Die Alternative zum kapitalistischen System

Im Folgenden möchte ich einen Blick auf die Grundprinzipien des von Rêber APO entwickelten Demokratischen Konföderalismus werfen und beschreiben, wie wir unsere tägliche Praxis an ihm orientieren können.

RAMAN BİLAL

Nach dem Zerfall des Realsozialismus, sah Rêber APO die Notwendigkeit für eine grundlegende politische Neuausrichtung der PKK. Der Realsozialismus, und die sich ihm verschriebenen nationalen Freiheitsbewegungen, hatten es trotz ihrer Erfolge nicht geschafft eine befreite Gesellschaft zu entwickeln. Sie hatten zwar sozialistische Staaten, jedoch nicht den sozialistischen Menschen hervorgebracht. Deshalb war es ein Leichtes für das kapitalistische System, die Menschen der ehemaligen sozialistischen Staaten in das eigene System einzubinden und sie zu unterwerfen.

Paradigmawechsel in der Partei

Um die sozialistische Revolution in Kurdistan nicht in das gleiche Schicksal zu führen, musste ein Gesellschaftssystem entwickelt werden, das den Menschen in jedem Lebensbereich die Möglichkeit gibt, ein selbstbestimmtes, freies Leben zu führen. Der mit der darauf folgenden Analyse einhergehende Paradigmenwechsel in der Partei schuf das Modell einer demokratischen, ökologischen, geschlechterbefreiten Gesellschaft als Alternative zur alten revolutionären Mentalität, die auf Umsturz und Machtübernahme abzielt. Der Paradigmenwechsel beinhaltet eine Abkehr von der Errichtung eines sozialistischen Nationalstaates hin zu einer Gesellschaft, in der ein Zusammenleben jenseits von Verwertbarkeitsdenken, Patriarchat und Rassismus möglich gemacht werden soll – einer ethischen und politischen Gesellschaft mit einer basisdemokratisch selbstverwalteten Struktur, die sich zur entmündigten, homogenisierten Konsumgesellschaft des Kapitalismus abgrenzt. Die Überwindung des Nationalstaates ist als langfristige Perspektive vorgesehen. Der Staat wird dadurch überwunden, dass auf allen Ebenen Strukturen zur Selbstorganisation und Selbstverwaltung geschaffen werden. Weder staatliche noch territoriale Grenzen sollen dabei eine einschränkende Rolle spielen. Dies ist insbesondere für die Lage in Kurdistan entscheidend, da Kurdistan zwischen den Staaten Iran, Irak, Türkei und Syrien aufgeteilt ist. Der Demokratische Konföderalismus versteht sich jedoch nicht nur als ein Modell für Kurdistan, sondern kann, angepasst an die gesellschaftlichen Realitäten vor Ort, überall umgesetzt werden.

Umsetzung des Demokratischen Konföderalismus

Der Prozess hin zu einer freien Gesellschaft soll von den gesellschaftlichen Gruppen und Individuen selbstgestaltet werden. Die Gesamtheit dieser Gruppen ist die demokratische Nation, die in Autonomie lebt. Das bedeutet, dass die Menschen, die an einem Ort gemeinsam leben, selbstständig und unabhängig in Räten über die Belange und Probleme ihres Alltags selbst entscheiden. Hierbei ist es essentiell, dass sich jede Identität, wie die Frauen, die Jugend und ethnische oder religiöse Gruppierungen, autonom organisiert und ihren Willen in die kommunalen Räte einbringt.
Die Umsetzung des Demokratischen Konföderalismus beschränkt sich allerdings nicht nur auf die politische Dimension, sie spiegelt sich in allen Bereichen des Lebens wieder. Durch die Verwirklichung im Alltäglichen kreiert sich die freie und selbstbestimmte Gesellschaft von selbst als Alternative zum unterdrückerischen System des globalen Kapitalismus.
Ein Beispiel hierfür ist das Zusammenleben in den Kommunen Rojavas, in denen die Angehörigen einer Kommune gemeinsam die verfügbaren Ressourcen bewirtschaften, die Erträge untereinander verteilen und den Überschuss in neue Projekte investieren. Probleme innerhalb der Gemeinschaft werden in den selbstgebildeten Gerechtigkeitskommissionen, auf der Basis einer gemeinsamen Moral und Ethik, gelöst. So werden nach und nach die staatlichen Strukturen überflüssig gemacht.

Der Spezialkrieg – Eine Waffe gegen das Volk

Um die eigene Existenz zu gewährleisten, muss jeder Teil einer Gesellschaft sein natürliches Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen. Die Selbstverteidigung ist für die gesamte belebte und unbelebte Natur eine universelle Regel. Eine Definition der Existenz ohne Selbstverteidigung kann nicht getroffen werden. Gegen äußere Angriffe und mögliche gefährliche innerliche Entwicklungen hat die Gesellschaft stets Maßnahmen entwickelt. Der Staat hat die Komplexität der Sicherheitsfrage, die durch die städtische Überbevölkerung entstand, ausgenutzt und durch die Gründung von Armeen die Sicherheit der Gesellschaft monopolisiert. Alle Mittel der Gesellschaft, sich selbst zu verteidigen, wurden ihr aus den Händen genommen. Alle möglichen Methoden des Spezialkriegs, von politischer, sozialer, kultureller, ökonomischer bis hin zur psychologischen Kriegsführung, wurden und werden immer noch gegen die Gesellschaft eingesetzt.

Eine kommunale Gegenrealität schaffen

In Europa ist die Jugend im besonderem Maße von dem Spezialkrieg des kapitalistischen Systems in Form des Liberalismus und des Individualismus betroffen. Nur dadurch, dass er die Jugend von seiner Identität entfremdet, kann er seine Macht aufrechterhalten. Sich dagegen selbst zu verteidigen ist die Pflicht eines jeden Jugendlichen. Die Ideologie der kapitalistischen Moderne, die uns vor allem in den Systemschulen eingeflößt wird, müssen wir durch Selbstbildung analysieren, hinterfragen und überwinden. Wir müssen gegen die Methoden des Spezialkriegs alternative Methoden entwickeln, der Bevölkerung die Wahrheit aufzeigen, um die Methoden des Spezialkrieges ins Leere laufen zu lassen. Gegen den Menschen der kapitalistischen Moderne, schaffen wir den Menschen der demokratischen Moderne jenseits von Staat, Macht und Gewalt. Im Herzen des Kapitalismus errichten wir eine sozialistische Gegenrealität – den demokratischen Konföderalismus. Anfangs scheinen die Freiräume, in denen wir diese Alternative schaffen können, klein und eng. Doch je mehr Aspekte unseres Alltags wir gemeinsam bewältigen, desto größer wird der Raum, den wir uns innerhalb des Systems durch unsere ideologische und politische Organisierung erkämpfen.

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