Home ALLE BEITRÄGEKOLUMNE Drehen wir den Spieß um in der Familie

Drehen wir den Spieß um in der Familie

by rcadmin

Wie würde es aussehen, wenn wir in den Familien Tekmils1 machen würden? Wenn sich die Familie plötzlich erhebt, wenn die Mutter ihre Lebensumstände ändern möchte und die Kinder sich gegen den Vater stellen? Schauen wir uns doch mal eine mögliche Situation an.

Avesta Hesekê

In unserem heutigen Programm „Schritte zur Freiheit“, werden wir über die demokratische Familie diskutieren. Wir haben die Familie Özkürt bei uns. An meiner rechten Seite sitz der aggressive Vater Silo, an meiner linken Seite sitzt die bedrückte Mutter Sozdar. Gegenüber von mir sitzt der Sohn Ferhat, der gerade auf Spielentzug ist. Auch Zîne ist da, die irgendwie voll in einer anderen Welt zu leben scheint. Nicht zu vergessen ist die jüngste der Familie – die übermotivierte, zappelnde Nûjiyan auch da.

Dies, meine lieben Freunde, sind meine heutigen Gäste. Eine wirklich sehr chaotische, aber genauso klassische, Familie. Wir wollen uns heute trotzdem ihre Gedanken zu einer demokratischen Familie anhören.

Was denken sie darüber? Was sind wohl die Schwierigkeiten? Wer sollte zum Beispiel herrschen dürfen?

Moderation: Die erste Frage geht an Silo. Keko Silo die Apoisten haben heute die Fernsehsender gestört und in ihrer Stellungnahme geteilt, dass sie die Welt demokratisieren werden und nicht aufhören zu kämpfen, ehe sie ihr Ziel erreicht haben. Dafür soll das Patriarchat, also die Herrschaft der Männer über die Frauen, abgeschafft werden. Was denkst du darüber?

Silo: Das ist einmal mehr der Grund, warum ich meiner Familie verbiete, ins Komel zu gehen. Sie sind voll naiv und können sich nicht wie ich vor der Gehirnwäsche schützen. Im Komel kann ich zwar nichts sagen, aber mein Zuhause ist mein Reich. Vielleicht muss ich mir mein Çay im Komel selbst holen, aber Zuhause ist wieder was anderes. Da sieht mich eh keiner. Letztens hatte meine Frau Bildung im Komel. Jinekolojî oder so was.

Moderation: Ich glaube du meinst Jineolojî.

Silo: Jaja. Es war irgendein Quatsch über die Freiheit der Frau. Als ich am selben Abend nach Hause kam, und hungrig war, wollte Sozdar mir nichts zu essen machen. „Geh und mach dir dein Essen selber“, waren ihre Worte!!! Frauenbefreiung… Lieber sollte man die Männer vor den Frauen und ihr nerviges Gemeckere befreien.

Und außerdem verstehe ich auch gar nicht, warum die Apoisten wollen, dass ich dieser nervigen Sozdar im Haushalt helfen soll. Ich komme von der harten Arbeit nach Hause, bin kaputt und will mich eigentlich nur ausruhen. Yani ich bin auch derjenige, der das Geld für diese undankbare Familie einholt. Dann ist es wohl nicht zu viel verlangt, wenn ich mein Essen auf dem Tisch haben möchte, wenn ich zurückkomme. So sollte auch das gemeinsame Leben Zuhause ablaufen. Jeder hat seine Rolle und ich eben die Hauptrolle.

Sozdar: Du bist ja lustig. Du tust so als wenn wir von dir abhängig wären, aber eigentlich bist du es von uns. Wenn wir dir kein Essen machen, würdest du verhungern, weil du nicht mal den Weg zur Küche kennst. Tu jetzt bloß nicht so, als würdest du die härteste Arbeit haben. Ich mache Tag und Nacht den Haushalt, koche, kümmere mich um die Kinder und gehe einkaufen. Eigentlich schaffe ich die Basis für das Leben. Für was wärst du nützlich, wenn ich nicht hier wäre? Ohne mich würdest du die Bedeutung des Lebens nichtmal annähernd kennenlernen.

Aber das wollt ihr nicht sehen. Immer bin ich schuld, sobald etwas nicht mehr an seinem Platz ist. Aber wenn ihr mal hinter euch selbst sauber machen würdet, wüsstet ihr wo alles ist. Aber nein…

Manchmal träume ich von einer Zeit, wo wir Frauen an die Macht kommen. Ja eigentlich ist das sogar nur fair, wenn wir endlich nach 5000 Jahren Männerherrschaft herrschen könnten und den Männern alles heimzahlen könnten. Ich möchte auch laut werden, wenn man mir mein Essen nicht rechtzeitig bringt, oder mir keiner Aufmerksamkeit schenkt.

Ja genau… Ich finde so muss die neue Demokratie bei uns aussehen. Êdî bese!

Ferhat: Vielleicht sollten doch lieber die Kinder an die Macht? Ich glaube die haben noch nie geherrscht?

Zînê: Ich verstehe nicht warum ich nicht so viele Freiheiten habe wie dieser dumme Ferhat!

Nûjiyan: Warum diskutiert ihr gerade darüber wer die Macht über die Gesellschaft haben sollte? Lassen wir diese Machtpläne Planktons Aufgabe sein. Beschäftigen wir uns lieber mit der Demokratie. Demokratie bedeutet Mitbestimmung – das hat mein Lehrer gesagt. Also sowas wie Gleichberechtigung.

Wisst ihr, ich habe gemerkt diese sogenannten Hevals wirken anders. Sie sind zwar nicht miteinander verwandt, aber leben wie so eine riesengroße Familie zusammen, wisst ihr wie ich meine? Sie haben eine enge Verbindung ohne dass eine Person über die andere herrscht. Warum können wir das nicht auch so machen? Warum diskutieren wir gerade wer die Macht über die Gesellschaft übernehmen sollte? Eigentlich sollten wir über Demokratie diskutieren. Demokratie ist Gleichberechtigung.

Sie teilen nicht nur materielle Dinge, sondern auch Gefühle und Gedanken. Sie gestalten sogar ihr gemeinsames Leben zusammen. Und wenn etwas nicht passt, kritisieren sie sich sogar. Das nennen sie dann Tekmîl. Das hat mich zum ersten Mal in meinem Leben zum Nachdenken, ja sogar zum Hinterfragen gebracht. Denn irgendwie habe ich gemerkt, dass man auch ohne Gegenleistung, ohne Hintergrundgedanken und ohne Hierarchie leben kann.

Vielleicht können wir auch so eine Familienplattform machen. Zum Beispiel wenn Baba wieder laut ist, können wir dann auch sein Çözümleme2 machen, um ihm bei seiner Demokratisierung zu helfen. Das wäre eine Revolution! Ja bei so einem Vater hört es sich schwer an, aber es ist machbar.

Moderation: Ich sehe Nûjiyan, die Hevals haben bei dir wie bei vielen anderen auch etwas geweckt – eine klarere Sicht auf ein anderes Leben. Ja, der feste Glaube an diese Art von Revolution bringt uns echt zum Nachdenken. Anscheinend macht der feste Glaube an eine Sache vieles aus.

Die Familiensituation ist schon seit Jahrhunderten gleich. Es ist eine Art von Tradition geworden, die für uns undenkbar ist. Kaum jemand kann sich heutzutage eine Alternative vorstellen. Aber diese Alternative machen uns die FreiheitskämpferInnen vor. Schauen wir uns unsere Familie, unsere Freundschaften und Beziehungen an und vergleichen sie mit den Beziehungen innerhalb der PKK: Wir sehen klar, dass Demokratie und demokratische Beziehungen neu definiert werden müssen. Am besten fängt man in der Familie an, sie ist ja die erste Form von sozialen Kontakt, die der Mensch hat. Vielleicht sollten wir ja alles auf den Kopf stellen. Darüber können wir ja diskutieren.

Silo: Das heißt ich muss dann auch sauber machen?

Zînê: Oh Yabo! Wir müssen noch viel an dir Arbeiten. Wenn du weiterhin auf Macht beharrst, kannst du niemals ein Demokrat werden. Egal nicht schlimm. Wir teilen unsere guten und schlechten Seiten miteinander und arbeiten gemeinsam an unserem kollektiven Leben. Çözümleme hört sich gar nicht mal so schlecht an. Du hast noch viele patriarchale Charakterzüge. Eigentlich haben wir die alle mehr oder weniger. Das bedeutet dann wohl ein Reinigungsprozess für uns alle…

Silo: Ich glaube ich könnte mal ab und zu sauber machen, aber nicht mehr…

Nûjiyan: Dein „ab und zu sauber machen“, würde der Revolution nicht helfen, die Probleme sind viel tiefer. Es geht um deine, unsere und meine Denkweise. Wenn wir die nicht ändern, gibt es keine Revolution. Die muss ja von Zuhause aus anfangen. Was bringt uns dein Putzen, wenn du deine Denkweise nicht änderst, wenn du uns nicht ins Komel lässt, wenn du nicht willst, dass wir mit dir auf Augenhöhe reden können? Wir müssen uns vom Neuen erschaffen. Rêber APO redet davon die Männlichkeit zu töten. Hast du schonmal davon gehört?

Silo: Keçê wollt ihr mich jetzt umbringen, euren eigenen Vater?

Ferhat: Na Yabo. Es ist glaube ich alles eine Sache von Mühe. Rêber APO meint damit traditionelles Denken zu ändern und die Freiheit der Frau zu akzeptieren. Wenn wir wirklich frei werden wollen, also so eine richtig freie Familie, müssen wir alle an uns arbeiten. Dann kannst du nicht immer alles Vorschreiben. Vielleicht kommen wir Kinder und Jugendliche nicht an die Macht. Aber trotzdem sind wir diejenigen, die eure komische Hierarchie nicht akzeptieren wollen. Ich glaube vor allem wir Jugendlichen müssen viel für unsere Zukunft machen.

Sozdar: Und ihr müsst vor allem mich respektieren und meine Mühen sehen! Das ist doch nicht so schwer, wenn wir uns wirklich ändern wollen. Wenn wir uns alle wirklich lieben und respektieren wollen, geht das nur, wenn ihr mich nicht als eure Dienerin anseht und wir euch nicht als unser Besitz. Den Schutz der Familie können wir nicht dadurch garantieren, dass wir euch Zuhause einsperren, oder in dem wir versuchen euch früh zu verheiraten, um die Blutlinie fortzuführen. Wir müssen aus diesen traditionellen Rollenverteilungen raus. Selbst ich kriege langsam keine Luft mehr!

Silo: Ich glaube es ist Zeit für mich zu gehen… Wie viel Uhr ist es?

Familie: Es ist Zeit Veränderungen zu schaffen.

1 Tekmîl: Eine Sitzung, in der man eine Situation, Zeitspanne bewertet und sich gegenseitig kritisiert und für eigene Fehler tiefgründige Selbstkritik abgibt.

2 Çözümleme: tiefgehende Analyse, die sich an einer Lösung orientiert. Sie ist sowohl soziologisch, kulturell als auch psychologisch und wird oft in Dialogform ausgeführt.

ÄHNLICHE ARTIKEL