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EzidInnen in Deutschland

by rcadmin

AMARGÎ ŞENGAL

Aufgewachsen zwischen zwei Welten

Wer sind die EzidInnen? Eine Gemeinschaft die vielleicht für viele nicht bekannt gewesen ist und einige Fragen aufwirft. Was zeichnet sie aus? Was für eine Geschichte haben sie erlebt, als eine Glaubensgemeinschaft die jahrtausende Jahre alt ist?
Diese Glaubensgemeinschaft ist ungefähr vor 3000 Jahren entstanden. Wobei man hier betonen muss, dass damals die Religionen wie in unserer heutigen Zeit nicht existierten.
Es ist eine Religion, die in ihrer Wirklichkeit und Essenz von natürlichen, moralischen und kulturellen Werten geprägt ist. Vor allem basiert sie auf menschliche Werte, die im Einklang mit der Natur, Moral und der Gesellschaft sind. Für das Wohlbefinden der Gemeinschaft investiert sie Kraft und Energie. Das Ezidentum hat eine Geschichte die von systematischen Genoziden gekennzeichnet ist, aber auf der anderen Seite auch von unfassbaren Widerständen. Um ihre Überzeugung und ihren Glauben zu behalten, haben die EzidInnen während vieler Genozide alles aufgegeben und sich darauf konzentriert ihren Glauben zu beschützen. Das zeigt uns nochmal, dass die gesamte Natur und auch der Mensch eine der größten Waffen in die Wiege gelegt bekommen hat – seinen Glauben und seine Überzeugung, um für die eigene Existenz zu kämpfen. Jeder Genozid hat einen Teil von Stärke, Wissen, Willen, Glauben und Widerstand aus ihrem Leib herausgerissen. Auf gesellschaftlicher, politischer und kultureller Ebene hat eine Marginalisierung, also eine Abschottung von anderen Gemeinschaften, stattgefunden. Diese tief verwurzelte Gemeinschaft verlor aufgrund dieses hierarchischen und ausbeuterischen Systems immer mehr Blut.

Flucht nach Deutschland

Die Welt hörte das erste mal von den „EzidInnen“ nach dem Genozid bzw. Feminizid, der am 03.08.2014 in Şengal angefangen hat. Vielleicht haben die meisten Menschen erst nach diesem Genozid/ Feminizid von den EzidInnen gehört, doch der Ursprung vieler ist in der tausendjährigen Geschichte dieser Minderheit versteckt.
Die EzidInnen gehören zu einer Religionsgemeinschaft, die vor über tausenden von Jahren ihre Wurzeln im Nahen Osten geschlagen haben. Heute haben sich die EzidInnen in den weiten Teilen der Welt verbreitet, und sind von ihrer Heimat tausende Kilometer entfernt. Aus Nordkurdistan sind die ersten EzidInnen ende der 70er und 90er Jahre nach Deutschland geflüchtet. Sie haben auf der Grundlage der Genfer Flüchtlingskonvention innerhalb kurzer Zeit in Deutschland Asyl gewährt bekommen. Die damalige Situation in der Türkei war sehr zugespitzt, auf Militärputsch folgte Militärputsch und das faschistische Regime versuchte jede politische Aktivität brutal zu zerschlagen. In Kurdistan sind tausende Dörfer verbrannt und zerstört worden. Ihre Lebensgrundlage wurde ihnen aus den Händen gerissen. Viele tausende KurdInnen, darunter auch EzidInnen, suchten überall auf der Welt nach Zuflucht. Diese starke Strömung der Flucht resultierte aus den Genoziden in Kurdistan. Die Flucht hat erst nach dem zweiten Weltkrieg stärker zugenommen. Anlaufstaat Nummer eins war die Bundesrepublik Deutschland. Die BRD hatte versucht darauf zu antworten, indem sie in ihrer Struktur eine homogene Masse erschaffen wollte. Alles was vielfältig oder anders war, wurde zur Zielscheibe. Man verfolgte damit eine starke Assimilationspolitik. Das ist auch heute noch so. Diese faschistische und ausbeutende Mentalität wird heute in ihrer ausgefeiltesten Form unter dem Namen „Integration“ praktiziert.

Spezielle Kriegsführung

Von der natürlichen Gesellschaft bis zur heutigen Zeit, sind es die Jugend und die Frau, die die Avantgarde der freien Gesellschaft waren. Diese Kraft führte zu vielen Fortschritten in der Gesellschaft. Darauf aufbauend sieht man vor allem in der Geschichte, welche tragende Rolle die Frau gespielt hat, und dass durch die Versklavung der Frau, die komplette Gesellschaft nach hierarchischem und patriarchalischem Denken gelenkt worden ist. Diese Abhängigkeit des patriarchalischen System hat versucht, jeden Weg der Selbstorganisierung zu verschließen.
Um eine Gesellschaft auszurotten ist die physische Vernichtung das erste Werkzeug, aber nicht das letzte. Der Staat und seine Institutionen haben vielfältige Methoden entwickelt um die EzidInnen auch kulturell zu vernichten. Diese Form von Krieg und Genozid nennt man spezielle Kriegsführung, denn es wird kein Krieg im klassischen Sinne ausgeführt. Vielmehr wird versucht durch andere Methoden die Menschen zu manipulieren, ihre Kultur zu vernichten, mit ihrer Psyche zu spielen und sie Gefügig zu machen. Hier ist natürlich zu betonen, dass spezielle Kriegsführung nicht nur gegen die ezidische Gesellschaft verwendet wird, sondern auf alle Gesellschaften. Zum Beispiel werden falsche Rollenbilder vermittelt und besonders Jugendliche nehmen sich diese als Vorbild. Das entfernt sie von ihrem eigentlichen Selbst, von ihren kulturellen und geschichtlichen Werten. Sich selbst zu belügen ist der „Selbstschutz“, um dieses falsche Rollenbild aufrecht zu erhalten. Das ist eine spezielle Kriegsführung die vor allem über Medien und Bildungsinstitutionen geführt wird. Eine Jugend, die ständig im Wettbewerb gegeneinander konkurriert, als Individuum entfernt von der Wirklichkeit ist und ständig nur denkt, sich beweisen oder präsentieren zu müssen.
Ein anderes Beispiel für spezielle Kriegsführung ist die Verbreitung von Lügen und falschen Informationen über die Geschichte und die Kultur. Das wird besonders stark gegen EzidInnen verwendet. Es gibt sehr viele ezidische Familien und Stämme, die sich selbst nicht als KurdInnen sondern nur als EzidInnen definieren. Damit schotten sich die EzidInnen von einem Teil ihrer Kultur und ihrer Herkunft ab, und die Spaltung zwischen den KurdInnen wird immer weiter gefördert. Diese Politik wird besonders von deutschen Staat gefördert, der Individuen dazu bringt, diese Lügen zu verbreiten.

Schutz oder Isolation?

Zwischen zwei Welten zu leben ist zerreißend und wirkt sich sehr negativ auf die Entwicklung des Menschen ab. Die vielen Genozide, und die zunehmende Isolation der EzidInnen haben auch großen Einfluss auf die ezidische Erziehung. Schon als Kind erleben wir, dass Eltern den Drang haben ihre Kinder zu „schützen“. Das was hier Schutz genannt wird, ist eher eine enorme Einschränkung. Es gibt strenge Verbote und Regeln. Kinder werden über ihre Geschichte nicht aufgeklärt und können so weder ihre Geschichte verstehen, noch sie aufholen. Eher entwickelt sich das Kind zu einer verunsicherten Person und ohne großes Selbstbewusstsein. Das prägt sich nochmal stärker bei den Kinder aus, die in Europa aufgewachsen sind, da sie im ständigen Zwiespalt leben. Vor allem lebt die junge Ezidin diesen Zwiespalt nochmal intensiver. Auf der einen Seite gibt es die zum Teil rückständigen Ordnungen, Gebräuche, Regeln und auf der anderen Seite die erbarmungslose Assimilationspolitik die geführt wird. Dieser enorme gesellschaftliche Druck der beiden Welten ist nicht immer standzuhalten. Dieser Problematik müssen sich junge ezidische Frauen nicht nur in Şengal, sondern auch hier in Europa bewusst sein und sich dem stellen. Auch gegen kulturellen Genozid müssen wir starken Widerstand leisten.

Neue Hoffnung in Şengal

Die Selbstverwaltung in Şengal, die sich nach der Lebensphilosophie Rêber APOs gestaltet hat, sorgte nach dem Genozid wieder für große Hoffnung. Durch diese Selbstverwaltung haben die EzidInnen aus Şengal verstanden, dass sie sich nur durch Selbstverteidigung schützen können. Es ist schön zu beobachten, welche Fortschritte dort tagtäglich gemacht werden. Diese kleinen Schritte geben vor allem uns, die hier in der Diaspora leben, sehr viel Moral zu handeln.
Um die gesellschaftlichen Probleme zu lösen, ist die Selbstorganisierung eine Vorraussetzung. Sich voll und ganz diesen gesellschaftlichen Arbeiten hinzugeben, ist die größte Erfüllung, die der Mensch erleben kann. Junge ezidische Frauen sind sowohl in Şengal als auch in der Diaspora die Hoffnungsträger ihrer Gesellschaft.

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