Der Text von Rêber APO ist aus dem Buch “Sosyalizmde Israr – Insan Olmakta Isrardir” (Auf dem Sozialismus zu beharren bedeutet, auf dem Menschsein zu beharren) aus dem Jahr 1998.
RÊBER APO
Gesellschaftliches Leben ist für den Menschen unverzichtbar. Der Streit fängt genau hier an. Inwieweit setzt die Gesellschaft Normen für das Individuum? Inwieweit wird die Entwicklung der individuellen Freiheit für die Gesellschaft gebraucht? Darin liegt der Kern des Widerspruchs. Zu dieser Frage haben verschiedene Denker bis heute Lösungen entwickelt, so auch der Sozialismus.
Der Sozialismus wird durch die ausbeutenden Personen oder Schichten mittels Propaganda als gescheitert vorgetäuscht, nur um ihre eigenen Interessen zu wahren. Die imperialistischen Kräfte und ihre Ideologen versuchen mit aller Macht, die Gunst der Stunde auszunutzen, um den Endsieg zu erreichen. Sie benutzen den Untergang des 70 jährigen Sozialismus, der eigentlich nur eine Version des Sozialismus darstellt, ihre Ansichten zu propagieren. In der Geschichte gibt es mehrere vergleichbare Versuche, die jeweilige Gunst der Stunde auszunutzen. Wenn man nicht darauf achtet, können die Kapitalisten einen Erfolg für sich verbuchen. Aus diesem Grunde ist es wichtig, die aktuelle Realität aus der Sicht des sozialen Widerstandes gründlich und mehrdimensional zu betrachten. Der realexistierende Sozialismus stellt eine Entwicklungsstufe dar, so wie die Französische Revolution und andere vorangegangene Revolutionen, sogar die Islamische Revolution, eine Stufe darstellen. Diese Erfahrungen müssen weder übertrieben noch geleugnet werden, sondern die Wirklichkeit muss in all ihren Dimensionen bewertet werden. Kurz gesagt: Es wurde Wert darauf gelegt, dass die Unterdrückten nur sehr eingeschränkt denken und sich insbesondere vom politisch-philosophischen Denken fernhalten, damit sie sich nach den Gedanken der Herrschenden richten. Sie wurden durch Gewalt oder Intrigen von ihrer unabhängigen politischen Realität ferngehalten, um sie von einer Revolution abzulenken. Durch die Sorgen des täglichen Lebens und ihre realen Lebensbedingungen wurden sie immer benachteiligt. Dies trifft noch heute zu. Perspektivlosigkeit und Inkonsequenz sind weit verbreitet. Das gilt in der ganzen Welt, besonders aber in Türkisch-Kurdistan. Es ist wichtig, den sozialistischen Horizont konsequent zu verteidigen und dies frei und kämpferisch zu tun. Es ist aber auch wichtig, nicht in Dogmen und Irrwege zu verfallen. Denn nur die Werktätigen können die Gesellschaft wissenschaftlich verstehen. Alle anderen Klassen können sich an Dogmen und Lügen bedienen und unterschiedliche Lügen als wahre Ideologien verkaufen. Aber wie in vorangegangenen Epochen der Geschichte haben die Werktätigen keine Schwierigkeiten damit, neue und revolutionäre Ideologien zu entwickeln.
Das ganze 20. Jahrhundert wurde vom Leninismus beeinflußt
In den heutigen Sozialismusdebatten wird meistens der seit siebzig Jahren bestehende Sozialismus diskutiert, der einen Großteil der Welt beeinflusst hat und nun zerbrochen bzw. überholt ist. Es kann hilfreich sein, darauf noch mal einzugehen. Wir können diesen Sozialismus auch im allgemeinen analysieren. So ist es Unsinn, die Kritik am Sozialismus auf die Praxis des realexistierenden Sozialismus zu reduzieren. Vielmehr ist es angebracht, ihn als eine taktische Etappe in der sozialistischen Geschichte zu begreifen, da der Leninismus eine Ideologie ist, in der die politisch-taktische Seite überwiegt. Was sind die wichtigsten Merkmale dieser Etappe? Es gibt die gröbsten Widersprüche im Kapitalismus und Imperialismus, die zu zwei Weltkriegen führten. Schon davor hat es mehrere unsinnige Kriege gegeben. In diesem Sinne stellt der Leninismus eine große Freiheitsbewegung dar mit großem Einfluss. Das 20. Jahrhundert war ein leninistisch geprägtes Jahrhundert, auch wenn dieser Begriff heute aus der Mode gekommen ist. Wie wir wissen, hat der wissenschaftliche Sozialismus durch Marx und Engels große Fortschritte gemacht. Auf der politisch-taktischen Seite aber gab es noch großen Mangel. Dies wurde in dem Versuch der Pariser Kommune und in mehreren anderen Aufständen deutlich. Der Leninismus beseitigte diese Mängel sehr erfolgreich und hat die revolutionäre Änderung der Welt bzw. die sozialistische Revolution voran gebracht. Lenin hat weder die ideologisch-moralischen Seiten des Sozialismus hervorgehoben, noch konnte er die kapitalistisch-imperialistischen Ausbeutungsverhältnisse weitergehend analysieren. Er hat versucht, die sehr scharfen Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse im Sinne der Werktätigen und Völker zu verändern.
Wir können also nicht behaupten, dass der realexistierende Sozialismus total versagt hat bzw. zerbrochen ist. Das wäre eine Lüge. Natürlich wurden im Namen des Sozialismus große Fehler begangen, aber der realexistierende Sozialismus stellt eine wichtige Etappe für die Freiheit der Werktätigen und für deren physische und psychische Entwicklung dar. Der Leninismus stellt aber auch für die freie und unabhängige Entwicklung der Völker einen wichtigen Abschnitt in der Geschichte dar. Diese Epoche des Sozialismus hat viele Erfolge erzielt. Was ist zusammengebrochen und was wurde überschritten? Er konnte sich nicht erneuern bzw. aktualisieren und konnte die neuen Fragen und Lösungen nicht analysieren. Eigentlich wurde das marxistisch-leninistische Programm am Beginn des Jahrhunderts in wenigen Sowjets umgesetzt. Beispielsweise wurde im letzten Quartal des Jahrhunderts sogar von der Erreichung des Kommunismus geredet. Damals wurde deutlich, dass dies ein Traum bzw. eine Übertreibung war. In einer Zeit, in der die kapitalistisch-imperialistische Welt über eine so große Macht verfügt und die Individuen von der Sklavengesellschaft geprägt sind, von kommunistischen Utopien zu reden, ist eine Übertreibung und Irreführung. Daraus ergibt sich, dass wir an das Ende der leninistischen Taktik gelangt sind, der Leninismus seine Aufgabe erfüllt hat und wir am Beginn einer neuen Ära stehen.
Einige Ziele mehr oder weniger wurden erreicht. Deshalb müssen die Ziele neu definiert werden. Das bedeutet, die aktuelle Situation der Menschheit zu analysieren und darauf basierend, neue Ziele und Programme zu bestimmen. Entweder die alten Parteien zu erneuern, oder neue zu gründen. Denn der Staat in den Sowjets stand im Weg. Das ist der eigentliche Widerspruch.
Der neue Sozialismus muss gegen die Staatlichkeit eintreten
Natürlich war es in dieser Phase des Sozialismus notwendig, einen Staat zu gründen. Aber dass die Bedeutung des Staates so sehr übertrieben wurde, steht im Widerspruch zum Kern des Sozialismus. Daraus lernen wir, dass die Gründung eines sozialistischen Staats nur die Diktatur des Proletariats und nicht die Gründung einer sozialistischen Gesellschaft bedeutet, schon gar nicht die Schaffung eines sozialistischen Menschen. Der Irrtum oder der Fehler liegt darin, dass geglaubt wurde, die Gründung eines guten Staates reiche für alles weitere aus. Fast alle treten heute für “den Staat” bzw. “die Interessen des Staates” ein, als wäre er heilig. Auf der anderen Seite aber beklagen sich alle über eine zu hohe Staatlichkeit. Eigentlich hat am meisten der Sozialismus gegen die Staatlichkeit Widerstand geleistet. Alle anderen ausbeuterischen Ideologien haben den Staat für heilig erklärt. Der Sozialismus musste für die Verkleinerung und Auflösung des Staates eintreten und erkennen, welche Gefahren für die Gesellschaft und die Individuen er in sich birgt und dass er vielleicht der größte Widerspruch ist; der Sozialismus musste den Weg für die Auflösung des Staates aufzeigen.
Es wurde ein Staat geschaffen, in dem die Menschen noch nicht einmal frei atmen konnten. Was gemacht wurde, bedeutet in diesem Sinne vielleicht auch nicht die totale Rückkehr zum Kapitalismus: Es herrschte eine Art Kapitalismus bei gleichzeitiger Übertreibung der Staatlichkeit. Das führte zur Verwechslung von Staatskapitalismus mit Sozialismus. Die Überwindung des Staatskapitalismus bedeutet die Betonung der Individuen und noch mehr Demokratie. Es bedeutet nicht die Entwicklung des Kapitalismus. Natürlich wird man einiges an individual-und privatkapitalistischem Weg zurücklegen, aber die Behauptung, dass die Zukunft eine gänzlich kapitalistische ist, ist eine Verdrehung der Tatsachen. Der sowjetische Versuch und die Nachfolgemodelle werden weiter diskutiert und analysiert. Die Diskussion hierüber ist noch nicht beendet.