Stêrka Ciwan, Januar 2018, Mûnzur Serbestiye
Die Ereignisse um das südkurdische Referendum haben kurzzeitig erneut die langjährige Debatte um die “türkische Linke“ und ihr Verhältnis zu Kurdistan aufgeworfen. Mal abgesehen davon, dass es die türkische Linke nicht gibt; so ist es kein Geheimnis, dass das Verhältnis zwischen eher Türkei- und eher Kurdistan-orientierten Gruppen schon immer ein schwieriges war. Zuletzt hat die traditionsreiche ÖDP (Partei der Freiheit und Solidarität) für viel Kritik gesorgt, indem sie sich gegen das südkurdische Referendum gestellt hat. In kurdischen Kreisen ist man bei solchen Situationen immer schnell dabei Anti-Positionen als kemalistisch zu bezeichnen. Ich halte diese Art von Kritik oft (nicht immer) für überzogen und pauschalisierend, aber anlässlich des 100 jährigen Jahrestags der Oktoberrevolution und der erneut an Aktualität gewinnenden Diskussionen (Stalin-Trotzki, Imperialismus, Gründe für ihr Scheitern) kann man sich auch dem Kemalismus und der Linken wieder erneut widmen. Diese sind nämlich unweigerlich mit der Sowjetunion (UDSSR) verknüpft.
Ertugrul Kürkcü, Abgeordneter der HDP, hob diesen Punkt in einem duvaR.-Interview interessant hervor; er kritisierte zusammengefasst, dass die Kommunistische Internationale (Komintern) ab 1935 von ihren türkischen GenossInnen forderte, diese mögen die illegale TKP (Kommunistische Partei der Türkei) aufgeben und sich der CHP (Republikanische Volkspartei) von Atatürk anschließen. Das Ziel war Voraussetzungen zu schaffen, um eine möglichst große Koalition gegen den Faschismus schmieden zu können. Den Interessen der Sowjetunion entsprach diese Strategie; jedoch verhinderte sie damit eine unabhängige und natürliche Entwicklung der türkischen Linken. Die kommunistische Bewegung der Türkei wurde mit dem Kemalismus zwangsverheiratet und noch in ihren Anfängen verkrüppelt. Die Auswirkungen spürt man bis heute noch, meint Kürkcü.
Ich denke, dass die Ausführungen von Kürkcü auf einen wichtigen und oft vergessenen Punkt hinweisen. Natürlich hat nicht jeder “Anti-Schritt“ von linken Gruppen innerhalb der Türkei seine Ursachen darin. Ich kenne die chauvinistischen Titelblätter aus den 90er Jahren, als einige Parteien die Gefechte zwischen ihnen und der PKK als “Ein Kurde aus Urfa hat einen Revolutionär aus Dersim erschossen“, veröffentlichten. Dennoch gab es die historischen Beziehungen zwischen den früheren KommunistInnen der anfänglichen türkischen Republik mit dem Kemalismus. Und ebenso wie man sich hier in Deutschland auf Karl Liebknecht, August Bebel, Rosa Luxemburg oder meinetwegen Karl Kautsky bezieht oder beziehen kann, so ist es auch nicht ausgeschlossen, dass die Linken innerhalb der Grenzen der Türkei nicht von „ihren“ Persönlichkeiten und ihren Schriften beeinflusst worden sind, die solche Handlungen versuchen zu rechtfertigen.
Ihr Verhalten war nämlich eine logische Folge ihrer Kapitalistischen Moderne.
Um aus den Fehlern zu lernen: Trennen wir den Kapitalismus nicht von seiner Moderne! Mustafa Karasu (Exekutivratsmitglied der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans, KCK) hat auf der diesjährigen Hamburg Konferenz dieses Thema korrekt analysiert. Ich zitiere den gesamten Abschnitt aus der Kurdistan Report Juli / August – Ausgabe, da ich ihn als sehr wichtig erachte:
„Die demokratische Moderne muss im Gesamten wahrgenommen werden, um den Kampf im Gesamten gegen die kapitalistische Moderne zu führen. Hier also lag in der Vergangenheit der Fehler des Realsozialismus. Er war nicht völlig gegen die kapitalistische Moderne, sondern gegen den Kapitalismus, aber nicht gegen die kapitalistische Moderne. Er hatte sogar selbst die Argumente für die grundlegenden Werte der Moderne, für den Nationalstaat und die Industrialisierung als Grundlage. Und dies sogar so weit, dass die zu Beginn der 17. – Oktober-Revolution erstarkten Sowjets durch den Staat ersetzt wurden. Die Elektrifizierungsindustrie wurde von ihnen regelrecht auf eine religiöse, heilige Ebene gehoben. Und dadurch die Natur zerstört. Die Zerstörung der Natur wiederum hat zu einer negativen Herangehensweise an die Gesellschaft geführt. Aus diesem Grund ist der Realsozialismus untergangen. Sein Niedergang hat nichts mit dem mangelnden Kampf gegen den Kapitalismus zu tun, denn er war wirklich sein Gegner. Er stand dem Kapitalismus gegenüber, aber nicht der kapitalistischen Moderne. Es kann aber keinen Kampf gegen den Kapitalismus geben, ohne ihn nicht auch gegenüber seiner Moderne zu führen. Daher war der Realsozialismus zum Scheitern verurteilt. Unter diesem Gesichtspunkt muss die Grundlage des Kampfes der demokratischen Moderne gegen den Kapitalismus und seine Moderne als ideologische Gesamtheit der gesamte Kampf gegen die kapitalistische Moderne sein.“