Eine Skizze der Parteigründung

Am 27. November 1978 gründete Rêber APO mit 22 weiteren Genossen die PKK. Passend zu dem Monat der Parteigründung hat die Stêrka Ciwan Redaktion aus den Verteidigungsschriften Rêber APOs “Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“ (S. S. 413 – 428) Textausschnitte über die Parteigründung ausgesucht.

STÊRKA CİWAN

Erste Phase: Entstehung

Drei Tage nach unserer Veranstaltung wurde Haki Karer in Dîlok (Antep) erschossen, was bei uns eine Schockwirkung auslöste. Wir reagierten darauf mit einem Schritt vorwärts und begannen mit dem Aufbau einer Partei, der PKK. Am 27. November gründete unsere 22-köpfige Gruppe im Dorf Fîs (Amed) die Partei. Da uns klar war, dass wir in den Städten nicht lange am Leben blieben, wenn wir als Partei aufträten, mussten wir sowohl die Option der Berge als auch die des Mittleren Ostens nutzen.
In den 1970er Jahren begann sich ein Bruch in der Geschichte des kapitalistischen Systems abzuzeichnen. Das System hatte sich nach dem II. Weltkrieg wieder gefangen. Die USA hatten eine Führungsrolle eingenommen, Europa war wieder auf die Beine gekommen. An genau diesem Punkt hatte mit der Jugendbewegung von 1968 eine neue geistige Revolution begonnen. Im Rückblick erscheint als wichtiger Faktor, dass die staatsorientierten linken und sozialdemokratischen Bewegungen des Realsozialismus in den letzten Jahren ihre Ziele zwar erreicht hatten, jedoch weit davon entfernt waren, ihre Versprechungen des Volkes gegenüber zu halten. Den linken Bewegungen gelang es letztlich nicht, sich vom System zu lösen. Sie waren aus ihm geboren. Zweifellos wäre es unrealistisch zu behaupten, sie hätten sich absichtlich dem System angenähert. Wir können jedoch heute getrost feststellen, dass sie nicht die Absicht hatten, die Rationalität des Systems und seine Lebensweise zu überwinden. Wo es diese Versuche dennoch gab, versagten sie meist in leeren Phrasen und Parolen und wir kennen auch viele Beispiele aus der Geschichte, wo sie (revolutionäre Gedanken) durch Gewalt errungen wurden, sodass sie ihre Essenz, ihren Ursprung verloren. Wenn wir uns heute den Zerfall der realsozialistischen Länder (z.B. die Sowjetunion), die Krise der Staaten vor Augen führen, können wir getrost feststellen, dass alle diese Strömungen nicht mehr als Spielarten, Teil des Systems sind. Das Erhoffte war nicht eingetreten. Viele revolutionären Strömungen waren zur Macht gelangt und hatten nicht halten können, was sie versprochen hatten. Aus ihnen heraus war eine neue Klasse von Kapitalisten und Bürokraten entstanden. Dies war der Hauptfaktor für das beginnende Chaos im System. Seit den achtziger Jahren sah man im Neoliberalismus eine Lösung für diese chaotische Situation. Während derartige Entwicklungen Anfang der siebziger Jahre auf der Welt stattfanden, war es der kurdischen Bewegung in der Türkei, die sich der Linken und der kurdischen Frage verbunden sah, nicht gelungen, die klassischen linken und nationalistischen Positionen zu überwinden. Während sich die Linke der Türkei an der Sowjetunion, China, Albanien und dem Eurokommunismus orientierte, war die kurdische Linke eine schwächliche, zwischen primitivem kurdischen Nationalismus und türkischer Linken hin und hergerissene Bewegung von Intellektuellen. Ich persönlich interessierte mich damals für beide Strömungen. Zwar überwog meine Sympathie für die THKP-C (türkische marxistisch-leninistische Partei), jedoch interessierte ich mich auch weiterhin für einige Organisationen, die sich ausführlicher mit der kurdischen Frage beschäftigten. Ich wurde nach dem Märtyrertod von Mahir Çayan (Mitbegründer von THKP-C) im März 1972 nach einer Universitätsbesetzung verhaftet und nach sieben Monaten wegen Mangels an Beweisen freigelassen. Ich sah, dass die Situation der Organisationen, in die ich meine Hoffnungen gesetzt hatte, nicht allzu gut war, und kam zu der Überzeugung, dass es besser sei, eine neue Organisierung zu organisieren. Wir hielten es für angemessener, weder als primitiv kurdisch-nationalistische Strömung noch als eine der linken Strömungen, die im Grunde türkisch-nationalistisch waren, sondern zunächst unter dem Namen „Revolutionäre Kurdistans“ mit einer eigenen Interpretation der Geschichte und der Gegenwart aufzutreten. Unsere Linie war anders, und ihre Bedeutung wurde täglich klarer. Ich glaube, dass diese Entscheidung richtig war. Sie trug in sich den Keim einer Entwicklung, die den Kurden und
dadurch den anderen Völkern, soweit sie sich beteiligten, das Bewusstsein vermitteln würde, ein freies Volk zu sein. Die Identität eines freien Volkes anzustreben, ohne in den Nationalismus der unterdrückenden oder der
unterdrückten Nationen zu verfallen, war die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit. Dank dieser ideologischen Linie gelang es der PKK glücklicherweise, eine Politik zu entwickeln. So wurde sie schließlich sehr schnell von der Bevölkerung, die ihre potentielle Basis darstellte, angenommen, und es fand eine
tiefgreifende Politisierung statt. Die wichtigste Frage, die wir in Zusammenhang mit der politischen Linie
der PKK klären müssen, ist, ob sie auf einen eigenen Staat abzielte oder nicht. Zwar verwendeten wir viel die Parole „unabhängiges Kurdistan“, aber man kann kaum sagen, dass dies gleichbedeutend mit einem unabhängigen Staat war. Als einer der maßgeblich Beteiligten kann ich sagen, dass wir über den Staat im Allgemeinen nicht ausführlich nachgedacht noch diskutiert haben.
Niemandem kam in den Sinn, dass wir ein besonderer und eine langfristige kraft des Widerstandes sein könnten. Als verschiedene Anzeichen auf einen eventuell bevorstehenden Militärputsch in der Türkei hindeuteten, gab es für uns zwei Optionen: Entweder den Weg in die Berge zu wählen oder sich ins Ausland, in den Mittleren Osten zurückzuziehen. Wir taten eigentlich beides. Es war uns gelungen, zu einer Bewegung zu werden, wir hatten die Partei ausgerufen und eine Position erreicht, die eine langfristige Existenz ermöglichte. Daher war es uns gelungen, hinsichtlich des Putsches in der Türkei, der am 12. September 1980 stattfand, vorausschauend zu handeln und rechtzeitig die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Der Gang ins Ausland war nicht für lange Zeit geplant. Ab 1980 wurden wie geplant einige Gruppen im Mittleren Osten ausgebildet und machten sich ins Land auf. Die erste Konferenz der PKK wurde 1981, der zweite Kongress 1982 durchgeführt, um die grundsätzliche Ausrichtung auf Kurdistan selbst zu verstärken. Bereits im Jahre1980 sollte unter der Führung von Kemal Pir und Mahsum Korkmaz eine Widerstandsperspektive aufgebaut werden, die von Dêrsim bis Botan (Nordkurdistan) reichen könnte. Die unglückselige Festnahme von Kemal Pir im Juli 1980 war ein ernsthafter Verlust. Als die geplante Offensive ausblieb, Mazlum Doğan sich an Newroz 1982 im Gefängnis von Diyarbakir erhängte, anschließend die Gruppe um Ferhat Kurtay eine Selbstverbrennung durchführte und Kemal Pir, Mehmet Hayri Durmuş, Akıf Yılmaz und Ali Çiçek im Hungerstreik starben, geriet ich in tiefe Besorgnis und machte mir Vorwürfe, dafür verantwortlich zu sein. Dies schlug in Wut und Zorn über unsere Verfassung um. Im Januar 1984 fand eine Versammlung mit einer kleinen Anzahl von Zentralkadern statt, auf den erstmals einigen Freunden – vor allem Duran Kalkan und Cemil Bayık – namentlich genannt und heftig kritisiert wurden.

Mazlum Doğan, Kemal Pir, Ferhat Kurtay, Mehmet Hayri Durmuş, Akıf Yılmaz und Ali Çiçek waren treibende Vorreiter der Diyarbakir Gefängnis-Aufstände
Mahsum Korkmaz – Kommandant Egîd, führte die bewaffnete Propagandaeinheit der ersten Guerillaoffensive des 15. August 1984 in Dihê (Eruh)
Duran Kalkan und Cemil Bayık

Zweite Phase: Bewaffneter Kampf und Kriegskunst

Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem wir uns entweder zu einer Exilbewegung oder zu einer Freiheitsbewegung des Volkes weiterentwickeln konnten. Die historische Verantwortung für das lange Schweigen der Freiheitsbewegung lastete schwer auf uns. Vor allem die Folter und die Märtyrer in den Gefängnissen machten es absolut erforderlich, dass wir handelten. In diesem Sinne kann man die Offensive des 15. August 1984 (erste Guerillaoffensive gegen den türkischen Staat) als verspätet und unzureichend bezeichnen. Man sprach stets von „einer Handvoll Banditen“. Im grenzenlosen Vertrauen auf klassische militärische Stärke rechnete der türkische Staat mit unserer schnellen Niederschlagung. Bis Ende 1984 konnte die Gegenseite, der türkische Staat, allerdings keinerlei Erfolge verbuchen. Der Weg war frei für den Guerillakrieg. Jedoch kam zu dem türkischen Staat noch die KDP (nationalistische-rückständige Kurdenpartei in Südkurdistan) als Hindernis hinzu, welches eine kraftvolle Offensive hinderte. Dabei waren die Reaktionen bei der Bevölkerung positiv. Was fehlte waren wirkliche Kommandanten, die in der Lage gewesen wären, die Bewegung zu leiten und zu organisieren. Dieses war das entscheidende Problem, das entscheidend für sämtliche negativen Entwicklungen wurde. Kemal Pir und Mahsum Korkmaz hatten realistische Kritiken an der Durchführung des bewaffneten Kampfes angebracht. Diese beiden Genossen wären vielleicht in der Lage gewesen, ihn richtig zu führen. Der Verlust von Kemal Pir im Jahre 1982 und Mahsum Korkmaz 1986 waren ein schwerer Schlag für die Möglichkeit, den Krieg planmäßig zu entwickeln. Es folgte ein Teilrückzug und im gleichen Jahr der dritte Kongress, auf dem die Krise weiter angeheizt wurde.
Das Problem lag nicht im Mangel an Möglichkeiten, sondern in übertriebener Genügsamkeit mit dem Erreichten. Trotz aller Schwierigkeiten erstellten wir 1987 erneut breite Perspektiven und faktische Möglichkeiten für einen Angriff. Doch das Bandenwesen in der Partei und die Verantwortungslosigkeit mancher Zentralkader in der Bewegung sorgten dafür, dass die Angriffe behindert wurden und ineffektiv waren. Als Reaktion auf diese kaum erklärlichen Vorgänge wurde mir zunehmend die allgemeine Leitung übertragen, die sich immer schwieriger gestaltete. Dies erforderte umfangreichere Analysen und eine Vertiefung der Ausbildung. Beinahe jeder angehende Kader bekam definitiv genau die Unterstützung, die er oder sie benötigte, um sich mit Würde an der Revolution beteiligen zu können. Dass einige, anstatt dies zu respektieren und selbst einen Beitrag dazu zu leisten, einen internen Machtkampf begannen, vergiftete alle Aktivitäten. Die sogenannte Viererbande aus Şahin Baliç, Şemdin Sakık, Kör Cemal und Hogir begann ein echtes Massaker an den Kadern. Es ist immer noch unbekannt, wie viele wertvolle Kader sie erschossen, um sie dann als „im Kampf gefallen“ zu melden. Das „dunkle Geheimnis“ des Todes vieler wertvoller Genossinnen und Genossen ist noch immer ungelöst. Viele Zivilisten, normale Menschen, Frauen und Kinder, die niemals hätten als Zielscheibe ausgewählt werden dürfen, wurden getötet. Das Zentralkomitee hatte keinerlei Einfluss mehr. Es liegt auch immer noch im Dunkeln, inwieweit ich aus der Ferne richtig informiert worden bin. Ich wachte erst auf, als am 25. Januar 1990 Hasan Bindal, mein Freund aus Kindertagen, vor meinen Augen in niederträchtigster Weise angeblich „bei einem Manöverunfall“ getötet wurde. Trotz meines unerschütterlichen Glaubens an Patriotismus und Sozialismus führten diese schändlichen und unentschuldbaren Verbrechen innerhalb der Bewegung nach und nach zu einer Abstumpfung. Bis dahin war bereits eine große Zahl wahrscheinlich unschuldiger Menschen als angebliche Agenten ermordet worden. Wenn sie dies schon in meiner Nähe taten, dann mussten die Dimensionen dieses Treibens weit weg im Land erst recht fürchterlich sein. Als zu diesen verräterischen Aktivitäten noch das Abkommen Talabanis (reaktionärer kurd. Politiker) mit der Türkei über die PKK hinzukam und er 1992 gemeinsam mit der bereits vorher kollaborierenden KDP die PKK angriff, entstand eine Krise, aus der wir trotz aller großen Anstrengungen, Heldentaten und der Unterstützung durch die Bevölkerung nicht herauskamen.
Die Beschlüsse der Kongresse und Konferenzen, die wir durchführten, wurden in den Wind geschlagen. All diese ungünstigen Umstände konnten jedoch nicht verhindern, dass tiefgründige Analysen erstellt wurden, die
alle dokumentiert sind, und dass jedes Jahr mehrere Tausend Kader ausgebildet wurden und sich massenhaft Menschen aus der Bevölkerung uns anschlossen. Auf der Seite des Staates kam es nun erstmals zu ernsthaften Veränderungen. Staatspräsident Turgut Özal stand einer Diskussion des Problems und dem Waffenstillstand, den wir 1993 erklärt hatten, positiv gegenüber. Der damalige Ministerpräsident Süleyman Demirel erklärte: „Wir erkennen die kurdische Identität an.“ Dies gab Hoffnung, aber keine Garantien. Der Waffenstillstand
hätte vielleicht in einen dauerhaften Frieden münden können, wenn Turgut Özal im Frühjahr 1993 nicht gestorben oder, wie behauptet wird, getötet worden wäre, und wenn Şemdin Sakık nicht als Reaktion auf
unnötige und sinnlose Verluste auf Seiten der Guerilla dreiunddreißig unbewaffnete Soldaten erschossen hätte. Aber sowohl die innere Verfasstheit des Staates als auch das Bandenwesen, das in der PKK die Initiative in der
Hand hatte, sowie der Verrat von Talabani und Barsani (KDP-Führer) verhinderte, dass diese Chance genutzt wurde. Die Angelegenheit wurde noch komplizierter und geriet völlig außer Kontrolle. Zwischen 1994 und 1998 wurden stur immer wieder dieselben Vorgehensweisen wiederholt, was zu Erheblichen Erschöpfungserscheinungen auf beiden Seiten führte. Der 1998 im Glauben, dass der Staat ihn nicht ignorieren werde, erklärte Waffenstillstand brachte keine Lösung, da ich wegen des Drucks auf Syrien gezwungen war, das Land zu verlassen. Der Staat führte seine massiven Angriffe weiterhin fort. Er glaubte, die Gelegenheit nutzen zu können und war entschlossen, die Angelegenheit definitiv mit militärischen Mitteln zu beenden. Mit meiner bekannten „Odyssee (langen Reise) durch Europa“ und der Gefangenschaft auf der Insel Imrali begann eine neue Phase. Hiermit endete die zweite Phase der Geschichte der PKK. Diese 15 Jahre umfassende Phase zwischen dem 15. August 1984 und dem 15. Februar 1999, kann man aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und aus vielen Richtungen bewerten. Man kann sie auch aus der Perspektive von Kriegskunst und Machtspielen bewerten.

Einige Kommentare zur PKK

Ich habe versucht, einen kurzen, zusammenfassenden Entwurf einer Geschichte der PKK zu präsentieren. Früher habe ich folgende Formulierung verwendet: „Wir analysieren nicht den Moment, sondern die Geschichte, nicht die Person, sondern die Gesellschaft.“ In der PKK wird die kurdische Geschichte ebenso analysiert wie die kurdische Gesellschaft. Das gilt für alle ihre positiven und negativen Seiten. Wir müssen sie nur richtig zu lesen verstehen und die richtigen Lehren daraus ziehen. Ich hatte niemals Zweifel, dass die Entstehung der PKK eine moderne Zeitenwende für die Kurden war. Dass aber die „Kurden“ genannten Individuen auf der einen Seite so widersprüchlich, sinnlos und schwach, auf der anderen Seite aber konsequent, opferbereit und tapfer sein können, hatte ich nicht vorhergesehen. Eine Partei zu gründen war zu jener Zeit eine Frage der Ehre. Demütigungen und Erniedrigung waren damals in Kurdistan überall zu spüren. Es gab keine Möglichkeiten, unmittelbar darauf zu reagieren, doch es musste auf jeden Fall etwas getan werden. Eine Partei konnte vielleicht eine Lösung auf den Weg bringen. Wir fühlten uns verpflichtet, in der gegebenen Situation etwas zu tun, wie schwach wir auch sein mochten. In dieser Situation eine Partei zu gründen, war in gewisser Weise selbstmörderisch. Jedoch handelte es sich nicht um eine bewusste Selbstmordaktion, sondern um eine Reaktion auf die unerträgliche gesellschaftliche Situation, um die allergeringste Chance auf ein würdevolles Leben zu ergreifen. Die folgenden Entwicklungen zeigten, dass sie ein allgemeines Bedürfnis nach Würde befriedigte. Wir hatten nicht nur eine Partei im engeren Sinne gegründet, sondern den Grundstein zu einer neuen Lebensweise gelegt.

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