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Die Neudefinition der Gesellschaft-1

by rcadmin

Im Folgenden wird das Konzept der Demokratischen Nation, welches zugleich die ideologische
Perspektive der kurdischen Freiheitsbewegung darstellt, mit den Worten Rêber APOs
vorgestellt.

RÊBER APO

Als Demokratische Nation begreifen wir eine Gesellschaft, die durch den freien Willen des freien Individuums und der gesellschaftlichen Gruppen geschaffen wurde. Der gemeinsame Wille des freien Individuums und der gesellschaftlichen Gruppen, eine gemeinsame Nation zu bilden, ist das Bindeglied der Demokratischen Nation. Das nationalstaatliche Verständnis begreift als Merkmale einer Nation eine gemeinsame Sprache, einen gemeinsamen Markt und eine gemeinsame Geschichte. Wir akzeptieren diese Definition nicht als allgemeingültig. Es gibt nicht die eine „richtige“ Definition der Nation. Die nationalstaatliche Sicht auf den Nationenbegriff, die auch der Realsozialismus adoptiert hatte, ist das genaue Gegenteil der Demokratischen Nation. Insbesondere Stalin beharrte zu seiner Zeit auf diesem Nationenbegriff, was schließlich unter anderem auch ein Grund für das Ende der Sowjetunion war. In der kapitalistischen Moderne ist dieser Nationenbegriff noch weiter ausgereift. Aber solange dieses Verständnis der Nation nicht überwunden wird, sind nationale Fragen weiterhin dazu verdammt, in einer Sackgasse zu landen. Allein die Tatsache, dass seit über 300 Jahren nationale Fragen gestern wie heute grundlegende Konfliktursachen darstellen, rührt aus diesem fehlerhaften Nationenverständnis. Nationen, die diesem Nationenverständnis verfallen sind, sind zu einem Schicksal innerhalb der vier Wände ihrer nationalstaatlichen Grenzen verurteilt. Sie sind umzingelt und verunstaltet durch nationalistische, religiöse, sexistische und positivistische Ideologien. Das nationalstaatliche Modell stellt somit für die gesellschaftlichen Gruppen nichts als eine Unterdrückungsfalle dar. Der Begriff der Demokratischen Nation verkehrt dieses Verständnis. Er bricht mit einem Verständnis von strikten nationalstaatlichen Grenzen, dem Verständnis einer Nation, die auf einer Sprache, einer Kultur, einer Religion und einer Geschichte beruht. Die Demokratische Nation basiert auf Pluralismus, der Freiheit und der Gleichberechtigung gesellschaftlicher Gruppen, die ein Leben in gegenseitiger Solidarität führen. Eine demokratische  Gesellschaft kann nur mit einem solchen Nationenverständnis realisiert werden.

Bei einer nationalstaatlichen Gesellschaft hingegen liegt es in ihrer Natur, dass sie der Demokratie gegenüber verschlossen ist. Und der Nationalstaat an sich ist weder in globaler noch in lokaler Hinsicht natürlich. Er stellt vielmehr die Verneinung des Natürlichen dar. Denn die Schaffung einer einheitlichen Gesellschaft mit einem einheitlichen Bürger ist gleichbedeutend mit dem Tod des Menschen. Demgegenüber ermöglicht die Demokratische Nation den Wiederaufbau der globalen und lokalen Natürlichkeit. Sie ermöglicht die Entfaltung der gesellschaftlichen Realität. Alle übrigen Definitionen der Nation bewegen sich irgendwo in der Mitte zwischen den beschriebenen zwei Auffassungen des Nationenbegriffs. Auch wenn die verschiedenen Definitionen des Nationenbegriffs breitgefächert sein mögen, kann man in ihnen doch eine Gemeinsamkeit hervorheben. Diese Gemeinsamkeit drückt sich in dem gemeinsamen Geist einer Nation aus. Das bedeutet, eine Nation besteht aus einer Gruppe von Menschen, die einen gemeinsamen Geist [eine gemeinsame Mentalität] teilen. Die gemeinsame Sprache, Religion, Kultur, Geschichte, der gemeinsame Markt und die gemeinsamen politischen Grenzen können Träger dieses gemeinsamen Geistes sein. Sie müssen es aber nicht. Sie sind also nicht zwangsweise bestimmend für den Nationenbegriff. Das bestimmende und zugleich dynamische Merkmal ist allein die gemeinsame Geisteshaltung. Während bei der staatlichen Nation der Nationalismus bestimmend ist für den gemeinsamen Geist, sind es bei der Demokratischen Nation die Freiheit und die gegenseitige Solidarität.

Der Körper der Nationen ist die Demokratische Autonomie

Allerdings wäre die Beschränkung der Nation auf den gemeinsamen Geist lückenhaft. Genauso wenig wie der Geist ohne Körper existieren kann, ebenso wenig kann die Nation das. Der Körper derjenigen Nationen, die mit dem nationalistischen Geist behaftet sind, äußert sich im Staat. Eben wegen ihres Körpers werden diese Nationen auch als Staatsnationen bezeichnet. Der Körper der Nationen, die allerdings freiheitlich und solidarisch sind, ist die Demokratische Autonomie. Die Demokratische Autonomie bedeutet, dass das Individuum und die Gesellschaft sich mit ihrem eigenen Willen verwalten. Man kann auch von einer demokratischen Leitung oder demokratischen Autorität sprechen. Der Begriff der Nation steht in einer Tradition mit Begriffen wie Clan, Stamm, Volksstamm, Volk bzw. Nationalität und wird zumeist über Ähnlichkeiten in der Sprache und der Kultur charakterisiert. Im Gegensatz zum Clan oder Stamm ist der Nationenbegriff umfassender, wodurch zugleich die bindenden Merkmale der Mitglieder dieser Nation lockerer gefasst sind. Die nationale Gesellschaft ist mehr ein Phänomen der Gegenwart und ihr Bindeglied ist das Teilen eines gleichen Geistes. Es ist also ein Phänomen, welches auf geistiger Ebene existiert und somit abstrakt und nicht greifbar ist. Wir können dies auch als kulturelle Auffassung des Nationenbegriffs verstehen. Soziologisch wäre eine Umschreibung vermutlich richtiger. Trotz unterschiedlicher Klassen, Geschlechter, Hautfarben, Ethnien und gar Nationalitäten reicht ein gemeinsamer Geist, eine gemeinsame kulturelle Welt aus, um Teil derselben Nation zu sein. Um diesen komplexen Nationenbegriff greifbarer zu machen, kann man ihn auch auf Unterkategorien wie die Staatsnation, Rechtsnation, Militärnation oder ökonomische Nation unterteilen. Diese genannten Unterkategorien gehören allesamt zu den machtzentrierten Nationen. Die kapitalistische Moderne fordert und fördert diese Art der Nationen. Denn nur eine mächtige Nation kann einen großen Markt, Ausbeutung und Imperialismus produzieren. Diese Nationen darf man nicht als die alleinige Art von Nation begreifen. Denn diese Nationen stehen ausschließlich im Dienste des Kapitals. Und der Ursprung für die Probleme ist ohnehin hierin zu suchen. Der Nationenbegriff, der sich von Unterdrückung und Ausbeutung abgrenzt, ist die Demokratische Nation. Diese Nation kommt der Freiheit und der Gerechtigkeit am nächsten. Er ist quasi das ideale
Nationenverständnis für alle Gesellschaften auf der Suche nach Freiheit und Gerechtigkeit. Der Grund, weshalb sich die kapitalistische Moderne und die in ihrem Dienst befindlichen Sozialwissenschaften nicht des Begriffs der Demokratischen Nation annehmen, ist ideologischer Natur. Denn die Demokratische Nation begnügt sich nicht allein mit einem gemeinsamen Geist und einer gemeinsamen kulturellen Welt. Sie beabsichtigt zugleich, alle ihre Mitglieder an ihren demokratisch-autonomen Strukturen teilhaben zu lassen. Diese Art von Selbstverwaltung ist maßgeblich für die Demokratische Nation. Und dies ist zugleich der Grund, warum sie als Alternative zum Nationalstaat zu verstehen ist. Anstelle von staatlicher Leitung kommt die Demokratische Leitung, was eine bedeutende Möglichkeit in Richtung Freiheit und Gerechtigkeit darstellt. Bisher wurde die Nation von der liberalen Soziologie entweder mit einer staatlich gewordenen Gesellschaft oder einer Gesellschaft, die dies beabsichtigt, gleichgesetzt. Die Tatsache, dass auch der Realsozialismus diese Definition unkritisch übernommen hat, zeigt die Macht dieser liberalen Soziologie. Die alternative Moderne, welche die Demokratische Nation mit sich bringt, ist die Demokratische Moderne. Die theoretische Grundlage der Demokratischen Moderne, und somit auch der Demokratischen Nation, ist eine antimonopolistische Wirtschaft, eine mit der Umwelt ausgeglichene Ökologie und eine sowohl der Umwelt als auch dem Menschen gegenüber freundliche Technologie.
Der Einwand, dass eine Nation über ein gemeinsames Territorium und einen gemeinsamen Markt verfügen müsse, ist nicht haltbar. So hat die jüdische Nation beispielsweise lange Zeit ohne eigenes Land fortexistiert. Obwohl sie über keinen eigenen nationalen Markt verfügte, waren ihre Angehörigen auf den Weltmärkten oft äußerst einflussreich. Es steht außer Frage, dass für Staatsnationen ein staatliches Territorium und ein eigener Markt wichtige Mittel für die Kapitalakkumulation sind. Für die Expansion staatlicher Territorien und des Marktes wurden die blutigsten Kriege der Menschheitsgeschichte geführt. Das Territorium ist als Eigentum und der Markt als Ort der Profitrealisierung von großer Bedeutung. Für die Demokratische Nation haben allerdings Land und Markt eine andere Bedeutung. Das Land wird als wertvoll angesehen, weil es für den nationalen Geist und die nationale Kultur eine große Chance bedeutet. Doch durch den Fetisch des „Vaterlandes“ erhebt die kapitalistische Moderne das Land über die Gesellschaft. Zweck dessen ist die Kapitalakkumulation. Dies ist sicherlich keine gesunde Bewertung des Landes und man sollte es nicht übertreiben. Das Motto „Alles für das Vaterland“ ist ohne Zweifel ein faschistisches Verständnis. Es wäre gesünder zu sagen „Alles für eine freie Gesellschaft, für eine Demokratische Nation“. Aber auch das sollte nicht in eine Art Götzenkult ausarten. Der wichtigste Grundsatz muss stets das Ziel eines wertvollen Lebens bleiben. Das Land ist dabei bloß ein Mittel und nicht das Ideal. Während die Staatsnation stets eine homogene Gesellschaft anstrebt, besteht die Demokratische Nation aus verschiedensten Kollektiven. Die Unterschiedlichkeiten werden hierbei als Reichtum angesehen. Das Leben an sich besteht aus diesen Unterschiedlichkeiten. Deshalb ist der Nationalstaat, der alle Menschen aus einem Guss haben will, eigentlich auch die Verneinung des Lebens. Ihr Endziel ist der „Robotermensch“. Ihr Weg führt also in eine Art Nihilismus. Wohingegen der Bürger der Demokratischen Nation einfach unterschiedlich ist, weil er seine Unterschiedlichkeit aus den Unterschieden der verschiedenen Gemeinschaften nimmt. Selbst das Vorhandensein von Stämmen wird als ein Reichtum der Demokratischen Nation angesehen. Die gemeinsame Sprache ist sicherlich, genau wie die Kultur, von großer Bedeutung für die Nation. Sie ist aber keine zwingende Bedingung. Verschiedensprachige Menschen können Teil derselben Nation sein. So wenig wie jede Nation einen eigenen Staat benötigt, genauso wenig benötigt sie eine eigene Sprache. Verschiedene Sprachen und Dialekte können auch als Reichtum einer Nation begriffen werden. Demgegenüber versucht der Nationalstaat strikt eine einzige Sprache durchzusetzen. Sie gewährt der Vielsprachigkeit, vor allem wenn es darum geht, dass diese auch noch zu Amtssprachen werden sollen, sehr wenig Spielraum.

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