Am 15. Februar 1999 – einem Tag, der unter KurdInnen noch immer als „roja reş“ (schwarzer Tag) bezeichnet wird – wurde Rêber APO illegal von Kenia nach Imrali verschleppt. Dieser Text, in dem Rêber APO über das Komplott erzählt, wurde von der Oktoberausgabe der Zeitschrift Stêrka Ciwan entnommen.
Rêber APO
Das Komplott gegen mich in Europa, speziell in Athen, richtete sich weder zufällig gegen eine ganz gewöhnliche Person, noch lief es so ab, wie es die Staatsanwaltschaft meisterhaft und bis ins kleinste Detail „aufzuklären“ versucht hat. Obwohl das ganz klar auf der Hand liegt, ist es doch von historischer Bedeutung und durchaus lohnend, es richtig zu verstehen und zu interpretieren. Wenn dies alles nur meine Person beträfe, hätte ich es nicht für nötig erachtet, eine derart umfangreiche Verteidigung zu verfassen.
Jedoch sollten in meiner Person ein Volk und seine Freunde für dumm verkauft und so ihr Freiheitsstreben, Summe immenser Anstrengungen, gewissen Interessen geopfert werden.
Zweifellos wäre es nicht richtig, die Verantwortung für Verschwörung und Verrat nur bei der Athener Oligarchie zu suchen. Viele Seiten waren beteiligt. Es ist durchaus wichtig, sie, wenn auch nur knapp, zu benennen und zu charakterisieren. Von den Kalkulationen der USA bis zu denen der EU, der Haltung mancher arabischer Staaten bis hin zu Israels und Russlands Interessen hatten viele politische Mächte auf Staatsebene ihre Hand im Spiel. Wenn man nach dem „warum?“ fragt, liegt die Antwort zweifellos in der Schwäche des kurdischen Faktors und daran, dass das kurdische Problem leicht simplen Spekulationen geopfert werden kann. Durch die gesamte Geschichte hindurch konnten die über die Kurden herrschenden Mächte inklusive der kollaborierenden herrschenden Schichten dieses Volk und dieses Landes benutzen, wie immer sie wollten, ohne viel dafür belangt zu werden. Es gab nie eine aufgeklärte politische Kraft, die dafür Rechenschaft verlangt hätte. Wer versuchte, etwas zu bewirken und dabei seine Ehre zu bewahren, endete in der Katastrophe, und später verlangte wieder niemand Rechenschaft dafür. Ein passendes Sprichwort besagt, dass der Kurde immer der Gelackmeierte ist. Dies beschreibt geradezu eine Verhaltensregel.
Kurdistan und die kurdische Gesellschaft wurden Schauplatz für rückständigere unmenschlichere Raubsysteme als sie bei Ali Baba und den 40 Räubern beschrieben sind. Niemand legte vernünftig Rechenschaft ab, niemand forderte sie ein. Das kurdische Individuum – soweit man hier überhaupt von einem Individuum sprechen kann – welches vielfach Verrat und Entfremdung erlebt, war von den Kollaborateuren an der Spitze bis zu denen ganz unten in der Position von krasser Ignoranz, schwätzerischer Besserwisserei oder bewussten Verrats sich selbst gegenüber. Für ein Huhn oder einen Hund schoss man einen Menschen über den Haufen. Niemand kümmerte sich um die kulturellen Werte, die in 15.000 Jahren geschaffen wurden. Dabei handelt es sich um eines der ältesten Völker der Menschheit, Hauptakteur der ersten großen Revolution der Menschheit, der neolithischen Revolution. Das ist das Kuriose und die Ironie des Ganzen. In dieser Tatsache liegen Fluch, Brutalität, Lüge und Rückständigkeit verborgen. Mein Aufbruch und die Tatsache, dass eine Freiheitsbewegung im allgemeinen Sinne tatsächlich existieren konnte, brachte dieses Bild vollkommen ins Wanken.
Von den Kollaborateuren bis zu den Staaten mit ihren strategischen Interessen trafen sich alle, um mit Gegenmaßnahmen darauf zu reagieren. Die 90er Jahre wurden Zeugen dieser intensiven Anstrengungen. Insbesondere die USA, die EU, Russland und die Länder des Mittleren Ostens befassten sich ausgiebig damit. Dass ich mich nicht wie eine simple Puppe benutzen ließ, trieb jedes dieser Machtzentren dazu, gemäß den eigenen Interessen eine eigene PKK- und Kurdenpolitik zu entwickeln. Als sie verstanden, welch großes Hindernis ich für die jeweilige Politik darstellte, planten sie, mich zu isolieren und nach und nach zu liquidieren. Auf die Garantie minimaler Menschenrechte und auf jegliche demokratische Vorgehensweise wurde dabei verzichtet. Um ihren kurdischen Kollaborateuren Raum zu geben, planten sie die offene und verdeckte Zusammenarbeit. Die irakisch-kurdischen Kollaborateure und türkische, US-amerikanische und britische Vertreter brachten es über die Achse Ankara-London-Washington bis zu einem offiziellen Abkommen, also das Washingtoner Abkommen zwischen USA, Türkei, KDP und PUK vom 17. September 1998, worin der wichtigste Punkt darin das gemeinsame Vorgehen gegen die PKK war. Um es erfolgreich umzusetzen, versuchten sie, die EU zu neutralisieren und die Athener Oligarchie als Helfershelferin zu benutzen. Auf dieser Grundlage, mit dieser Philosophie und durch diese Politik entwickelte sich das Komplott. Wenn es uns nicht gelingt, die gegen mich und das kurdische Volk und seine Freunde gerichtete Verschwörung und den Verrat in einen großen Kampf um unsere Würde zu verwandeln, hieße das, dass diese unselige Geschichte ein weiteres Mal ihr Urteil vollstreckt hätte. Dabei haben sich allein im Zusammenhang mit meiner Auslieferung über hundert geliebte Genossen, junge Frauen und Männer öffentlich verbrannt, fielen Kugeln zum Opfer, wurden gedemütigt, geprügelt und verhaftet. Es ist ein zentrales Anliegen des revolutionären Freiheitskampfes, eine Wiederholung der fluchbeladenen Geschichte zu verhindern. Diesen Auftrag erfolgreich erfüllen, heißt, mittels eines historischen Bruchs von der verfluchten Knechtschaft zur Freiheit zu gelangen.
