Nujîn Welat
Sprechen wir von Egoismus, so sprechen wir von einer Eigenschaft, die vor allem in der westlichen Welt Normalitaet eingenommen hat. Wir denken sie gehört zur Gesellschaft und ist eine natürliche Eigenschaft, um uns selber zu schützen. Dabei ist das was wir als Selbstschutz sehen eine Gefahr für die gesamte Menschheit.
Ich, ich und noch mehr ich – Egoismus sorgt dafür, dass die Individuen nur noch für sich selbst und an sich selbst denken. Man nimmt nur noch seine eigenen Bedürfnisse wahr. Was andere Menschen fühlen, denken, erleben wird zunehmend unwichtiger. Wir sprechen von Personen, die außer sich selbst keine weiteren Menschen ernst nehmen können. Es scheint fast so, als wäre man der Mittelpunkt der Welt. Und ehe man das Wort Egoismus aussprechen kann, sieht man um sich herum asoziale Menschen. Asozial, weil sie nicht mal eine Stunde zusammen sitzen können, ohne sich die Köpfe einzuschlagen. Asozial, weil die Menschheit verlernt zu teilen, gemeinsam zu leben und gemeinsame Perspektiven zu entwickeln und diese zu realisieren. Vergessen wir mal Perspektiven, nicht einmal das Brot wird geteilt.
Wenn wir Egoismus in anderen Regionen naeher betrachten, so sehen wir, dass der Egoismus in der kurdischen Gesellschaft nicht so starkt ausgepraegt ist wie in der westlichen Gesellschaft. Es herrschen noch soziale Gefüge und Strukturen bei denen die Menschen zusammenhalten. Denn viele KurdInnen halten, wenn auch unbewusst, an der Idee fest, dass das gemeinsame Leben mit vielen Menschen ein wertvolleres Leben ist. Diese Form von Leben ist eine kolletive und gemeinschaftliche Art und Weise. Im Westen jedoch wurde ein Glauben implantiert, dass alle Menschen glücklicher sind, wenn sie für sich leben. Die Menschen wurden voneinander getrennt, von ihrer eigenen Art entfremdet, und von der Gesellschaft komplett isoliert. Wobei man auch sagen kann, dass eine Anhäufung von voneinander isolierten Egoisten sowieso keine Gesellschaft ist. Diese Gruppe von Egoisten können nicht mal ein gemeinsames Problem lösen, weil sie auf sich selbst fixiert sind und jeder seine eigene Meinung als die einzig Wahre sieht. Egoismus kann laecherlicherweise sogar so ein Hindernis werden, dass zwei Nachbarn ihr Problem nicht mit Dialogen, sondern mit Drohungen, Anzeigen und Polizei lösen können.
Ursprung des Egoismus
Egoismus ist eine bewusste Politik des Staates. In der Kindheit wird angefangen Kinder aufeinander aufzuhetzen. Anstatt tiefe Freundschaften zu entwickeln schafft man abartige Feindschaften. Schon im Kindergarten werden Kinder nach ihrer Leistung bewertet. Funktionierst du mehr bist du auch mehr wert. Funktionierst du nicht bist du auch nichts wert. Der Staat schafft es schon in den frühen Kindheitsjahren Kategorien und Klassen zwischen den Kindern zu entwickeln. Es gibt gute, mittlere und sehr schlechte Kinder. Unbewusst prägen sich diese Unterschiede in unseren Gehirnen ein. Dadurch zürnt man Unterschiede. Gier und Neid werden beigebracht. Und schon möchte ein Kind seinen Stift nicht mehr mit einem anderen teilen. So fängt die Gehirnwäsche an, doch auch später in allen Bildungsstätten und Arbeitsstellen des Staates werden diese „Werte“ den Menschen aufgezwungen und eingepflanzt. Besonders durch Konkurenzkaempfe in den Schulen und den Unis fangen Menschen an ihr gegenüber als Feind zu sehen. Immer mehr glaubt das Individuum daran glücklicher zu sein, wenn er oder sie die andere Person aussticht oder mindestens als besser bewertet wird. Es geht um Macht. Macht in der Hand Weniger. Macht, die unbedingt jeder haben will. Es geht um Hierarchie. Und zusammengefasst heißt das, dass man alle menschlichen Werte verliert. Moral wird mit den Füßen getreten. Zunehmend wird der Mensch immer gieriger und will mehr Macht. Der Mensch wird immer schwächer denn die unmoralischen Werte wie Gier, Egoismus und Etatismus werden stärker. Durch diese Eigenschaft der kapitalistischen Moderne leben wir nicht nur einfach isoliert voneinander, nein – wir zersplittern unsere Gesellschaft in tausende Stücke.
Selbst die heutige Liebe ist eine Egoistische. Wir sprechen von Partnerschaften mit zwei Menschen, die nur für sich leben und an ihr Vergnügen und Wohlhaben denken. Es ist immer wieder erkennbar, dass die meisten Menschen in Partnerschaften eingehen um sich selbst zu erfüllen, sich geliebt zu fühlen und sich vor der gesellschaftlichen Einsamkeit zu schützen. Da die Gesellschaft nicht mehr funktioniert, fliehen wir in Liebesbeziehungen, um die Leere des Lebens und das Unglücklichsein zu vertuschen. Du bist dann mit einem Menschen zusammen, bist von dieser Person abhängig und nennst das Liebe. Doch worauf basiert diese Beziehung? Auf Demokratie? Auf Gleichheit? Nein eher auf Abhängigkeit und Erniedrigung. Gleichzeitig bist nicht fähig die Menschen und die Gesellschaft zu lieben. Wenn du nicht die Menschheit liebst, wenn du nicht gelernt hast zu lieben, wie willst du eine Person wahrhaft lieben? Wie willst du wissen was Liebe ist, wenn du ständig für dich lebst? Wie sehr sind deine Gefühle wirklich deine, und wie sehr wurdest du vom kapitalistischen System beeinflusst? Zunehmend merken wir, dass der Kapitalismus durch Eigenschaften wie dem Egoismus unsere natürlichen Werte vernichtet. Selbst unsere Gefühle wurden uns genommen.
Was hindert uns an einem freien sozialen Leben?
Die Eigenschaft Egoistisch zu sein müssen wir als eine Krankheit verstehen. Diese Krankheit zu bekämpfen und zu besiegen sorgt schon für viel Veränderung in der Gesellschaft. Die Gesellschaft wird anfangen den Staat zu hinterfragen. Sie werden bemerken, dass sich die Krankheit Egoismus wie ein hartnäckiger Virus fest in ihre Gehirne eingebrannt haben und sie werden neue Perspektiven suchen und Alternativen aufbauen. Alternativen die den Staat bedrohen und letztlich sogar zum einstürzen bringen können.
Fragen wir uns doch mal, warum die Menschen Angst haben ihren Egoismus abzulegen? Die Menschheit lernt seit tausenden von Jahren, dass sie nur überleben können, wenn sie nur ums sich selber sorgen. Die meisten gesellschaftlichen Probleme resultieren aus dem Glauben, dass wir uns in einem Überlebenskampf befinden. Sogar noch im 21. Jahrhundert glauben wir, auch wenn nicht bewusst, dass wir ernsthaft um unser Überleben kämpfen müssen. Dazu kommt, dass wir den Staat zunehmend als eine Art Schutz für uns selbst verstehen. Denn der Staat sagt uns jeden Tag „Ohne mein Geld kannst du nicht leben, ohne mich bist du nicht sicher, du musst mir dienen, damit du dein Brot verdienst“, usw. Hier treffen wir wieder auf die Mentalität : „Funktionierst du mehr bist du auch mehr wert. Funktionierst du nicht bist du nichts“ wieder. Auch zur Frau sagt man: „du musst dich verkaufen, dann bist du hier frei, präsentierst du dich wie ich will, wirst du Anerkennung bekommen.“ Wir denken, dass der Staat zu uns gehört. Wir können uns das Leben ohne Staat nicht vorstellen, weil sich diese Gedanken in uns verankert haben. Es herrscht eine Angst die Krankheiten der kapitalistischen Moderne abzulegen, weil wir uns an das Leben im Staat gewöhnt haben. Wir haben verlernt selbstständig zu leben, wir haben finden keine Perspektive um aufrecht und frei durchs Leben zu marschieren. Wir haben Angst vor einem würdevollen Leben.
Egoismus beweist sich als Grundlage all dieser Phänomene. Es ist das Kernproblem unserer Existenzaenngste. Und wenn wir dieses Problem bekämpfen, bekämpfen wir auch den Staat. Die Menschen werden ohnmächtig gemacht und klammern sich an ihrem Egoismus fest um zu überleben. Also uns wird gesagt: ohne mich bist du nichts. Also sagen wir dem Staat doch: Ich bin ich – und zwar nur ohne dich. Und wir müssen nach dem richtigen Leben suchen. Nach einer Alternative aus dem System und zur Selbstfindung.
Und wie?
Alles fängt mit dir selber an. Wenn wir hinterfragen: „Wie will ich leben, wie kann ich mich von Neuem aufbauen“, dann stellen wir fest, dass wir unsere eigene Realität falsch auffassen. Denn eigentlich leben wir das Leben nicht richtig. Wir nehmen eine passive Rolle im Leben ein und lassen uns von der kapitalistischen Moderne verformen. Wir schweben in einer Seifenblase und schweben in einer falschen Welt. Und sobald die Blase platzt, wir hinfallen, und aus dieser Scheinwelt erwachen, dann wird uns bewusst, dass dieses Leben das Falsche ist. Wir erkennen dass wir nicht mehr so durchs Leben schweben können sondern lernen müssen wieder aufrecht- mit einem neuen Ich zu laufen.
Der erste Schritt um Egoismus zu bekämpfen fängt durch Organisierung an: Gebe ich den Menschen in meinem Umfeld ein Bewusstsein für ihre Lage, sorge ich für Gemeinschaft – dann habe ich schon meine meine Verbundenheit für eine menschliche Gesellschaft bewiesen. In diesem Punkt ist die Organisierung eines der wichtigsten Faktoren um die Gemeinschaftlichkeit für sich und die ganze Gesellschaft zurück zu gewinnen. Mit Organisierung fängt die Liebe für die Gesellschaft an. Organisierung ist die Nadel, die die Blase der kapitalistischen Moderne zum platzen bringen wird. Gerade als Jugend müssen wir der kapitalistischen Moderne den Kampf ansagen. Die Jugend ist die Vorreiterrolle dieser Gesellschaft und sie hat die Kraft die Welt zu verändern und eine bessere Welt, eine wahre Welt zu erschaffen. Es sind die Jugendlichen und die Frauen die ständig den Angriffen der kapitalistischen Moderne ausgesetzt sind. Es sind die Frauen und die Jugendlichen, die der Staat versucht so früh wie möglich in seine eigenen Sklaven zu verwandeln um sein eigenes System auf den Beinen zu halten. Deshalb müssen wir als Jugend unsere Vorreiterrolle anerkennen, sie in uns sehen, und den Widerstandsgeist der Jugend zum Leben erwachen lassen. So entsteht das neue Leben mit einer freien Gesellschaft.
