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Die Furcht vor der Freiheit

by rcadmin

ZÎLAN DEVRİM

Wovor haben wir mehr Angst? Vor dem bestehenden System oder vor der Freiheit? Wenn wir die Jugend skizzieren wollen, dann können wir sie als eine Eigenschaft beschreiben, die von Natur aus demokratisch ist und nach Freiheit strebt. Sie hinterfragt das Bestehende und versucht sich nach neuen Werten zu orientieren um bessere Maßstäbe für die Gesellschaft zu errichten. Schon im jungen Alter versuchen viele Jugendliche sich Gruppen zu schaffen, die sich nicht nach den Normen der kapitalistischen Moderne richten. Diese Freundschaften sind meist sehr intensiv und orientieren sich an genossenschaftlichen Werten. Blutsbrüderschaften, Gangs und Cliquen sind Beispiele für die Suche nach einer Gesellschaft die nicht auf individualisiertes Verhalten reduziert werden kann, sondern ein klares Anzeichen für die Suche nach einer kollektive Identität. Denn der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen, dessen gesamte Stärke seine Gesellschaft und dessen Werte und Normen sind sowie gleichzeitig ein Wesen, dass stetig nach dem Sinn des Lebens sucht. Der Sinn unser aller Leben ist die Vollkommenheit durch Verwirklichung. Diese Verwirklichung ist das streben nach Freiheit und Wahrheit, welches die Gesellschaft revolutioniert, sie verbessert und etwas zur Entwicklung dieser Gesellschaft beiträgt. Dieses Streben des Menschen ist ein nie endender Kampf um letztendlich mit diesem Kampf zu verschmelzen und Schritte in Richtung Wahrheit und Freiheit zu ermöglichen. Die Wahrheit, welche wir als „Hakikat“ bezeichnen, ist ein Zustand des Menschen und seiner Gesellschaft der die bestehenden positivistischen Theorien in Frage stellt und eine neue, freie Weltanschauung ermöglicht. Aus diesem Grund, ist es naheliegend Hakikat als Freiheit und Wahrheit zu definieren. Das kapitalistische System versucht unsere Suche nach Hakikat zu verfälschen und den wahren Sinn des Lebens in einen kleinen Raum zu sperren. Seit der Geburt versucht die kapitalistische Moderne uns von diesem Streben abzubringen und in unseren Köpfen die Mentalitäten des Systems zu setzen. Wir werden unserer gesellschaftlichen Stärke beraubt, indem eine unglaubliche Individualisierung statt findet. Wir werden unserer Geschichte beraubt und gleichzeitig verlieren wir unseren Glauben und die Überzeugung, indem wir die Bildungsstätten des Systems durchlaufen. Die Wahrheit und die Freiheit werden somit durch staatliche Definitionen ersetzt. Die neue Wahrheit ist die Geschichte der kapitalistischen Moderne, die nur die Geschichte der Gewinner und Männer erzählt. Die neue Freiheit ist der einsame Mensch, der Niemanden trauen kann, außer dem Staat. Und dieser Staat, nimmt den Menschen die Legitimation ein selbstbestimmtes Leben zu führen und vereinnahmt seinen kompletten Willen. Somit findet keine individuelle, kollektive und demokratische Entwicklung statt, sondern eine staatliche Entwicklung. Unser ganzes Wissen ist eine Geschichte die auf Lügen basiert. Diese Bildungssysteme der Staaten lehren den Jugendlichen bereits in der Kindheit Faktenwissen. Dieser übermäßige Zufluss von Fakten, lässt den Jugendlichen keine Zeit um sich mit anderen Dingen zu beschäftigen oder überhaupt selbstständig zu denken. Diese falsche Entfaltung der Persönlichkeit kann eine gewisse Zeit die menschlichen Bestrebungen nach Freiheit und Glück unterdrücken, aber nie ganz aufheben oder ersetzen. Die Jugend bemerkt am stärksten dieses falsch inszenierte Leben und versucht aus diesem Gefängnis auszubrechen. Doch die Angst ist zu groß vor der Freiheit. Das staatliche Denken hat das Selbstbewusstsein der Menschen gebrochen, mutig zu sein, nach Utopien zu streben, neues selbst zu gestalten und zu kämpfen. Statt dessen erwarten wir immer etwas vorgeschriebenes, handgreifbarem, nach dem wir uns richten müssen, auch wenn wir bemerken, dass es nicht die Wahrheit und die Freiheit ist. Wir streichen uns das Zimmer in verschiedensten Farben, kaufen Unmengen an Möbeln und geben uns mit einem Raum zufrieden, obwohl draußen die Welt auf uns warten. Darauf wartet, dass wir sie befreien, zurück zu unserer Natur finden und mit ihr verschmelzen. Wir schauen lieber aus dem Fenster des Zimmers und versuchen uns vorzustellen wie die Freiheit aussehen mag, wie sie wohl schmeckt, wie die Freiheit riecht und sich anfühlt, aber stehen uns selbst im Weg den Schritt aus diese Zimmer zu wagen. Das System hat uns die Gefühle genommen. Wir wollen nicht mehr fühlen, nicht mehr spüren. Nur analytisch Begriffe wie Freiheit und Wahrheit zu definieren ist. Doch unsere Gefühle sind doch die wahren Eigenschaften, die uns Menschen ausmachen. Sie sind strikt mit dem Gewissen und Moral verbunden.
Es gibt somit drei Hauptmerkmale welche die Existenz des Menschen definieren. Zum einen der Mensch und seine Beziehung zur Natur. Zum anderen die Geschichte und die damit verbundene Kultur, sowie seine eigene und die Gesellschaftliche und seine Emotionen.
Als die Menschen in der natürlichen Gesellschaft noch mit der Natur im Einklang waren, gab es eine intensive Bindung zwischen Mensch und Umwelt. Die Natur ist die Mutter der Menschen, die eine tiefe, emotionale Verbundenheit in einem natürlichen Kreislauf darstellt. Die Menschen haben diese Bindung durch den Kapitalismus und die damit verbundene Objektivierung der Natur verloren. Dies geschieht durch die starke Individualisierung der Menschen, ihrer Gefühle und ihrer Spiritualität. Gefühle der Unabhängigkeit sorgen für ein Gefühl der Freiheit, aber führen zur Einsamkeit, Unsicherheit und großen Ängsten. Denn der Mensch ist losgelöst von Natur und der Gesellschaft, die seine Stärke ausmachen. Die angebliche Überwindung von früheren Staatsformen und Herrschern hat zu neuen Feinden geführt. Beispielsweise mündete die Überwindung der Religionsstaaten in einer neuen Versklavung. Äußerliche Feinde haben sich zu Konflikten in den Mentalitäten gewandelt und innere Ketten breiteten sich im Individuum aus. Es ist vielleicht die Religion, die den Menschen Grenzen setzte, durch Wissenschaft überwunden worden, aber gleichzeitig ist auch jegliche Fähigkeit zu glauben verloren gegangen. Es wird daran festgehalten, dass alles wissenschaftlich erklärbar sein müsse. Alles wird zum Objekt deklariert und im Mittelpunkt steht der Mensch, der alles kontrollieren möchte und sich somit seiner Identität entzieht. Auch durch die Verfälschung der Geschichte und der starken Assimilierung durch den kapitalistischen Staat, wird versucht die Geschichte demokratischer Kämpfe und Errungenschaften unter den Teppich zu kehren sowie eine neue unwahre Geschichte in die Köpfe zu hämmern. Somit sind Gefühle, Glaube, Spiritualität, Sinn und Geschichte nicht mehr essentiell.
Dieser Prozess schürt eine ohnmächtige Haltung gegenüber der eigenen Existenz und sorgt dafür, dass die Menschen keine Stabilität in ihrem Dasein haben. Dies ist Verbunden mit einer großen Angst. Die Angst davor nicht mehr alles kontrollieren zu können, weil die Sicherheit und Freiheit bereits verloren worden ist. Diese falsche Sicherheit schafft dann der Staat und setzt sich wie eine neue Religion an den Thron der Sklavenherrschaft. Große Ängste sind verbunden mit Unsicherheit sowie Kontrollverlust und sind die Folgen einer Identitätslosigkeit, Persönlichkeitsentfremdung und mangelndem Selbstvertrauen. Die Ängste der Menschen schafft der Staat selbst und bietet dann die mögliche Sicherheit, um die Menschen ganz an sich zu binden.
Diese falsche Sicherheit ist unser kleines Zimmer, in dem wir uns die meiste Zeit befinden und jeglichen Kontakt zur Außenwelt verwehren. In dem wir vor tiefen Gesprächen ausweichen, uns selbst vereinsamen und uns dann selbst fragen warum wir eigentlich nicht glücklich sein können. Diese falsche Freiheit ist das Fenster aus dem wir manchmal einen Blick nach draußen werfen und uns mit den Umständen zufrieden stellen. Denn es gibt ja Menschen um die es schlechter aussieht. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, dass unsere Freiheit ohne die Freiheit dieser Menschen unmöglich sein wird. Und zuletzt suchen wir uns Zuflucht in einer falschen Liebe. Eine Liebe die uns vorgezeigt wird, aber nie gelebt wird. Eine Liebe die uns in die Machtverhältnisse drückt, aus denen wir als Jugendliche ausbrechen wollten. Aber bemerken gar nicht, dass unsere wahre Sehnsucht, der Ausbruch aus diesem Zimmer ist und die Suche nach Freiheit, Wahrheit und Liebe.

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