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Familie: Miniaturmodell des Staates

by rcadmin

XWEBÛN ZEITSCHRIFT

SAMRA ROJAVA

Sich mit der Frage des Staates und der Familie auseinander zu setzen, ist für uns von wichtiger Bedeutung. Beide Institutionen waren nicht immer existent.
Das Phänomen des Staates hat sich vor ca. 5000 Jahren mit dem Übergang der matrizentrischen Ordnung der natürlichen Gesellschaft zum Patriarchat entwickelt. Die Menschen lebten davor in Clans und Stämmen, die aus 20- 30-köpfigen Gruppen bestanden.
Sie organisierten gemeinsamen ihre Bedürfnisse des alltäglichen Lebens von Sicherheit bis Nahrungsbeschaffung. Durch Arbeitsteilung kam jede und jedem eine Aufgabe zu und dadurch war jede und jeder an der Gestaltung des kollektiven Lebens beteiligt.
Auf Grund dessen, dass alles was die Menschen damals besaßen das Ergebnis kollektiver Arbeit war, sahen sie es als Selbstverständlichkeit an, alles zu teilen. Man sah dass was man besaß als Gemeinschaftseigentum an, denn so etwas wie Privateigentum gab es zur damaligen Zeit noch nicht.
Gleichheit, Freiheit, Solidarität, Gemeinschaftlichkeit und Ökologie prägten das Bewusstsein dieser Menschen und spielten damit eine sehr große Rolle. Eine Macht die herrschen musste, um Rechte zu gewähren oder durchzusetzen war der damaligen Gesellschaft fremd, da sie eine ethische Grundhaltung hatte. Deshalb brauchten sie keinen staatlichen Apparat.
Auch in der damaligen Familienform sehen wir auf Grund ihrer demokratisch-moralischen Lebensweise Unterschiede zur heutigen.
Auf Grund dessen, dass die damaligen Menschen sich durch private Beziehungen von der Gesellschaft isolieren würden, kamen diese nicht vor. Denn sie waren stark gesellschaftlich und konnten nur mit der Gesellschaft leben. Ihre Beziehungen basierten auf der Philosophie der freien Liebe. Freiheit spielte in jedem Lebensbereich eine große Rolle. Demnach sah niemand die andere Person in der Beziehung als sein Eigentum an und übte deshalb auch keine Besitzansprüche aus. So kamen Hierarchien auch in keinem Lebensbereich vor. Vielmehr war Gleichheit in jeder Beziehung sehr bedeutend.
Für uns, die in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft aufgewachsen sind, mag dies unvorstellbar klingen. Wir kleiden Besitzansprüche in den Mantel der Liebe, damit sie eine Legitimation bekommen. Wir merken gar nicht welchen falschen Weg wir damit eingeschlagen haben.
Die damaligen Gesellschaft konnte sich nicht erklären, wie Kinder entstanden, sie sah es als Wunder der Göttinnen an, dass Frauen Kinder zur Welt bringen konnten. Anders konnten sie sich dieses Phänomen nicht erklären. Durch die Geburt des Kindes, konnte man sich sicher sein, wer die Mutter des Kindes war, was jedoch nicht für den Vater galt. Die Frauen hatten durch ihre ausgeprägtere emotionale Intelligenz eine engere Bindung zum Kind gehabt, als ein Mann es je hatte.
Der ganze Stamm zog die Kinder gemeinsam groß, da niemand eines dieser Kinder als Eigentum ansah, sondern als Kinder des gesamten Stammes. Dies ist auch ein Grund dafür, weshalb die Frau in der damaligen Gesellschaft so eine bedeutende Rolle innehatte.
Die Stellung der Frau war völlig anders als zur heutigen Zeit. Da die Frau sich um vieles kümmerte, war das gesamte Leben um die Frau herum organisiert. Auf Grund ihrer sesshaften Lebensweise konnte die Frau über die Jahre hinweg viel Wissen ansammeln. Sie war die weise Frau, die heilige Frau, die Medizinerin, die Erzieherin, etc. Ihr Wesen und Denken dominierte. Der Mann spielte in dieser matrizentrischen Gesellschaft bei allem lediglich eine Nebenrolle.
Die matrizentrische Kultur hatte eine starke Verbundenheit zur Natur. In der Natur sahen sie eine Heiligkeit, die alles Essentielle zum Leben bereitstellte. Deshalb gingen sie mit der Natur respektvoll um.
Mit der Entstehung der Zikkurate änderten sich viele Dinge jedoch grundlegend. In Folge der Zikkurate entwickelte sich die Zivilisation und mit ihr entstand ein hierarchisch-patriarchaler Staat. Damit wurde die eigentliche Natur der Frau in das Gegenteil verwandelt.
Ein Grund weshalb der Staat entstehen konnte, ist die Klassengesellschaft, die sich entwickelte. Denn beide bedingen sich gegenseitig. Die Gesellschaft wurde in Gegensätze und Klassen aufgeteilt, in Unterdrückte und Unterdrücker.
Aus diesen vor 5000 Jahren entstandenen Klassen entwickelte sich später das, was Karl Marx in seinen Schriften als das Proletariat und die Bourgeoise bezeichnen sollte. Diese sind mit der Entstehung des Privateigentums an Produktionsmitteln entstanden. Der Staat scheint für viele zur Ordnung der Interessenbefriedigung erdacht worden zu sein. Jedoch ist der Staat ,,Produkt und Äußerung der Unversöhnlichkeit der Klassenwidersprüche. Der Staat entsteht dort, dann und insofern, wo, wann und inwiefern die Klassenwidersprüche objektiv nicht versöhnt werden können.“
Die herrschende Klasse hat mit dem Staat ein Organ zur Aufrechterhaltung seiner Klassenherrschaft geschaffen und kann heute damit zu Recht ,,Staat der Bourgeoisie“ genannt werden. Als ökonomisch herrschende Klasse ist die Bourgeoisie gleichzeitig auch die politisch herrschende Klasse. Dieses Werkzeug wird gebraucht um die ArbeiterInnenklasse zu unterdrücken und sie auszubeuten, da die herrschende Klasse auf Kosten der ArbeiterInnen lebt. Denn Herrschaft kann sich erst durch das Unterdrücken der Sklaven etablieren. Der Staat schafft ein Monopol, um alle BürgerInnen von sich abhängig zu machen. BürgerInnen haben dem Staat zu gehorchen, ansonsten drohen Sanktionen und Repressionen.
Sklaverei und Besitz wurden zuerst über die Frau und damit dann über die gesamte Gesellschaft gezwungen. Da man erst die Frau, die Motor der kommunalen Gesellschaft war, versklaven musste, um die ganze Gesellschaft anschließend unterdrücken zu können. Die Frau war somit die erste Kolonie, in ihrer Geschichte erlebte sie stets mehrfache Diskriminierung.
Dieser Staat hat eine patriarchale Herrschaftsform. Er klassifiziert nach Geschlecht, wobei das weibliche Geschlecht dem männlichen immer untergeordnet ist. Der Mann ist überall privilegiert. In der Gesellschaft herrscht eine ungleiche Machtverteilung zugunsten des Mannes. Die Frau hat ein geringeren Wert als der Mann, ob es um Gesetze oder um den Beruf geht. Sie wird lediglich als Objekt wahrgenommen das stets belächelt wird. Sie hat geringes Mitspracherecht, was jedoch von Land zu Land und Kultur zu Kultur unterschiedlich ausgeprägt ist.

Familie – ein Miniaturmodell des Staates

Diese patriarchale Herrschaftsmentalität findet man auch in der Familie, dem Miniaturmodell des Staates, wieder. Wenn wir die heutige Familie näher betrachten, sehen wir eine bürgerliche Familie die hierarchisch aufgebaut ist, ähnlich wie es bei unserem patriarchalen Staat der Fall ist. Der Mann der sich stark am Staat orientiert, beansprucht ebenfalls die Vormachtstellung Zuhause. Stellen wir uns eine Pyramide vor, stellt der Mann als Familienoberhaupt die Spitze dar. Alle anderen sind ihm untergeordnet. Er drängt die Familie stark in seinen Schatten. Besonders die Frau. Der Mann genießt damit die Anerkennung der Gesellschaft durch das Repräsentieren der Familie. Er fällt die Entscheidungen im Haus und stellt diese so dar, als wenn sie im Interesse aller lägen. Der Vater schafft ein Monopol, da dieser die Macht über alles Materielle besitzt. Somit wird die Familie von ihm abhängig gemacht, denn er kümmert sich um das Einkommen. Die Frau spielt Zuhause lediglich die Rolle der Haussklavin. Obwohl sie die schwierigeren Arbeiten bewältigt, wird ihre Arbeit im Haushalt und bei der Erziehung der Kinder weder anerkannt, noch entlohnt. Ihre Arbeit und ihre Mühen werden in der Gesellschaft als Selbstverständlichkeit angesehen. Die Frau in der Rolle der Mutter hat somit eine ähnliche Position wie die ArbeiterInnenklasse. Der Frau wird oft verwehrt zu arbeiten. Sie soll sich voll und ganz um den Haushalt kümmern. Andere Arbeiten werden meistens durch die Gesellschaft schlecht geredet. Ihr Leben soll sich nur noch um den Haushalt und die Erziehung drehen.

Falsche Zuflucht

Viele Frauen versuchen aus dieser Unterdrückung zu flüchten, indem sie eine Ehe eingehen und sehen diese daher als Rettung aus den Fängen der Familie an. Dabei ist ihnen nicht bewusst, dass sie sich nur von einem Käfig in das nächste verirren. Sie sind sich nicht darüber im Klaren, dass sie sich somit an den nächsten Mann binden. Die Ehe ist eine Institution die vom System geschaffen worden ist, um die Frau zu unterdrücken.
Nach Rêber APO stellt die Ehe ein großes Problem bei der Freiheit der Frau dar. Die Ehe und die Familie ermöglichen es erst, der Sklaverei, Fuß zu fassen. Auch in einer Ehe kann die Frau nicht vor dem konstruierten Frauenbild nicht fliehen. Die Frau wurde zur Ware gemacht und es sind Männer, die über ihren Kopf hinweg ihre Rolle formen und ihren Wert bestimmen.

Feudale Familienstruktur

In den Familien bei den Feudalismus herrscht, wird die Frau als Trophäe betrachtet. Sie gilt als Symbol der Ehre. Diese Ehre wird an ihrer Jungfräulichkeit gemessen, die sie niemals beflecken soll. Der Mann misst durch die „Reinheit“ der Frau seine Ehre und die der ganzen Familie, wobei Ehre Macht bedeutet. Deshalb wird der jungen Frau schon im Kindesalter beigebracht, dass sie sich der Macht des Mannes niemals entziehen darf, denn es sei ihr Schicksal die Unterdrückung zu akzeptieren. Im Gegensatz dazu wird dem jungen Mann schon im Kindesalter beigebracht, dass er auf Grund seines Geschlechtes privilegiert sei. So fängt er an, sich an seine Rolle als „Herrscher“ zu gewöhnen.

Westliche Familienstruktur

Die Frau wird aber nicht nur in den feudalen Familie auf den Status einer Ware reduziert – auch in den westlichen Familie wird die Frau als Objekt angesehen. Hierbei handelt es sich um eine offene Sexualisierung, dessen sich nicht jede und jeder bewusst ist. Jeder Teil des Körpers der Frau wird in der kapitalistischen Moderne sexualisiert. Durch den Kapitalismus gibt es kaum Unterschiede zwischen einer Frau und einer Ware. Der Körper der Frau wird in jeglicher Werbung wie ein Konsumprodukt behandelt um Kunden anzuziehen. Immer wird ihre Haut gezeigt. Die Frau wird bis auf den letzten Zentimeter ihres Körpers sexualisiert. Diese Bilder haben starken Einfluss auf uns. Sie erzeugen Idealbilder, die selbst kleine Mädchen anstreben. Freiheit wird damit gleichgestellt, sich zu verkaufen. Es wird somit der Gedanke omnipräsent, dass eine Frau, die ihre Haut nicht zeigt unfrei sei.

Kapitalistisches Rollenbild der Frau

In Europa wurde das Bild geschaffen, dass eine freie Frau eine Frau ist, die sich voll und ganz der Karriere hingibt. Es wird versucht die emotionale Intelligenz, die bei der Frau stärker veranlagt ist, durch die analytische Intelligenz zu ersetzen. Frauen werden durch diese Karrierebestrebungen noch stärker in das kapitalistische System integriert und sind damit einfacher zu kontrollieren. Sie fangen an, all ihre weiblichen Eigenschaften von sich zu werfen und nehmen stattdessen männlichen Eigenschaften im Namen der „Emanzipation“ an. Erziehen von Kindern wird nur noch als Hindernis zum Erfolg angesehen. Durch die viele Arbeit die sie verrichten werden die Kinder komplett außer Acht gelassen. Die Kinder leiden dabei an einer schwachen Bindung und Beziehung zur Mutter.
Ganz nach dem Vorbild des Staates, der die Macht in seinen Landesgrenzen hat, möchte auch der Vater die volle Kontrolle in den Grenzen seines Haushalts haben. Dadurch, dass er selbst die Sklaverei gewöhnt ist, hat er diese patriarchalen Denkmuster des Staates so stark verinnerlicht, dass er die Vormachtstellung Zuhause gegenüber Frau und Kindern durch jegliche Formen von Gewalt und Druck auslebt.
Die Sklaverei der Frau durch den Mann, ähnelt der Sklaverei der Gesellschaft durch den Staat. Die Frau wurde so sehr an die Hausfrauisierung gewöhnt, wie die Gesellschaft daran, ihren Zustand als normal zu begreifen. Allerdings geht die Sklaverei der Frau viel weiter zurück. Sie wurde zum Sklaven des Mannes gemacht, der sie als sein Eigentum betrachtet. Die Frau gehört sich somit nicht mehr selbst. Sie wird als Werkzeug zum Erhalt der männlichen Machtstellung gebraucht, denn nur sie kann Leben schenken. Durch die Nachkommen ist sie der Garant seiner Macht. Die Frau soll somit primär als Gebärmaschine dienen.
Weiterhin wird sie als Sexobjekt benutzt, um die sexuelle Begierde des Mannes zu befriedigen. Damit wurde sie zum Objekt des sexuellen Vergnügens und der Herrschaft degradiert.
Mit der Ideologie der männlichen Überlegenheit gegenüber Frau und Kindern, wird die ganze Familie durch diese Macht geformt.
Nicht nur die Frau leidet unter dieser Versklavung, auch der Mann leidet darunter. Es sind kranke Rollenbilder die den Menschen beigebracht werden. Und mit kranken Individuen kann es keine gesunde Gesellschaft geben.
Uns sollte klar sein, dass sich eine freie Gesellschaft nur etablieren kann, wenn wir als Frauen die Fesseln der 5000 jährigen Gefangenschaft sprengen. Dazu müssen wir es als unsere Aufgabe begreifen, uns als Avantgarde dieser Revolution aktiv an der Mentalitätsveränderung zu beteiligen. Wir müssen uns überall organisieren, nur so können wir unsere Stärke zum Ausdruck bringen. Unsere Einheit ist unsere stärkste Waffe. Entschieden werden wir diesen Käfig zerschlagen. Wir werden zusammen gegen diesen Zustand, der nicht mit unserer Natur vereinbar ist, kämpfen und diesen niemals als Schicksal begreifen. Wir schaffen freie Frauen und freie Männer nur, wenn wir mit unserem Umfeld anfangen. Das patriarchale System wird erstarren bei dem Widerstand der freien Frau. Die frei denkende, mündige Frau sprengt alle Fesseln des Patriarchats. Die freie Frau wird die Revolution vorantreiben und den Kampf gegen die Krankheit des kapitalistischen Systems gewinnen!

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