Home ALLE BEITRÄGEGESCHICHTE Die Oktoberrevolution und ihre historische Bedeutung – Teil I-II

Die Oktoberrevolution und ihre historische Bedeutung – Teil I-II

by rcadmin

Die Oktoberrevolution stellt den heldenhaften und historischen Versuch dar, durch die Kraft der eigenen Hände, eine neue Gesellschaft, frei von jeglicher Abhängigkeit und Sklaverei, den Sozialismus, zu errichten. Insbesondere in der heutigen Zeit, in der das System der kapitalistischen Moderne in seiner bisher tiefsten Krise steckt, besitzen die Erfahrungen, Erfolge und Werte der Revolution von 1917, für uns als revolutionäre Partei und Bewegung und für alle die heute noch um eine bessere und freie Zukunft streiten, eine ungebrochen herausragende Bedeutung.

DİLSOZ BAHAR

Im Jahr 1917 tobt nun schon seit drei Jahren der erste imperialistische Aufteilungskrieg, aus den Schulbüchern wohl eher bekannt als 1. Weltkrieg. Die noch neugeborenen imperialistischen Mächte kämpfen um die Aufteilung der weltweiten Ressourcen, Arbeitskräfte und Absatzmärkte. Die Menschheit erlebt in diesen Tagen ein noch nie dagewesenes Menschenschlachten in einer derart barbarischen Größenordnung, dass nicht wenige an das baldige Ende der Welt glauben. Insgesamt über 17 Millionen Menschen werden vom Krieg verschlungen, als Kanonenfutter im Kampf der Monopole um ökonomische Vormachtstellung und die Verteilung der Welt, verheizt. Aufgeladen mit nationalistischer Propaganda ziehen die Ärmsten der Ärmsten gegeneinander zu Felde, morden, plündern und sterben für die Interessen ihrer eigenen Unterdrücker, zu Hause an der Heimatfront. Der erste Weltkrieg stellt die erste erbitterte Konfrontation der kapitalistischen Mächte dar, seitdem das Weltsystem in sein imperialistisches Stadium hinübergetreten ist. Zum ersten Mal offenbart sich für viele der wahre und verbrecherische Charakter des kapitalistischen Systems, in dem der einzelne Mensch zu nichts mehr degradiert wird als einem bloßen Werkzeug im Dienste des Profits. Der Mehrwert ist alles und der Mensch dabei nicht mehr als ein kleines Rädchen in der großen Maschine, jederzeit austauschbar ohne großen Eigenwert. Der Mensch soll verwertbar sein und Profit erwirtschaften um den Geldbeutel der Herrschenden stets prall gefüllt zu halten.

In der Schule lernen wir Kriege kennen, als Ergebnis einer Verkettung dummer Zufälle, großer Missverständnisse und weltanschaulichen Meinungsverschiedenheiten, kurzum als ein unausweichliches Zufallsprodukt der gesellschaftlichen Geschichte des Menschen. Dass Krieg das logische und zwangsläufige Produkt einer Wirtschaftsweise basierend auf Konkurrenz, steter Kapitalakkumulation und unendlicher Expansion, ist wird verschwiegen. Es ist nur logisch, dass die Herrschenden alles dafür tun würden um die wahren Hintergründe der Kriege zu verschleiern. Schließlich würden sich die Unterdrückten nicht so leicht verheizen lassen, wenn sie auch nur ahnen würden, wessen Interessen sie wirklich im Feld verteidigen. Eine Wahrheit muss von allen erkannt werden: Krieg und Kapitalismus passen zusammen wir Topf und Deckel. Einen humanen Kapitalismus ohne Krieg und Massaker wird es niemals geben, denn es kann ihn nicht geben. Der Kapitalismus braucht den Krieg, wie wir die Luft zum atmen. Für das System ist die Frage nach Krieg und Frieden, eine Frage um Leben und Tod.

Als zwischen dem 18. und den 19. Jahrhundert in Europa die modernen Nationalstaaten beginnen, sich langsam aus den kleinen und zersplitterten Fürstentümern der Feudalzeit herauszubilden, formiert sich in einem wechselseitigen Prozess, in den jeweiligen Ländern, auch die moderne herrschende Klasse der kapitalistischen Moderne, die Klasse der Kapitalisten, das Bürgertum oder mit anderem Namen, die Bourgeosie. Die europäische Bourgeosie tritt an die Stelle des alten Feudaladels und beginnt Stück für Stück auch die politische Macht an sich zu reissen. Anders als im Feudalismus, in dem der Adel seine Macht gegenüber den Leibeigenen und später der ärmlichen Bauernschaft über den Grundbesitz an Land definierte, erhält die Bourgeosie ihre herrschende Stellung über das Privateigentum an Produktionsmitteln. Produktionsmittel, das sind alle jene Gegenstände, derer die Gesellschaft bedarf um durch sie bestimmte Güter zu produzieren und damit ihre Bedürfnisse zu befriedigen, also zum Beispiel Maschinen. Im Kapitalismus sind die Menschen nicht mehr mit Ketten physisch gefesselt wie zur Zeit der Sklavenhaltergesellschaft, noch sind sie gebunden wie der Bauern an den Großgrundbesitz, wie im feudalen System. Die Menschen treten sich gegenüber als scheinbar freie und gleichberechtigte Partner, können sich entscheiden mit wem sie zusammenarbeiten und mit wem nicht. Besitzender und Besitzloser treten sich auf dem Markt als freie Vertragspartner gegenüber und dennoch unterscheidet sich die Sklaverei der modernen kapitalistischen Gesellschaft von der des alten Roms lediglich in der Form. Über die Jahrtausende hinweg, hat das System von Sumer bis zum modernen Nationalstaat, seine Form in vielfältigster Weise verändert und immer wieder neue Mittel und Wege gefunden um die offensichtliche Sklaverei und Ausbeutung hinter Masken zu verstecken und zu kaschieren. Die Form hat sich verändert, doch im Wesentlichen besitzen alle Ausbeutungssysteme der etatistischen Zivilisation, ein und den selben Charakter. Der Widerspruch zwischen Unterdrückten und Unterdrücker, zwischen Ausgebeutetem und Ausbeuter ist niemals aufgehoben worden, ob er uns nun im Verhältnis zwischen Sklaven und Freien, zwischen Leibeigenem und Feudalherr, zwischen Proletarier und Bourgeois oder auch gesamtgesellschaftlich und immer präsent, zwischen Frau und Mann sowie Jung und Alt, begegnet.

Im Kapitalismus verhöhnt die angebliche Freiheit des Individuums, auf dem das System seine Herrschaft errichtet hat, die Unterdrückten und Ausgebeuteten jeden Tag aufs Neue. Die Besitzlosen besitzen genauso viel Freiheit zu wählen, ob sie ihren einzigen Besitz, nämlich nichts als ihre eigene Arbeitskraft, Tag ein Tag aus, unter ihnen aufgezwungenen Bedingungen gegen ein bisschen Geld das gerade mal so zum Überleben reicht, ihren Lohn, zu verkaufen oder jämmerlich zu verhungern. Das Vorrecht der Kapitalistenklasse, auf den Privatbesitz an Produktionsmitteln, der Mangel an alternativen Formen gesellschaftlicher kommunaler Produktion, zwingt die Arbeitenden in ein Verhältnis, das der Sklaverei der Antike in keinster Weise nachsteht.

Mit der ökonomischen Macht geht auch die politische Macht Stück für Stück in die Hände der Bourgeoisie über. Die einzelnen Firmen stehen sich am Markt in erbitterter Konkurrenz gegenüber. Wer auch nur einen Tag schläft verliert, geht Pleite, das eigene Kapital geht über an den Kontrahenten. Nach der Phase der freien Konkurrenz geht der Kapitalismus über in eine Phase brutalster Monopolherrschaft. Durch das ständige Fressen und Gefressen werden, geraten kleinere Unternehmen gegenüber dem Großkapital ins Hintertreffen, werden einfach absorbiert und das Kapital konzentriert sich zunehmend immer mehr in den Händen einiger weniger. Große ökonomische Zusammenschlüsse entstehen, das Industriekapital verschmilzt mit dem Bankkapital und das moderne Finanzkapital wird geboren. Am Ende dieses Prozesses steht die Herrschaft unantastbarer unumschränkter Monopole, die die auch die Politik der Staaten, mit ihrer unstillbaren Gier nach immer weiteren Absatzmärkten und Arbeitskraft, maßgeblich bestimmen. Ist der heimische Markt erst einmal erobert und jeder Konkurrent niedergeworfen oder einverleibt worden ins Monopol, beginnt man sich umzusehen nach dem was außerhalb der Grenzen des eigenen Nationalstaats steht. Der Nationalstaat ist zu eng geworden für das Monopolkapital und man beginnt die Grenzen zu überschreiten. Zuerst werden sich die noch nicht verteilten Bereiche der Welt in Form von Kolonien einverleibt, doch irgendwann reicht auch das nicht mehr und die ökonomische Konkurrenz findet ihre Fortsetzung im beginnenden Rüstungswettlauf und Säbelrasseln der Staaten untereinander. Die Epoche des Imperialismus ist angebrochen und um die Aufteilung der Welt wird fortan auch mit Waffen gestritten. Der Entwicklungsprozess des Kapitalismus bis zu diesem Stadium verläuft natürlich nicht von heute auf Morgen sondern ist Ergebnis jahrzehntelangen Akkumulation und ist weitaus komplizierter, als es möglich wäre in diesem kurzen Artikel darzustellen. Worum es geht ist darzustellen, dass die Politik der Staaten letztlich niemals getrennt von den ökonomischen Interessen der herrschenden Klasse verläuft sondern vielmehr mit ihnen eine perfekte Einheit bildet. Der systemimmanente Zwang nach Expansion und Wachstum, weiter angetrieben, durch die sich verschärfende Konkurrenz, treibt die entwickelten kapitalistischen Mächte zur unausweichlichen Konfrontation. Während man noch alle Mittel der Diplomatie und friedlicher ökonomischer Übernahme ausschöpft, läuft im Hintergrund die Rüstungsindustrie schon auf Hochtouren. Der Ton wird rauher. Mit nationalistischer Propaganda werden die Massen aufgehetzt, scharfgemacht für den oben schon geplanten, bevorstehenden Raubzug. Konnte man im Mittelalter die Armeen noch für die Sache Gottes in ferne Länder schicken, bedarf die herrschende Klasse im Zeitalter des Kapitalismus, die auch mit der Religion als Herrschaftsinstrument des alten Feudaladels gebrochen hat und als Ersatz für sie die positivistische Wissenschaft in die Dienste ihrer Klasse gestellt hat, eines neuen ideologischen Werkzeugs um die Massen zum Morden zu motivieren. Der Nationalismus, die Religion der kapitalistischen Moderne erweist sich als effektivstes Mittel der Demagogie um die Unterdrückten zu verwirren und zum Kreuzzug für die Kapitalinteressen zu mobilisieren. Die Nationalflagge statt dem Kreuz in der Hand, eine Hymne statt religiöser Choräle auf den Lippen ziehen die Unterdrückten aller Länder freudig gegeneinander zu Felde. Karl Marx war noch der festen Überzeugung, dass die „Arbeiter kein Vaterland“ besitzen würden und schwor auf den weltweiten Zusammenhalt der Unterdrückten, die erwachsen sollte aus der Erkenntnis, dass es in allen Ländern ein und die selben Mächte sind die sie niederhalten, dass sie alle verbunden sind in ein und der selben Situation, geeint in ihrer Besitzlosigkeit. Doch diese Erkenntnis blieb aus. Und so fielen diejenigen, die auch am Vorabend des großen Krieges noch auf die natürliche internationale Klassensolidarität hofften, 1914 im Anblick des historischen Verrats der Sozialdemokratie aus allen Wolken. Die Parteien der Arbeitenden aller Länder, die Sozialdemokraten stellten sich bei Kriegsanbruch auf die Seite ihrer eigenen nationalen Bourgeoisie, schwafelten chauvinistisches Geschwätz von der Notwendigkeit der „Vaterlandsverteidigung“ anstatt die Unterdrückten zur Einheit und dem gemeinsamen Aufstand gegen den imperialistischen Krieg aufzurufen. Die Sozialchauvinisten, Karl Kautsky und Konsorten, zerschlugen die 2. Internationale die bis dato schlagkräftigste Organisation der Unterdrückten dieser Welt und traten die Parole von der internationalen Solidarität auf schändlichste Art und Weise in den Dreck. Sie alle stiegen ein in den nationalistischen Wahn und gaben dem Menschenschlachten, dem Raubkrieg der Bourgeoisie ihre Zustimmung. Nur wenige waren es, die Internationalisten, die sich weigerten in die Kriegsrufe einzustimmen und mit ideologischer Klarheit verkündeten: Krieg dem imperialistischen Krieg, die aufriefen zur Verbrüderung der Unterdrückten in den Schützengräben und sie aufforderten ihre Waffen auf gar keinen Fall aus der Hand zu legen, aber gegen die Feinde im eigenen Land, gegen die Unterwerfer aller Länder, die deutschen, russischen, französischen und britischen Imperialisten, zu wenden. Wie Spartakus eins im alten Rom, sollten die Sklaven sich erheben und die Waffen die ihnen von ihren Unterdrückern in die Hand gegeben wurden, damit sie sich unter Beifall in der Arena abschlachteten, gegen ihre Herren richten. Alle Versuche zur Einheit, zur Abwendung des Krieges schlugen fehl. Mit Freude im Herzen, umhüllt von blindem Wahn, marschierten sie zu tausenden in ihr Verderben. Doch an der Front, im Schützengraben, verwundet, blutüberströmt, dem giftigen Gas ausgesetzt, lernten viele den kriegerischen Irrsinn zu verachten und wurden hellhörig als da manche zum Aufstand gegen die Generalität aufriefen.

Die Oktoberrevolution und ihre historische Bedeutung – Teil II

In Russland wird im Februar des Jahres 1917 der Herrschaft des letzten absolutistischen Regenten, des russischen Zars, Nikolai der Zweite, durch einen gemeinsamen Aufstand, liberaler, demokratischer und sozialistischer Kräfte, ein jähes Ende gesetzt. Weitreichende demokratische Reformen werden eingeleitet. Viele jener Unzählbaren, die in den finstren Jahren zuvor, das Exil wählten um den zaristischen Folterkellern oder der Exekution zu entgegen, konnten nun endlich wieder heimkehren. Eine Übergangsregierung wird gebildet und das Parlament tritt zusammen. Entgegen der Forderungen der hungernden Massen auf den Straßen St.Petersburgs jedoch, hält die neuen Übergangsregierung am Kriegskurs fest und lehnt einen Friedensvertrag mit dem deutschen Reich und damit eine Beendigung des Krieges, aus eben gleichen verlogenen Beweggründen der „Vaterlandsverteidigung“ ab. Das Morden an der Front soll weitergehen, doch zunehmend macht sich Unmut in der Bevölkerung breit. Nur eine Fraktion der russischen Sozialdemokratie, die radikalen Bolschewiki unter der Führung Vladimir Iljitisch Uljanows, wohl eher bekannt als Lenin, stehen konsequent für die Beendigung des Krieges. Doch ihre Vision reicht noch viel weiter. Sie träumen von einer Welt in der Ausbeutung und Krieg für immer in Vergessenheit geraten, sie streben nicht nur danach den Zarismus beseitigen, sondern sind entschlossen das internationale kapitalistische System für immer auf den Müllhaufen der Geschichte zu transportieren. Lenin erkannte die Gelegenheit und erklärte schon 1916, der imperialistische Krieg der Herrschenden sei in einen revolutionären Bürgerkrieg der Unterdrückten zu verwandeln. Die historische Chance, die Lücke im vom Krieg geschwächten kapitalistischen Weltsystem müsse erkannt und genutzt werden. Lenin ist überzeugt davon, wenn das schwächste Glied aus der imperialistischen Staatenkette herausgebrochen wird, kann eine Situation geschaffen werden, die mit der nötigen Entschlossenheit in die erfolgreiche und seit Jahrhunderten ersehnte, weltweite Erhebung aller Entrechteten und Ausgebeuteten, in die Weltrevolution, münden wird. Im April des Jahres 1917 machen Lenin und seine engsten Vertrauten sich auf den Weg aus dem Exil in der Schweiz, in Richtung Russland. Sie sind entschlossen die Möglichkeit beim Schopf zu packen und die demokratische Revolution vom Februar durch die sozialistische Revolution zu vervollständigen. Für sie gilt in diesem Moment alles oder nichts. Der Krieg hatte eine einmalige Situation geschaffen und das Chaos eröffnete Perspektiven für einen Ausweg aus der kapitalistischen Krise. Die Bolschewiki beginnen in Russland mit dem Aufbau der Arbeiter-Bauern und Soldatenräte, der sogenannten Sowjets. Die Selbstverwaltungsstruktur der unterdrücktesten Schichten der russischen Gesellschaft soll sich als Parallelstruktur zum bürgerlichen Staatsapparat etablieren und so Fabrik um Fabrik, Dorf um Dorf, Viertel um Viertel, eine revolutionäre Gegenmacht von unten organisieren. Ziel ist es, die Strukturen des Staates langsam aber sicher, zu unterlaufen und überflüssig zu machen, eine Situation der Doppelherrschaft zu schaffen und letztlich bei immer weiterer Verdrängung der Übergangsregierung die Macht im Land in die eignen Hände zu nehmen. Dabei sind die Räte in ihrer Entstehungsphase, keineswegs als reines Machtinstrument der Bolschewiki zu verstehen, wie es uns die bürgerliche Geschichtsschreibung gerne weiß machen möchte. Lenin und seinen GenossInnen geht es Anfangs auch um die Überwindung des Staates an sich. Wie Lenin in seinem wichtigen Werk „Staat und Revolution“ skizziert, ist der Staat für ihn ein parasitärer Apparat der am Leib der Gesellschaft nagt und letztlich nur der Aufrechterhaltung der Klassenherrschaft dienen kann. Nach der Revolution, nach dem erfolgreichen Umgestaltungsprozess der gesamten Gesellschaft hin zu einer klassenlosen Ordnung, wird auch diesem seinen Platz höchstens noch ein Platz in den Museen zuteil werden. Lenin hat erkannt, dass die Herrschenden den Platz nicht freiwillig räumen werden und kommt daher zu seiner Überzeugung, dass es in der Übergangsphase einer Form zentralisierter Macht bedarf um den Widerstand der gestürzten Bourgeoisie nieder zu halten, einer Übergangsphase verschärften Klassenkampfes, der Alleinherrschaft der arbeitenden Teile der Bevölkerung, der Diktatur des Proletariats. Hinzuzufügen ist, dass wenn vom Begriff der „Diktatur“ die Rede ist, keine Einpersonenherrschaft im herkömmlichen Sinne gemeint ist, sondern vielmehr das unumschränkte herrschen der übergroßen Mehrheit der Gesellschaft beschrieben wird. Lenin erörtert in seinen Werken, dass das siegreiche Proletariat zuerst einmal die Regierungsgewalt erobern muss um sie letztlich wieder abzuschaffen. Ein Staat der Arbeiterklasse, der darauf ausgerichtet ist, jegliche Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu überwinden, macht sich im gleichen Moment als Instrument der Klassenherrschaft selbst überflüssig und beginnt langsam zu verschwinden. Er stirbt ab. In den Räten soll nach dem historischen Vorbild der Pariser Kommune von 1871 der Grundstein für das Absterben des Staates gelegt werden. Die Selbstorganisierung der Bevölkerung, basisdemokratische Entscheidungsfindungsprozesse und die Überwindung von Polizei und stehendem Heer durch die Milizorganisation zur Verteidigung der Gesellschaft und Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, sollen die Garantie sein, damit die alte Herrschaft nicht in neuem Gewand wiederkehrt.

Im Monat des Oktobers, nach dem damals in Russland gebräuchlichem julianischen Kalender, sollte es soweit sein. Die Zeit war gekommen um die Herrschaft der bürgerlichen Übergangsregierung zu beenden. Die Not war groß in den Städten Russlands. Hunderttausende Frauen, deren Männer an der Front kämpfen mussten, zogen nahezu täglich durch die Straßen und forderten Brot. Die Bolschewiki sahen den Zeitpunkt zur Offensive gekommen und riefen zum Umsturz. Mit der Parole „Alle Macht den Sowjets(Räten)“ auf den Lippen begannen am 7.November des gregorianischen Kalenders, Arbeiter und Soldatenmilizen mit der Besetzung strategischer Punkte der Hauptstadt St.Petersburgs. Die aufständische Besatzung des Panzerkreuzers „Aurora“ feuerte als Signal zum Aufstand, einige Salven auf den Winterpalais indem die Regierung Kerenski residierte und die Revolution begann. In kürzester Zeit und ohne große Straßenkämpfe gelang es den Bolschewiki die alte Regierung zu entmachten. Zum selben Zeitpunkt kamen 400 Deligierte der lokalen Räte zum 2. Allrussischen Sowjetkongress zusammen und beschlossen umfassende Reformen, einschließlich der Beendigung des Krieges, die vor allem den ländlichen Massen des agrarisch geprägten Landes und den unterdrückten nichtrussischen Ethnien des Zarenreiches umfassende Rechte garantierte. Als die Lenin die Sozialistische Sowjetrepublik proklamierte schlugen die Herzen der Unterdrückten weltweit höher.

Der lang ersehnte Tag war endlich gekommen. Die Revolution hatte zum ersten Mal in der Geschichte die Macht erobert und die Fahne, die Millionen von Menschen mit ihrem Blut gefärbt hatten wehte verheißungsvoll über Sowjetrussland. Seitdem Karl Marx und Friedrich Engels, 1848 mit ihrem „Kommunistischen Manifest“ den Unterdrückten zum ersten Mal in der Geschichte ein revolutionäres Programm auf wissenschaftlicher Basis schenkten, waren alle Hoffnungen und Träume von Milliarden einzig und allein auf diesen Moment gerichtet. Als 1871 die Pariser Kommune für kurze Zeit siegte und zum ersten Mal versuchte, den Beweis der Möglichkeit einer anderen Gesellschaft, praktisch zu erbringen, atmeten viele auf. Doch der Widerstand der Kommunarden wurde blutig niedergeschlagen. Zehntausende fielen den Kugeln der Reaktion zum Opfer. Jetzt endlich schien der Zeitpunkt gekommen. Die Welt würde vom heutigen Tag an eine andere sein. Alle Augen richteten sich gen Osten und inspiriert von den Erfolgen der russischen Revolutionäre, fassten sich auch in den Jahren nach 1917 Millionen neuen Mut, errichteten Barrikaden und ergriffen die Gewehre, versuchten auch in Deutschland, Italien und Ungarn Räterepubliken zu erstreiten. Der Zeitpunkt der Weltrevolution war gekommen. In Russland begann damals die Morgenröte einer freien Menschheit und ihre Strahlen erwärmten alle Kontinente. Für kurze Zeit schien alles möglich. Doch die Antwort der Reaktion folgte promt. Alle Mächte des alten Europas, verbündeten sich, vor Angst erzitternd, als sie die unbeschreibliche Kraft dieses Prozesses sahen, gegen die junge Sowjetrepublik. Das Land wurde in einen blutigen Bürgerkrieg gestürzt in dessen Verlauf, die Bolschewiki letztlich, in der festen Überzeugung, dass die Revolution nur so zu retten sei, die gesamte Staatsmacht in der Hand des Zentralkomitees bündelten. Die Räte wurden faktisch entmachtet, an die Stelle der geheißenen Diktatur des Proletariats trat zunehmend die Dikatur der Partei. Die Bolschewiki schlossen den Pakt mit dem Teufel, wurden eins mit der Macht, in der Hoffnung, nach der Sicherung der Revolution könne wieder mit dem Aufbau begonnen werden. Doch die neuen Größen die da an die Regierungsmacht kamen, ließen die Zügel nicht mehr aus der Hand. Die Revolution verlor viel ihrer Dynamik. Lenin pflegte immer zu sagen, dass der größte Fehler den die Revolutionäre begehen könnten wäre, nicht an die Demokratie, an die schöpferische Kraft der Massen zu glauben, sondern sie stets kontrollieren zu wollen und er brachte treffend zum Ausdruck, dass der Weg zum Sozialismus nur über die vollends entfaltete Demokratie gegangen werden kann. Dennoch konnten sich die Bolschewiki nicht davor bewahren, den alten Staatsapparat mit neuer Farbe wieder zu rekonstruieren. In den Jahrzehnten nach der Revolution schlich sich die alte Ordnung in neuer Form wieder ein. Die alte Bourgeoisie war gestürzt, an ihre Stelle rückte eine neue Klasse von Parteibürokraten. Die Sowjetunion verkam in ihrem über 70 jährigen bestehen, letztlich zu einer Form des verknöcherten Staatskapitalismus. Dennoch eröffnete der Sieg der Revolution in Sowjetrussland den weltweiten Befreiungskräften, den notwendigen Raum und trug maßgeblich zur Entfaltung der nationalen Befreiungskämpfe in der Dritten Welt bei. Ohne die Oktoberrevolution, wäre der Sieg in China, Vietnam, Kuba, Nicaragua und vielen weiteren Ländern der Welt nicht möglich gewesen. Auch die Entstehung der spanischen Republik und die Jahre des Widerstands gegen die Franco Putschisten von 1936-1939 wären in dieser Stärke undenkbar gewesen. Nicht zuletzt wurde unter Lenins Federführung die Dritte Internationale, die Komintern, 1919 reorganisiert und in den größten und schlagkräftigsten Parteienverband verwandelt den die Geschichte je gesehen hat. Die Komintern formierte sich als weltumspannende Kaderpartei um den Kräften der Befreiung überall zum Durchbruch zu verhelfen. In diesem Sinne hat die Oktoberrevolution eine historische Leistung erbracht, deren Bedeutung bis heute wohl noch nicht übertroffen ist. Nicht zuletzt die Gewalt der faschistischen Regime Europas, welche die Herrschenden aus Angst vor der sich anbahnenden Revolution installieren ließen, zeigt welch große Bedrohung die Oktoberrevolution für den Fortbestand des kapitalistischen Systems, darstellte.

Heute müssen wir uns die Frage stellen, wie ein Prozess der so vielversprechend und hoffnungsvoll begann, derart abgleiten konnte. Wir müssen und sie Frage stellen wie ein derartig großer und einzigartiger Aufbruch der demokratischen Zivilisation letztlich wieder in den Hauptstrom der kapitalistischen Moderne integriert werden konnte. Niemand kann heute behaupten, dass die Revolutionäre Russlands, dass Lenin und seine GenossInnen nicht aus aufrechten und edlen Idealen den Kampf begannen. Niemand kann behaupten, dass sie nicht für eine freie Zukunft der Menschheit gelebt und gestritten haben, sondern vielmehr nur die Macht im Blick hatten. Es wäre vermessen, auch den ungeheuren Opfern und den Millionen Märtyrern die unter dieser Fahne ihr Leben ließen, gegenüber derartiges zu behaupten und die Bedeutung der Oktoberrevolution kleinzureden, oder ihre Erfolge und ihren fortschrittlichen Charakter vollständig zu leugnen. Was dachten die revolutionären Matrosen als sie den ersten Schuss am Abend des 7. Novembers 1917 abfeuerten? Waren sie nicht überzeugt davon, durch ihre Tat eine Welt befreit von jeglicher Ausbeutung zu erschaffen? Kämpften die Millionen Jugendlichen, die sich im Großen Vaterländischen Krieg gegen das faschistische Deutschland, freiwillig an die Front meldeten und ihr Leben ließen, letztlich für nichts als die alte Unterdrückung in neuer Form? Nein, diese unzählbaren mutigen jungen Frauen und Männer, kämpften nicht um die Diktatur einer Bürokratenklasse zu erhalten. Ihr Antrieb war nichts als ihre ungebrochene und feste Hoffnung auf die Befreiung der Menschheit. Sie verteidigten ihr Mutterland, nicht nur weil es ihres war, sondern weil sie es als Heimstätte der freien Menschheit begriffen. Auch noch Jahre nach der Revolution, während dem Zweiten Weltkrieg, lebte dieser Glaube fest verankert in den jugendlichen Massen, allen Problemen und Verzerrungen denen diese Revolution zu diesem Zeitpunkt schon ausgesetzt war, zum trotz. Sie alle sind zu Märtyrern geworden, im festen Glauben an den Sieg des Sozialismus.

Obgleich ihre Revolution korrumpiert wurde von Karrieristen und Bürokraten, die Ideale für die sie ihr Blut gaben waren aufrecht und richtig, hier ran darf kein Zweifel bestehen. Und diese Ideale sind es letztlich, die sie uns als Erbe auf unseren Weg hinterlassen haben.

Die Oktoberrevolution ist Teil unserer Geschichte. Sie stellt eine wichtige Etappe der sozialistischen Weltbewegung dar. Wir müssen uns heute als Revolutionäre die Frage stellen, wie können wir den für den Aufbau des Sozialismus, millionenfach gebrachten Opfern gerecht werden, wo wir doch mit dem Scheitern des sowjetischen Experiments konfrontiert sind.

Unser Vorsitzender Abdullah Öcalan, hat die richtige Antwort gefunden, als er, in einer Zeit in der das kapitalistische System sich selbst für absolut und unantastbar erklärte und der Sozialismus für immer aus den Köpfen und Herzen der Unterdrückten verbannt werden sollte, die Fahne der Oktoberrevolution aufnahm und mit stolz ins 21. Jahrhundert führte. Die Parole auf den „Sozialismus zu bestehen, bedeutet auf das Menschsein zu bestehen“ war die angemessene Antwort auf Verrat, Liquidation und Kapitulantentum welches sich damals unter den revolutionären Organisationen der Welt verbreitete. Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus streckten viele ihre Waffen vor den Unterdrückern und gaben den Kampf für eine andere Welt auf. Unser Vorsitzender und unsere Partei jedoch, gingen einen anderen Weg. Serok Apo erkannte, dass es um den Mühen der Gefallenen gerecht zu werden, nicht nur genügt an ihren Idealen mit unerschütterlichem Glauben festzuhalten sondern auch eine Analyse und Korrektur ihrer Fehler vorgenommen werden musste, damit wir diese Ideale nun endlich zum Sieg führen können. Abdullah Öcalans Kritik des Realsozialismus zielt nicht darauf ab, die Leistungen der Revolutionäre vor uns zu schmälern, vielmehr geht es um ein Anknüpfen, ein Vervollständigen ihrer Arbeit. Mit seinem Paradigma der Demokratischen Moderne, einer umfassenden gesellschaftlichen Transformation basierend auf der Freiheit der Frau, dem Einklang von industrieller Produktion und der Natur und umfassender uneingeschränkter gesellschaftlicher Demokratie, ist es ihm gelungen sämtliche Kategorien des herrschenden Zivilisationssystems zu überwinden und ein wahrhaft revolutionäres Gesellschaftsprojekt zu denken. Der apoistische Sozialismus ist als eine neue Stufe in der Entwicklungsgeschichte des Sozialismus zu verstehen, als das Erreichen einer neuen Qualität, welche die gemachten Erfahrungen und Erfolge nicht verneint oder ablehnt, sondern auf höherer Ebene in sich vereint.

Heute im Norden Syriens und in allen Teilen Kurdistans, laufen wir in den Fußstapfen der roten Matrosen und Arbeitermilizen. In unseren Volksräten lebt der demokratische Geist der Sowjets. In unseren Kooperativen der Kollektivismus der frühen Kolchosen. Die Erfolge des revolutionären Aufbaus von Rojavas, sind die Antwort auf all jene die den Sozialismus schon für tot erklärt haben und auch ein Schlag ins Gesicht für alle die ihren Lügen glauben schenkten und sich dem Verrat zuwandten. Die Umsetzung der Ziele, für die unsere VorkämpferInnen vor 100 Jahren stritten, ist heute eine Pflicht deren Erfüllung heute auf uns fällt. Nach über 100 Jahren hat die Geschichte uns vor die Verantwortung gestellt, ihren Kampf aufzunehmen und dieses Mal erfolgreich zum Siege zu führen. Als letzte schlagkräftige und wirklich an den Sozialismus gebundene Kampforganisation, sind heute nicht nur, wie damals in Russland, die Blicke und Hoffnungen aller Unterdrückten auf uns und unseren Kampf gerichtet, sondern die ganze Last der Geschichte lastet auf unseren Schultern. Heute gilt es erneut unter Beweis zu stellen, dass die Unterdrückten fähig sind eine neue Welt durch ihre eignen Hände zu errichten. Eine klassen- und staatenlose Gesellschaft, frei von jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung, ist heute näher denn je. Es hängt von uns ab, ob wir die Gelegenheiten, die der Dritte Weltkrieg für uns eröffnet, ergreifen und eine ebenso große Revolution wir damals im Oktober verwirklichen werden. Die Zeit ist jetzt gekommen um Mittleren Osten heute, die Gebiete der freien Menschheit zu errichten. Die roten Sterne auf unseren Flaggen weisen uns den Weg in eine freie Zukunft.

Wir gedenken hochachtungsvoll allen Gefallenen der Oktoberrevolution und allen Märtyrern der Weltrevolution und schwören, dass wir ihre Ideale durch unseren Kampf zum Sieg führen werden. Die rote Fahne weht heute über den freien Bergen Kurdistans, zum Beweis, dass der Sozialismus noch nicht tot ist, sondern ganz im Gegenteil in der PKK heute lebendiger ist als je zuvor.

Nach 100 Jahren schließt sich der Kreis in Kurdistan. Seien wir uns der großen Verantwortung bewusst, die damit einhergeht.

Die Oktoberrevolution und ihre historische Bedeutung – Teil I

Wir schreiben das Jahr 2017. In diesen Monaten jährt sich der Sieg der großen sozialistischen Oktoberrevolution in Russland, im Jahre 1917, zum einhundertsten Mal. In diesen Tagen vor genau 100 Jahren, gelang es den Unterdrückten und Ausgebeuteten, den Werktätigen, den Arbeitern und Bauern zum ersten Mal, die Macht in einem Teil der Welt aus der Hand der herrschenden Klasse zu reißen und sie dem Volk zu überreichen. Die Oktoberrevolution stellt den heldenhaften und historischen Versuch dar, durch die Kraft der eigenen Hände, eine neue Gesellschaft, frei von jeglicher Abhängigkeit und Sklaverei, den Sozialismus, zu errichten. Insbesondere in der heutigen Zeit, in der das System der kapitalistischen Moderne in seiner bisher tiefsten Krise steckt, besitzen die Erfahrungen, Erfolge und Werte der Revolution von 1917, für uns als revolutionäre Partei und Bewegung und für alle die heute noch um eine bessere und freie Zukunft streiten, eine ungebrochen herausragende Bedeutung.

Im Jahr 1917 tobt nun schon seit drei Jahren der erste imperialistische Aufteilungskrieg, aus den Schulbüchern wohl eher bekannt als 1. Weltkrieg. Die noch neugeborenen imperialistischen Mächte kämpfen um die Aufteilung der weltweiten Ressourcen, Arbeitskräfte und Absatzmärkte. Die Menschheit erlebt in diesen Tagen ein noch nie dagewesenes Menschenschlachten in einer derart barbarischen Größenordnung, dass nicht wenige an das baldige Ende der Welt glauben. Insgesamt über 17 Millionen Menschen werden vom Krieg verschlungen, als Kanonenfutter im Kampf der Monopole um ökonomische Vormachtstellung und die Verteilung der Welt, verheizt. Aufgeladen mit nationalistischer Propaganda ziehen die Ärmsten der Ärmsten gegeneinander zu Felde, morden, plündern und sterben für die Interessen ihrer eigenen Unterdrücker, zu Hause an der Heimatfront. Der erste Weltkrieg stellt die erste erbitterte Konfrontation der kapitalistischen Mächte dar, seitdem das Weltsystem in sein imperialistisches Stadium hinübergetreten ist. Zum ersten Mal offenbart sich für viele der wahre und verbrecherische Charakter des kapitalistischen Systems, in dem der einzelne Mensch zu nichts mehr degradiert wird als einem bloßen Werkzeug im Dienste des Profits. Der Mehrwert ist alles und der Mensch dabei nicht mehr als ein kleines Rädchen in der großen Maschine, jederzeit austauschbar ohne großen Eigenwert. Der Mensch soll verwertbar sein und Profit erwirtschaften um den Geldbeutel der Herrschenden stets prall gefüllt zu halten.

In der Schule lernen wir Kriege kennen, als Ergebnis einer Verkettung dummer Zufälle, großer Missverständnisse und weltanschaulichen Meinungsverschiedenheiten, kurzum als ein unausweichliches Zufallsprodukt der gesellschaftlichen Geschichte des Menschen. Dass Krieg das logische und zwangsläufige Produkt einer Wirtschaftsweise basierend auf Konkurrenz, steter Kapitalakkumulation und unendlicher Expansion, ist wird verschwiegen. Es ist nur logisch, dass die Herrschenden alles dafür tun würden um die wahren Hintergründe der Kriege zu verschleiern. Schließlich würden sich die Unterdrückten nicht so leicht verheizen lassen, wenn sie auch nur ahnen würden, wessen Interessen sie wirklich im Feld verteidigen. Eine Wahrheit muss von allen erkannt werden: Krieg und Kapitalismus passen zusammen wir Topf und Deckel. Einen humanen Kapitalismus ohne Krieg und Massaker wird es niemals geben, denn es kann ihn nicht geben. Der Kapitalismus braucht den Krieg, wie wir die Luft zum atmen. Für das System ist die Frage nach Krieg und Frieden, eine Frage um Leben und Tod.

Als zwischen dem 18. und den 19. Jahrhundert in Europa die modernen Nationalstaaten beginnen, sich langsam aus den kleinen und zersplitterten Fürstentümern der Feudalzeit herauszubilden, formiert sich in einem wechselseitigen Prozess, in den jeweiligen Ländern, auch die moderne herrschende Klasse der kapitalistischen Moderne, die Klasse der Kapitalisten, das Bürgertum oder mit anderem Namen, die Bourgeosie. Die europäische Bourgeosie tritt an die Stelle des alten Feudaladels und beginnt Stück für Stück auch die politische Macht an sich zu reissen. Anders als im Feudalismus, in dem der Adel seine Macht gegenüber den Leibeigenen und später der ärmlichen Bauernschaft über den Grundbesitz an Land definierte, erhält die Bourgeosie ihre herrschende Stellung über das Privateigentum an Produktionsmitteln. Produktionsmittel, das sind alle jene Gegenstände, derer die Gesellschaft bedarf um durch sie bestimmte Güter zu produzieren und damit ihre Bedürfnisse zu befriedigen, also zum Beispiel Maschinen. Im Kapitalismus sind die Menschen nicht mehr mit Ketten physisch gefesselt wie zur Zeit der Sklavenhaltergesellschaft, noch sind sie gebunden wie der Bauern an den Großgrundbesitz, wie im feudalen System. Die Menschen treten sich gegenüber als scheinbar freie und gleichberechtigte Partner, können sich entscheiden mit wem sie zusammenarbeiten und mit wem nicht. Besitzender und Besitzloser treten sich auf dem Markt als freie Vertragspartner gegenüber und dennoch unterscheidet sich die Sklaverei der modernen kapitalistischen Gesellschaft von der des alten Roms lediglich in der Form. Über die Jahrtausende hinweg, hat das System von Sumer bis zum modernen Nationalstaat, seine Form in vielfältigster Weise verändert und immer wieder neue Mittel und Wege gefunden um die offensichtliche Sklaverei und Ausbeutung hinter Masken zu verstecken und zu kaschieren. Die Form hat sich verändert, doch im Wesentlichen besitzen alle Ausbeutungssysteme der etatistischen Zivilisation, ein und den selben Charakter. Der Widerspruch zwischen Unterdrückten und Unterdrücker, zwischen Ausgebeutetem und Ausbeuter ist niemals aufgehoben worden, ob er uns nun im Verhältnis zwischen Sklaven und Freien, zwischen Leibeigenem und Feudalherr, zwischen Proletarier und Bourgeois oder auch gesamtgesellschaftlich und immer präsent, zwischen Frau und Mann sowie Jung und Alt, begegnet.

Im Kapitalismus verhöhnt die angebliche Freiheit des Individuums, auf dem das System seine Herrschaft errichtet hat, die Unterdrückten und Ausgebeuteten jeden Tag aufs Neue. Die Besitzlosen besitzen genauso viel Freiheit zu wählen, ob sie ihren einzigen Besitz, nämlich nichts als ihre eigene Arbeitskraft, Tag ein Tag aus, unter ihnen aufgezwungenen Bedingungen gegen ein bisschen Geld das gerade mal so zum Überleben reicht, ihren Lohn, zu verkaufen oder jämmerlich zu verhungern. Das Vorrecht der Kapitalistenklasse, auf den Privatbesitz an Produktionsmitteln, der Mangel an alternativen Formen gesellschaftlicher kommunaler Produktion, zwingt die Arbeitenden in ein Verhältnis, das der Sklaverei der Antike in keinster Weise nachsteht.

Mit der ökonomischen Macht geht auch die politische Macht Stück für Stück in die Hände der Bourgeoisie über. Die einzelnen Firmen stehen sich am Markt in erbitterter Konkurrenz gegenüber. Wer auch nur einen Tag schläft verliert, geht Pleite, das eigene Kapital geht über an den Kontrahenten. Nach der Phase der freien Konkurrenz geht der Kapitalismus über in eine Phase brutalster Monopolherrschaft. Durch das ständige Fressen und Gefressen werden, geraten kleinere Unternehmen gegenüber dem Großkapital ins Hintertreffen, werden einfach absorbiert und das Kapital konzentriert sich zunehmend immer mehr in den Händen einiger weniger. Große ökonomische Zusammenschlüsse entstehen, das Industriekapital verschmilzt mit dem Bankkapital und das moderne Finanzkapital wird geboren. Am Ende dieses Prozesses steht die Herrschaft unantastbarer unumschränkter Monopole, die die auch die Politik der Staaten, mit ihrer unstillbaren Gier nach immer weiteren Absatzmärkten und Arbeitskraft, maßgeblich bestimmen. Ist der heimische Markt erst einmal erobert und jeder Konkurrent niedergeworfen oder einverleibt worden ins Monopol, beginnt man sich umzusehen nach dem was außerhalb der Grenzen des eigenen Nationalstaats steht. Der Nationalstaat ist zu eng geworden für das Monopolkapital und man beginnt die Grenzen zu überschreiten. Zuerst werden sich die noch nicht verteilten Bereiche der Welt in Form von Kolonien einverleibt, doch irgendwann reicht auch das nicht mehr und die ökonomische Konkurrenz findet ihre Fortsetzung im beginnenden Rüstungswettlauf und Säbelrasseln der Staaten untereinander. Die Epoche des Imperialismus ist angebrochen und um die Aufteilung der Welt wird fortan auch mit Waffen gestritten. Der Entwicklungsprozess des Kapitalismus bis zu diesem Stadium verläuft natürlich nicht von heute auf Morgen sondern ist Ergebnis jahrzehntelangen Akkumulation und ist weitaus komplizierter, als es möglich wäre in diesem kurzen Artikel darzustellen. Worum es geht ist darzustellen, dass die Politik der Staaten letztlich niemals getrennt von den ökonomischen Interessen der herrschenden Klasse verläuft sondern vielmehr mit ihnen eine perfekte Einheit bildet. Der systemimmanente Zwang nach Expansion und Wachstum, weiter angetrieben, durch die sich verschärfende Konkurrenz, treibt die entwickelten kapitalistischen Mächte zur unausweichlichen Konfrontation. Während man noch alle Mittel der Diplomatie und friedlicher ökonomischer Übernahme ausschöpft, läuft im Hintergrund die Rüstungsindustrie schon auf Hochtouren. Der Ton wird rauher. Mit nationalistischer Propaganda werden die Massen aufgehetzt, scharfgemacht für den oben schon geplanten, bevorstehenden Raubzug. Konnte man im Mittelalter die Armeen noch für die Sache Gottes in ferne Länder schicken, bedarf die herrschende Klasse im Zeitalter des Kapitalismus, die auch mit der Religion als Herrschaftsinstrument des alten Feudaladels gebrochen hat und als Ersatz für sie die positivistische Wissenschaft in die Dienste ihrer Klasse gestellt hat, eines neuen ideologischen Werkzeugs um die Massen zum Morden zu motivieren. Der Nationalismus, die Religion der kapitalistischen Moderne erweist sich als effektivstes Mittel der Demagogie um die Unterdrückten zu verwirren und zum Kreuzzug für die Kapitalinteressen zu mobilisieren. Die Nationalflagge statt dem Kreuz in der Hand, eine Hymne statt religiöser Choräle auf den Lippen ziehen die Unterdrückten aller Länder freudig gegeneinander zu Felde. Karl Marx war noch der festen Überzeugung, dass die „Arbeiter kein Vaterland“ besitzen würden und schwor auf den weltweiten Zusammenhalt der Unterdrückten, die erwachsen sollte aus der Erkenntnis, dass es in allen Ländern ein und die selben Mächte sind die sie niederhalten, dass sie alle verbunden sind in ein und der selben Situation, geeint in ihrer Besitzlosigkeit. Doch diese Erkenntnis blieb aus. Und so fielen diejenigen, die auch am Vorabend des großen Krieges noch auf die natürliche internationale Klassensolidarität hofften, 1914 im Anblick des historischen Verrats der Sozialdemokratie aus allen Wolken. Die Parteien der Arbeitenden aller Länder, die Sozialdemokraten stellten sich bei Kriegsanbruch auf die Seite ihrer eigenen nationalen Bourgeoisie, schwafelten chauvinistisches Geschwätz von der Notwendigkeit der „Vaterlandsverteidigung“ anstatt die Unterdrückten zur Einheit und dem gemeinsamen Aufstand gegen den imperialistischen Krieg aufzurufen. Die Sozialchauvinisten, Karl Kautsky und Konsorten, zerschlugen die 2. Internationale die bis dato schlagkräftigste Organisation der Unterdrückten dieser Welt und traten die Parole von der internationalen Solidarität auf schändlichste Art und Weise in den Dreck. Sie alle stiegen ein in den nationalistischen Wahn und gaben dem Menschenschlachten, dem Raubkrieg der Bourgeoisie ihre Zustimmung. Nur wenige waren es, die Internationalisten, die sich weigerten in die Kriegsrufe einzustimmen und mit ideologischer Klarheit verkündeten: Krieg dem imperialistischen Krieg, die aufriefen zur Verbrüderung der Unterdrückten in den Schützengräben und sie aufforderten ihre Waffen auf gar keinen Fall aus der Hand zu legen, aber gegen die Feinde im eigenen Land, gegen die Unterwerfer aller Länder, die deutschen, russischen, französischen und britischen Imperialisten, zu wenden. Wie Spartakus eins im alten Rom, sollten die Sklaven sich erheben und die Waffen die ihnen von ihren Unterdrückern in die Hand gegeben wurden, damit sie sich unter Beifall in der Arena abschlachteten, gegen ihre Herren richten. Alle Versuche zur Einheit, zur Abwendung des Krieges schlugen fehl. Mit Freude im Herzen, umhüllt von blindem Wahn, marschierten sie zu tausenden in ihr Verderben. Doch an der Front, im Schützengraben, verwundet, blutüberströmt, dem giftigen Gas ausgesetzt, lernten viele den kriegerischen Irrsinn zu verachten und wurden hellhörig als da manche zum Aufstand gegen die Generalität aufriefen.

Die Oktoberrevolution und ihre historische Bedeutung – Teil II

In Russland wird im Februar des Jahres 1917 der Herrschaft des letzten absolutistischen Regenten, des russischen Zars, Nikolai der Zweite, durch einen gemeinsamen Aufstand, liberaler, demokratischer und sozialistischer Kräfte, ein jähes Ende gesetzt. Weitreichende demokratische Reformen werden eingeleitet. Viele jener Unzählbaren, die in den finstren Jahren zuvor, das Exil wählten um den zaristischen Folterkellern oder der Exekution zu entgegen, konnten nun endlich wieder heimkehren. Eine Übergangsregierung wird gebildet und das Parlament tritt zusammen. Entgegen der Forderungen der hungernden Massen auf den Straßen St.Petersburgs jedoch, hält die neuen Übergangsregierung am Kriegskurs fest und lehnt einen Friedensvertrag mit dem deutschen Reich und damit eine Beendigung des Krieges, aus eben gleichen verlogenen Beweggründen der „Vaterlandsverteidigung“ ab. Das Morden an der Front soll weitergehen, doch zunehmend macht sich Unmut in der Bevölkerung breit. Nur eine Fraktion der russischen Sozialdemokratie, die radikalen Bolschewiki unter der Führung Vladimir Iljitisch Uljanows, wohl eher bekannt als Lenin, stehen konsequent für die Beendigung des Krieges. Doch ihre Vision reicht noch viel weiter. Sie träumen von einer Welt in der Ausbeutung und Krieg für immer in Vergessenheit geraten, sie streben nicht nur danach den Zarismus beseitigen, sondern sind entschlossen das internationale kapitalistische System für immer auf den Müllhaufen der Geschichte zu transportieren. Lenin erkannte die Gelegenheit und erklärte schon 1916, der imperialistische Krieg der Herrschenden sei in einen revolutionären Bürgerkrieg der Unterdrückten zu verwandeln. Die historische Chance, die Lücke im vom Krieg geschwächten kapitalistischen Weltsystem müsse erkannt und genutzt werden. Lenin ist überzeugt davon, wenn das schwächste Glied aus der imperialistischen Staatenkette herausgebrochen wird, kann eine Situation geschaffen werden, die mit der nötigen Entschlossenheit in die erfolgreiche und seit Jahrhunderten ersehnte, weltweite Erhebung aller Entrechteten und Ausgebeuteten, in die Weltrevolution, münden wird. Im April des Jahres 1917 machen Lenin und seine engsten Vertrauten sich auf den Weg aus dem Exil in der Schweiz, in Richtung Russland. Sie sind entschlossen die Möglichkeit beim Schopf zu packen und die demokratische Revolution vom Februar durch die sozialistische Revolution zu vervollständigen. Für sie gilt in diesem Moment alles oder nichts. Der Krieg hatte eine einmalige Situation geschaffen und das Chaos eröffnete Perspektiven für einen Ausweg aus der kapitalistischen Krise. Die Bolschewiki beginnen in Russland mit dem Aufbau der Arbeiter-Bauern und Soldatenräte, der sogenannten Sowjets. Die Selbstverwaltungsstruktur der unterdrücktesten Schichten der russischen Gesellschaft soll sich als Parallelstruktur zum bürgerlichen Staatsapparat etablieren und so Fabrik um Fabrik, Dorf um Dorf, Viertel um Viertel, eine revolutionäre Gegenmacht von unten organisieren. Ziel ist es, die Strukturen des Staates langsam aber sicher, zu unterlaufen und überflüssig zu machen, eine Situation der Doppelherrschaft zu schaffen und letztlich bei immer weiterer Verdrängung der Übergangsregierung die Macht im Land in die eignen Hände zu nehmen. Dabei sind die Räte in ihrer Entstehungsphase, keineswegs als reines Machtinstrument der Bolschewiki zu verstehen, wie es uns die bürgerliche Geschichtsschreibung gerne weiß machen möchte. Lenin und seinen GenossInnen geht es Anfangs auch um die Überwindung des Staates an sich. Wie Lenin in seinem wichtigen Werk „Staat und Revolution“ skizziert, ist der Staat für ihn ein parasitärer Apparat der am Leib der Gesellschaft nagt und letztlich nur der Aufrechterhaltung der Klassenherrschaft dienen kann. Nach der Revolution, nach dem erfolgreichen Umgestaltungsprozess der gesamten Gesellschaft hin zu einer klassenlosen Ordnung, wird auch diesem seinen Platz höchstens noch ein Platz in den Museen zuteil werden. Lenin hat erkannt, dass die Herrschenden den Platz nicht freiwillig räumen werden und kommt daher zu seiner Überzeugung, dass es in der Übergangsphase einer Form zentralisierter Macht bedarf um den Widerstand der gestürzten Bourgeoisie nieder zu halten, einer Übergangsphase verschärften Klassenkampfes, der Alleinherrschaft der arbeitenden Teile der Bevölkerung, der Diktatur des Proletariats. Hinzuzufügen ist, dass wenn vom Begriff der „Diktatur“ die Rede ist, keine Einpersonenherrschaft im herkömmlichen Sinne gemeint ist, sondern vielmehr das unumschränkte herrschen der übergroßen Mehrheit der Gesellschaft beschrieben wird. Lenin erörtert in seinen Werken, dass das siegreiche Proletariat zuerst einmal die Regierungsgewalt erobern muss um sie letztlich wieder abzuschaffen. Ein Staat der Arbeiterklasse, der darauf ausgerichtet ist, jegliche Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu überwinden, macht sich im gleichen Moment als Instrument der Klassenherrschaft selbst überflüssig und beginnt langsam zu verschwinden. Er stirbt ab. In den Räten soll nach dem historischen Vorbild der Pariser Kommune von 1871 der Grundstein für das Absterben des Staates gelegt werden. Die Selbstorganisierung der Bevölkerung, basisdemokratische Entscheidungsfindungsprozesse und die Überwindung von Polizei und stehendem Heer durch die Milizorganisation zur Verteidigung der Gesellschaft und Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, sollen die Garantie sein, damit die alte Herrschaft nicht in neuem Gewand wiederkehrt.

Im Monat des Oktobers, nach dem damals in Russland gebräuchlichem julianischen Kalender, sollte es soweit sein. Die Zeit war gekommen um die Herrschaft der bürgerlichen Übergangsregierung zu beenden. Die Not war groß in den Städten Russlands. Hunderttausende Frauen, deren Männer an der Front kämpfen mussten, zogen nahezu täglich durch die Straßen und forderten Brot. Die Bolschewiki sahen den Zeitpunkt zur Offensive gekommen und riefen zum Umsturz. Mit der Parole „Alle Macht den Sowjets(Räten)“ auf den Lippen begannen am 7.November des gregorianischen Kalenders, Arbeiter und Soldatenmilizen mit der Besetzung strategischer Punkte der Hauptstadt St.Petersburgs. Die aufständische Besatzung des Panzerkreuzers „Aurora“ feuerte als Signal zum Aufstand, einige Salven auf den Winterpalais indem die Regierung Kerenski residierte und die Revolution begann. In kürzester Zeit und ohne große Straßenkämpfe gelang es den Bolschewiki die alte Regierung zu entmachten. Zum selben Zeitpunkt kamen 400 Deligierte der lokalen Räte zum 2. Allrussischen Sowjetkongress zusammen und beschlossen umfassende Reformen, einschließlich der Beendigung des Krieges, die vor allem den ländlichen Massen des agrarisch geprägten Landes und den unterdrückten nichtrussischen Ethnien des Zarenreiches umfassende Rechte garantierte. Als die Lenin die Sozialistische Sowjetrepublik proklamierte schlugen die Herzen der Unterdrückten weltweit höher.

Der lang ersehnte Tag war endlich gekommen. Die Revolution hatte zum ersten Mal in der Geschichte die Macht erobert und die Fahne, die Millionen von Menschen mit ihrem Blut gefärbt hatten wehte verheißungsvoll über Sowjetrussland. Seitdem Karl Marx und Friedrich Engels, 1848 mit ihrem „Kommunistischen Manifest“ den Unterdrückten zum ersten Mal in der Geschichte ein revolutionäres Programm auf wissenschaftlicher Basis schenkten, waren alle Hoffnungen und Träume von Milliarden einzig und allein auf diesen Moment gerichtet. Als 1871 die Pariser Kommune für kurze Zeit siegte und zum ersten Mal versuchte, den Beweis der Möglichkeit einer anderen Gesellschaft, praktisch zu erbringen, atmeten viele auf. Doch der Widerstand der Kommunarden wurde blutig niedergeschlagen. Zehntausende fielen den Kugeln der Reaktion zum Opfer. Jetzt endlich schien der Zeitpunkt gekommen. Die Welt würde vom heutigen Tag an eine andere sein. Alle Augen richteten sich gen Osten und inspiriert von den Erfolgen der russischen Revolutionäre, fassten sich auch in den Jahren nach 1917 Millionen neuen Mut, errichteten Barrikaden und ergriffen die Gewehre, versuchten auch in Deutschland, Italien und Ungarn Räterepubliken zu erstreiten. Der Zeitpunkt der Weltrevolution war gekommen. In Russland begann damals die Morgenröte einer freien Menschheit und ihre Strahlen erwärmten alle Kontinente. Für kurze Zeit schien alles möglich. Doch die Antwort der Reaktion folgte promt. Alle Mächte des alten Europas, verbündeten sich, vor Angst erzitternd, als sie die unbeschreibliche Kraft dieses Prozesses sahen, gegen die junge Sowjetrepublik. Das Land wurde in einen blutigen Bürgerkrieg gestürzt in dessen Verlauf, die Bolschewiki letztlich, in der festen Überzeugung, dass die Revolution nur so zu retten sei, die gesamte Staatsmacht in der Hand des Zentralkomitees bündelten. Die Räte wurden faktisch entmachtet, an die Stelle der geheißenen Diktatur des Proletariats trat zunehmend die Dikatur der Partei. Die Bolschewiki schlossen den Pakt mit dem Teufel, wurden eins mit der Macht, in der Hoffnung, nach der Sicherung der Revolution könne wieder mit dem Aufbau begonnen werden. Doch die neuen Größen die da an die Regierungsmacht kamen, ließen die Zügel nicht mehr aus der Hand. Die Revolution verlor viel ihrer Dynamik. Lenin pflegte immer zu sagen, dass der größte Fehler den die Revolutionäre begehen könnten wäre, nicht an die Demokratie, an die schöpferische Kraft der Massen zu glauben, sondern sie stets kontrollieren zu wollen und er brachte treffend zum Ausdruck, dass der Weg zum Sozialismus nur über die vollends entfaltete Demokratie gegangen werden kann. Dennoch konnten sich die Bolschewiki nicht davor bewahren, den alten Staatsapparat mit neuer Farbe wieder zu rekonstruieren. In den Jahrzehnten nach der Revolution schlich sich die alte Ordnung in neuer Form wieder ein. Die alte Bourgeoisie war gestürzt, an ihre Stelle rückte eine neue Klasse von Parteibürokraten. Die Sowjetunion verkam in ihrem über 70 jährigen bestehen, letztlich zu einer Form des verknöcherten Staatskapitalismus. Dennoch eröffnete der Sieg der Revolution in Sowjetrussland den weltweiten Befreiungskräften, den notwendigen Raum und trug maßgeblich zur Entfaltung der nationalen Befreiungskämpfe in der Dritten Welt bei. Ohne die Oktoberrevolution, wäre der Sieg in China, Vietnam, Kuba, Nicaragua und vielen weiteren Ländern der Welt nicht möglich gewesen. Auch die Entstehung der spanischen Republik und die Jahre des Widerstands gegen die Franco Putschisten von 1936-1939 wären in dieser Stärke undenkbar gewesen. Nicht zuletzt wurde unter Lenins Federführung die Dritte Internationale, die Komintern, 1919 reorganisiert und in den größten und schlagkräftigsten Parteienverband verwandelt den die Geschichte je gesehen hat. Die Komintern formierte sich als weltumspannende Kaderpartei um den Kräften der Befreiung überall zum Durchbruch zu verhelfen. In diesem Sinne hat die Oktoberrevolution eine historische Leistung erbracht, deren Bedeutung bis heute wohl noch nicht übertroffen ist. Nicht zuletzt die Gewalt der faschistischen Regime Europas, welche die Herrschenden aus Angst vor der sich anbahnenden Revolution installieren ließen, zeigt welch große Bedrohung die Oktoberrevolution für den Fortbestand des kapitalistischen Systems, darstellte.

Heute müssen wir uns die Frage stellen, wie ein Prozess der so vielversprechend und hoffnungsvoll begann, derart abgleiten konnte. Wir müssen und sie Frage stellen wie ein derartig großer und einzigartiger Aufbruch der demokratischen Zivilisation letztlich wieder in den Hauptstrom der kapitalistischen Moderne integriert werden konnte. Niemand kann heute behaupten, dass die Revolutionäre Russlands, dass Lenin und seine GenossInnen nicht aus aufrechten und edlen Idealen den Kampf begannen. Niemand kann behaupten, dass sie nicht für eine freie Zukunft der Menschheit gelebt und gestritten haben, sondern vielmehr nur die Macht im Blick hatten. Es wäre vermessen, auch den ungeheuren Opfern und den Millionen Märtyrern die unter dieser Fahne ihr Leben ließen, gegenüber derartiges zu behaupten und die Bedeutung der Oktoberrevolution kleinzureden, oder ihre Erfolge und ihren fortschrittlichen Charakter vollständig zu leugnen. Was dachten die revolutionären Matrosen als sie den ersten Schuss am Abend des 7. Novembers 1917 abfeuerten? Waren sie nicht überzeugt davon, durch ihre Tat eine Welt befreit von jeglicher Ausbeutung zu erschaffen? Kämpften die Millionen Jugendlichen, die sich im Großen Vaterländischen Krieg gegen das faschistische Deutschland, freiwillig an die Front meldeten und ihr Leben ließen, letztlich für nichts als die alte Unterdrückung in neuer Form? Nein, diese unzählbaren mutigen jungen Frauen und Männer, kämpften nicht um die Diktatur einer Bürokratenklasse zu erhalten. Ihr Antrieb war nichts als ihre ungebrochene und feste Hoffnung auf die Befreiung der Menschheit. Sie verteidigten ihr Mutterland, nicht nur weil es ihres war, sondern weil sie es als Heimstätte der freien Menschheit begriffen. Auch noch Jahre nach der Revolution, während dem Zweiten Weltkrieg, lebte dieser Glaube fest verankert in den jugendlichen Massen, allen Problemen und Verzerrungen denen diese Revolution zu diesem Zeitpunkt schon ausgesetzt war, zum trotz. Sie alle sind zu Märtyrern geworden, im festen Glauben an den Sieg des Sozialismus.

Obgleich ihre Revolution korrumpiert wurde von Karrieristen und Bürokraten, die Ideale für die sie ihr Blut gaben waren aufrecht und richtig, hier ran darf kein Zweifel bestehen. Und diese Ideale sind es letztlich, die sie uns als Erbe auf unseren Weg hinterlassen haben.

Die Oktoberrevolution ist Teil unserer Geschichte. Sie stellt eine wichtige Etappe der sozialistischen Weltbewegung dar. Wir müssen uns heute als Revolutionäre die Frage stellen, wie können wir den für den Aufbau des Sozialismus, millionenfach gebrachten Opfern gerecht werden, wo wir doch mit dem Scheitern des sowjetischen Experiments konfrontiert sind.

Unser Vorsitzender Abdullah Öcalan, hat die richtige Antwort gefunden, als er, in einer Zeit in der das kapitalistische System sich selbst für absolut und unantastbar erklärte und der Sozialismus für immer aus den Köpfen und Herzen der Unterdrückten verbannt werden sollte, die Fahne der Oktoberrevolution aufnahm und mit stolz ins 21. Jahrhundert führte. Die Parole auf den „Sozialismus zu bestehen, bedeutet auf das Menschsein zu bestehen“ war die angemessene Antwort auf Verrat, Liquidation und Kapitulantentum welches sich damals unter den revolutionären Organisationen der Welt verbreitete. Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus streckten viele ihre Waffen vor den Unterdrückern und gaben den Kampf für eine andere Welt auf. Unser Vorsitzender und unsere Partei jedoch, gingen einen anderen Weg. Serok Apo erkannte, dass es um den Mühen der Gefallenen gerecht zu werden, nicht nur genügt an ihren Idealen mit unerschütterlichem Glauben festzuhalten sondern auch eine Analyse und Korrektur ihrer Fehler vorgenommen werden musste, damit wir diese Ideale nun endlich zum Sieg führen können. Abdullah Öcalans Kritik des Realsozialismus zielt nicht darauf ab, die Leistungen der Revolutionäre vor uns zu schmälern, vielmehr geht es um ein Anknüpfen, ein Vervollständigen ihrer Arbeit. Mit seinem Paradigma der Demokratischen Moderne, einer umfassenden gesellschaftlichen Transformation basierend auf der Freiheit der Frau, dem Einklang von industrieller Produktion und der Natur und umfassender uneingeschränkter gesellschaftlicher Demokratie, ist es ihm gelungen sämtliche Kategorien des herrschenden Zivilisationssystems zu überwinden und ein wahrhaft revolutionäres Gesellschaftsprojekt zu denken. Der apoistische Sozialismus ist als eine neue Stufe in der Entwicklungsgeschichte des Sozialismus zu verstehen, als das Erreichen einer neuen Qualität, welche die gemachten Erfahrungen und Erfolge nicht verneint oder ablehnt, sondern auf höherer Ebene in sich vereint.

Heute im Norden Syriens und in allen Teilen Kurdistans, laufen wir in den Fußstapfen der roten Matrosen und Arbeitermilizen. In unseren Volksräten lebt der demokratische Geist der Sowjets. In unseren Kooperativen der Kollektivismus der frühen Kolchosen. Die Erfolge des revolutionären Aufbaus von Rojavas, sind die Antwort auf all jene die den Sozialismus schon für tot erklärt haben und auch ein Schlag ins Gesicht für alle die ihren Lügen glauben schenkten und sich dem Verrat zuwandten. Die Umsetzung der Ziele, für die unsere VorkämpferInnen vor 100 Jahren stritten, ist heute eine Pflicht deren Erfüllung heute auf uns fällt. Nach über 100 Jahren hat die Geschichte uns vor die Verantwortung gestellt, ihren Kampf aufzunehmen und dieses Mal erfolgreich zum Siege zu führen. Als letzte schlagkräftige und wirklich an den Sozialismus gebundene Kampforganisation, sind heute nicht nur, wie damals in Russland, die Blicke und Hoffnungen aller Unterdrückten auf uns und unseren Kampf gerichtet, sondern die ganze Last der Geschichte lastet auf unseren Schultern. Heute gilt es erneut unter Beweis zu stellen, dass die Unterdrückten fähig sind eine neue Welt durch ihre eignen Hände zu errichten. Eine klassen- und staatenlose Gesellschaft, frei von jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung, ist heute näher denn je. Es hängt von uns ab, ob wir die Gelegenheiten, die der Dritte Weltkrieg für uns eröffnet, ergreifen und eine ebenso große Revolution wir damals im Oktober verwirklichen werden. Die Zeit ist jetzt gekommen um Mittleren Osten heute, die Gebiete der freien Menschheit zu errichten. Die roten Sterne auf unseren Flaggen weisen uns den Weg in eine freie Zukunft.

Wir gedenken hochachtungsvoll allen Gefallenen der Oktoberrevolution und allen Märtyrern der Weltrevolution und schwören, dass wir ihre Ideale durch unseren Kampf zum Sieg führen werden. Die rote Fahne weht heute über den freien Bergen Kurdistans, zum Beweis, dass der Sozialismus noch nicht tot ist, sondern ganz im Gegenteil in der PKK heute lebendiger ist als je zuvor.

Nach 100 Jahren schließt sich der Kreis in Kurdistan. Seien wir uns der großen Verantwortung bewusst, die damit einhergeht.

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