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Falsche Freunde

by rcadmin

In dem folgenden Textauszug aus dem Buch „Plädoyer für den freien Menschen“ beleuchtet Rêber APO insbesondere den Verrat von Freunden, und Staaten, die maßgeblich an der Verschleppung beteiligt waren. Der Text wurde für ein besseres Verständnis redaktionell bearbeitet und gekürzt.

RÊBER APO

Ich konnte mir doch nicht untreu werden!

Erheblichen Anteil am Verrat an mir hatten auch nicht ausreichend tragfähige freundschaftliche Beziehungen. Die Angst, keine guten Freunde finden zu können, welche mich seit meiner Kindheit umtreibt, wurde bestätigt, als ich mich praktisch ganz auf mich allein gestellt in einer ausweglosen Situation wiederfand. Obwohl ich mich außerordentlich bemüht hatte, tragfähige Freundschaften und genossenschaftliche Beziehungen aufzubauen, trat ein, was mir meine Mutter schon in meiner Kindheit prophezeit hatte. Als sie sah, wie eifrig ich Freundschaften schloss, pflegte sie zu sagen: „Dummkopf, gib dich nicht mit denen ab. Die sind nur bei dir, weil sie an ihren eigenen Vorteil denken. Sie arbeiten nicht so, wie du dir das vorstellst, und sie halten nicht zu dir.“ So entspricht also die bittere Erfahrung des Lebens der Wirklichkeit mehr als Kinderträume. Selbstverständlich habe ich meinen Glauben nicht verloren, dass ein Leben ohne soziale Beziehungen und aufrichtige Freundschaften nicht sinnvoll und lebenswert sein kann.
Zwar gibt es davon Spuren in derKultur des Ostens, aber ich habe nicht wirklich damit gerechnet, dass in der Kultur des Westens Freundschaften heranreifen könnten. Wenn griechische und andere europäische Besucher zu mir kamen, begegnete ich ihnen mit der Mentalität eines Orientalen. Ich konnte mir doch nicht untreu werden! Wie sehr hinter ihren Besuchen auch tiefer Egoismus und engstirniges Interessendenken gestanden haben mochten, musste ich sie doch wie wahre Freunde empfangen.
Jedoch ist dieses Thema nicht nur eine Frage von Wissen und Glauben, sondern hat darüber hinaus mit zwei unterschiedlichen und tief verwurzelten Mentalitäten zu tun. Die eine entstammt der hierarchischen Zivilisation bzw. der Klassengesellschaft und lautet: „In der Politik ist jedes Mittel recht.“ Dem steht die Denkweise der kommunalen Gesellschaft entgegen.
Als Politiker musste ich, um konsequent zu sein, einen Stil verfolgen, der mit meinen Prinzipien im Einklang steht. Sollten doch die anderen versuchen, mich für ihre niederen Ziele zu benutzen, so viel sie wollten, um ihre Ämterwünsche, Interessen und persönlichen Vorlieben zu befriedigen! Ich durfte nicht in Widerspruch geraten, die für mich auch ein gesellschaftliches Ideal darstellt. Diese Wesensart, die gesellschaftlichen Ideale, haben zweifellos Beachtliches bewirkt und waren ein Hauptgrund dafür, dass sich um mich tausende Genossinnen und Genossen scharten, die weitaus stärker waren als ich selbst. Diese Grundhaltung und die Eindrücklichkeit meiner Freundschaft veranlasste auch türkische Revolutionäre wie Kemal Pir und Haki Karer, die meine treuesten und entschiedensten Weggefährten zu werden. Auch die Loyalität außergewöhnlicher, mutiger Frauen mir gegenüber rührt von dieser Haltung her.
Und doch gab es unzählige Egoisten, die, bewusst oder spontan, innerhalb und außerhalb der Organisation auftauchten und mich und alle aufrichtigen Freunde und Genossen mit verhängnisvollen Folgen betrogen. Sie nutzten eben diese Haltung aus und verursachten dadurch unnötige Verluste. Dieser Kampf ums Prinzip gegen die Geisteshaltung, die das 20. Jahrhundert – mit Ausnahmen – geprägt hat, ist noch nicht zu Ende.

Was hier in erster Linie missbraucht wurde,  ist unsere Anständigkeit

Ebenso wichtig wie die Treue zum Prinzip ist, wachsam zu sein. Ansonsten wird uns das gleiche Schicksal ereilen, das schon vielen wohlmeinenden Menschen, Bewegungen und sozialen Systemen inklusive des Realsozialismus zuteilwurde. Meine Einreise nach Athen [und der anschließenden Verhaftung] erfolgte in diesem Geiste und nach dem O.K. unserer Freunde und unserer Repräsentantin in Griechenland. Vielleicht kannten sie die Personen und Institutionen und vor allem den Staat, mit dem sie es zu tun hatten, nicht gut genug. Weil ihre Auffassung von Beziehungen nicht über die eines kleinen Beamten hinausging, war unvermeidlich, dass sie für jede Art Verführung offen waren. Klar ist, dass sie benutzt wurden. Es ist auch wahr, dass die Beziehungen an vielen Orten nicht stark genug waren, um tragfähig für mehr zu sein.
Kurz, der Boden, auf den ich meinen Fuß setzte, war wahrlich nicht gut bereitet, und es war eine Frage des Glücks und der momentanen Bedingungen, ob ich ausrutschen würde oder nicht. Die Staatsanwaltschaft betont in ihrer Anklageschrift ausdrücklich, dass ich angeblich gegen den Willen des griechischen Staates eingereist sei. Das ist die Grundlage für die Anschuldigungen gegen unsere Repräsentantin, unsere Freunde und mich. Lassen wir das Juristische einmal beiseite. Was hier in erster Linie missbraucht wurde, ist unsere Anständigkeit. Es ging von Anfang an darum, uns durch versteckten Verrat hereinzulegen und als perfekten politischen Spielball für eigene Zwecke zu benutzen. Wegen unserer Anständigkeit, unserer Auffassung von freundschaftlichen Beziehungen wurden wir von den hochrangigen Führern der Staaten USA und Griechenland als „politische Grünschnäbel“ eingestuft und behandelt. Die Mehrzahl derer, die als Handlanger dienten und beteiligt waren, mögen von diesen Plänen nichts gewusst haben. Vielleicht wussten nur ganz wenige von dem Verrat. Besonders gut bekannt ist das Verhalten von Oberst Savvas Kalenteridis [Agent des griechischen Geheimdienstes] der unsere Freundschaft missbrauchte und so zum Hauptakteur bei der Umsetzung des Komplotts wurde. Kalenteridis galt als geradezu fanatischer Bewunderer meiner Person. Er war derjenige, der von der ersten Kontaktaufnahme mit mir bis zur Auslieferung an die Schergen in Kenia diese gefährliche Rolle spielte. Als ich nach Kenia geschickt wurde, versprach er Folgendes: „Ich gebe ihnen das Ehrenwort des griechischen Staates: Dort sind Griechen, es ist der für Ihre Sicherheit der am besten geeignete Ort. Innerhalb von zwei Wochen wird ein südafrikanischer Pass besorgt, den Sie erhalten.“ Als ich jedoch an die Schergen in Kenia übergeben wurde, sagte er: „Außenminister Pangalos hat einen Sonderbefehl gegeben. Sie fliegen nach Holland.“

Wie stark auch der Feind sein mag,  ein Gast wird nicht ausgeliefert

Verrat als Missbrauch von Freundschaft ist die grausamste Art von Feindschaft, die das Menschengeschlecht kennt. Ihr könnt eure Feinde erschießen, den Löwen zum Fraß vorwerfen, sie hinrichten, aufhängen oder mittels militärischer Taktiken töten. Aber eine Person, in die ein Volk seine Hoffnungen gesetzt hat und die es als Führung akzeptiert, könnt ihr nicht auf diese Weise als Postpaket verschicken und der Liquidierung überantworten. Ich glaube, dass es kein zweites Beispiel für einen Fall gibt, wo ein solches Verbrechen im Namen eines Staates begangen wurde. Die USA können für sich selbst Entscheidungen treffen. Aber jemanden, der vermittelt durch Freunde mit guten Absichten in das eigene Land kommt, behandelt man so nicht. Tatsächlich ist keinem einzigen Staat, Russland, Syrien und Italien eingeschlossen, etwas derartiges in den Sinn gekommen. Wieso hat nun einer, dessen Aufgabe es ist, für die Griechische Republik zu arbeiten, diese Rolle gespielt? Was denkt und fühlt er dabei?
In der Kultur des Ostens gibt es kein derartiges Phänomen. Wie verbreitet auch Wortbrüche anderer Art sein mögen, im Mittleren Osten erhebt man die Hand nicht gegen jemanden, der in Freundschaft kommt, selbst wenn er direkt in das Zelt seines Feindes geht. Wie stark auch der Feind sein mag, ein Gast wird nicht ausgeliefert. Wenn man mir im Namen der Griechischen Republik gesagt hätte: „Wir liefern dich wegen eines Abkommens an die USA oder die Türkei aus; unsere Gesetze und Interessen erfordern das“, würde ich nichts dagegen sagen, so sind eben die politischen Notwendigkeiten. Ich bin aber der Überzeugung, dass es auf der Welt sehr selten vorkommt, dass man mit Lügen im Namen der Freundschaft etwas zu erreichen versucht. Was schließlich Freundschaften angeht, folgt für mich aus all dem, dass ich mich damit noch intensiver befassen muss.
Es ist falsch, oberflächlich und wahllos Freundschaften zu knüpfen oder zu benutzen. Es ist bekannt, dass ich für Freundschaften offen bin. Es ist auch bekannt, dass ich Freunde suche, wie sie in den berühmten Epen behandelt werden; so wie es Enkidu für Gilgamesch oder Patroklos für Achilles war. Meine Freundschaft mit Kemal Pir steht wohl nicht hinter diesen Beispielen zurück. Nach meiner intensiven Beschäftigung mit Philosophie habe ich folgendes Prinzip besser verstanden: Alles gebärt und nährt sein eigenes Gegenteil. Die Wissenschaft spricht mittlerweile von Materie und Antimaterie. So ist es wahrscheinlich, dass die Tiefe meiner Freundschaft auch ihr eigenes Gegenteil hervorruft. Man kann diese Gegensätze bereits in der Struktur der Denkweise des antiken Griechen entdecken. Aber es steht einer Kultur nicht gut an, diese Widersprüche derart gerissen auszunutzen. Zweifellos hängen der tragische Niedergang des großen historischen Griechenlands und sein Zusammenschrumpfen auf eine winzige Halbinsel mit dieser Tatsache zusammen.
Bei den Türken gibt es ein Sprichwort, das besagt, Freundschaft mit Griechen sei unmöglich. Ich glaube immer noch daran, dass man dies keinesfalls über alle Griechen oder überhaupt über ein Volk sagen kann. Auch die Naivität der Kurden wird viel zitiert. Vielleicht sind sie auch wegen ihrer Naivität ohne Staat geblieben. Ich Ich sage ganz offen: Anstatt eine Zivilisation und einen Staat zu haben, der Freundschaft derartig missbraucht, lebe ich lieber im Geiste der naiven und schlichten Kommunalgesellschaft ohne Staat und kämpfe für soziale Befreiung. Zu solch einem Volk zu gehören, halte ich durchaus für eine Ehre. Dabei wurde ich nicht nur nicht festgenommen, sondern ich bekam das „Ehrenwort“ der Griechischen Republik und wechselte in eine „sicherere Umgebung“.

Etappen des Verrats

Meine Reise nach Athen war Folge der Kontaktaufnahme unserer Vertreterin mit dem griechischen Abgeordneten Baduvas. Ich hatte zigmal gefragt, ob für die Reise alles vorbereitet sei. Als die Antwort jedes Mal positiv ausfiel, sah ich kein Hindernis für die Entscheidung. Die Partei des Abgeordneten, Baduvas, war an der Regierung, er selbst Abgeordneter und ehemaliger Minister. Ich befand mich im Glauben, dass er mit Sicherheit eine Erlaubnis eingeholt hatte. Nach meiner Landung auf dem Flughafen tauchte vor mir der Chef des Geheimdienstes auf. In großer Hektik und unter Drohungen machten sie mir klar, dass ich noch am selben Tage bis fünf Uhr wieder abreisen müsste, andernfalls bekäme ich Schwierigkeiten. Das traf mich völlig unvorbereitet. Baduvas erschien nicht. In Anbetracht dessen, was weiter geschah, müssen wir fragen: Wie konnte er eine freundschaftliche Beziehung derart verraten? Auf diese Frage suche ich noch immer eine Antwort.
Dass ich nach Kenia geschickt wurde, war von Anfang an Teil ihres Plans. Warum Kenia und nicht direkt Südafrika? Weil das Regime dort eine Marionette der USA ist. Es war der für die Auslieferung am besten geeignete Ort. Ein Mandela und die Republik Südafrika hätten sich nicht in einen solchen Plan einspannen lassen. Bei der Auslieferung an die Türkei griff man wieder zum Verrat. Griechischer Botschafter Yorgo Kostulas erledigte diesen Auftrag mit Erfolg, wenn es ihm auch nicht angenehm war. Er wusste genau, worum es bei dem Plan ging. Ihm gelang es, mich einzulullen, indem er mitteilte, mein erneuter Asylantrag sei zur Bearbeitung angenommen. Zuletzt erfüllte Kalenteridis seinen Auftrag zum ungeschminkten Verrat bei der Auslieferung an die kenianischen Schergen, indem er sagte: „Auf besondere Anweisung des Außenministers fliegen wir nach Holland.“ Es liegt klar auf der Hand, dass dabei mein grenzenloses Vertrauen in unsere Freundschaft missbrauchte. Sie hatten sich nicht die kleinste Blöße gegeben, so dass ich keinen Verdacht schöpfen konnte. Vor einer derart meisterhaften Inszenierung eines Verrats kann man nur den Hut ziehen.
Abschließend möchte ich anmerken, dass das Urteil dieses Gerichts bezüglich dieses Komplotts, das einen Schandfleck in der Geschichte der Menschheit und der Freundschaft zwischen unseren Völkern darstellt. Ich sinne dabei nicht auf Rache. Wie ich in meiner politischmoralischen Verteidigung ausgeführt habe, bin ich entschlossen, auch weiterhin meine Rolle darin zu sehen, für Frieden und Völkerfreundschaft eine Brücke zu bauen. Dauerhafte Freundschaft kann nur aus demokratischer Solidarität der Völker erwachsen. Was ich tun kann ist, mich von den blutrünstigen Methoden der herrschenden Mächte der Zivilisationsgeschichte radikal loszusagen und Erfolg im politischen Kampf unserer Völker für Demokratisierung anzustreben.

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