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Die Neudefinition der Gesellschaft-2

by rcadmin

Dieser Text ist eine Übersetzung aus dem fünften Verteidigungsbuch “Kültürel Soykirim Kiskacinda Kürtleri Savunmak” von Rêber APO.

RÊBER APO

Die gefährlichste Form der Nation hingegen ist diejenige, die mit dem Geist der militaristischen Nation verseucht ist

Dort, wo die Demokratische Nation sich nicht entfalten kann und der Nationalstaat die Probleme nicht in den Griff bekommt, wird versucht, einen Kompromiss zu finden, der sich im Rechtsstaat äußert. Die Lösung, bei der vom verfassungsrechtlichen Bürger gesprochen wird, ist nichts als der Rechtsstaat. In den Verfassungen werden hinsichtlich der Bürgerschaft in der Regel keine rechtlichen Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien oder Nationalitäten gemacht. Allein die ethnische Zugehörigkeit verschafft keine besonderen Rechte. Diese Art der Nation ist vor allem in maßgebend ist, sind es beim Rechtsstaat die Rechte des Einzelnen. Beim Nationalstaat hingegen ist die Herrschaft an sich bestimmend. Die gefährlichste Form der Nation hingegen ist diejenige, die mit dem Geist der militaristischen Nation verseucht ist. Auf den ersten Blick scheint diese Form der Nation die Mächtigste von allen zu sein. Aber in der Realität ist sie diejenige, die am unerträglichsten für das Leben ist, weil sie stets den Menschen Aufgaben auflastet und dem Faschismus Tür und Tor öffnet. Eine Kategorie, die dem Nationalstaat nahekommt, ist die ökonomische Nation. In den USA, Japan und gar Deutschland, also Nationen, in denen die Ökonomie absolute Priorität hat, herrscht dieses Nationenverständnis vor. In der Vergangenheit war dieses Verständnis in Europa noch bestimmender. Der Versuch, eine sozialistische Nation zu schaffen, wurde oftmals gewagt. Man kann aber nicht sagen, dass es besonders erfolgreiche Versuche waren. Diesem Nationenverständnis begegnen wir zum Teil in Kuba. Aber dieses Nationenverständnis verkümmerte zu einem leicht abgewandelten Abbild des nationalstaatlichen Verständnisses. An die Stelle des privatwirtschaftlich-kapitalistischen Nationalstaates wurde ein staatskapitalistischer Nationalstaat gesetzt. Wichtig bei der Theoriebildung der Nation ist, dass diese nicht vergöttlicht wird. Die kapitalistische Moderne hat an die Stelle der traditionellen Glaubensdogmen die Vergöttlichung des Nationalstaates gesetzt. Das ist eine wichtige Erkenntnis. Wenn wir die nationalistische Ideologie als Religion des Nationalstaates begreifen, dann ist der Nationalstaat selbst deren Gott. Dem Staat ist es somit gelungen, das Göttlichkeitsverständnis des Mittelalters, gar der Frühzeit, in sich zu vereinen. Die Entwicklung verläuft vom „Menschenkönig“ über den „Gottkönig“ hin zum göttlichen Nationalstaat am Ende des Mittelalters. Gleichzeitig werden auch die Begriffe Nation, Vaterland und Markt vergöttlicht. Zweck dessen ist die Etablierung der hegemonialen Ideologie der kapitalistischen Moderne, um unbegrenzte Kapitalakkumulation zu legitimieren und zu gewährleisten. Und diese moderne Religion hat auch ihre eigenen Pflichten und Rituale: Sie wiederholt permanent ihre grundlegenden Losungen von einer Nation, einer Sprache, einer Fahne und einem Heimatland. Ihre Symbole sind allgegenwärtig und werden uns permanent vor Augen geführt, sodass wir fast schon allergisch auf andere Symbole reagieren. Der nationale Chauvinismus
wird auf jeglicher Veranstaltung, vor allem auf sportlichen und kulturellen, grenzenlos in die Höhe getrieben. Diese Rituale haben letztlich denselben Sinn wie die Rituale anderer Religionen. Sie sollen die Profite der Herrschaftsmonopole verschleiern oder sie vergöttlichen und somit legitimieren. Nur wenn wir all diese verschleiernden Elemente des heutigen Nationalstaates entlarven und begreifen, können wir die Wahrheit hinter der gesellschaftlichen Wirklichkeit besser verstehen.
Die Demokratische Nation ist am ehesten von all diesen Krankheiten befreit. Nur im Rahmen der Demokratischen Nation kann auch der Nationenbegriff soziologisch richtig aufgearbeitet werden. Es ist auch wichtig, die Funktion des Staates nicht zu überhöhen und über die Gesellschaft zu setzen. Der Staat muss in seiner Funktion beschränkt sein, im Dienste der Gesellschaft als technisches Mittel begriffen werden. Nur in dieser Form können die nationale Gesellschaft und der Staat sinnvoll koexistieren. Die Demokratische Nation überhöht auch nicht die Leitungsfunktion.Auch sie ist ausschließlich auf den Dienst für das alltägliche Leben beschränkt. Wenn jeder die Notwendigkeiten erfüllt, kann man auch als einfacher Beamter eine Leitungsfunktion übernehmen. Diese Aufgabe ist zwar sehr wertvoll, sie wird aber nicht als heilig angesehen.
Das Verständnis von der nationalen Identität ist ein offenes. Es handelt sich nicht um eine geschlossene Gruppe, wie beispielsweise bei der Zugehörigkeit zu einer Religion. Jeder kann Mitglied einer oder mehrerer Nationen sein. Diese Nationen können auch ineinander übergehen. Die Demokratische Nation kann in diesem Sinne auch mit dem Rechtsstaat koexistieren, vorausgesetzt man einigt sich. Das Heimatland, die Fahne, die Sprache können sicherlich wertvoll sein, aber sie sind nicht heilig. Die Heimatländer können ebenso sehr ineinander übergehen oder friedlich nebeneinander existieren wie die Sprachen oder die Fahne. Diese friedliche Koexistenz ist nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine historische Notwendigkeit. Mit all diesen Besonderheiten kann die Demokratische Nation zur starken Alternative des Nationalstaates werden, welcher wiederum zu nichts anderem als dem kriegstreibenden Mittel der kapitalistischen Moderne verkommen ist. In der Tradition und auf dem Erbe der vergangenen Revolutionen der Menschheitsgeschichte kann die Demokratische Moderne durch die Demokratische Nation, eine kommunale Ökonomie und eine ökologische Industrie ein Meilenstein auf dem Weg zu einer neuen Revolution im 21. Jahrhundert werden. Die ökonomisch-sozialen Einheiten der Demokratischen Nation sind die Kommunen. Diese Einheiten agieren in ökonomischer Hinsicht nicht nach dem Primat der Profitmaximierung, sondern stets im Hinblick auf die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse. Es gibt einen Markt, aber die Möglichkeit von Monopolbildung wird von vornherein strikt eingegrenzt. Der Maßstab dafür ist die ethische Kontrolle der Gesellschaft. Die ethischen und politischen Werte der Gesellschaft haben Vorrang vor dem positiven Recht. Bei der Lösung gesellschaftlicher Fragen gelten die Kriterien der direkten Demokratie. Die Freiheit des Individuums und der Gesellschaft hängen zusammen mit der Synthese aus wissenschaftlichem Bewusstsein, künstlerischem und ethischem Bewusstsein sowie dem Verständnis von politischer Kunst. Das Maß der Freiheit des Individuums wiederum steht in direktem Verhältnis zur Freiheit der kommunalen Einheit, in der es existiert. Eine Loslösung von der Gesellschaft kommt nicht der Freiheit gleich.

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