Ihr könnt Eure eigenen Probleme selbst lösen. Deshalb müsst Ihr Eure eigene Moderne, Eure eigene Organisierung und Euer eigenes Lebensverständnis entwickeln und umsetzen.« Der Vorsitzende Apo hat dies als die Demokratische Moderne bezeichnet und in seinen Verteidigungsschriften den Aufruf an die gesellschaftlichen Gruppen, egal wo auf der Welt, gemacht: Organisiert Eure eigene demokratische Moderne. Ihr seid nicht gezwungen, den Kapitalismus zu leben. Ihr könnt auch die Demokratie leben. Deswegen könnt Ihr ein freies, auf Pluralismus beruhendes, gleichberechtigtes und solidarisches System aufbauen. Ihr könnt Euch also selbstständig organisieren und, ohne ein Staat zu werden, Euer Leben gemeinsam aufbauen. Und so könnt Ihr das vom Kapitalismus geschaffene Problem der Unterdrückung und Ausbeutung überwinden.
Wenn mensch dieses Lösungsmodell für sich bereit ist anzunehmen, dann kann es überall auf der Welt umgesetzt werden. Mit dem realsozialistischen Verständnis von Revolution hieß es, die Revolution wird zuerst in Europa stattfinden. Dann hieß es, nein, nicht in Europa, sondern in Asien. Oder nein, zuerst in den Kolonien oder den wenig entwickelten Staaten. Das Verständnis der demokratischen Moderne überwindet eine solche Auffassung. Die demokratische Moderne ist Organisierung, den demokratischen Sozialismus mit Leben füllen. Unser Vorsitzender hat das als eine Lehre formuliert und gesagt, dass die demokratische Moderne das System für den demokratischen Sozialismus darstellt. Überall auf der Welt gibt es dringende Probleme. Dagegen kann auch überall auf der Welt revolutionärer Widerstand geleistet und eine revolutionäre demokratische Organisierung geschaffen werden. Und dadurch können die gesellschaftlichen Probleme überwunden werden. Das gilt von Amerika bis Europa, von Asien bis Afrika. Aber alle müssen das den eigenen Problemen entsprechend angehen. Wenn das so ist, dann bekommt natürlich der Internationalismus eine neue Bedeutung. Früher war es so, dass, wenn irgendwo eine Kraft vorausging und es ihr gelang, einen Staat zu gründen, der dann auch die Vorreiterrolle des Internationalismus übernahm. Diese Kraft verbreitete dann den Internationalismus überallhin. Das hat mit der Zeit seine Funktion als Internationalismus verloren und sich in eine Form der Hegemonie transformiert. So wurde beispielsweise die Sowjetunion noch vor ihrem Zerfall aufgrund dessen von anderen SozialistInnen kritisiert. Sie sagten, dass das, was sie tue, kein Internationalismus sei, sondern eine neue Form der Hegemonie im Namen des Sozialismus. Durch dieses Verständnis hat sich der Internationalismus nicht entwickeln können. Aber mit dem Verständnis der demokratischen Moderne wird der Weg für den Internationalismus neu geöffnet. Überall dort, wo sich das System der Demokratischen Autonomie entwickelt, dort, wo sich gegen den Staat eine demokratische gesellschaftliche Organisierung auftut, zwischen all diesen Organisierungen überall auf der Welt können solidarische Beziehungen aufgebaut werden. So entwickelt sich die internationale Solidarität.
Für ein freies, pluralistisches und gerechtes Leben aller Unterdrückten, aller ArbeiterInnen, eigentlich aller gesellschaftlichen Kreise, die von ihrer eigenen Arbeit leben, müssen diese Kreise in einer Art Beziehung zueinander stehen, eine Solidarität untereinander aufbauen. Und das würde selbstverständlich zu einer neuen Form der internationalen Solidarität führen. Das ist eine Solidarität, die nicht darauf abzielt, andere von sich abhängig zu machen oder die eigene Hegemonie zu erweitern, sondern eine internationale Solidarität im wahrhaftigen Sinne. Denn das System selbst ist ein demokratisches, das auf gegenseitiger Solidarität beruht. Und deswegen ist es egal, wo auf der Welt wir uns gerade befinden, diese Solidarität wird auf den Werten der Freiheit und der Gerechtigkeit beruhen. Niemand wird die Möglichkeit bekommen, die anderen unter seinen Einfluss zu bekommen, sie zu kontrollieren oder sie einem selbst anzugleichen.
In diesem Sinne ist die Frage richtig. Das alte an den Staatsgedanken gebundene Paradigma des Sozialismus, oder besser der Versuch des Sozialismus, hat es nicht geschafft, einen Internationalismus aufzubauen. Er hat stattdessen neue Hegemonien hervorgebracht. Die demokratische Moderne bzw. der Demokratische Konföderalismus unterbinden demgegenüber die Bildung neuer Hegemonien. Es sollen in diesem System ausschließlich Beziehungen, Bündnisse und solidarische Verhältnisse auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Freiheit entstehen. Und das ist eine neue Form des Internationalismus.