Am 5.6.2016 sind die Märtyrer Çekdar Botan und Lecwan Munzur bei einem Luftangriffen des türkischen Besatzerstaates in den Medya Verteidigungsgebieten gefallen. Die gefallenen Freunde haben das Leben von vielen Jugendlichen geprägt. Der Freund Zarathustra Zap war einer der Jugendlichen, der zusammen mit Şehîd Lecwan und Şehîd Çekdar gearbeitet und gekämpft hat. Mit seinem Text möchte der Weggefährte seine Erinnerungen teilen und die gefallenen Freunde somit Unsterblich machen.
Zarathustra Zap – STÊRKA CIWAN
Von euch habe ich die Bescheidenheit und die Opferbereitschaft gelernt
Es ist nicht leicht über Şehîds zu schreiben, denn es besteht immer die Gefahr den gefallenen FreundInnen nicht gerecht zu werden. Niedergeschriebene Worte scheinen in Anbetracht ihres Kampfes nicht ausreichend genug. Jedoch steht uns die Aufgabe zu, mit unseren Erinnerungen die FreundInnen unsterblich zu machen. Es ist mein erster Versuch, etwas über die drei Freunde, Şehîd Lecwan, Şehîd Çekdar und Şehîd Ali aufzuschreiben, mit denen ich in Europa viel Zeit verbracht habe. Angesichts der Wut und der Trauer über ihren Verlust war es für mich ein schwerer Schreibprozess. Es waren die drei Genossen, die meinen Lebensweg stark geprägt haben. An dem Tag als ich erfuhr, dass die Genossen gefallen sind, schwur ich mir ihren Kampf weiterzuführen. Bevor ich die Freunde kennengelernt hatte, war ich nur einer der vielen Opfer, dessen Jugendgeist von der kapitalistischen Moderne aufgesogen, entleert und wieder ausgespuckt worden ist. Jedoch änderte sich mein Leben als ich Şehîd Lecwan und Şehîd Ali kennengelernt habe. Ihre Haltung färbte auf andere ab und so gewann ich von Şehîd Lecwan und Şehîd Ali schnell an Stärke, die mir eins weggenommen war. Sofort fühlte ich mich bei ihnen wohl, als würden wir uns länger kennen. Sie haben mir die Augen geöffnet, mir das künstliche System gezeigt. Mir gezeigt, dass vieles was wir sehen, hören und fühlen eine Illusion ist. Ich werde die Diskussionen, die ich mit den Freuden bis tief in die Nacht geführt habe niemals vergessen. Ich werde den Freunden durch meinen Lebensweg zeigen, dass ihr Aufwand nicht umsonst war. Ein Jahr lang kamen sie immer zu mir nach Hause und wenn sie da waren vergass ich plötzlich all meine Sorgen. Ihre Haltung, die Bescheidenheit, der Umgang miteinander, ihre Aufopferungsbereitschaft beeinflussten mich.
Wenn sie mich aus Zeitgründen nicht besuchen konnten, fühlte ich mich leer. Und wenn sie kamen, gingen wir gemeinsam auf diversen Demonstrationen und politischen Veranstaltungen. Da ich sonst immer ein „staatstreuer Bürger“ war, hatte ich vor jeglichem zivilen Ungehorsam Angst. Angst vor dem Staat und der Polizei. Als wir zum Beispiel gemeinsam für Şengal eine Spontandemo am Flughafen organisierten, blieb ich unentschlossen daheim, weil es meine erste Sponti sein sollte, doch ich konnte sie beide nicht allein lassen und kehrte zurück. Als wir die Aktion am Flughafen starteten, rückte wegen 10 AktivistInnen sofort eine Hundertschaft von Polizisten mit Sturmgewehren und schwerer Bewaffnung an. Meine Beine zitterten, mein Herz schlug mit Hochdruck und die Angst packte mich. Doch zwei junge Männer neben mir, aufrecht Stehend, mutig, stolz und ohne jegliche Furcht vor den schwerbewaffneten Polizisten, riefen weiter Slogans. Dies gab mir viel Mut und meine Angst verflog durch die starke Haltung der Freunde. Diese Haltung von Şehîd Lecwan und Şehîd Ali war es auch, die meine Angst vor dem System, sprich, vor dem Staat und der Polizei endgültig gebrochen hatte.
Als Şengal, Maxmûr und Kobanê angegriffen worden sind, sah ich die Wut und den Hass der sich gegen den Feind richtete in den Augen der Freunde. Man merkte schnell, dass sie an solch Momenten an die FreundInnen in der Heimat dachten und mit ihnen verbunden waren. An dem Tag als beide in die Heimat flogen war für mich ein Wendepunkt in meinem Leben. Ich hielt es allein in dem abgekarteten System nicht mal einen Monat lang aus und beschloss den gleichen Weg zu gehen, den die Freunde gegangen sind. Ihre Lebensweise war die einzige Perspektive für mich. Selbstlose Menschen die alles Materielle aufgeben und sich einem großen Ziel hingeben und zwar dem der Menschlichkeit. Als ich auch der Partei beitrat holte mich der Freund Şehîd Ali ab. Von weit her war er gekommen. Ich hatte 42 Grad Fieber und Şehîd Ali konnte vor Sorge nicht einschlafen. Seine Fürsorge werde ich niemals vergessen, er saß die ganze Nacht neben mir. Die Liebe zu seinen GenossInnen war unermesslich. Die Empathie und das Einfühlen in andere Menschen war immens bei ihm. Er spürte die Sorgen seiner GenossInnen und unternahm alles um seinen GenossInnen Motivation zu geben. Er machte Späße mit mir, erzählte Geschichten damit ich nicht allein mit dem Fieber zu kämpfen habe. Seine Anwesenheit ließ mich die Krankheit vergessen. Şehîd Ali führte ständig einen ideologischen Kampf gegen sich selber und gegen die kapitalistische Moderne. Er war ein moderner Derwêş der sich vom Materialismus getrennt hat.
Nach ein paar Tagen ließ mich Şehîd Ali bei Şehîd Lecwan ab. Şehîd Lecwan umarmte mich mit einer großen Freude, als er mich sah. Şehîd Lecwan sorgte sich um mich und machte für mich einen speziellen Tee aus Ingwer, Zitrone und speziellen Gewürzen. Ich trank den ungewöhnlichen Tee dem Freund zuliebe, und siehe da ich war nach kurzer Zeit wieder fit. Der Freund wusste eben, dass die beste Medizin aus der Natur kommt. Şehîd Lecwan war verliebt in die Natur und in die Berge aber vor allem verliebt war er in Dersim. Er schwärmte ständig von Dersim und die Verbundenheit zu seinen Wurzeln. Die Sehnsucht nach seiner Heimat war unmessbar. Die Lebendigkeit und Jugendlichkeit in seinem Gesicht war bemerkenswert. Er war ein Genosse mit dem man immer Spaß hatte. Şehîd Lecwan unterhielt mich ein Monat lang mit witzigen Erlebnissen und machte ständig Späße mit mir. Er belehrte mich sehr über die Philosophie von Serokatî und die Lebensweise in der Partei. Einmal sagte er, dass unserer Philosophie nach alles lebendig sei, sogar ein Stein. Diese Aussage brachte mich sehr zum Nachdenken. Sie veränderte meine Sicht zur Welt radikal und machte mich einfühlsamer.
Nach meinem Aufenthalt bei Şehîd Lecwan ging ich zu Şehîd Çekdar. Das erste mal als ich Şehîd Çekdar sah war im Verein. Ganz hinten saß ein junger Mann leise, bescheiden und sehr ruhig. Seine Kleidung war khakifarben und er hatte einen kurzen Schnauzbart. Er strahlte eine außergewöhnliche Aura, die mich zu ihm anzog. Ich ging sofort zu ihm und fragte ihn fröhlich ob er der Freund sei, den ich suchte. Er schaute mich ernst aber ganz ruhig und gelassen an und entgegnete bescheiden mit einer Zustimmung. Meine erste Aufstellung war bei Şehîd Çekdar und ich lernte vieles von ihm. Ich dachte er wäre schon seit einiger Zeit beigetreten aber er war auch erst 2 Monate vor mir beigetreten. Er war sehr reif für sein Alter. Es war deutlich, dass er war unglücklich war in Europa zu sein. Es war sein größter Wunsch auf den Bergen bei den FreundInnen zu sein. Er war ein sehr kommunaler Mensch und die Bindung zwischen Şehîd Ali und Şehîd Çekdar war eine unzerbrechliche Bindung. Diese Bindung lässt mich die Worte von Rêber APO erinnern, dass “Genossenschaftlichkeit geteilte Teilnahme an der Wahrhaftigkeit ist”. Es ist die größte Bindungsart zwischen den Menschen. Die Genossenschaftlichkeit in der PKK ist die größte menschliche Beziehungsart überhaupt. Immer wenn Şehîd Çekdar an den Polizisten vorbeilief, fingen die Polizisten an unsicher zu werden. Şehîd Çekdars Präsenz gab jedem von uns Stärke und dem Feind flößte er Angst ein. Er war ein wahrer Militant und ein lebender Fedai. In seinen Blicken versteckte sich die jahrtausendalte Wut und Rache des kurdischen Volkes! Es waren wie die Blicke eines Falken, das es auf seine Beute abgesehen hat!
Şehîd Çekdar, Şehîd Ali, Şehîd Lecwan
Wir schwören euch, dass wir euren Kampf weiterführen!
Wir schwören euch, dass wir aus der Bedeutung und dem Erbe, das ihr hinterlassen habt, Kraft schöpfen werden.
Wir schwören euch, dass wir Rache am Feind nehmen werden!
Şehîd Namirin!
Von Zarathustra Zap, ein Weggefährte