Home ALLE BEITRÄGERÊBER APO Der Grundstein zu einer neuen Lebensweise wurde gelegt

Der Grundstein zu einer neuen Lebensweise wurde gelegt

by rcadmin

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch „Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“ von Rêber APO. Das Buch wurde von der Internationalen Initiative „Freiheit für Öcalan-Frieden in Kurdistan“ aus dem türkischen „Bir Halkı Savunmak“ übersetzt. Das Buch erläutert ausführlich die zugrundeliegenden Prinzipien des demokratischen Konföderalismus. In dem Textauszug, der von unserer Redaktion gekürzt wurde, handelt es sich um die Gründung der PKK und die einzelnen Geschehnisse, die während der Gründungsphase geschehen sind und bedeutenden Einfluss auf den Freiheitskampf hatte.

RÊBER APO

Ich habe versucht, einen kurzen, zusammenfassenden Entwurf einer Geschichte der PKK zu präsentieren. Er kann hilfreich sein, wenn es darum geht, einige Analysen vorzunehmen. Früher habe ich folgende Formulierung verwendet: „Wir analysieren nicht den Moment, sondern die Geschichte, nicht die Person, sondern die Gesellschaft.“ Auf die PKK angewendet, wird sie noch besser verständlich. In der PKK wird die kurdische Geschichte ebenso analysiert wie die kurdische Gesellschaft. Das gilt für alle ihre positiven und negativen Seiten. Wir müssen sie nur richtig zu lesen verstehen und die richtigen Lehren daraus ziehen. Ich hatte niemals Zweifel, dass die Entstehung der PKK eine moderne Zeitenwende für die Kurden war. Dass aber die „Kurden“ genannten Individuen auf der einen Seite so widersprüchlich, sinnlos und schwach, auf der anderen Seite geradeheraus und konsequent, opferbereit und tapfer sein können, hatte ich nicht vorhergesehen. Ich habe viele Analysen über die Persönlichkeit angestellt. Trotzdem kann ich immer noch nicht behaupten, die Kurden ganz verstanden zu haben. Denn sie waren von sich selbst stark entfremdet worden. Sie sahen zwar äußerlich wie Kurden aus, waren aber im Wesen etwas anderes. Sie bemerkten noch nicht einmal die Dimension des Verrats. Für sie galten weder die Gesetze der Menschen, noch die der Tiere247 – als liebäugelten sie mit einer dritten Art der Existenz.

Reise durch Kurdistan

Es liegt auf der Hand, dass die Rolle, die ich in Bezug auf den Entwicklungsprozess der PKK spielen wollte, sich auf den geistigen Bereich bezog. Jedoch musste der Versuch, die Kurden als Individuen und als Produkt ihrer Gesellschaft mit den vorhandenen gesellschaftlichen Theorien zu analysieren, trotz aller meiner Versuche mangelhaft und voller Fehler bleiben. Bereits 1975 hatte ich begonnen, Mehmet Hayri Durmuş¸ gegenüber meine Überlegungen zu Imperialismus und Kolonialismus darzulegen. Dieses Konzeptpapier, von dem ich glaube, dass es noch vorhanden ist, hat nichts von seiner Bedeutung verloren. Es kann heute noch wie damals verwendet werden. Es war ein gutes, von den revolutionären Gedanken der damaligen Zeit geprägtes Konzept; es hatte das Potenzial, einen ernsthaften Beitrag zum geistigen Kampf der Revolutionäre Kurdistans, wie wir uns damals nannten, zu leisten. Bemerkenswert war die Reise durch Kurdistan, die ich auf der Grundlage dieses Konzeptes durchführte. Den Anfang machte eine Rede in der Architekten- und Ingeniereurskammer in Ankara im März 1976. Anschließend reiste ich nach Ağrı, Doğubeyazıt, Kars-Digor, Dêrsim, Bingöl, Elazıg, Diyarbakır, Urfa, Antep und im Mai wieder nach Ankara. Diese Rundreise endete am 15. Mai, und am 18. Mai 1977 wurde Haki Karer durch ein Komplott von Alaattin Kapan, der einer dubiosen Gruppe namens „Stêrka Sor“ (Roter Stern) angehörte, ermordet. Dieser Schock war, als würde ein Kessel kochenden Wassers über unsere Köpfe gegossen. Es war ein Ereignis, das den Lauf der Geschichte veränderte. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Gruppe Verbindungen mit der KDP, einigen Resten türkischer Gruppen und einigen staatlich gesteuerten Gruppen hatte, machte einen geistigen Kampf gegen eine unübersichtliche Gruppe zu einer eiligen Priorität. Dabei bestand immer die Gefahr, dass dieser geistige Kampf frühzeitig in einen brutalen physischen Kampf einmünden könnte.

Programmentwurf in Gedenken an Haki Karer

Es war die Zeit, als am 1. Mai 1977 bei einer Arbeiterkundgebung in Istanbul 37 Personen getötet und auf Ministerpräsident Bülent Ecevit ein Attentat verübt wurden. Es war eine Zeit, in der in der Türkei die Zeichen auf schmutzigen Bürgerkrieg standen. Unter diesen Umständen fiel die Entscheidung, aus der Gruppe schnellstens eine Partei zu machen. Im Herbst des gleichen Jahres verfasste ich im Gedenken an Haki Karer in Antep, wo er ermordet worden war, einen Programmentwurf. Von dort ging es wieder nach Ankara und dann, nach meiner Heirat mit Kesire Yıldırım, zu Beginn des Sommers 1978 mit dem Flugzeug nach Diyarbakir. Dort verfasste ich im Juli 1978 handschriftlich mein theoretisches Gesellenstück, das Manifest mit dem Namen „Der Weg der Revolution in Kurdistan“248. Es wurde zum Gründungsmanifest der Partei, deren Deklaration damals geplant wurde, und in der ersten Ausgabe der Zeitung „Serxwebûn“ veröffentlicht, deren Herausgabe ebenfalls geplant war. Wenn wir das Manifest heute noch einmal betrachten, können wir es als Höhepunkt und konzentrierten Ausdruck der Versammlung von 1973, der Deklaration von 1975 und der Veranstaltungsreihe von 1977 ansehen. Es ist offensichtlich, dass es auf das Kommunistische Manifest anspielte. Sein Inhalt offenbart ebenfalls, dass es versucht, sich nicht nur an das Volk von Kurdistan, sondern indirekt an alle Gesellschaften des Mittleren Ostens zu richten. Stil und Inhalt verweisen statt auf Nationalismus eher auf soziale Befreiung. Es wurde weder eine Nation ohne Freiheit akzeptiert, noch war eine Freiheit ohne einen nationalen Zug vorgesehen. Das Manifest beschleunigte den Weg zur Parteigründung unweigerlich. Es fehlten nur noch einige unwichtige technische Details wie der Name und die Gründungsmitglieder.

Wir fühlten uns verpflichtet

Eine Partei zu gründen war zu jener Zeit eine Frage der Ehre. Demütigungen und Erniedrigung waren damals in Kurdistan überall zu spüren. Nichts konnte den krassen Widerspruch rechtfertigen, in dem diese Situation zu diesem Land, seiner Geschichte und der modernenWelt stand. Es gab keine Möglichkeiten, unmittelbar darauf zu reagieren, doch es musste auf jeden Fall etwas getan werden. Eine Partei konnte vielleicht eine Lösung auf den Weg bringen. Wir fühlten uns verpflichtet, in der gegebenen Situation zu intervenieren, wie schwach wir auch sein mochten. In dieser Situation eine Partei zu gründen, war in gewisser Weise selbstmörderisch. Jedoch handelte es sich nicht um eine bewusste Selbstmordaktion, sondern um eine Reaktion auf die unerträgliche gesellschaftliche Situation, um die allergeringste Chance auf ein würdevolles Leben zu ergreifen. Insofern handelte es sich bei unserer Parteigründung eher um eine Art Ehrenrettungsaktion, in gewisser Weise die Umkehrung eines Ehrenmordes. Ich persönlich hatte es seit meiner Kindheit abgelehnt, mich für einen engstirnigen Ehrbegriff zu opfern. Stattdessen zog ich eine Aktion zur Rettung der historischen und gesellschaftlichen Ehre vor. Dies lässt sich kaum mit den Interessen einer Klasse, Nation, Ethnie, Religion oder Familie erklären. Eher handelte es sich um eine Aktion von Menschen aus dem Volk, die sich unter Schwierigkeiten etwas Bildung angeeignet hatten. Am ehesten könnte man uns vielleicht mit den russischen Narodniki („Volksfreunde“) vergleichen. Wenn wir rückblickend die Wirkung der PKK betrachten, so können wir sagen, dass die Art und Weise unserer Parteiwerdung eine Rolle gespielt hat. Die folgenden Entwicklungen zeigten, dass sie ein allgemeines Bedürfnis nach Würde befriedigte. Wir hatten nicht nur eine Partei im engeren Sinne gegründet, sondern den Grundstein zu einer neuen Lebensweise gelegt.

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