Dieser Text stammt aus der September Ausgabe 2019 der Zeitschrift STÊRKA CİWAN
AVESTA CİZİR
Im Internet, im Fernsehen, auf sozialen Medien und in jeder Zeitschrift konnten wir alle in den letzten Wochen von dem bedeutungsvollen Erfolg über den sogenannten IS in Baxoz sehen und hören. In der Vorreiterrolle der YPJ und YPG haben die demokratischen Kräfte Syriens monatelang einen heldenhaften Widerstand gegen die letzte Bastion der IS-Kämpfer geleistet.
Als es hieß, dass es nur wenige Kilometer bis zur endgültigen Befreiung Baxoz’ sind, konnten wir unsere Freude kaum in Grenzen halten. Jetzt sehen wir überall Bilder von der Befreiung Baxoz’ vom IS, wobei es allerdings um mehr als bloß nur eine Stadt geht.
Es wurde ein historisch bedeutender Widerstand geleistet.
Der IS hatte ab 2014 weite Teile Syriens und des Iraks unter seine Kontrolle gebracht und ein “Kalifat” ausgerufen. Seitdem waren brutale Hinrichtungen, Verstümmelungen von Leichen, Vergewaltigungen an Kindern und Frauen, Entführungen, das Verkaufen von Frauen als Ware, Feminizide, Völkermorde und Naturzerstörung auf der Tagesordnung.
Diese Bestien breiteten sich rasant aus. So, dass sich alle Menschen im Mittleren Osten fürchteten.
An dieser organisierten Gewalt haben wir gesehen, dass der IS der größte Feind der Frau war. Er repräsentiert das Patriarchat in seiner extremsten Form. Sein Krieg richtete sich insbesondere gegen die Frau, denn nur so würde es ihm gelingen, seine totale Macht aufzubauen. Es waren wieder die Frauen und die Kinder, die unter der Tyrannei des IS am meisten litten.
Die Handlungen des IS basierten auf Macht und Gewalt. Zwangsehen, Sklaverei, und Vergewaltigungen waren Alltag. Sie waren Mittel, um besonders Frauen und Kinder zu „erobern”. Man wollte die Frau und damit die Gesellschaft zerstören. Allein in Şengal wurden tausende ezidische Frauen verschleppt, verstümmelt, ermordet oder auf Sklavenmärkten verkauft. Bis heute sind viele Frauen verschwunden. Auf diesen Sklavenmärkten wurden Frauen wie Kriegsbeute verkauft. Viele von ihnen wurden erst öffentlich vergewaltigt, dann dem Markt zur Verfügung gestellt. Frauen wurden ständig von verschiedenen Männern vergewaltigt. Die Intention dahinter war klar. Im Mittleren Osten herrscht ein feudaler Ehrbegriff, damit wollte man die Frau in der Gesellschaft zerstören.
Man wollte damit nicht nur die Macht über die Frau demonstrieren, sondern sich gleichzeitig auch zu einem tyrannischen, allmächtigen Herrscher machen, die Rolle Gottes spielen. Die Frau wurde zu einem Objekt gemacht, welches kein Wert zum Leben hatte. Sie wurde ihrer Selbstbestimmung entrissen. Sie gehörte nicht mehr sich selbst, sondern den Vätern, Ehemännern, Brüdern, Söhnen und dem Kalifat. Man kann sich kaum vorstellen, was die Menschen, insbesondere die Frauen, in all den Jahren erlitten haben.
Ein Ausweg aus der Finsternis: YPJ
Die Menschen verloren unter der Herrschaft des IS ihre Hoffnung. Doch der Kampf tausender Frauen, die dieser menschenverachtenden Ideologie den Krieg angesagt haben, gab den Menschen ihre Hoffnung zurück. Um die Fesseln loszuwerden und diese Mentalität zu brechen, wussten Frauen, dass sie kämpfen müssten, um diese Situation verändern zu können. Sie mussten der organisierten Kraft des Patriarchats die Stirn bieten, um die Sklaverei zu durchbrechen. Tausende Frauen verschiedenster Ethnien griffen deshalb zur Waffe und erklärten damit, dass sie Rache für die Massaker in Şengal, Kobanê und Mossul nehmen werden. In dieser Finsternis, die so ausweglos erschien, wurden diese Frauen zum Licht der Hoffnung.
Mit dem Bewusstsein und der Überzeugung, dass eine andere Welt möglich ist, kämpften sie gegen diese abscheulichen Kreaturen des Patriarchats. Es war nicht nur ein militärischer Kampf, es war vor allem ein ideologischer Kampf, der geführt wurde.
Zwei verschiedene Ideologien standen sich gegenüber. Auf der einen Seite der IS mit seiner zerstörerischen Mentalität und auf der anderen Seite die YPJ mit einer Ideologie der freien Frau. Die Motivation des IS waren patriarchale Gedanken von Macht und Herrschaft, während sich der Kampf der Frauen auf die Befreiung der Gesellschaft bezog.
Heldenhafter Widerstand in Kobanê
Der heldenhafte Kampf der Frauen gegen die menschenverachtenden IS-Banden in Kobanê hat Menschen weltweit bewegt und eine Welle internationaler Solidarität entstehen lassen. 134 Tage haben YPJ und YPG entschlossenen und selbstlosen Widerstand gezeigt, ohne eine Sekunde ans Aufgeben zu denken, obwohl der Feind propagierte, dass die Stadt fallen wird. Mit der Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben in Freiheit und Würde kämpften sie pausenlos weiter. Von dieser Überzeugung konnte sie keiner abbringen. Mit jedem Tag, den sie Widerstand leisteten, brachten sie das Leben wieder zurück. Genau diese Entschlossenheit der Frauen bereitete dem IS enorme Angst und wurden damit zur Hoffnung der Menschen weltweit.
Frauen, die der IS als wertlos ansah, wurden zur Avantgarde dieses Widerstands und damit zu einer ernsten Gefahr der patriarchalen Ideologie.
Namen wie Arîn Mîrkan gehen in die Geschichte ein
Kobanê wurde mit diesen kämpferischen Frauen zum Symbol des historischen Frauenwiderstandes. Es war Şehîd Arîn Mîrkan, die sich selbst aufopferte, und damit einen entscheidenden Schlag gegen den Feind im Kampf gesetzt hat. Diesem Beispiel folgten auch Frauen wie Avesta Xabûr während der Invasion von Efrîn. Auch Namen von Genossinnen wie Şehîd Hêlîn Qereçox wurden in die Geschichtsbücher geschrieben. Diese Frauen wussten, wen sie vor sich haben. Es handelte sich um denselben Feind. Dem Feind der Freiheit, dem Feind des Lebens, dem Feind der Frauen. Der Kampf dieser heldenhaften Frauen richtete sich nicht nur gegen den IS und den faschistischen türkischen Staat an sich, sondern gegen das Patriarchat. Denn es ist das Patriarchat, welches den IS geschaffen hat.
Neben dem unbeschreiblichen Kampf, baute die YPJ gleichzeitig ein neues System entlang Rêber APOs Ideologie auf, in welchem Frauen ihren Platz im Herzen der Gesellschaft wiedererlangten. Das sorgte für eine große gesellschaftliche Veränderung. Auf dieser Basis verbreitet sich die Philosophie eines freien Lebens und der Einheit der Völker täglich mehr, sodass immer mehr Teile der arabischen Gesellschaft am Widerstand teilnehmen.
Seit der Revolution in Rojava gelang es, Frauen aus allen Teilen der Gesellschaft zu organisieren und sie wieder in das Zentrum der Gesellschaft zu bringen. Frauen haben bewiesen, dass sie die treibenden Kraft der Revolution sind.
Im Kampf gegen den IS gelang es der YPJ zusammen mit der YPG und der SDF, immer mehr Teile Nordsyriens zu befreien. Bis hin zu dem Tag, an dem der IS seinen letzten Stützpunkt verlor: Baxoz. Man konnte es kaum glauben, dass der IS wirklich militärisch geschlagen wurde. Doch auch diesen Ort konnten sie aus den dreckigen Händen des IS entreißen. In Kobanê hat die YPJ bewiesen, dass der IS nicht gegen den Willen der Frauen standhalten kann. In Baxoz hat die YPJ den IS ins Jenseits befördert.
Der Traum vom Kalifat ist durch die Kraft der Frau geplatzt
Der islamische Staat, der so unbesiegbar schien, wurde durch die Hand der Frau besiegt. Die Fahne des IS wird jetzt durch die der YPJ ersetzt.
Das schwarze Gitter ist Geschichte.
Syrien und Rojava bekommen nach und nach immer weiter die Farbe der Freiheit zurück.
Das Ende des IS ist ein historischer Moment für die Gesellschaft, besonders für alle Frauen dieser Welt. In Baxoz haben wir der Welt bewiesen, dass wir das Patriarchat besiegen können, wenn wir entschlossen dazu sind. Diesen Erfolg müssen wir als Kraft und Motivation nehmen, um das Patriarchat endgültig zu besiegen. Egal wo, egal wann – der Erfolg ist unser!
JIN JIYAN AZADÎ!