Entstehung, Probleme und Lösungswege von Nation und Nationalstaaten

Dies ist eine Analyse aus dem Buch Gilgameschs Erben Teil1 des Vorsitzenden Abdullah Öcalan über Nation und Nationalstaaten.

RÊBER APO

Nation und Nationalstaat entstanden als Folge des aufgrund der kapitalistischen Produktionsweise als direkte Handelsorganisation entstandenen Binnenmarktes. Sie bezeichnen die Umwandlung und Organisierung als Staat von einander ähnlichen Stammesgemeinschaften und Volksstämmen, die in einer Nation als eine übergreifende Identität ihre Form finden. Der gemeinsame Markt führt die regionalen Dialekte und Kulturen zu einer gemeinsamen Sprache und zu
Formen einer nationalen Kultur. So wird mit ökonomischer Einheit und der Gemeinsamkeit von Sprache und Kultur ein Übergang vollzogen von der alten, dynastischen Monarchie zu einer neuen politischen Regierungsform. Diese ist die politische Einheit aller Bevölkerungsgruppen, deren Interessen unter der Führung der Bourgeoisie zusammenkommen.

Die Republik wird überwiegend von der kapitalistischen Spielart der Politik dominiert. Stammes- und Volkszugehörigkeit werden durch die Kraft des nationalen Marktes zu nationalen Bindungen transformiert, wobei man diesen Prozess bewusst plant und manchmal sogar mit Gewalt beschleunigt. Gegenüber der Globalisierung und dem insbesondere von den wissenschaftlichtechnologischenEntwicklungen forcierten Weltmarkt sind der nationale Markt und Staat zum Hindernis geworden, ähnlich der konservativen Rolle vergangener feudalistischen Dynastien. Es entstehen immer mehr übernationale politische, rechtliche und ökonomische Einheiten, sowie regionale Zusammenschlüsse, die zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Die internationale Gesellschaft erlebt ihre historisch stärkste Zeit. Aufgrund der geschilderten Bedingungen kann die kurdische Gesellschaft weder so etwas wie einen unabhängigen nationalen Markt hervorbringen, noch sich auf einen Nationalstaat orientieren. Ihre strategische Position spielt eine zusätzliche negative Rolle. Auch die herrschenden Staaten selbst lassen weder die Entstehung eines Binnenmarktes, noch die Entwicklung stärkerer nationaler Bindungen zu. Daher setzen sich die Bedingungen einer modernen Gesellschaft nur unter schweren ökonomischen, sozialen und
politischen Problemen durch. Eine Entwicklung der nationalen Sprache und Kultur mit modernen Mitteln wird nicht zugelassen.

Während die herrschenden nationalen Gemeinschaften (“Staatsvölker”) mithilfe des Staates für ihre eigene Sprache und Kultur weitgehende materielle und geistig-kulturelle Privilegien sowie vielseitige Entwicklungsmöglichkeiten bereitstellen, fällt dem Kurdischen lediglich Verbot und Leugnung zu. Das gleiche gilt für wirtschaftliche Aktivitäten und freie politische Beziehungen und Institutionen.

Es werden keine Mittel zum Aufbau einer Ökonomie, die auf den eigenen Interessen und Ressourcen der Gesellschaft basiert, sowie einer intellektuellen und politischen Institutionalisierung, die sich an der Ausdrucksfreiheit orientiert, bereitgestellt. Im Gegenteil, sämtliche Versuche in diese Richtung werden hart bestraft. Die freie Ausübung der kulturellen Identität ist ebenfalls verboten. In diesem Sinne wird eine mittelalterliche Politik der Verleugnung, Verbote und Zwangsassimilierung betrieben Die aktuelle Realität des kurdischen Phänomens zeugt von den Schwierigkeiten, auf der Grundlage nationalistischer Ideologie zu so etwas wie einer Nation bzw. einem Nationalstaat zu werden.

Auf der anderen Seite zeigen der Verlust der Position von Nation und Nationalstaat als einziger zeitgenössischer Option sowie das Hervortreten von Demokratie als einer immer wichtiger werdenden Gesellschafts-, Politik-, und Staatsform, dass der demokratische Lösungsweg gangbarer ist. Auch ohne die Gründung eines Nationalstaats ist ein Leben in Freiheit leicht möglich, und zwar als eine freie nationale Gemeinschaft in einem gemeinsamen demokratischen Staat. Es ist sogar bereichernder. Viele alte Nationalstaaten entwickeln sich langsam zur föderalistischen Union. Sichtbar wird diese neue Entwicklungsrichtung insbesondere in der föderalen Eigenschaft der USA, dem wohl stärksten Staat der Welt, und in Schritten in ganz Europa hin zum Föderalismus der EU.

Diese Situation zeigt auch in Bezug auf die kurdische Frage die Möglichkeit eines Lösungsweges auf, der auf einer demokratischen Einheit mit den von Kurden bewohnten Ländern basiert. Eine friedliche Lösung kann mit demokratischen Politikinstrumenten angestrebt werden, die auf der Basis eines breitangelegten Zivilgesellschaftsprojekts zu erschaffen sind, ohne dass dabei nationalistischen Vorurteilen Raum gegeben oder Gewalt angewendet wird. Dieser Weg, der unter Ausschließung nationalistischer Gewalt und Separatismus gegangen werden müsste, würde allen ethnischen Gemeinschaften ihre kulturelle Unversehrtheit garantieren und ein freies Leben ermöglichen. Er ist eine Lösungsmöglichkeit, die auf der ganzen Welt immer stärker an Gültigkeit gewinnt.

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