Die 68er-Jugendbewegung-Teil 1

Ein Auszug über die 68er-Jugendbewegungen aus dem Buch „Manifest der Jugend“.

Die 68er-Jugendbewegung als Politisierung der Jugend mit ihrer eigenen Identität

Die 1968er-Bewegung kann als erste Jugendrevolution der Geschichte definiert werden. Aus diesem Grund ist es für die Jugendbewegung äußerst wichtig, die Jugendrevolution von 1968 richtig zu verstehen und zu deuten. Die 68er-Jugendrevolution verfügt über zwei zentrale Dimensionen. Die erste Dimension drückt die Reaktion der Jugend gegen das vom System der kapitalistischen Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte neokolonialistische System aus. Gegen die Bestrebung des Kapitalismus, die Ausbeutung auf globaler Ebene zu forcieren, hat die Jugend in den Metropolen ein frühes Bewusstsein entwickelt und eine Haltung gezeigt. Mit dieser Dimension ist die 68er-Jugendrevolution eine Reaktion und Haltung dagegen, dass das System der kapitalistischen Moderne die Ausbeutung mittels des Nationalstaats auf das Niveau eines gesellschaftlichen Massakers erhöht. Die Jugendrevolution ist als ein Beharren auf dem freien Leben, einem Leben mit Identität und Persönlichkeit gegen das von der kapitalistischen Moderne versklavte Leben, hervorgetreten.
Die zweite Dimension der 68er-Jugendrevolution hingegen drückt die Widersprüche der Jugend mit den etatistischen Systemen aus. Sie entwickelte sich angesichts der Antagonismen innerhalb der Systeme die im Namen von Freiheit, Gleichheit und Sozialismus aufgebaut wurden. Die Jugend hat in den realsozialistischen Erfahrungen folgendes gesehen: Das, was beabsichtigt, geplant und versprochen wurde, und das, was verwirklicht wurde, waren grundverschieden. Es wurde im Namen von Sozialismus, Freiheit und Gleichheit versprochen, aber in der Praxis wurde dies nicht umgesetzt. Im Gegenteil sind noch größere Bürokratieapparate, noch größere Staaten, noch stärker ausgeprägte Machtstrukturen und noch größere Monopole entstanden. Dies war die Realität der realsozialistischen Praxis. Diese Entwicklung hat innere Widersprüche geschaffen. Die 68er-Jugendrevolution ist aus diesen Widersprüchen entstanden. Es gab also auch eine Revolution gegen ein System, das Freiheit und Gleichheit verspricht, aber sie nicht umsetzt. Deshalb ist es eine Revolution der Ideologie, Mentalität und der Gefühle geworden. Die Jugend war der erste Kreis, der sich direkt mit der Ordnung, die Freiheit und Gleichheit versprach, es aber nicht verwirklichte, ja sogar in ihr Gegenteil verfiel, in Widerspruch und Konflikt begab. War es nur die Jugend, die das realsozialistische System kritisierte? Natürlich hat an diesem Punkt nicht nur die Jugend die Mängel und Abweichungen gesehen. Einige SchriftstellerInnen und sogar Parteien sowie einige politische Kreise haben es erkannt und kritisiert. Doch es ist immer nur ein Gedanke gewesen, es gab einfach keinen Übergang in die Praxis. Als theoretische Diskussion sind einige Kritiken entwickelt worden. Es steckte immer ein sorgfältiges Kalkül dahinter. Das politische Gleichgewicht wurde immer im Blick behalten. Es war die Jugend, die ihre Kritik ohne Kalkül und mit der Theorie zusammen auch die Praxis entwickelte. Deshalb vielleicht konnte die Jugend das, was viele Kreise über eine lange Zeit hinweg begrenzt gemacht haben, mit einer großen Offensive verwirklichen. Sie hat sich ohne zu beugen in die Arbeit gestürzt. Die Losung der Jugend war die Antwort „Jetzt sofort und selbst!“ auf die Frage „Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht du, wer sonst?“. Die Jugend hat diese Antwort gefunden und ohne Zeit zu verlieren den Kampf aufgenommen. Deshalb sind die Kritiken anderer Kreise auf dem Niveau theoretischer Kritik verhaftet, während sich die Kritik der Jugend in Aktion und Revolution gewandelt hat.
Die 68er-Revolution war im Wesentlichen eine Mentalitäts- und Kulturrevolution. Rêber Apo bezeichnet sie als jugendliche Kulturrevolution. Die 68er-Revolution wurde keine politische Revolution der Macht oder gar militärische Revolution. An diesem Punkt unterscheidet sie sich von allen anderen Revolutionen der Geschichte. Aus diesem Grund ist die Definition als jugendliche Kulturrevolution sehr angemessen. Sie beinhaltet einen von allen anderen Revolutionen grundverschiedenen Aspekt. Die Revolution der Mentalität, der Gefühle und des Denkens steht im Vordergrund. Auf diese Weise hat sie die Realität der Französischen Revolution, die der kapitalistischen Moderne zu einer globalen Hegemonie verhalf, und die der Oktoberrevolution, die den Realsozialismus schuf, transzendiert. Sie hat den machtbasierten und staatlichen Charakter der vorherigen großen Revolutionen überwunden. Sie hat deutlich gemacht, dass diese Revolutionen keine tiefgreifende Umwälzung darstellten und nicht die Qualität einer gesellschaftlichen Revolution besaßen. Die 68er-Jugendrevolution hat mit ihrer selbst entwickelten Mentalitätsrevolution und kulturellen Verschiedenheit im Revolutionsverständnis eine Neuerung hervorgebracht. Auf dieser Grundlage hat sie eine große gesellschaftliche Bewegung entfesselt, die nicht auf die Jugend beschränkt blieb. Die Revolution ist innerhalb der Jugend geboren, aber hat schnell Verbreitung in der gesamten Gesellschaft gefunden. Sie ist zu einer Hoffnung der Gesellschaft geworden und hat eine große Hoffnung auf Freiheit geschaffen. Um diese Hoffnung zu brechen, sind die Kräfte der kapitalistischen Moderne dazu übergegangen, sie mit Gewalt zu ersticken. Sie haben Massaker, Hinrichtungen und Repressionen gegen die Jugendlichen angewandt. Es wurde versucht, die AnführerInnen der revolutionären Jugendoffensive von 68 als Wilde darzustellen. Sie wurden als TerroristInnen, BanditInnen und RäuberInnen etikettiert und alle existierenden negativen Eigenschaften wurden den RevolutionärInnen angehängt. Es wurde damit versucht, den positiven Einfluss der 68er auf die Gesellschaft zu brechen. Der gesellschaftlich kulturelle Einfluss der 68er war so stark geworden, dass der Gegenangriff von psychologischer bis hin zur militärischen Ebene sehr umfassend geführt wurde.
Auf der anderen Seite war die Annäherungsweise der realsozialistischen Regime an die 68er-Bewegung äußerst unterdrückend und auf Einschüchterung ausgerichtet. Die Sowjetunion nahm den 68er-Jugendvorstoß als „jugendliche Launenhaftigkeit“ auf und bezeichnete es „als Unfug unserer Jugend“; sie nahm die Jugend nicht wirklich ernst. Eine der wichtigsten Gründe für den Niedergang des Realsozialismus ist auch die fehlerhafte Deutung der 68er-Jugendrevolution und der Mangel an richtigen Schlüssen. Die Hauptursache dafür war die eigene Überheblichkeit in der Selbsteinschätzung und die Ablehnung jeglicher oppositioneller Äußerung und Kritik. Dies offenbarte ihren zunehmenden Dogmatismus und ihre Entfremdung vom Geist der Jugend. Die Schere zwischen dem Realsozialismus und der Jugend hat sich aus diesem Grund zunehmend weiter geöffnet. Es könnte sogar gesagt werden, dass der Sozialismus in der Praxis der Sowjetunion gealtert ist. In den aufeinander folgenden Revolutionen hat sich der Realsozialismus institutionalisiert, zu einer dominanten Weltmacht gewandelt, sich zunehmend industrialisiert und ist gewachsen. Die realsozialistischen Regime begaben sich mit den kapitalistischen Staaten in einen Kampf um Hegemonie. Folglich hat auch das Selbstvertrauen überhebliche Züge angenommen. Der Realsozialismus sah sich selbst als einzigen, universalen Repräsentanten des Sozialismus und bezichtigte jeden gegensätzlichen Diskurs als Spionage für den Kapitalismus. Im Wesen konnte der Realsozialismus keine Alternative zum Kapitalismus darstellen und hat sich im Wettstreit und Wettrennen mit diesem aufgezehrt und verloren. Obwohl Kämpfe wie der Realsozialismus, die nationale Befreiung oder die Sozialdemokratie in vielen Ländern an der Macht waren, konnten sie den Erwartungen der Jugend und Gesellschaft nicht gerecht werden. Deshalb wurde mit lauter Stimme zur Sprache gebracht, dass die vom Realsozialismus versprochene Welt nicht besser sei als die alte. So wurde das tiefe Vertrauen in den Kapitalismus als auch in den Realsozialismus und seine Varianten erschüttert und eine neue intensive Suche nach Alternativen begann.
Es entwickelte sich ein tiefer Hass gegen alle Ausformungen des herrschenden Systems. Die Reaktionen sowohl gegen den realsozialistischen als auch gegen den kapitalistischen Block erreichten ihren Höhepunkt. Es fehlte nur ein Funke zur Explosion. Seit langer Zeit waren Bürgerrechtsbewegungen, die Bewegungen für Universitätsreformen und intellektuelle Freiheit als auch Bewegungen gegen den Vietnamkrieg in den USA aktiv. Die Besatzung der Tschechoslowakei durch die Sowjetunion im Frühjahr 1968 und die US-amerikanischen Angriffe auf den vietnamesischen Widerstand auch in Kambodscha Ende der 60er-Jahre waren die letzten Tropfen, die das Fass zum Überlaufen brachten. Ein kleiner Funke reichte aus, um die gesellschaftliche Explosion zu zünden. Dies war wahrhaftig eine Explosion. Weder das kapitalistische noch das realsozialistische System hatten solch eine Sprengkraft erwartet. Beide Blöcke waren schockiert von der jugendlichen 68er-Offensive. Interessanterweise war das Ausmaß der 1968er-Bewegung sowohl für seine GegnerInnen als auch für seine AkteurInnen selbst eine große Überraschung. Es gab keine zentrale Organisierung der Bewegung und auch eine festgelegte taktische Planung war nicht vorhanden. Es handelt sich um einen spontanen Umschlag zu einer neuen Qualität, der viele Kreise unerwartet getroffen hat. Doch in kürzester Zeit sind alle KriegsgegnerInnen, Umweltbewegungen, FrauenrechtsaktivistInnen, AfroamerikanerInnen, EinwandererInnen und ArbeiterInnen eins mit der Jugend geworden und füllten die Straßen. Unter diesen Bedingungen hat die Kampforganisierung neuer Kreise zu entstehen begonnen. Anhänger der Sozialen Ökologie, Feministinnen, AnarchistInnen, kulturelle Gruppen wie Hippies und Metaller, SozialwissenschaftlerInnen, oppositionelle Denkschulen (Annales-Schule, Frankfurter Schule u.ä.), Elemente der „Neuen Linken“ und alle Unterdrückten und Ausgeschlossenen sind zusammengekommen. Die Wirkung der 1968er war groß. Für zahlreiche Ideen begann der Frühling. Die Sackgasse, in der sich die gesellschaftlichen Kämpfe befanden, hat die Bedingungen für eine gänzlich neue Art des Kampfes möglich gemacht. Man kann sagen, dass mit den 1960ern viele intellektuelle Strömungen, die seit der Revolution von 1848 an den Marxismus und seine Varianten gebunden waren, allmählich ihre Kraft verloren hatten und aus dem Herzen dieser Denkschulen viele neue Strömungen, insbesondere die „Neue Linke“, die „Ökologiebewegung“ und die „Frauenbewegung“ entstanden sind. Die jugendliche Kulturrevolution von 1968 hat in der gesellschaftlichen Tradition des Kampfes bedeutenden Paradigmenwechseln den Weg geebnet. Nicht nur die Jugend, sondern auch Gruppen verschiedenster Couleur, haben eine Identität gebildet und sind in eine Phase der Selbsterkenntnis getreten. Dass diese Zeit als jugendliche Kulturrevolution bezeichnet wird, ist auf diesen Aspekt der 68er-Revolution zurückzuführen. Aus dem Herzen der 68er-Revolution sind zahlreiche widerständige Kulturen hervorgegangen.

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