Home ALLE BEITRÄGEGESCHICHTE Die Unbekannte Identitat der AlevitInnen

Die Unbekannte Identitat der AlevitInnen

by rcadmin

Verfolgt, massakriert, verboten und unverstanden – Ein Volk, das seine eigene Identität seit Jahrhunderten aufgegeben und verdrängt hat. Doch um wen genau handelt es sich hierbei?

Über das Alevitentum kursieren zahlreiche Theorien in der gesamten Welt. Die am häufigsten vertretene Theorie ist die, die besagt, dass das Alevitentum eine Abzweigung des Islams ist und eine besonders loyale Haltung gegenüber Hz. Ali und den zwölf Imamen darstellt. Laut dieser Theorie wären die AlevitInnen die einzige Gruppierung, die den Titel Muslim erhalten, ohne auch nur eine der fünf Säulen des Islams zu erfüllen. Doch von diesem Paradoxon lassen sich die meisten AlevitInnen nicht beirren und bestehen weiterhin darauf, sich als Teil einer anderen Religion zu sehen und verhindern so die wahren Werte und die eigentliche Geschichte des Alevitentums an die Folgegeneration weiterzugeben. Die eigentliche Theorie, die gar keine Theorie, sondern eine Reihe von Fakten ist, ist die, die das Alevitentum als eine Lebensphilosophie darstellt. Beim Alevitentum handelt es sich um ein Volk, welches seinen Ursprung in Anatolien und ins besondere in der kurdisch-alevitischen Provinz Dêrsim und im heutigen Iran hat. Der Entstehungszeitraum dieser Lebensphilosophie konnte bis heute noch nicht identifiziert werden, da wichtige Belege und Dokumente der AlevitInnen zu Zeiten des Osmanischen Reiches vernichtet wurden. Dennoch sind Forscher überzeugt, dass die AlevitInnen eines der ältesten Völker der Welt sind, und auch Archäologen konnten anhand von beschrifteten Steinen belegen, dass das Alevitentum bereits vor mehr als 4000 Jahren entstanden ist. Der Hintergrund des Alevitentums ist es, ein Wertesystem aufzustellen, welches alle Einheiten des Lebens umfasst und eine Lebensweise ermöglicht, in der weder Mensch noch Natur zu Schaden kommen.

Dieses humanistische Bewusstsein ist das Resultat der empathischen Veranlagung der AlevitInnen, d.h., dass die AlevitInnen in ihrem inneren eine charakterliche Besonderheit in sich tragen, die es ihnen ermöglicht jedem gegenüber Verständnis aufzubringen. Dieses Wissen wird auch heute noch von einigen alevitischen Weisen, den sogenannten Pîrs oder Dedes, weitergegeben. Deshalb sind die AlevitInnen auch der Überzeugung, dass man nur Alevite sein kann, wenn man als solcher geboren wird. Generell sind die AlevitInnen ein sehr naturverbundenes und spirituelles Volk, denn sie haben sich sehr vom Zoroastrismus und auch vom Schamanismus prägen lassen. Im Zoroastrismus liegt der Fokus auf den Naturelementen Luft, Feuer, Wasser und Erde. Zudem geht es im Zoroastrismus um die Zweiteilung der Welt in Gut und Böse. Der Schamanismus beschäftigt sich mit übersinnlichen Kräften und dem spirituellen Wesen. Des Weiteren spielte für die AlevitInnen auch der ägyptische Sonnengott Ra eine besonders große Rolle, denn für die AlevitInnen ist der Schöpfer der Welt nicht ein Gott, sondern die Sonne, denn die Existenz der Erde ist nur durch die Existenz der Sonne gewährleistet. Da diese Realität für die AlevitInnen so sehr von Bedeutung ist, spiegelt sich die Verbindung der Sonne und der Erde auch in ihren spirituellen Tänzen (Semah) wieder. Hierbei wird ein Kreis gebildet, bei dem das Drehen der Erde um die Sonne dargestellt wird, und zeitweise auch das Drehen der Erde um die eigene Achse. Da sich das Alevitentum generell sehr mit dem Universum auseinandergesetzt hat, haben die AlevitInnen bereits damals Theorien über den Urknall und viele wissenschaftliche Thesen aufgestellt. Das Alevitentum beinhaltet eine sehr moderne und harmonische Ideologie in der Frauen einen hohen Stellenwert haben. Die Frau im Alevitentum hat eine sehr wertvolle Rolle, denn sie wird mit dem Leben gleichgesetzt und ist in keiner Weise dem Mann untergeordnet. Daher sind die Frauen im Alevitentum in jedem Ritual, bei jeder Entscheidung und zu jeder Zeit miteinbezogen, und gerade dieses System der Gleichstellung und diese Moral machen das Alevitentum zu etwas Einzigartigem. Wann und durch wen die AlevitInnen ihren Namen erhielten ist leider nicht bekannt, doch der Name Alevi, welches ein turkmenisches Wort ist, besteht aus dem Wort Alev, was Flamme bzw. Feuer bedeutet. Dies bestätigt die Verbundenheit der AlevitInnen mit den Naturelementen und der Sonne. Dennoch wird von vielen angenommen, dass der Begriff Alevi vom Namen Ali kommt und die Verbundenheit zu Hz. Ali verdeutlichen soll.

Die AlevitInnen haben in ihrer Geschichte viel Leid erlebt und mussten viele Opfer bringen. Aus Angst vor weiteren Verlusten und durch den Druck seitens der Muslime, haben sich die AlevitInnen zu Zeiten des Osmanischen Reiches zwangsassimilieren lassen und sich hinter einer falschen Identität versteckt. Diese Identität wurde von Generation zu Generation weitergegeben, sodass ein Großteil der heutigen AlevitInnen nicht weiß, wo ihr eigentlicher Ursprung liegt. Doch obwohl sich einige Alevitenverbände dem Islam untergeordnet haben, werden AlevitInnen bis heute noch in den islamischen Ländern, wie z.B. der Türkei, verfolgt und diskriminiert. Dort wird seit der. Gründung des türkischen Staates eine regelrechte Vernichtungspolitik durchgeführt. Beweise dafür sind zahlreiche Massaker bei denen tausende von Menschen verbrannt, vergewaltig und ermordet worden sind, wie in Dêrsim 1938. Auch 1978 kam es zu schrecklichen Vorfällen, bei denen in der Provinz Mereş die Häuser der AlevitInnen rot markiert worden sind. Dort wurden die AlevitInnen angegriffen und mehr als 120 Menschen kamen ums Leben. Dass die radikalislamische Bewegung jedoch noch grausamer sein kann zeigte sich 1993, als in der Stadt Sêwas das Madimak-Hotel von Faschisten mit Steinen beworfen und in Brand gesetzt wurde. 37 Menschen sterben so auf Grund der Flammen des Angriffes, davon 33 AlevitInnen. Somit zeigt sich, dass die AlevitInnen bis heute nicht akzeptiert und toleriert werden und es für das Wohl der AlevitInnen erforderlich ist, dass sie ihre wahre Identität erlernen.

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