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Die Frau muss erst sich selber gehören

by rcadmin

Das starke Verlangen nach Freiheit hat großen Respekt verdient
-Ein Brief von Rêber APO

RÊBER APO

In der PKK spielt die Befreiung der Frauen und ihre Organisierung eine zentrale Rolle: ohne freie Frau keine freie Menschheit. Der Vorsitzende der PKK, Abdullah Öcalan, hat diesen Prozess gefördert. Von Imrali auswandte er sich in einem Brief an die Frauen, den wir im Folgenden übersetzt und redaktionell gekürzt wiedergeben.
An alle Kurdinnen und Türkinnen, die in Gefängnissen, politischen Parteien, zivilen Organisationen, den Medien und der Presse arbeiten, sowie an diejenigen, die auf andere Weise am Kampf beteiligt sind, und an die Mütter des Friedens! 
Meine Gefühle den Frauen gegenüber kann ich nicht in Worten ausdrücken. Ich habe mich bemüht, ihnen sowohl geistig als auch im Leben ein Freund zu werden und versuche, diese Freundschaft richtig darzulegen. 
Die an mich gerichteten Briefe sind wertvoll und von großer Bedeutung, aber auf Grund meiner momentanen Lebensumstände kann ich sie nur mit einem Gruß beantworten. Die Schmerzen, die diese Frauen erleiden, geben ihnen das Recht auf das schönste Leben. Meine Bemühungen um Frieden sind die Anwort auf ihre diesbezügliche Sehnsucht. (…) 
Ich schlage der Frau Folgendes vor: sie soll sich von der Existenz als Ware befreien. (…) Die Frau ist Gegenstand menschlicher Macht geworden und auf den Wert einer Ware reduziert. Sie ist das älteste Objekt der Klassenexistenz, der Verdinglichung, und zu etwas geworden, dessen Wert mit Geld gemessen wird. (…) Da Handel und Staat viel mehr eine Angelegenheit des Mannes ist, wurde der Frau in der Gesellschaft kein Platz eingeräumt und sie wurde aus ihr ausgestoßen. Dieser Status dient also den Interessen des Mannes. Dies kann überwunden werden, wenn der Patriarchalismus in seiner klassischen Form getötet wird. (…) 
Ihr Frauen müsst vor allem folgende Fragen klären: Wieviel Freiheit wollt Ihr? Wieviel Kraft habt Ihr dafür? Wollt Ihr die Freiheit wirklich? 
Viele unserer jungen Kämpferinnen (gemeint ist: der PKK; Anm. d. Ü.) haben sich verbrannt, was mich sehr traurig gemacht hat. Diese Selbstverbrennungen sind eine Folge der großen Suche nach Freiheit; das starke Verlangen nach Freiheit hat großen Respekt verdient. 
Die Freiheit ist aktuelles Thema. Selbst das Nachdenken über ganz kleine Dinge im Leben ist für Euch wichtig, und Ihr müsst dies eigenständig machen. Nach der Befriedigung Eurer grundlegenden materiellen Bedürfnisse müsst Ihr Euch Gedanken über Eure Identität machen. Jeder Mensch bedarf einer Identität. Sich mit dieser Fragestellung zu befassen, bedarf persönlicher Stärke und Kraft und bedeutet, aus den vorhandenen Beziehungen auszutreten und allein zu sein. Freiheit ist die Nahrung des Geistes und der Seele. Nur mit der Freiheit als Nahrung kann der Mensch zum Menschen werden, jedoch bringt dies den Schmerz des Alleinseins mit sich. (…) 
Meine Freundschaft zu den Frauen hat ein hohes Niveau und eine besondere Beziehungsform. Ich hatte einen sehr guten Dialog mit ihnen aufgebaut. (…) Das weibliche Geschlecht ist unansehnlich gemacht worden. Weiblich sein wurde zu einer geisti-gen Qual. Falsche Annäherungen, solche rein geschlechtlicher Natur, sind sehr bedauerlich. Wir haben hiergegen gekämpft und wollten diese Annäherungen überwinden, was sehr wichtig ist. Wir haben intensiv zu dem Problem der klassischen Heirat und Familie gearbeitet. Diese Probleme gleichen einem Fass ohne Boden, und ohne sie zu lösen, kann die ganze Frauenfrage nicht gelöst werden. 
Mehr als nach Brot und Wasser gibt es ein Bedürfnis nach Freiheit. Es herrscht die Auffassung, dass weder die Frau ohne Mann noch der Mann ohne Frau sein kann. Ich meine aber: doch, es kann sein. Die Frauen müssen sich von Kopf bis Fuß, sie müssen sich vollständig erneuern. Es ist wie Mord, wenn die Frau so wie jetzt mit dem Mann zusammen ist. Würde man die Hintergründe der Begriffe Sexualität und Ehre erforschen, so würde man auf Auffassungen wie: “sie wird keinem anderen gehören”, “wenn jemand sie ansieht, dann zermalme ich ihn”, “sie ist meine Ware, meine Ehre”, stoßen. Es wird ganz deutlich werden, dass es sich hier um einen grenzenlosen Herrschaftsanspruch über die Frau und eine Verdinglichung der Frau handelt. Sie gehört sich also nicht selbst, sondern der Besitzer hat ein grenzenloses Recht auf sie. Aber: Die Frau muss sich selbst gehören. Das ist klar und eindeutig. Die Frau muss die verdinglichte Weiblichkeit besiegen. 
Um auf Frauen einzugehen, die sich den Männern gleich machen: Der Mann ist der Frau gegenüber erbarmungslos, viel erbarmungsloser aber ist die Frau gegen sich selbst. Die Frau muss gegen den Mann kämpfen. Dafür muss sie klug und vorsichtig sein und sich auf einen großen Kampf einstellen. Ein solcher Kampf ist ein Kampf für Demokratie. Es ist der Kampf des Kopfes und erfordert eine kämpferische Persönlichkeit, die den Frieden und die Freiheit vertritt. Gegen die unterdrückende Herrschaft müssen sich die Frauen gut ausrüsten und sich bemühen, ihre Schwäche zu überwinden. Weil sie sich schwach fühlen, können sie die patriarchale Herrschaft nicht besiegen. Die jungen Kämpferinnen (der PKK; An. d. Ü.) haben dies begriffen, jedoch auch sie lassen ihre Schwächen nicht los. 
Ist es nicht so, dass Freiheit viel wertvoller und wichtiger ist als ein Ehemann und Kinder? Ohne Freiheit ist alles verdammt. Dem Ehrenkodex muss hierbei die richtige Bedeutung gegeben werden. Die Ehre beginnt gerade an dem Punkt des Kampfes. Für mich bedeutet Freiheit Ehre. 
Der Mann ist sehr klug. Die Frauen sind auch klüger geworden, doch herrscht noch der Mann. Ihn, seine Herrschaft zu überwinden, bedarf Willenskraft und Stärke. Hierfür könnte demokratische Arbeit geleistet werden. In den politischen Parteien und ähnlichen Plattformen zu arbeiten und zu kämpfen, ist für den Kampf für Demokratie von größter Bedeutung. Doch müssen die Frauen erst sich selber gehören. 
In Bezug auf die Frauenfrage habe ich eine Vielzahl von Ideen, es gibt viel zu tun.
Die Frauen sollten nicht nur für ihre eigenen Probleme, sondern auch für die Probleme der anderen eine Kraft der Antwort und Lösung werden. (…)
Wir haben einen Freiheitskampf geführt, der nicht gering zu schätzen ist, und ich hoffe, dass er noch weiter entwickelt wird. Zahlreiche Frauen haben sich in diesem Kampf entwickelt, und es war keine dabei, die Verrat verübt hat. 
Frauen und Mütter sind Menschen des Friedens. Denn Kriege begannen erst gegen ihren Willen und waren die Werke des Mannes. Frauen sind Menschen des Friedens, sie sind sozial. Die gesellschaftlichen Normen in der historischen Entwicklung haben dazu geführt, dass es zur Natur der Frau geworden ist, keine Kriege und Klassengesellschaften zu akzeptieren. Gemäß dieser Natur haben sie auf Grund der historisch-gesellschaftlichen Bedingungen eine sozialistische Persönlichkeit und sind dem sozialistischen Leben viel näher. Die Lebensweise des Mannes jedoch beruht auf Gewaltherrschaft; seine Persönlichkeit steht in Verbindung zur Herrschaft. Während die Friedensphase für die Entwicklung der Frau steht, wird der Krieg vom Mann initiiert. Daher müssen Frauen eine konsequente Haltung als Kämpferinnen des Friedens aufweisen und sich als Kämpferinnen am Frieden beteiligen. Sie müssen den Bewegungen für Frieden und Demokratie mehr Interesse entgegenbringen und dabei führend sein. Diejenigen, die in Demokratie und Frieden führend sind, werden in sich auch kämpferische Persönlichkeiten entstehen lassen. Wenn das Ziel einer Frau so klar wie die Sonne ist, so wird sie auch geeignete Methoden für ihren Kampf finden. Ist ihr Freiheitswille stark, so wird sie hierfür alle notwendigen Wege und Methoden finden. Der Freiheit gegenüber Lippenbekenntnisse zu äußern, ist nicht nötig. Diejenigen, die den Herrschaftsgedanken des Mannes unterstützen und tragen, werden scheitern. 
Klagen wie “Wie sollen wir es machen? Die Männer versperren uns den Weg!”, ärgern mich sehr: sie wollen, dass man ihnen den Weg frei macht. Mit solchen Äußerungen wird Hilfe von Männer gefordert, und es ist die Art einer Frau, die Zuflucht bei ihrem Mann sucht. Man sollte sich nicht auf die Hilfe anderer beschränken. Die Frauen müssen das Unmögliche selbst möglich machen, den “KAF”-Berg (eine kurdische Sage, in der ein unüberwindbarer Berg beschrieben wird) erklimmen, um ihren Kopf und ihr Herz zu entwickeln. 
Kinder weinen. Frauen sollten nicht wie Kinder weinen. Ihr müsst mit Eurem Kopf leben und Euch mit ihm entwickeln. Vergesst nicht, dass Ihr Frauen in viel größerer Gefahr der Kreuzigung seid als ich. Diejenigen, die glauben, frei zu sein, können nichts machen. Diejenigen aber, die wissen, dass sie gekreuzigt werden, werden den Frieden, auch wenn er so klein ist wie eine Nadelspitze, zu schätzen wissen. Die Forderung “Staat, Vater, Ehemann, gib mir etwas” drückt Ausweglosigkeit aus. Wer die Freiheit will, muss sich auch dafür entwickeln und alles dafür Notwendige tun. Ist die Kraft begrenzt, so sollte die Frau dementsprechend arbeiten; sie muss die Last entsprechend ihrer Kraft tragen. 
In meinem Buch “Kurdische Liebe” habe ich Analysen der Freiheit vorgenommen. Es sind Ideen einer liberalen Freiheit, die sich auch in der heutigen Türkei entwickelt, wie ich der Presse entnehme. Die Frauenbewegung könnte im Frieden ihren Beitrag leisten, denn es geht hier um einen Kampf für Menschlichkeit. Wir führen einen Menschheitskampf, der vor allem für die Frauen von Interesse ist. Der Ausgangspunkt dieses Kampfes ist wichtig: die Situation der Frauen, der unterdrückten Völker und Menschen ist gleich. 
Ich bin kein Mann im klassischen Sinne, und ich werde es auch niemals für eine Frau sein. Ich will kein Ehemann oder Geliebter werden. Das ist etwas Spezifisches meiner Persönlichkeit. 
Über Mütter könnte ich auch einiges schreiben, aber ich möchte jetzt nicht über sie sprechen, da mich das sehr traurig macht. Es wäre einfach, über sie Einfaches zu sagen. Doch möchte ich, dass sie mich durch meine Arbeit und meinen Kampf sehen. Alles, was ich für die Frauen geleistet habe, ist auch für sie. Ich habe die Beziehung von Frau und Mann von Grund auf geändert. Ich habe die Doppelzüngigkeit beseitigt und versucht, eine grenzenlose Freiheit zu entwickeln, und es ist durchaus möglich, diesen Kampf noch weiter zu entwickeln. Meine Freundschaft zu den Frauen basiert auf einer richtigen Grundlage. Männer sind gefährlich, da sie zwei Gesichter haben und betrügen. Im Hinblick darauf, dass die Frauen sich selbst entfremdet und verweiblicht worden sind, habe ich wichtige Resultate erzielt. 
Die sich verbrannt haben, glaubten, sich dadurch loslösen zu können. Sie haben den Geschmack der Freiheit gespürt. Mit der Selbstverbrennung haben sie versucht, sich auszudrücken. Ich akzeptiere die Selbstverbrennungen nicht, denn sie bringen Ungeduld und Ausweglosigkeit zum Ausdruck. Für Demokratie sollten die Frauen zu Kämpferinnen wachsen. Sie sollten nicht ungerecht, sondern Vorbild sein. Dies wäre die Form des Verbrennens, die großen Persönlichkeiten entspricht. Dutzende lassen sich auf diese Weise für die Demokratie gewinnen. Ziel müsste das Bestreben sein, eine große Persönlichkeit zu werden und große Bedeutung zu gewinnen. Die Verbundenheit zu den Frauen, die sich verbrannt haben, kann nur durch den Sieg der Demokratie und des Friedens zustande kommen. Hierum werde ich mich bemühen. (…)
Schaut Euch mein Leben an, gewinnt einen Einblick in meine Freiheit, und Ihr werdet vieles verstehen. Es ist unwichtig, ob ich sterbe oder lebe. Es wäre viel richtiger, wenn Ihr sagen würdet: “Dieser Mann hat gelebt”. Eine große und grenzenlose Zukunft ist in diesem Moment versteckt. Ich habe ein großes Leben gelebt und diesen Moment gelebt. Ich habe diesen Moment geschützt, ihn niemandem ergeben und keinen Verrat an ihm zugelassen. 
Meiner Mutter habe ich nichts geben können. Wichtig ist, dass ich sie geliebt habe und noch immer mit Respekt an sie denke. Viel wichtiger ist es, für die Menschheit etwas zu leisten. Ich persönlich möchte kein billiges Leben, denn das ist ein niederträchtiges Leben. Für mich ist es eine sehr billige Art zu sagen: “Ich bin für jede Form des Todes bereit”. Es war notwendig, für den Frieden etwas zu leisten. Ich habe mich für den Frieden, für die Geschwisterlichkeit ausgesprochen und fand es sehr wichtig, für den Frieden zu leben. Ein grober Widerstand ist nicht wichtig. Es ist keine Ergebung. Auch wenn man mein Todesurteil vollstrecken würde, würde ich Euch nicht zur Feindschaft gegen Türken aufrufen. Dies ist keine Taktik, denn ich kämpfe für das Volk. 
Es schien mir viel richtiger, statt dem täglichen “stirb und töte” zu sagen ”lebe und lasse leben”. Ändert Euch in diese Richtung. Wenn ich sterbe, habe ich diesen Fehler korrigiert. Ich bin sowohl für den Tod als auch für das Leben bereit. Wenn es nötig ist, werde ich sterben und wenn der Tod kommt, werde ich ihn mit Lächeln empfangen. Große Werte sollte man so verteidigen. Mein Ziel war, mit der gesamten Menschheit gut auszukommen und meine Angst war, die früheren Fehler und Schwächen vorher nicht korrigieren zu können. Diese Angst habe ich zwischen den Wänden hier ein wenig überwunden. 
Ich versichere Euch, dass ich soweit mit Euch bin, soweit Eure Erwartungen und Wünsche gehen, und grüße Euch. Die Menschheit wird mit Euch sein. Liebe, Freundschaft und Genossenschaft wird mit Frauen möglich sein.

Rêber APO, Imrali, 
21. Oktober 1999

 

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