Mit der falschen Geschichte der Frau, kann man die Gegenwart nicht verstehen und deshalb nicht richtig leben. Je besser wir die Entwicklung der Gesellschaft bezüglich der Frau begreifen, desto besser können wir das richtige Leben aufbauen.
BAHAR TORÎ
Frauen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Die Hälfte aller unterdrückten Völker, die Hälfte aller von Kriegen, Armut und Umweltzerstörung Betroffenen. Wir wissen auch, dass die Frau mehrfach unterdrückt wird: so ist sie der systematischen Unterdrückung zusätzlich zu der Unterdrückung des kapitalistischen Systems ausgesetzt. Die Geschichte der Frau ist nicht nur eine Geschichte von Versklavung, Demütigung und Unterdrückung sondern auch eine Geschichte von Kämpfen. Unter diesen Gesichtspunkten ist es undenkbar sich nicht mit der Rolle der Frau auseinanderzusetzen.
Das Patriarchat ist kein Problem eines Geschlechtes, es ist das Problem einer Gesellschaft. Daher müssen wir auf gesellschaftlicher Ebene eine Lösung finden. Überall auf der Welt führen Frauen einen Kampf gegen diese rückständige Mentalität des Patriarchats. Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und kämpfen für die Freiheit. Denn sie wollen mit der 5000 Jahren Versklavung brechen. Und eines der präsentesten Beispiele für den Kampf der Frauen ist die YPJ: Yekîniyên Parastina Jin (Frauenverteidigungseinheiten). Denn es waren nicht Heiko Maas, Theresa May oder Macron, die die Menschen vor dem IS gerettet haben, sondern die YPJ, die heldenhaft Widerstand leisteten und dem IS die Stirn boten. Diese mutigen Frauen der YPJ kämpften Region für Region, um die Menschen vom Elend des IS‘ zu befreien.
Wer sind diese mutigen Heldinnen?
Die Gründung der YPJ 2013 in Rojava kennzeichnete sich als größter Albtraum des IS. Der Name sagt es eigentlich schon, die YPJ ist eine Armee, die ausschließlich aus Frauen besteht. In der ganzen Geschichte sind autonome Frauenarmeen eine Seltenheit. Diese Bewegung manifestiert sich an den vor über 20 Jahren in den Bergen Kurdistans aufgebauten ersten Frauenguerillaarmee, die trotz aller interner und externer Schwierigkeiten und Hindernisse entstehen konnte. Diese Frauen sind Frauen, die die feudalen Strukturen in der nahöstlichen Gesellschaft hinterfragen und überwinden, und die westlich-kapitalistische Mentalität zerschlagen wollen. Mit dem Willen nach Leben und Freiheit haben tausende Frauen sich dem Kampf angeschlossen.
Die YPJ Kämpferinnen haben es sich auf die Fahne geschrieben die Ideologie des IS im Keim zu ersticken und damit die widerlichste Ausgeburt des Patriarchats zu besiegen. Dieser starke Wille hielt die Welt in Atem und insbesondere das Engagement der an vorderster Front kämpfenden Frauen erfuhr weltweite Würdigung und Beachtung, weil es so einzigartig war, dass sich tausende Frauen aktiv an der Verteidigung ihrer Heimat beteiligten. So wurden Kobanê und insbesondere ihre Kämpferinnen rund um den Globus zum Symbol für das Ringen zwischen Gut und Böse. Der Mut und die Entschlossenheit der Freundinnen waren bei der Schlacht entscheidend.
Wir haben eine Schlacht gewonnen, aber der Krieg geht weiter!
Aber all dies wäre nichtig gewesen ohne die hunderttausenden Menschen, die im zivilen politischen Aufbau und in den militärischen Selbstverteidigungseinheiten tagtäglich ihr Bestes gaben. Und viele von ihnen gaben das Letzte was ihnen noch geblieben war: Ihr Leben. Der Preis für diesen Sieg war hoch. Alle, die in diesem Krieg oder im zivilen Aufbau im Norden Syriens einen Beitrag leisteten, haben Menschen verloren, die ihnen sehr nahestanden. Es gibt keine Mutter im Norden Syriens, die nicht eine Tochter oder einen Sohn beweint; keine Schwester, die nicht ihren gefallenen Bruder vermisst und kein Kind, das nicht seinen Onkel oder seine Tante in den Krieg ziehen und nicht mehr wiederkommen sah. Und es gibt unter den Internationalistinnen niemanden, der/die nicht Trauer und Wut über den Verlust von Anna Campbell, Ivana Hoffmann und all den anderen Gefallenen verspürt.
Als junge kurdische Frauen rufen wir Frauen aller Welt auf, zusammenzukommen und sich auf der Grundlage der Frauenbefreiungsideologie zu organisieren. Insbesondere wir junge Frauen dürfen nicht schweigen. Wir rufen alle dazu auf, mit dem Geist von Hevrîn, Amara und Avesta sich am Kampf gegen Gewalt an Frauen und damit gegen das Patriarchat aktiv zu beteiligen.
„Es geht nicht um die Suche nach einer alternativen Methode, sondern nach einer Lösung für die schweren Probleme, zu denen ein Leben voller Irrtümer und fern der Freiheit führt.“, schreibt Rêber APO. Und er meint damit nicht die individuelle Suche nach einem immer neuen Modelifestyle, wie sie ein an Langeweile zugrunde gehendes liberales Kleinbürgertum betreibt. Er meint das kollektive Leben in einer Gesellschaft der Gleichen, Rehevaltî, die Weggefährtenschaft im Kampf genauso wie das solidarische, demokratische Zusammenleben im Frieden.
Wir haben eine Schlacht gewonnen, aber der Krieg geht weiter. Denn das, wofür die mutigen Heldinnen gefallen sind und wofür wir anderen überlebten, ist nicht nur für die Zerschlagung eins besonders grausamen Gedankenguts. Sie fielen im Kampf für eine bessere Welt, eine Welt jenseits der kapitalistischen Moderne und jenseits staatlicher, imperialistischer und kolonialer Unterdrückung.