Die arabische Frage im Mittleren Osten

Der Vorsitzende der Völer Abdullah Öcalan schreibt in seiner Analyse über die arabische Frage im Mittleren Osten, ihre Probleme und Lösungswege.

RÊBER APO

Ohne die hegemoniale Konstruktion der kapitalistischen Moderne im Mittleren Osten richtig zu verstehen, kann man nicht richtig begreifen warum 22 arabische Nationalstaaten gegründet wurden. Mit gängigen linken oder rechten, religiös-konfessionellen, ethnischen und stammesartigen Geschichtsinterpretationen des etatistisch-kleinbürgerlichen Nationalismus kann die im Mittleren Osten konstruierte kapitalistische Moderne nicht richtig analysiert werden. Um in diesem Sinne die arabische Frage so zu begreifen wie sie in der Realität ist, muss zuallererst die Konstruktion und Konstitution der Hegemonie der kapitalistischen Moderne im Mittleren Osten richtig verstanden werden. Allein mit Geschichts- und Gesellschaftsmentalitäten, die mit Realitäten wie der „glorreichen Gründung des Nationalstaates” spotten, kann keine Staats- und Gesellschaftsfrage begriffen werden. In Anbetracht dessen kann die arabische Frage, so wie sie keine Problematik ist die nur mit Israel zu tun hat, nicht auf die Palästina-Israel Frage reduziert werden. Das tiefgründigste primäre Problem der arabischen Gesellschaften rührt zuallererst aus der Teilung der Araber auf 22 Nationalstaaten her. Diese 22 Staaten können keine andere Rolle spielen, als kollektive Agentenorganisationen der kapitalistischen Moderne zu sein. Ihre Existenz ist in Hinsicht auf die arabischen Völker das grundlegendste Problem. In diesem Kontext ist die arabische Frage eine Problematik die mit der Konstruktion und Konstituierung der kapitalistischen Moderne in der Region zu tun hat. Nur in diesem Rahmen kann es ein Problem mit Israel, als hegemoniale Kraft der kapitalistischen Moderne in der Region geben.

Doch vergessen wir nicht, dass die Kräfte die Israel aufbauten, dieselben Kräfte sind, die die 22 arabischen Nationalstaaten aufgebaut haben. Deshalb tragen die Beziehungen und Widersprüche mit Israel den Charakter einer Tarnung. Weil auch sie vom Wesen her dasselbe hegemoniale System teilen, können diese Widersprüche nur dann bedeutend werden, wenn sie den Mut haben außerhalb der kapitalistischen Moderne zu treten. In derselben Hegemonie der kapitalistischen Moderne bleiben und Israel nicht anerkennen! Die maskierte Scheindiplomatie rührt aus der Verleugnung genau dieser Realität her. Ob radikaler, gemäßigter oder schiitischer Islam; alle islamisch-nationalistischen Ansätze mit denen man die kapitalistische Moderne zu ersetzen sucht, bestehen aus einem riesigem Betrug. Denn dieser Islamismus ist eine Art des Nationalismus, welche sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts unter der Hegemonie der kapitalistischen Moderne entwickelt und ein mit der islamischen Zivilisation nicht in Beziehung stehendes spezifisches ideologisches Mittel des Kapitalismus im Mittleren Osten für die islamischen Staaten ist. Die verschiedenen Variationen des politischen Islamismus der letzten 200 Jahre können keine andere Rolle spielen als maskierte Agenten der kapitalistischen Hegemonie zu sein. Denn sie wurden im Rahmen der kapitalistischen Moderne auf diese Art und Weise konstruiert und in Bewegung gesetzt. Ohnehin bestätigt sich diese Realität insofern, dass sie in den letzten 200 Jahren keine andere Rolle spielen konnten, außer die nationalen und gesellschaftlichen Probleme im Mittleren Osten noch mehr zu vertiefen. Sie sind die grundlegenden ideologischen und politischen Hindernisse für den Kommunalismus und die demokratische Nation. Der kulturelle Islam ist ein anderes Thema. Diesen Islam im Rahmen der Tradition zu verteidigen und für ihn einzustehen hat eine bedeutende und positive Seite.

Wenn der Rahmen der kapitalistischen Moderne nicht überwunden wird, werden sich die arabisch-israelischen und palästinensisch-israelischen Konflikte nicht davon befreien können einem Katz und Maus-Spiel zu ähneln. Das Resultat ist am ende, dass die Lebensenergie aller arabischen Völker nahezu seit 100 Jahren in Konflikten, deren Ende schon in vornherein klar ist, vergeudet wird. Wenn diese Konflikte nicht erfunden worden wären, wäre von einem Arabien die Rede, dass alleine schon über die Öleinnahmen Japan zehnfach übersteigen würde. Das wichtigste Ergebnis dieser Feststellung ist, dass die Systematik der Nationalstaaten im Mittleren Osten entgegen aller Behauptungen nicht die Lösungsquelle von grundlegenden nationalen und gesellschaftlichen Probleme ist, sondern im Gegenteil die Quelle der Fortentwicklung, Verschlimmerung, Vertiefung und Unentwirrbarkeit der Probleme bildet.

Der Nationalstaat löst keine Probleme, er schafft Probleme. Außerdem ist das selbe System nicht nur ein Mittel, dass die mittelöstlichen Staaten, sondern auch die Gesellschaften verschlingt, in dem es sie solange gegeneinander aufhetzt bis ihre Kräfte aufgebracht sind. Die Realität im Irak bestätigt diese Feststellung sehr gut. Wir können hierbei nicht die ganze Verantwortung auf die kapitalistische Moderne abwälzen. Problemlösende und befreiende Islamistische und linke realsozialistische Ideologien sowie politische Organisationen sind mindestens genau so verantwortlich wie die Trägerelemente der kapitalistischen Moderne (Jungtürken, Jungkurden, Jungaraber, Jungperser). So wie keinerlei Methode oder Programm, welche sie seit fast 100 Jahren den Völkern vorschlagen, erfolgreich wurde, konnten sie keine andere Rolle spielen, als dem regionalen Aufbau der kapitalistischen Moderne zu dienen und dafür instrumentalisiert zu werden. Im Zusammenhang arabisch-etatistischer Ideologien und politischer Organisierungen können wir die Rolle dieser Realitäten nicht verleugnen.

Die Alternative der demokratischen Moderne

Die arabischen Probleme sind wie die Probleme in der Türkei nicht unlösbar. Hier wird versucht die Probleme über zwei Hauptachsen zu analysieren und zu lösen: Die erste Achse stützt sich darauf im selben System die Staats- und Gesellschaftsanteile zu erhöhen und dafür mit der Schaffung von gelenkten Konflikten Ergebnisse zu erzielen. Das ist das Ergebnis, welches die arabischen Nationalstaaten, die Palästinische Befreiungsorganisation mit eingeschlossen, versuchen mit ihrer Konfliktmethode zu erreichen. Mit ähnlichen Abkommen, wie dem Camp-David-Abkommen will man diese Achse über kurz oder lang zum Abschluss bringen. Doch dieser Weg bedeutet nicht mehr als eine noch weitere Vertiefung der arabischen Gesellschaftsprobleme und das Aufzwingen von radikalen Lösungen. Dieser Weg kann zwar die sich auf Öl stützenden arabisch- oligarchischen Nationalstaaten befriedigen, aber die tiefgründigen wirtschaftlichen und demokratischen Forderungen der Völker können damit niemals zufriedengestellt werden. Die arabischen Völker haben einen Berg von wirtschaftlichen und demokratischen Problemen, der sich über die Geschichte angehäuft hat. Die arabischen Nationalstaaten, Satelliten der kapitalistischen Moderne, wollen geschweige denn von der praktischen Lösung dieser Probleme nicht einmal die Lösung in den Mund nehmen. Die Probleme, die sich zunehmend verschlimmern und sich mit künstlichen religiösen und sektiererischen Konflikten verschleiern, entwickeln sich in solch eine Richtung, welche wie am Beispiel vom Irak entweder Auflösung, Zerfall und Konflikte bis zum Ende bedeutet oder tiefgreifende wirtschaftliche, soziale, kulturelle und demokratisch nationale Lösungen fordert.

Die zweite Hauptachse bei der Lösung der arabischen Probleme kann nur auf Basis der Überwindung der kapitalistischen Moderne betrachtet werden. Hier kommt die Loslösung vom System auf die Tagesordnung. Es muss gut verstanden werden, dass der islamische Radikalismus oder der politische Islam keine alternative Moderne darstellen werden. Der Islam kann als Kultur nur im Leben einer alternativen Moderne zur kapitalistischen Moderne eine Rolle spielen. Die (demokratische?) Moderne, das Paradigma, welches den historischen und gesellschaftlichen Realitäten aller mittelöstlichen Völker passt, ist auch für die arabischen Völker die stärkste und angemessene Option. Die alternative Moderne der Völker ist die demokratische Moderne, die immer im Kampf mit der kapitalistischen Moderne stand und aus der Einheit der demokratisch-nationalen, sozialistischen, ökologischen, feministischen und kulturellen Bewegungen besteht.”

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