DILSOZ BAHAR
Seit 1886 gehen die Menschen an jedem ersten Mai, auf die Straßen um ihrem Kampf für eine bessere Welt zum Ausdruck zu verleihen. Seit 132 Jahren ist der 1.Mai ein Tag des Kampfes, der Wut und der Rache. Der 1.Mai ist nicht ein einfacher Feiertag wie jeder andere; der 1.Mai ist der Kampftag der internationalen ArbeiterInnenklasse und der unterdrückten Völker dieser Welt.
Die Geschichte des ersten Mais beginnt vor 132 Jahren in der nordamerikanischen Industriemetropole Chicago. Die Industrialisierung hat anstatt einer Vereinfachung und Erleichterung der Produktion durch modernere Maschinen, noch viel größeres Leid und Ausbeutung über das industrielle Proletariat gebracht. Die Arbeiter verfügen über keinerlei materiellen Besitz und so bleibt ihnen nichts Anderes übrig als ihre Arbeitskraft gegen einen lächerlichen Lohn der gerade so zum Überleben reicht, zu verkaufen. Sie sind gezwungen als verlängerte Bauteile der Maschinen unter unmenschlichen Bedingungen zu schuften. Schichten auch weit über 12 Stunden sind an der Tagesordnung, Kinderarbeit weit verbreitet. Unter dem ständigen Druck immer schneller zu produzieren und ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen verstümmeln sich viele ArbeiterInnen bei Arbeitsunfällen an den Maschinen. Viele erkranken und sterben in jungen Jahren. Die Unterkünfte in den Arbeiterquartieren sind kalte, feuchte Löcher ohne Fenster oder Heizung. Oft werden diese Zellen von mehreren Arbeiterfamilien gleichzeitig bewohnt. Den Fabrikbesitzern geht es nur um die Steigerung der Profitrate. Das Leben der ArbeiterInnen ist ihnen schlicht egal. Mitgefühl ist der Bourgeoisie völlig fremd. Schließlich gibt es genug Arbeitslose die um eine Einstellung betteln um nicht verhungern zu müssen. Wenn es einer mal nicht mehr geschafft hat und verstorben ist, dann lassen sich die ArbeiterInnen schnell austauschen und ersetzen. Für den Kapitalisten sind sie nichts weiter als ein paar Nummern die in der Lohnabrechnung auftauchen.
Mit der Industrialisierung und der Massenproduktion in riesigen Fabriken in denen tausende von ArbeiterInnen schuften, hat der Ausbeuter sich gleichzeitig auch sein eigenes Grab geschaufelt. Er hat die Grundlage für das Entstehen der ArbeiterInnenbewegung des 19. Jahrhunderts geschaffen. Die ArbeiterInnen, zusammengepfercht an den Werkbänken und in den dreckigen Vorstädten, kommen natürlicherweise in Kontakt miteinander beginnen sich zu organisieren. Sie erkennen Stück für Stück ihre gemeinsame Lage und verstehen bald sehr gut welche Macht in ihren Händen liegt, wenn sie sich geeint zum Widerstand erheben. Schließlich sind sie es, die die Maschinen bedienen und sie sind es auch deren Hände all den Reichtum schaffen, all die Schlösser und Villen bauen und es sind auch ihre Hände die dieses System zum Einsturz bringen können. Im Gegensatz zu dem Kapitalisten, der seine ArbeiterInnen braucht um sich von ihrem Blut und Schweiß ernähren zu können, schließlich arbeitet er selbst nicht, brauchen die ArbeiterInnen niemanden über sich um zu überleben, sie leben von der eignen Arbeit. Die ersten Streiks werden organisiert und blutig niedergeschlagen. Die herrschende Klasse greift auf ihren Apparat, den Staat, zurück und ruft Polizei und Militär herbei um den Widerstand der ArbeiterInnen nieder zu schlagen. In diesen ersten Arbeitskämpfen werden Tausende vor den Fabriktoren ermordet. Doch die Arbeiter lassen sich nicht mehr abbringen. Sie gründen erste Vereine und Gewerkschaften, bilden sich gemeinsam und lernen Lesen und Schreiben. Sie bedienen sich der Theorie und der Wissenschaft um die nötigen Werkzeuge zu finden um die Herrschaft zu brechen. Über die Landesgrenzen der Nationalstaaten hinweg gründen sich revolutionäre Organisationen und der wissenschaftliche Sozialismus entsteht.
Haymarket Riot
Am 1. Mai 1886 versammeln sich in Chicago 90.000 ArbeiterInnen zum Streik. Eine große Gewerkschaftsorganisation rief zur landesweiten Arbeitsniederlegung auf um für die Einführung des gesetzlichen 8-Stunden Tages zu kämpfen. Im gesamten Gebiet der Vereinigten Staaten beteiligen sich bis zu 500.000 Menschen an den Aktionen. Am dritten Tag des Streiks kommt es zu den ersten Angriffen seitens der Staatskräfte. Die Polizisten eröffnen das Feuer auf eine friedliche Kundgebung von Arbeitern und tötete Zwei von ihnen. Nachdem am Tag darauf ein Unbekannter eine Bombe gezündet hatte und es zahlreiche verletzte aus beiden Seiten gab, eskalierte die Auseinandersetzung mit der Polizei erneut. Über Stunden hinweg lieferten sich die ArbeiterInnen heftige Straßenschlachten mit der Chicagoer Polizei. Am Ende sollte es sieben Todesopfer auf der Seite der Polizei geben und eine bis heute ungeklärte, aber vermutlich dreifach so hohe Anzahl an gefallenen ArbeiterInnen. Über 200 ArbeiterInnen wurden verletzt. Acht Arbeiterführer wurden im Nachgang von der Polizei verhaftet und eingekerkert. Vier starben am Galgen, einer von ihnen nahm sich selbst das Leben in der Zelle und die verbliebenen drei wurden „begnadigt“ und kamen mit Haftstrafen davon. Die Tage des Mai 1886 hatten sich für immer in das Bewusstsein, nicht nur der amerikanischen, sondern der internationalen ArbeiterInnenbewegung eingebrannt. Und so kam es, dass der Gründungskongress der 2. Internationalen im Jahre 1889, im Gedenken an die Gefallenen des sog. Haymarket Riots, den ersten Mai als internationalen Kampftag der ArbeiterInnenklasse ausrief. Im Jahr darauf wurde der erste Mai zum ersten Mal international und organisiert begangen.
Der Rote Frontkämpferbund
In den Jahren kam es immer wieder zu heftigen Kämpfen und auch staatlichen Massakern an diesem bedeutenden symbolischen Tag. Im folgenden wollen wir noch drei weitere Ereignisse kurz darstellen, die die Bedeutung des ersten Mais als Kampftag noch weiter vertieft haben.
Die zwanziger Jahre in Deutschland waren geprägt von heftigen politischen Auseinandersetzungen. Die junge Weimarer Republik, die sich selbst gegründet hat, auf dem Verrat der deutschen Sozialdemokratie und der blutigen Niederschlagung der Novemberrevolution in den Jahren 1918/19, diese „erste demokratische Republik“ in Deutschland hat schon ihr Fundament auf den Gräbern tausender Revolutionäre wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gebaut. Innenpolitisch kommt die Republik in den 20ern nie zur Ruhe. Immer wieder erschüttern schwere Krisen das Land. Das kapitalistische System zwingt immer größere Teile der Bevölkerung in den Abgrund. Die revolutionäre Bewegung erfährt großen Zulauf. Die neugegründete Sowjetunion wird von vielen als Vorbild genommen. Die Oktoberrevolution hat zum ersten Mal in der Geschichte bewiesen, dass Revolution machbar ist. Nach dem Vorbild der Oktoberrevolution versuchen viele den Umsturz und es kommt immer wieder zu bewaffneten Aufständen wie im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland oder in Hamburg 1923. Führende Kraft der Revolution ist damals die KPD, die Kommunistische Partei Deutschlands. Die herrschende Klasse beginnt in den zwanziger Jahren zunehmend auf die Faschisten zu setzen um ihre Herrschaft zu sichern. Hitlers NSDAP erhält Spenden in Millionenhöhe von den deutschen Großindustriellen. Zur Selbstverteidigung gegen die faschistischen Banden gründen junge ArbeiterInnen den Roten Frontkämpferbund als paramilitärische Organisation. Auch der Staat verschärft die Repression und drängt in Richtung Faschismus. Schon seit 1924 sind in Berlin erste Mai Kundgebungen unter freiem Himmel verboten. Wie in jedem Jahr ruft die KPD auch 1929 dennoch illegal zum Protest am 1.Mai auf. Es ist klar, dass er Staat in diesem Jahr die Eskalation möchte. Die bürgerliche Presse intensiviert schon vor dem 1. Mai ihre Lügenpropaganda ins unermessliche. Schon am morgen des 1. Mai beginnen die Mörderbanden mit ihrem Werk. Friedliche Kundgebungen werden mit Wasser und Schlagstock attackiert, erste Schüsse werden durch die Polizei abgegeben. Einige ArbeiterInnen errichten im Berliner Wedding Barrikaden um die Polizei am Durchkommen zu hindern. Diese setzt daraufhin Maschinengewehre und Panzerfahrzeuge ein. Sie eröffnen das Feuer auf jedes Fenster aus dem eine rote Fahne hängt. Nach drei Tagen andauernden Auseinandersetzungen wurden 33 ZivilistInnen ermordet und hunderte verletzt. Am 3. Mai wird der Rote Frontkämpferbund als angebliche „Anstifter“ und Organisatoren der Unruhen verboten. Man ebnet den Weg für die baldige Machtübernahme der Nazis.
Die europäischen Faschisten versuchten in der Zeit ihrer Schreckensherrschaft oft den 1. Mai für sich zu reklamieren und ernennen ihn unter Hitler zum „Tag der deutschen Arbeit“. Nach dem Ende ihrer Herrschaft aber eignen sich die Menschen diesen so geschichtsreichen Tag wieder an und nutzen ihn auch als Tag des Gedenkens an die Gefallenen.
Taksim-Massaker
Nachdem die 68er Jugendrevolution zuerst so machtvoll über Europa hinweggefegt ist und auch vor Mexiko, den USA und Japan keinen Halt gemacht hat, erreicht die revolutionäre Welle auch die Türkei und den Mittleren Osten. Mit dem Militärputsch von 1971, versuchen die Herrschenden der starken revolutionären Jugendbewegung Einhalt zu gebieten. Doch auch die Exekution und Ermordung dutzender revolutionärer Jugendlichen und Führer kann den Drang nach Freiheit nicht stoppen. In dieser Zeit entwickelt sich auch die erste Gruppe um Rêber
APO, aus der später unsere Partei hervorgehen sollte. Die revolutionäre Bewegung der Türkei entwickelt sich trotz Putschregime und Repression weiter und die Studentenbewegung verbindet sich hier, ähnlich wie auch in Italien damals, mit der ArbeiterInnenbewegung, was ihr eine enorme Macht verleiht. Vor allem den in USA, ist die Entwicklung in der Türkei ein Dorn im Auge. Die Türkei stellt den wichtigsten Baustein in der Strategie der USA zur Kontrolle des Mittleren Ostens und der Bekämpfung revolutionärer und antiimperialistischer Bewegungen wie in Palästina dar. Sollte die Türkei „fallen“ würde die Strategie der nordamerikanischen Imperialisten scheitern und die Revolution im gesamten Mittleren Osten wäre zum greifen nahe. So beginnen die Geheimdienste der NATO allen voran der CIA mit dem Spezialkriegsprojekt GLADIO in der Türkei und auch anderen Teilen Europas bewusst, faschistische Gruppen aufzubauen, auszubilden und zu bewaffnen. Der Gründer der faschistischen MHP Alparslan Türkeş hat seine Ausbildung einige Jahre zuvor in Kalifornien erhalten. Ziel der GLADIO ist es, durch die Faschisten den Terror gegen die revolutionäre Bewegung zu steigern und durch gezielte Morde die Atmosphäre aufzuheizen. Im Jargon der Geheimdienstler heißt das ganze dann „Strategie der Spannung“. Die Türkei sollte bereit gemacht werden für den Entscheidungsschlag, den Putsch von 1980. So organisiert die Konterguerilla für den 1. Mai 1977 ein Massaker in Istanbul. Der erste Mai in diesem Jahr auf dem Taksimplatz sollte zu einem Beispiel für die erreichte Stärke der revolutionären Bewegung werden. Schon in der Woche zu vor wurden im Interkontinentalhotel durch den amerikanischen Geheimdienst Zimmer mit Blick auf den Taksimplatz angemietet. Verstärkt werden sollten die Geheimdienstler durch türkische Faschisten der Grauen Wölfe. Am Ende der Rede des DISK Vorsitzenden Türkler, eröffnen die Angreifer aus dem Hotel das Feuer auf die Menge. Panik bricht aus. In einer koordinierten Aktion beginnen nun die Polizeieinheiten ihre Arbeit und fahren mit gepanzerten Fahrzeugen durch die Menschen. Viele werden unter den Polizeifahrzeugen zerquetscht. Das Massaker am Taksimplatz ist perfekt geplant und eiskalt durchgeführt. 34 Menschen fallen an diesem Tag, über 130 werden verletzt. Hunderte weitere werden von der Polizei verhaftet. Auch dieser erste Mai sollte sich für immer in das Gedächtnis der internationalen revolutionären Bewegung einprägen.
Dies waren nur drei Beispiele, mit Sicherheit gibt es hunderte, wenn nicht tausende Geschichten zu erzählen, die von den großen Heldentaten und Opfern des 1.Mais sprechen können. Die Geschichte des ersten Mais lebt weiter und ist noch lange nicht zu Ende geschrieben.
Bedeutung des 1. Mai zurück erkämpfen!
Für uns als Bewegung und Partei, besitzt der Monat Mai eine besondere Bedeutung. Der Monat Mai ist für uns ein Monat der Märtyrer. Im Mai gedenken wir ihrem Leben, ihrer Mühe und dem Opfer das sie gegeben haben und befeuern ihren Kampf aufs Neue. Haki Karer, Ferhat Kurtay, Deniz Gezmiş, Yusuf Aslan, Hüseyin İnan, İbrahim Kaypakkaya und Ulrike Meinhof sind nur einige wenige derjenigen, die in diesem Monat heldenhaft ihr Leben für die Revolution gegeben haben. Deswegen ist es um so wichtiger, den Monat Mai richtig zu beginnen und dem ersten Mai seine eigentliche Bedeutung wiederzugeben.
Während die hiesige Gewerkschaftsbürokratie versucht den ersten Mai zu entpolitisieren und zu befrieden, strömen auf der ganzen Welt Hunderttausende auf die Straßen, errichten Barrikaden und liefern sich Gefechte mit den Schergen des Kapitals. Die gelben Gewerkschaften versuchen im Auftrag der herrschenden Klasse jede selbstständige und kämpferische Regung der Klasse zu unterdrücken und lassen den ersten Mai lieber bei Bratwurst und Bier und dem Gerede über Sozialpartnerschaft und andere Lügen verstreichen. Doch gibt es heute auch immer mehr die genug haben vom Geschwätz der Gewerkschaftsbonzen, die verstanden haben, dass wir nur siegen können wenn wir den Kampf in unsere eigenen Hände nehmen. Der Kampf um eine Welt frei von jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung, frei von der Herrschaft eines Menschen über den anderen ist noch nicht tot. Dieser Kampf lebt heute in Nordsyrien, er lebt in den Bergen Kurdistans und im Herzen eines jedes Menschen der die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat.
Mit dem Paradigma unseres Vorsitzenden, dem demokratischen Sozialismus, sind wir auch heute noch die Repräsentanten dieser 132-jährigen Kampfgeschichte. Die Träume und Wünsche all jener die auf diesem Weg ihr Leben gelassen haben, brennen auch noch heute in uns. Heute legen wir im Mittleren Osten den Grundstein für eine neue Welt, in der die Menschen frei leben und produzieren werden, in der die ArbeiterInnen die Früchte ihrer eigenen Arbeit in den eigenen Händen tragen. Mit dem Aufbau des Kooperativsystems ziehen wir dem System der kapitalistischen Moderne seine ökonomische Grundlage unter den Füßen weg. Der Aufbau der ökonomischen Autonomie besitzt eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, erhält doch die tägliche Produktion überhaupt erst die Grundlagen des menschlichen Lebens. Ohne den Aufbau einer Wirtschaftsweise orientiert am Gemeinwohl und nicht am Profit werden wir die Gesellschaft niemals vollständig befreien können. Erst eine Gesellschaft die auch die Mittel zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse in den eigenen Händen hält kann als völlig frei und wirklich demokratisch bezeichnet werden. Rêber APO hat uns mit seinem Paradigma den Weg gezeigt um die Lohnsklaverei zu brechen und die ArbeiterInnenklasse vom Joch der kapitalistischen Ausbeutung zu befreien, ohne in die Fallen des Realsozialismus zu tappen.
Die Revolution im Mittleren Osten hat heute die Tür zur Weltrevolution aufgetreten. Ein bedeutender Freiheitsraum wurde geschaffen und damit eine neue Basis des internationalen Kampfes der Unterdrückten. Nordsyrien, Rojava, Kurdistan, das ist heute der Ausgangspunkt einer neuen revolutionären Welle die schon jetzt in die ganze Welt ausstrahlt.
Unser Kampf wird das 21. Jahrhundert zum Jahrhundert des Siegs des Sozialismus und der Befreiung der Menschheit machen.
In diesem Sinne wünschen wir allen Werktätigen, allen unterdrückten Völkern dieser Erde, den Frauen und der Jugend einen kämpferischen und erfolgreichen 1.Mai!
