Eine Utopie in Realität – Rojava

Çekdar Jiyan

Ein kommunales Leben mit Eigenschaften und Werten aus der Neolithischen Zeit übertragen in die heutige Gesellschaft zu leben, dies war eine Utopie als der Demokratische Konföderalismus 2005 in Amed verkündet wurde.
Im März 2011, inspiriert vom Arabischen Frühling, entwickelten sich auch in Syrien für politische Reformen, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit, sowie gegen die Willkürherrschaft und Korruption des Assad-Regimes landesweit Demonstrationen. Im Sommer 2011 kam es letztendlich dazu, dass die Demonstrationen die Kapazitäten des Assad-Regimes weitaus überschritt. Auf Grund von Repressionen gegen die widerstandleistende Bevölkerung, organisierten sich kleine Gruppierungen gegen das Assad-Regime. In jenem Chaos, welches nun in Syrien herrschte, sahen auch die in Nord-Syrien lebenden KurdInnen eine Chance um sich zu organisieren.
Am 19. Juli 2012 verkündigten sie mit der Befreiung von Kobanê erstmals die Selbstverwaltung von ROJAVA. In den folgenden Tagen, am 20. Juli und 21. Juli 2012 wurden anschließend auch die Städte Amûdê, Efrîn, Dêrika Hemko und Qamişlo aus der Hand des Assad-Regimes befreit.
Ab jener Zeit kam es nun Schritt für Schritt zum Aufbau eines neuen, selbst errichteten Systems. Ab diesem Zeitpunkt sollte die Utopie von Gestern eine gelebte Realität aus Fleisch und Blut darstellen.

Komitees für unterschiedliche Bedürfnisse

Die Bevölkerung organisiert sich von der Basis aus, also von den Straßen, Dörfern, Stadtteilen, Städten bis hin zu den Kantonen und Kommunen, die sich fortan selbst organisieren und verwalten sollten. In diesem System werden die in den Kommunen Platznehmenden nach der Vielfältigkeit der religiösen und ethnischen Eigenschaften in den Wohnbereichen ausgewählt, was wiederum bedeutet, dass repräsentativ aus allen Religions- und Glaubensrichtungen, sowie ethnischen Gruppen, Personen in die Kommunen gewählt werden. Dies soll dazu helfen, dass die Stimmen aller Zugehörigen in den Wohnbereichen auch wirklich vertreten werden.
In den Kommunen werden letztendlich für die unterschiedlichsten Bedürfnisse, der dort lebenden Gesellschaft, Komitees gegründet. Beispielweise können Komitees wie das Frauen-Komitee, Jugend-Komitee, Gesellschafts-Komitee, Kultur-Komitee, Sport-Komitee, Märtyrer-Familien-Komitee, Sicherheits-Komitee, Logistik-Komitee, Bildungs-Komitee, Gerechtigkeits-Komitee, Presse-Komitee, Gesundheits-Komitee, Außenarbeits-Komitee, usw. genannt werden. All diese Komitees werden von der Basis aus bis hin zur Kantonalverwaltung organisiert und praktiziert.
Zudem ist jedes Komitee auch in seinem eigenen Bereich zentral strukturiert, um die Notwendigkeiten in den jeweiligen Bereichen speziell zur Hand nehmen zu können und die Strukturierung zu entwickeln. Dies geschieht zum Beispiel dadurch, dass jeder Bereich, in jeder Stadt, sein eigenen Verein hat und in jedem Verein jeweils eine zentrale Kommune oder ein Rat besteht. Zum Beispiel besteht in einer Dorf-Kommune ein Jugend-Komitee. Dieses Komitee ist gebunden an die Kommune und führt dort die notwendigen Arbeiten. Gleichzeitig ist dieses Komitee an den Zentralrat der Jugendvereinigung gebunden und organisiert sich aktiv in diesem.

Doppelspitze

Jede Strukturierungsform die besteht, wird ebenfalls durch einen Co-Vorsitz geleitet. Dieser Co-Vorsitz besteht wiederum aus einer Frau und einem Mann. Sinn der Sache ist es, der Frau, welche Vorreiterin des gesellschaftlichen Lebens ist, ihre natürliche Rolle in der Gesellschaft wiederzugeben. Der Demokratische Konföderalismus strukturiert sich nach dem demokratischen, ökologischen, Frauen befreienden Paradigma. Dieses Paradigma beschreibt, dass ein mit der Natur verbundenes und gleichberechtigtes Leben nur bedingt mit der Frauenbefreiung umsetzbar ist. Somit ist es Priorität im Demokratischen Konföderalismus eine positive Spaltung zu schaffen. Das heißt der Frau, welche Jahrtausende lang stets unterdrückt wurde, ihre Stimme im gesellschaftlichen Leben wiederzugeben. Damit dies geschehen kann, besteht eine 50%-Quote, welche besagt, dass ein Komitee, eine Kommune oder ein Rat mindestens mit einer Quote von 50 % an Frauen in der jeweiligen Struktur vertreten sein muss. Diese Quote verhindert die physische Männerdominanz in den Strukturen.

Autonome Organisierung

Zurückschauend auf Ethnische- und Glaubensunterschiede kann gesagt werden, dass für ein harmonisches Zusammenleben alle Gesellschaftsbereiche ein respektvolles Leben miteinander pflegen. In den Dörfern und Stadtteilen bestehen stets kulturell gemischte Gesellschaften. In solchen Wohnbereichen leben die Menschen alle in einer Nachbarschaft und teilen ein Leben. Jedoch ist es ebenfalls so, dass die Menschen, wie zum Beispiel ArmenierInnen, AssyrerInnen, AramäerInnen, AraberInnen und KurdInnen mit ihrer eigenen Kultur verbunden leben. Wenn wir zum Beispiel die Stadt Dêrîka Hemko als Beispiel betrachten, kann folgendes berichtet werden: In der Stadtmitte besteht ein Stadtteil, in welchem all jene fünf Ethnien zusammen leben. Damit jeder seine Kultur gänzlich ausleben kann, hat jeder sein eigenes Glaubenshaus. Ebenfalls bestehen Assyrische, Arabische und Kurdische Schulen. Damit auch ArmenierInnen und AramäerInnen ihre Muttersprache lernen können, werden Sprachkurse für Kinder und Erwachsene in den Kirchen angeboten. Zudem werden die Glaubenseinrichtungen auch für soziale Veranstaltungen für die jeweilige Gesellschaft genutzt. Auch hinsichtlich der Sicherheit hat jede Gesellschaft die Möglichkeit sich selbst zu organisieren. Wie zum Beispiel die “Sutoro”, die die innerstädtischen Sicherheitskräfte der AramäerInnen und der AssyrerInnen sind.
Ökonomisch gesehen, organisiert sich die Bevölkerung durch Kooperativen. Ziel ist es hierbei, Privatunternehmen im Dienst der Bevölkerung zu stellen und nach Notwendigkeit Reserven in Nutzung zu stellen. Alle Kooperativen organisieren sich ebenfalls als Arbeits-Kommune. Auf diese Weise haben alle Arbeitstätigen in den Kooperativen die Möglichkeit die Arbeitsumstände zu bewerten und zu kritisieren. Bestehende Problematiken werden hiermit schnellstmöglichn berichtigt oder behoben.
Um die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten, bestehen unterschiedliche Strukturen wie zum Beispiel die Asayiş (Innere Sicherheitskräfte), HAT (Hêzên Antî Teror/ Anti Terror Kräfte) und die HPC (Hêzên Parastina Civakî/ Gesellschaftliche Verteidigungs Kräfte). Diese haben ebenfalls alle einen Platz in den Städteräten und in den Kantonalräten. Zudem arbeiten sie sehr eng mit allen Strukturen zusammen, um bestehende Probleme schnellstens unter Kontrolle zu bringen.
Ziel der Frauen- und Jugendbewegung ist es, sich in allen gesellschaftlichen Bereichen zu organisieren und eine Vorreiterrolle zu übernehmen.

Von der Utopie zur Wirklichkeit

Im Ganzen kann gesagt werden, dass das System des Demokratischen Konföderalismus zwar erst 2012 in Rojava ausgerufen wurde, doch die Vorbereitungen, um dieses System tatsächlich ins Leben zu rufen, schon viel eher getroffen wurden. Rêber APO bildete die in Rojava lebende Bevölkerung ab 1979 bis hin zu heute aus. Rêber APO hatte die Vision des Demokratischen Konföderalismus in Rojava weitaus vorher. Schon 2003 wurde die PYD (Partiya Yekîtiya Demokrat/ Partei der Demokratischen Union) ausgerufen. Auch die Kurden in Rojava mussten viele Etappen überwinden und harte Kämpfe überstehen, bis sie den Demokratischen Konföderalismus in Rojava ausrufen konnten. Doch nun heißt es, kämpfen um ein wachsam schlagendes Herz nicht zum Stoppen zu bringen. So sehr das Kapitalistische System auch versucht den Freigeist der Menschheit im Keim ersticken zu lassen, der Wille nach einem freien Leben, nach dem Demokratischen Konföderalismus ist weitaus stärker, denn „Sie können alle Blumen abschneiden, den Frühling aber können sie nicht aufhalten.“ (Ernesto Che Guevara)

BIJÎ BERXWEDANA ROJAVA!

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