Der folgende Text ist ein redaktionell bearbeiteter Teil aus dem Buch „Kurdistan und die Probleme um Öcalan” von Namo Aziz aus dem Jahre 1999. Oft lesen wir theoretische Texte von Rêber APO, doch um seine Person und die Revolution, die mit ihm begann, zu verstehen, ist es von großer Bedeutung sich die Kindheit Rêber APOs anzuschauen. Schon Geschehnisse und Eigenschaften während seiner Kindheit haben seinen Weg maßgeblich geprägt – so sehr, dass er betont: „Kindheitswünsche sind heilige Wünsche, sind friedliche Wünsche. Diesen treu zu bleiben, ist unsere Aufgabe.”
RÊBER APO
Für mich war es das Schönste, mit anderen gemeinsam zu spielen. Allein zu spielen, war kein Spiel. Es reizte mich, Ideen und Fantasie in das Spiel zu bringen. Manche unserer Nachbarn haben ihre Kinder zu Soldaten und Staatsbeamten erzogen. Als Kind ist es mir nicht gelungen, sie zu gewinnen. Aber ich lebe in der Gewissheit, es irgendwann zu können. Eines Tages werde ich in das Dorf zurückkehren, werde ihnen mit meinen Freunden auflauern und sie mit einem lauten „Kommt!” auf dem Platz unseres Dorfes versammeln.
Unser Dorf hieß Ömerli. Es lag im Kreis Xelfetî in der Provinz Riha. Einst war hier eine frühe Universität entstanden, und die Stadt war im Besitz großer Reichtümer. Zu unserer Zeit schien sie jedoch wie verdorrt. In der Hitze der Monate Juli und August platzte die Haut der Erde auf und legte aderähnliche Spalten und Risse bloß. Alles dürstete nach Wasser. Damals bewahrte man das Wasser in Tonkrügen auf. Wenn wir nach der Linsen-, Weizen- oder Gerstenernte mit glühenden Köpfen nach Hause zurückkamen, war es mein dringendstes Bedürfnis, eine Schale Wasser aus unserem Krug zu trinken.
Ich besaß einige Tauben, die sich oft mit den Tauben unserer Nachbarn zusammenschlossen. Eine meiner Tauben gesellte sich besonders gerne zu den anderen und flog mit ihnen aus. Als sie sich schließlich ganz der anderen Gruppe anschloss, betrachtete ich das als eine Art Verrat. Ich fing die Taube, rupfte sie vollständig und setzte sie splitternackt aufs Dach. „Jetzt flieg”, sagte ich zu ihr. Es ist sonderbar, aber diese grausame Strafe habe ich tatsächlich verhängt, und sie schien mir damals gerecht: Niemand sollte mutwillig seine Gruppe verlassen! Ich besaß auch einen weißen Hund, der sich merkwürdiger Weise genauso verhielt. Ich versorgte ihn gut. Gemeinsam bewachten wir die Pistazienbäume. Sobald ich aber eingeschlafen war, macht er sich davon und ging zum Nachbarn. Er hatte das gut eingefädelt! Er war ein verräterischer Hund, der mich auch in die Irre führte. Er war wie jene, die uns heute verraten und in die Irre führen. Tag und Nacht, bei jeder Gelegenheit, ging er zu diesem Nachbarn. Er bewachte den Nachbarn so gut, dass es mich in Erstaunen versetzte. Bis heute weiß ich nicht, warum er sich so verhielt. Vielleicht hängt es mit unserem Schicksal zusammen.
Die Mutter und die Taktik der rollenden Steine
Meine Mutter war die erste, die mich lehrte, mich zu wehren. Ich war noch ein kleines Kind. Ständig rauften und schlugen wir uns. Einmal hatte mir jemand eine Platzwunde am Kopf zugefügt. Als ich nach Hause kam, schimpfte meine Mutter sehr. Sie sagte, sie würde mich erst dann ins Haus lassen, wenn ich mich gerächt hätte. Sie hatte überhaupt kein Mitleid, jedenfalls zeigte sie keines. Ob ich ihr Sohn war oder nicht, ob ich die Kraft für Rache hatte oder nicht, spielte keine Rolle. Niemals hätte sie gedacht: Dieses Kind ist ängstlich, es traut sich nicht, sich zu wehren. Diese Haltung meiner Mutter hat mich sehr geprägt. Und die Geschichte meiner Aktion gegen Cimo und Miho, die die Steine auf mich geworfen hatten, wurde für mich genauso wichtig wie der erste Aufstand gegen die unmenschliche Regierung.
Weil Cimo und Miho mich verletzt hatten, überlegte ich, wie ich mich wehren konnte, auch wenn es mir schwer fiel. Ich war überzeugt, dass meine Familie mich nicht mehr akzeptieren würde, wenn ich nichts gegen meine Peiniger unternahm. Es war absolut unausweichlich: Wenn ich passiv blieb, würde ich nicht mehr lange leben. Was fiel mir nun in diesem Kindesalter ein? Welche Tat schien mir geeignet? Ich verbarg mich oberhalb des Tals und wartete auf Cimo. Schließlich sah ich ihn kommen. Mein Hemd hatte ich mit Steinen gefüllt. Ich fing an, größere Steine in Cimos Richtung den Berg hinabzurollen. Cimo war, kein leichter Gegner; vielmehr war er es gewohnt, mich spielend zu überwältigen. Durch die Wucht der herabrollenden Steine gelang es mir aber, Cimo in die Flucht zu schlagen. Ermutigt nahm ich die Verfolgung auf. Cimo lief vom Abhang bis zu seinem Haus, in dem er sich verängstigt einschloss. Für mich war meine Tat ein riesiger Erfolg, denn er war ein viel streitsüchtigerer Typ als ich. Bis zu diesem Tag hatte er mich eingeschüchtert, ja regelrecht tyrannisiert. Durch meine überlegten Aktion aber hatte ich mich meines Peinigers entledigt. Ich war sehr stolz darauf, da sie ganz auf Eigeninitiative beruhte. Mit Miho wurde ich dann auf dieselbe Art und Weise fertig.
Wenn ich heute an diese Aktionen denke, dann stelle ich fest, dass ich bei allen späteren – bei denen es um weit mehr ging als ein wenig Jungendstolz – ähnlich vorgegangen bin, dass ich also schon früh im Leben eine eigene Methode entwickelt hatte: Es gibt immer einen Plan, Geheimhaltung und Initiative. Der erste Angriff geht von mir aus und ich verfolge mein Ziel konsequent bis zum Schluss. Bei genauem Hinsehen stellt man fest, dass diese Methode sämtliche Eigenschaften voraussetzt, die ein Guerillakämpfer haben sollte.
So erzog ich mich im Alter von sieben Jahren selbst. Im alltäglichen Überlebenskampf waren Gewandtheit und Disziplin meine Stärken. Ich hatte mich streng unter Kontrolle. Auch im Kampf gegen Schlangen, Wölfe und Vögel war Disziplin notwendig, denn ich hätte leicht gebissen werden können. In den Bergen kannte ich mich aus, ich kannte jeden Felsspalt. Ich versuchte, Herr über mein Leben zu bleiben.
Im Dorf war ich einerseits beliebt. Ich schaffte es, die Dorfbewohner dazu zu bringen, mir mit Interesse zuzuhören. Ich sagte die unglaublichsten Dinge und brachte alle zum Lachen. Zum anderen geschah jedoch immer alles so, wie sie es wollten, nicht wie ich es mir vorstellte. Alle begegneten mir immer auch mit Spott. Man sagte: „Gott möge niemandes Kind so machen wie den Sohn von Ömer” oder „Um Ömer ist es geschehen.”
Einschulung, der lange Vor – und Zuname und die bestandene Prüfung
Zur Zeit der Einschulung befand ich mich einmal in einem kleinen Hain aus Nuss- und Olivenbäumen. Es war bald Herbst, und die Bäume trugen reichlich Früchte. Damals konnte ich mir unter einem Lehrer nur jemanden vorstellen, der mich in irgendeiner Form zurechtbiegen wollte. Ich ging noch nicht in die Volksschule und wusste gar nichts. Ich konnte kein Wort Türkisch. Wenn man in die Volksschule kam, wurden einem als erstes der Vor- und Familienname beigebracht. Mein erster Lehrer stammte aus Çorum. Er hieß Mehmet Meydankaş. Ich kann mich heute noch daran erinnern, wie ich zum ersten Mal an die schwarze Tafel ging. Der Lehrer hatte mich aufgerufen und gesagt: „Schreibe deinen Vor- und Familiennamen.” Das war für mich eine der wichtigsten Prüfungen meines Lebens. Die Buchstaben kannte ich, ich hatte sie mir eingeprägt. Mein Vor- und Zuname sind ziemlich lang, aber ich brachte die Buchstaben alle in die richtige Reihenfolge und als ich fertig war, bekam ich eine gute Note. Ich ging zurück zu meiner Bank mit dem Gefühl, eine schwierige Prüfung bestanden zu haben. Ich war der beste Schüler meines Lehrers! Seit damals bin ich Lehrern gegenüber immer respektvoll gewesen. Und in der Schule blieb ich ehrgeizig, immer wollte ich der Beste sein. Die erste Schulzeit war jedoch sehr schwer für mich. Ich hatte Sprachschwierigkeiten und Probleme mit dem Auswendiglernen. Zuhause in der Familie hatte ich nie wirklich Ruhe, und das Dorf war voller Konflikte. Jetzt kamen auch noch die Schulprobleme hinzu. Bereits in diesem jungen Alter können einem die Probleme über den Kopf wachsen. Die Realität ist beunruhigend und erbarmungslos. Ich fühlte mich jedenfalls schutzlos ausgeliefert. Eine Familie, die um das Wohl eines Kindes besorgt ist, bereitet es auch auf die Schulzeit vor und sorgt dafür, dass es langsam und stressfrei in sein neues Leben hineinwächst. Das gibt einem Kind Sicherheit. Ich hatte keinerlei Sicherheit. Vielleicht war das auch ein Vorteil, denn bereits in dem Alter lernte ich dadurch, auf mich selbst zu vertrauen.
Dieses Selbstvertrauen führte sicherlich auch dazu, dass ich mich bei allen unseren Kinderspielen und -streitigkeiten sowie später bei den Auseinandersetzungen in der Schule nie unterkriegen ließ. Immer stand ich auf der Seite der Sieger und war bis zur Universität der Liebling aller meiner Lehrer. Die meisten der Lehrer leben heute noch. Deren Lob für mich und die Gespräche mit ihnen machten zum Einen meine Mitschüler eifersüchtig und verstärkten zum Andern meinen Einfluss auf sie. Ich strahlte eine natürliche Autorität aus und man schätzte meine Führungsqualitäten. Während meiner ganzen Ausbildungszeit war ich ernsthaft, sorgfältig und stets respektvoll.
Du wirst ein Heiliger sein und fliegen
In der Volksschule war ich ein guter Imam (Vorbeter). Ich hatte mich eine Zeit lang intensiv mit der Religion befasst und verrichtete gewissenhaft meine Gebete. Schließlich erhielt ich die Position eines Dorf-Imams. Ich war für eine kleine Gruppe von etwa fünfzehn Schülern verantwortlich, die ich morgens zur Schule brachte. Ich versuchte mit großem Ernst, sie zu erziehen. Ich habe sie die Gebete verrichten lassen. Wenn es regnete, entstanden Pfützen. In denen ließ ich die mir Anvertrauten rituelle Waschungen vornehmen. Sie reihten sich sofort hinter mir auf und verrichteten dann die Gebete. Wichtig war, dass ich die Aufgabe als Imam freiwillig übernommen hatte. Es war eine zentrale Etappe meiner Entwicklung. Imam zu werden ist eine Aufgabe, die ein Kind nur schwer übernehmen kann. Ich versuchte, meiner Schülergruppe auch die Schule schmackhaft zu machen. Ich gab ihnen Nachhilfe beim ABC. Ich glaube, meine Mutter hielt diese freiwillige und unentgeltliche Arbeit für eine Dummheit. Sie sagte: „Du bist ein Dummkopf. Niemand lässt sich so ausnutzen wie du!” Sie machte mir meine ehrenamtliche Tätigkeit zum Vorwurf und aus ihrer Sicht hatte sie sogar recht. Aber ich strebte nun einmal danach, Menschen zu erziehen.
Als ich in meiner Volksschulzeit zum ersten Mal das Gebet verrichtete, sagte mir der Dorfimam: „Wenn du in diesem Tempo weiter machst, wirst du irgendwann davon fliegen. Du wirst ein Heiliger sein und fliegen.” Eigentlich verstand ich nicht viel vom Beten, aber die Art und Weise, wie ich dieses erste Gebet ausführte und wie ich die Regeln befolgte, hatte den Imam so sehr beeindruckt, dass er diese Anmerkung machte.
Bruch durch die Rückständigkeit und die Gewaltfrage
Ich sah, dass ich in einer Familie mit allen ihren Bindungen groß wurde und deshalb gegen feindliche Familien würde kämpfen müssen. Das gefiel mir nicht und ich nahm heimlich mit den Kindern der verfeindeten Familien Kontakt auf. Diese Freundschaften waren von großer emotionaler, aber auch taktischer und politischer Bedeutung. Sie durchbrachen die feudale Rückständigkeit der Dorfgesellschaft. Ich mochte die Kinder der verfeindeten Familien, sie zogen mich an. Dagegen hielt ich viele meiner Verwandten für wenig interessant. Schon früh lehnte ich also die jahrhundertealten feudalen Beziehungen ab und sehnte mich nach Versöhnung. Erst später wurde mir klar, dass es genau diese Art von Konflikten war, die Kurdistan zerstört hatten.
Auf der anderen Seite steht die bäuerliche Gottergebenheit und ein absoluter Pazifismus. Die Folge ist eine Schicksalsergebenheit, die dazu führt, dass die Bauern unbeweglich in ihrer Situation verharren. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich das erste Mal den Schuss einer Pistole hörte. Ich hörte, dass hinter der Moschee geschossen wurde, und erschrak zu Tode. Ein Pistolenschuss in unserem Dorf! Wie war es nur dazu gekommen? Ich sah in dieser Form, Konflikte auszutragen, keine Lösung. Als der Mann hinter der Moschee mit der Pistole schoss, dachte ich: „Das ist ein Ungeheuer, wieso schießt er mit einer Pistole? Zu unserem Dorf passt keine Pistole.” Und das war eine realistische Einschätzung. Widersprüche sollten nicht durch Waffengewalt gelöst werden. Diese Meinung vertrete ich heute noch.
Bei unserem Befreiungskampf war es mir immer wichtig, dass ich mich mit seinen Mitteln identifizieren konnte. Sie mussten akzeptabel sein, sonst hätte der Kampf eine unkontrollierbare Dynamik entwickeln können. Zwischen meiner Art, Konflikte anzugehen und der kurdischen Art bestand ein großer Unterschied.
Ich entwickelte eine genügsame Haltung. Lieber gab ich mich mit kleinen Dingen zufrieden, als ständig zu klagen und mich erniedrigen zu lassen. Bei mir sind Herz und Gefühl stärker ausgeprägt als der Intellekt. Natürlich ist mir letzterer auch wichtig, ich vernachlässige ihn nicht. Jeder weiß, dass ich auch der Theorie sehr nahe stehe. Ich bin ein sonderbarer Gefühlskämpfer. Meine Revolution beginnt mit Gefühlen und lebt von ihnen. Bei mir begann alles mit einer Mischung von Gefühlen, die einerseits aus Empörung und Ablehnung, andererseits aber auch aus einem starken Begehren bestand. Am Anfang meines Kampfes stand kein Bewusstsein, stand keine Politik, sondern standen Gefühle.
Ein früher Abschied
Da ich meine Familie und ihre Art zu leben nicht akzeptieren konnte, wuchs in mir der Wunsch nach einem Leben in Freiheit, auch wenn man dieses Leben aus heutiger Sicht nicht wirklich als frei bezeichnen kann. Ich wollte mich von den familiären Einflüssen befreien und trotzdem Menschen um mich scharen; dies bedeutete, dass ich die freundschaftlichen Beziehungen meiner Kindheit weiter fort entwickeln musste. Die ganze Kritik des Dorfes konzentrierte sich auf mich. Dabei wurde mein Zorn auf die Dorfgemeinschaft nur heftiger und ich selbst immer rebellischer. Ein Teufelskreis! Den ohnmächtigen Zorn habe ich aber zu einer vernünftigen Rebellion weiterentwickelt. Ich nahm innerlich Abschied. Trotz meines jugendlichen Alters war es ein schwerer Abschied, der mit heftigen Gefühlen verbunden war; manche Rituale saßen sehr tief.
Während dieser Zeit hatte ich einen Streit mit meinem Bruder. Da mein Vater keine Autorität besaß und ich als ältester Sohn gegen ihn rebellierte, war das Zerwürfnis mit den anderen Familienmitgliedern vorprogrammiert. In diesem Zusammenhang ist auch die Auseinandersetzung mit meinem Bruder zu verstehen. Ich versuchte, den Garten möglichst in Ordnung zu halten, denn ich hatte ihn sehr schön gestaltet. Mein Bruder aber wollte diese Ordnung zerstören, er wollte den Garten umstrukturieren, weil er an seine Erbschaft dachte. Ich wehrte mich dagegen, denn ich empfand den Garten als mein Werk, als etwas, das ich selbst geschaffen hatte und das ich mir nicht nehmen lassen wollte. Ich versuchte mit allen Mitteln, ihn aus dem Garten zu jagen und es gelang mir auch. Es war mir sehr wichtig, mir über die Motive für diesen Streit klar zu werden, denn ich habe auch später ähnliche Verhaltensweisen an den Tag gelegt. Das Vertreiben meines Bruders war ein Schlag gegen Verschwendung und Zerstörung. Niemandem gebe ich die Gelegenheit dazu, auch nicht meinem Bruder. Ihn fortzujagen war eine radikale, revolutionäre Handlung und absolut notwendig. Ob Bruder oder nicht: Das Ergebnis menschlicher Arbeit muss respektiert werden! Wenn man seine Interessen in einem Konflikt durchsetzen kann, geht man gestärkt daraus hervor. Man gewinnt eine neue Orientierung und nimmt seine Umgebung nun verändert wahr. Der Streit mit meinem Bruder eskalierte. Mitten im Dorf kam es zu einer heftigen Steinschlacht zwischen mir und ihm. Aber ich musste meine Rechte verteidigen, und wenn der eigene Vater sich in einer solchen Situation gegen einen stellt, setzt man sich auch über die heiligsten Familienbande hinweg. Nachdem ich meinen Bruder verjagt hatte, mischte sich mein Vater in den Streit ein und sagte: “Der Garten gehört mir, für wen hältst du dich denn überhaupt?” Ich hielt ihm seine Ungerechtigkeit vor und sagte: “Warum verteidigst du das Unrecht? Du solltest den Bruder nicht in Schutz nehmen! Wenn du dich aber auf seine Seite stellst, werde ich gegen dich kämpfen müssen!” Die Konsequenz war eine Abnabelung, eine Art zweiter Geburt und: große Einsamkeit.
10 Lira und der Auszug des Sohnes aus dem Dorf Amara
Im Anschluss an dieses Ereignis versuchte ich, meinem Vater zehn Lira abzutrotzen. Einen wahren Geldschatz! Angenommen, mein Vater wäre ein Staat gewesen, der außer seiner Autorität noch seine Staatskasse zur Verfügung gehabt hätte, so wäre dieser Akt einer revolutionären Vergesellschaftung gleichgekommen.
Normalerweise wäre es einem Kind nicht möglich gewesen, so viel Geld in die Hände zu bekommen. Kein Vater gab seinem Kind zehn Lira. Damals, es war wohl um 1960, war dies ein Geldbetrag, mit dem man sogar nach Ankara hätte fahren können. Das Geld zu entwenden, bedeutete einen Schritt mit ernsthaften Folgen, denn ab diesem Punkt gab es keine Möglichkeit mehr zur Verständigung. Ich würde in unserem Haus, im ganzen Dorf nicht mehr willkommen sein.
In dieser Lage zog ich den Schluss, dass ich mich zurückziehen und dann zur rechten Zeit am richtigen Ort wieder auftauchen musste. Das war wichtig. Ich zog mich zwar zunächst zurück, gab mein Anliegen aber nicht auf. Während meines offen dargebotenen Rückzugs machte ich heimlich einen Schritt nach vorn, drang in unser Haus ein und nahm das Geld mit.
Bei meinem Kampf mit meinem Vater bemühte ich mich, ihn nicht zu sehr mit den Steinen zu verletzen. Ich wäre zwar kräftig genug gewesen, um ihn zu töten, aber ich hatte doch noch Achtung vor ihm. Mein Zorn auf ihn und meinen Bruder war jedoch so groß, dass ich einen dritten Weg beschritt und seine ganzen Finanzen in meinen Besitz brachte, ohne dass es jemand hörte oder sah. Danach folgte der vierte Schritt, der Widerstand gegen das ganze Dorf. Aber ich blieb nicht im Dorf, um den Kampf dort aufzunehmen. Vielmehr bewertete ich die Lage realistisch und unternahm einen in dieser Situation sehr ernsten, operativen Schritt. Das war ein Weg, den ich auch später immer wieder einschlug. Entschlossenheit, Zorn und Willenskraft waren dermaßen groß, dass ich keinen Kompromiss mehr eingehen wollte.
Bis zum Endpunkt der Welt
Mein Ziel war, die Stadt Nizip zu erreichen, die am weitesten entwickelte Stadt der Region. Meine Entfernung zum Dorf sollte größtmöglich sein. Nizip war der letzte Ort, in den man ging, um etwas zu erreichen. Ich wollte bis an das Ende der Welt gehen, und dort war der Endpunkt der mir bekannten Welt. Sonst hatte ich keinen Ort. Ich kannte unser Dorf und ein paar weitere Dörfer. Indem ich mich von der Dorfgemeinschaft ab- und der Stadtgemeinschaft zuwandte, vollzog ich einen radikalen Bruch. Hierin liegt auch die gesellschaftliche Dimension dieses Schrittes. Ich fühlte mich wie jemand, der ganz allein in einen Krieg gezogen war und sagte mir: „Du musst Freunde finden!” Mir wurde klar, dass eine Organisation absolut notwendig war. Ich musste widerstandsfähige, solidarische Kräfte schaffen. Ich musste Freunde finden, mit denen ich Politik machen konnte, die sich gemeinsam mit mir organisierten. Mein Schritt war der einer revolutionären Persönlichkeit…
