RÊBER APO
Es kann im Leben eines Menschen nichts Wertvolleres geben, als die Wahrheit über die Realität, in der er lebt, zu erfahren. Die Suche nach Wahrheit ist die kostbarste menschliche Handlung. Denn der Mensch ist ein Wesen, welches die Wahrheit möglich macht. Am Anfang des Abenteuers, das mein Leben werden sollte, fehlte es mir an allem. Es ist nicht leicht, in einer Familie geboren zu werden und aufzuwachsen, die zerfällt und Teil einer zerfallenden Gesellschaft ist. Die Schwierigkeit liegt im Grunde darin, dass eine solche Familie längst ihre eigenen Maßstäbe verloren hat. Alles, was ihr bleibt, sind leere Köpfe, anfällig für die endlosen Lügen der Herrschenden. Ihr Problem ist eine Mentalität, die zu schwach ist, sich gegen die Lügen zu stellen. Kolonisierte Gesellschaften oder solche, die noch jenseits der Kolonisierung stehen, werden nach einer gewissen Zeit unausweichlich entweder durch Zwang oder durch Überzeugung diese Lügen schlucken. Die Welt der Herrschenden schöpft in dieser Hinsicht aus einem reichen Erfahrungsschatz. Sie wissen bestens, wie sie
ihre Lügen am effektivsten einsetzen können. Mit der Überwindung dieser Hürden beginnt das, was wir revolutionären Prozess nennen. Ich bin jemand, der sich wenig um Hindernisse kümmert. Mein ereignisreiches Leben brachte mich unausweichlich in Konfrontation mit den Wahrheiten der Gesellschaft, in der ich lebte. Die verschiedenen Phasen diese Konfrontation habe in an anderer Stelle zu erklären versucht. Ich wollte zeigen, wie ich in Ideologie und Wissenschaft nach Wahrheit suchte. All diese Ausführungen richteten sich gegen diejenigen, welche meine menschliche und gesellschaftliche Identität verleugneten, auf Vernichtung abzielten, mich zum Verbrecher stempelten und schwer bestraften. Sie galten ebenso denjenigen, welche die Justiz des Systems gegen das Individuum in Stellung bringen, den USA, der EU, der Republik Türkei und ihren Kollaborateuren.
Früher, als ich den Kampf noch in einem Freiluftgefängnis führte und viel Energie auf Praxis und Reden verwendete, fand ich nicht viel Gelegenheit, meine Auffassung von der Wahrheit weiterzuentwickeln. Für Menschen, die sich großen Fragen stellen, ist ein geschlossenes Gefängnis ein großer Lehrer. Wer sich von diesen Fragen und diesen Bedingungen nicht zerstören lässt, kann im Gefängnis sein Verständnis der Wahrheit stärken und erfolgreich kämpfen. Wer für eine große Sache kämpft und sich jeden Tag um ein Stückchen mehr Wahrheit bemüht, kann sie hier erlangen. Wenn die verstreichenden Momente dem Erringen der Wahrheit dienen, so ist selbst das Leben im Kerker wert, ertragen zu werden. Das System der kapitalistischen Moderne, angeführt von den USA und der EU, veranlasste meine Verschleppung nach Imrali. Ich wurde nicht von legitimen Organen und auf legalem Wege hierher verbracht, sondern durch eine Großoperation von Gladio, der irregulären und illegal arbeitenden Truppe der NATO. Nur scheinbar waren es türkische Sicherheitskräfte, die mich durch eine erfolgreiche Operation fassten und auf die Insel brachten. So sollte es der Welt präsentiert werden.
Am 15. Februar 1999 wurde ich hierher gebracht. Genau 74 Jahre vorher, am 15. Februar 1925, hatte die Verschwörung gegen Scheich Said begonnen. Nach einem Schauprozess auf der Insel fiel am 29. Juni 1999 das Todesurteil. Derselbe 29. Juni war es auch, an dem Scheich Said und seine Freunde hingerichtet wurden. Ein Dreivierteljahrhundert setzte der Staat seine große Verleugnungs- und Vernichtungsoperation gegen die Kurden fort. Die EU und die USA hatten sich auf die Todesstrafe geeinigt. Sie sollte als Drohung dienen, ihre Exekution aber durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhindert werden. Über mich sollte die revolutionäre Bewegung, der kurdische Befreiungskampf und die PKK, die sich alle außerhalb ihrer Kontrolle befanden, liquidiert werden. Auf diese gemeinsame Politik verständigten sie sich insgeheim. Dazu gehörte ebenfalls, die legitimen Pfade des »Kampfes gegen den Terrorismus« zu verlassen.
Das Komplott gegen mich sollte keinerlei Raum für Hoffnung lassen. Aus diesem Grunde wurde die Exekution des Todesurteils lange auf der Tagesordnung gehalten. In den ersten Tagen konnte ich mir nicht vorstellen, die extreme Isolation auszuhalten. Auch nur ein Jahr zu überleben, erschien mir undenkbar. Ich dachte: »Wie können sie Millionen von Menschen in eine enge Zelle sperren?« Als kurdische nationale Führungsfigur war ich durch die Umstände meiner Verschleppung tatsächlich zu einer Synthese von Millionen geworden. Viele Menschen ertragen es nicht, von ihrer Familie und ihren Kindern lange getrennt zu leben – wie sollte ich es aushalten, von Millionen mir eng verbundener Menschen für immer fortgerissen zu sein? Ich durfte nicht einmal kürzeste Briefe von außerhalb empfangen. Abgesehen von einigen Ausnahmen habe ich bis auf wenige, zensierte Briefe anderer Gefangener keinerlei Post empfangen. Ich konnte auch keine Briefe senden. All dies mag die Situation der Isolation ein wenig erklären. Doch meine Lage weist einige Besonderheiten auf. Ich habe vieles in unserer Gesellschaft angestoßen. All diese unfertigen Projekte brauchen wir für ein freies Leben. Mein »Ich« war geradezu im Bereich der gesellschaftlichen Freiheit aufgegangen. Gerade in einem solchen Moment begann mit meiner Gefangenschaft ein neuer Abschnitt. Selbst wenn die äußeren Bedingungen glänzend und das Gefängnis selbst palastartig ausgestattet wären, ließe sich damit nicht beschreiben, wie ich die Isolation ertrage. Dies hat nichts mit den äußeren Bedingungen oder der Haltung des Staates zu tun. Entscheidend ist, dass ich mich auf die Isolation einlasse. Ich benötige eine derart große Motivation, dass ich der Isolation standhalten und beweisen kann, dass ein großes Leben trotz Isolation möglich ist. In diesem Zusammenhang möchte ich auf zwei Begrifflichkeiten aufmerksam machen.
Der erste betrifft die gesellschaftliche Situation der Kurden. Mein Gedankengang war der folgende: Damit ich ein freies Leben anstreben kann, muss die Gesellschaft, zu der ich gehöre, frei sein. Genauer gesagt, individuelle Befreiung ist ohne Gesellschaft nicht möglich. Soziologisch gesprochen hängt die individuelle Freiheit vollständig von der Freiheit der Gesellschaft ab. Die kurdische Gesellschaft aber, das kurdische Volk, lebt wie in einem dunklen Kerker ohne sichtbare Mauern. Der zweite Punkt ist die Notwendigkeit, sich einem ethischen Prinzip zu verschreiben, um den Begriff ganz erfassen zu können. Das Individuum muss sich bewusst machen, dass es nur in Zusammenhang mit einer Gesellschaft leben kann. Eine wesentliche Auffassung der Moderne ist die Überzeugung, auch ohne gesellschaftliche Bindungen lebensfähig zu sein. Das ist ein falsches Narrativ. Ein solches Leben gibt es nicht, allenfalls als produzierte, virtuelle Realität. Dass dieses Prinzip verloren gegangen ist, spiegelt den Verfall der Moral wider. Moral und Wahrheit greifen hier ineinander. Liberaler Individualismus wird erst durch die Auflösung der moralischen Gesellschaft und die Durchtrennung des Bandes zwischen ihr und der Wahrheit möglich. Dass uns dies als die vorherrschende Lebensweise unserer Zeit präsentiert wird,
beweist nicht, dass es die richtige ist. Auch diese Schlussfolgerung zog ich aus meiner Beschäftigung mit
der kurdischen Realität und der kurdischen Frage.
Hier muss ich auf eine Zwiespältigkeit in meinem Leben hinweisen. Einerseits versuchte ich, dem Kurdischsein zu entkommen, andererseits zog es mich zum Kurdischsein hin. Wegen des kulturellen Genozids gab es überreichlich Gelegenheit, mich abzuwenden. Flucht erschien stets attraktiv. Doch genau hier greift ein moralisches Prinzip. Kann es richtig sein, sich individuell zu retten, um den Preis der Flucht vor der eigenen Gesellschaft? Ich stand kurz vor einem Universitätsabschluss, der mir das persönliche Überleben garantiert hätte. Doch just in dieser Zeit entschied ich mich bewusst für das Kurdischsein und damit für eine Rückkehr zum moralischen Prinzip. Das Individuum muss sich einem sozialen Gebilde zugehörig fühlen, um ethisch handeln zu können. Dem konnte ich mich nicht verweigern. Wenn ich in diesem Zusammenhang von Moral spreche, meine ich ethisches Handeln. Es geht mir nicht um primitive Moralvorstellungen wie die lebenslange Zugehörigkeit zu und Abhängigkeit von einer Familie oder anderen Gemeinschaft. Eine Hinwendung zum Kurdentum und ein Angehen seiner Probleme war nur durch Moral und Ethik möglich. Die immer noch anhaltende absolute Knechtschaft der Kurdinnen und Kurden verhinderte meine Träume von einem freien Leben definitiv. Ich war überzeugt, dass ich in dieser Welt nicht frei sein könne. Hier auf Imralı habe ich viel über die Unterschiede zwischen dem inneren und dem äußeren Gefängnis nachgedacht. Dabei habe ich festgestellt, dass die Gefangenschaft außerhalb von Kerkermauern für das Individuum gefährlicher ist. Für ein kurdisches Individuum ist die Vorstellung, draußen frei zu sein, ein großer Irrglaube. Ein Leben im Irrtum und unter der Herrschaft von Lügen ist ein verlorenes und verratenes Leben. Draußen ist das Leben nur unter einer Bedingung lebenswert: dem ununterbrochenen Kampf für die Freiheit der Kurden. Für einen Kurden besteht die einzige Möglichkeit moralisch zu leben darin, 24 Stunden am Tag Freiheitskämpfer zu sein.
Wenn ich diesen Maßstab an mein früheres Leben anlege, erkenne ich es als moralisch an. Es liegt in der Natur der Sache, dass darauf die Todesstrafe oder Haft steht – ein Leben ohne Kampf wäre unehrlich und ehrlos. Das Gefängnis nicht zu ertragen widerspräche also meiner Lebensmotivation. So wie der Kampf gegen die Vernichtung und für die Freiheit unausweichlich ist, so ist auch das Gefängnis unausweichlich. Es gehört zum Kampf für ein freies Leben dazu. Für Kurden, besonders für sozialistische Kurden, die nicht unter dem Joch des Liberalismus oder eines perversen religiösen Fanatismus stehen, gibt es kein anderes Leben und keine andere Welt als die des Kampfes für ein moralisches und ethisches Leben.
Der zweite Begriff in diesem Zusammenhang ist »Wahrheit«. Einen Begriff von Wahrheit zu entwickeln, ist der einzige Weg, das Gefängnis zu überstehen. Selbst im normalen Leben ermöglicht es ein starker Wahrheitsbegriff, freudige Momente, also den Sinn des Lebens zu erfassen. Für einen Menschen, der den Sinn seines Lebens begriffen hat, ist die Frage, wo er lebt, nicht länger ein Problem. Ein Leben in Lüge und Falschheit verliert seinen Sinn. Degeneration mit Unlust, Depressionen, Konflikten und Gewalt ist die natürliche Folge. Wer jedoch einen guten Begriff von Wahrheit entwickelt, kann das Leben als Wunder wahrnehmen. Es wird zu einer Quelle von Aufregung und Freude. Im Leben liegt der Sinn des Universums. Wer dieses Geheimnis entdeckt, kann jedes Leben ertragen, selbst im Gefängnis. Ohnehin wird ein Gefängnisaufenthalt, der der Freiheit dient, zur Entwicklung des Wahrheitsbegriffs beitragen. So können selbst die größten Schmerzen in Glück verwandelt werden. Für mich wurde das Gefängnis Imrali zur Arena meines Kampfes um die Wahrheit, um das kurdische Phänomen zu verstehen und Lösungsmöglichkeiten auszuloten. Draußen ging es mehr um Reden und Handeln, im Gefängnis dreht sich alles um das Verstehen. Die Überlegungen zur politischen Philosophie, die ich in meinen Gefängnisschriften umrissen habe, hätte ich draußen nur sehr schwer entwickeln können. Allein der Begriff der Politik ist bereits schwierig zu begreifen und erfordert ein gutes Verständnis der Wahrheit. Die Isolation hat viel dazu beigetragen, dass ich feststellte, welch ein positivistischer Dogmatiker ich war. Ich verstand besser, dass es verschiedene Begriffe von Moderne und viele verschiedene Modelle zum Aufbau einer Nation geben kann – und dass alle gesellschaftlichen Strukturen von Menschenhand geschaffene fiktionale Gebilde mit flexiblem Wesen sind. Besondere Bedeutung besaß für mich die Überwindung des Nationalstaats. Dieser Begriff hatte für mich lange Zeit den Status eines unveränderlichen marxistisch-leninistischen Dogmas besessen. Meine Forschungen über Geschichte, Zivilisation und Moderne haben mir mittlerweile gezeigt, dass der Nationalstaat nichts mit Sozialismus zu tun haben kann, sondern ein Relikt der Klassenzivilisation und den konzentriertesten Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaft darstellt und seine Legitimation aus dem Kapitalismus bezieht. Daher zögerte ich nicht, ihn abzulehnen. Wenn wir jemals zu einem wissenschaftlichen Sozialismus gelangen, so müssen sich an diesem Punkt die Klassiker des Realsozialismus bewegen. Dass sie einen kapitalistischen Begriff übernahmen, war ein großer Fehler und fügte der Sache des Sozialismus großen Schaden zu. Meine profunde Einsicht, dass der kapitalistische Liberalismus eine mächtige ideologische Hegemonie darstellt, brachte mich zu einer besseren Analyse der Moderne. Ich begriff, dass die demokratische Moderne nicht nur möglich, sondern sowohl realistischer als auch zeitgemäßer und lebenswerter ist als die kapitalistische Moderne. Der Realsozialismus hatte den Begriff des Nationalstaats nicht überwunden, sondern ihn als grundlegende Tatsache der Moderne verstanden. Daher dachten wir nie an die Möglichkeit einer anderen Art von Nation, zum Beispiel einer demokratischen Nation. Für musste eine Nation unbedingt einen Staat besitzen! Die Kurden bildeten eine Nation, also brauchten sie auch einen Staat! Doch als ich mich weiter damit befasste, erkannte ich in der Nation selbst eine der finstersten Tatsache der letzten Jahrhunderte. Sie wurde unter starker Einwirkung des Kapitalismus geformt und entwickelte sich insbesondere durch das Modell des Nationalstaats zum eisernen Käfig für die Gesellschaften. Ich erkannte die Kostbarkeit der Begriffe ›Freiheit‹ und ›Gesellschaftlichkeit‹. Die Einsicht, dass ein Kampf für Nationalstaatlichkeit einen Kampf für den Kapitalismus darstellt, führte zu einer großen Transformation in meiner politischen Philosophie. Den Kampf auf Nation und Klassenkampf zu verengen, läuft auf das gleiche hinaus und stärkt letztlich nur den Kapitalismus. Eine weitere Einsicht war, dass das Wissen über die Gesellschaft, welches die Moderne propagiert, keine Wissenschaft, sondern Mythos ist. Dadurch vertiefte ich mein Bewusstsein von Geschichte und Gesellschaft. Mein Begriff von Wahrheit machte eine revolutionäre Veränderung durch. Die kapitalistischen Dogmen zu zerreißen und Geschichte und Gesellschaft mit der ihnen innewohnenden Wahrheit neu zu erkennen, bereitete mir großes Vergnügen. Seither betrachte ich mich als ›Wahrheitssucher‹. Durch ein holistisches Verständnis von Wahrheit gewann alles eine unvergleichlich höhere Bedeutung; sei es im gesellschaftlichen, physikalischen oder biologischen Bereich. Unter Gefängnisbedingungen konnte ich beliebig viele revolutionäre Wahrheiten entdecken. Nichts sonst hätte mir so viel Kraft zum Widerstand verleihen können.
