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Fürchte uns Europa!

by rcadmin

Kurdistan zu Lieben bedeutet die Kolonialisierung nicht zu akzeptieren

STÊRKA CİWAN

Ist es möglich, sich nach einem Ort zu sehnen? Einen Ort zu lieben, ohne ihn wirklich zu kennen? Ich bin eine Kurdin die im Herzen Europas, zwischen zwei Welten geboren wurde. Dieses Gefühl, dass etwas in meinem Leben fehlt, war fester Bestandteil meines Lebens. Es war kein Gefühl, was für mein Umfeld nachvollziehbar war. In meinem Herzen trug ich stets die Liebe zu meiner verlorenen Heimat. Kurdistan. An verschiedenen Orten versuchte ich mich vergebens zu finden. Wenn ich versuchte mich in klassische Rollen oder in andere Kulturen reinzuzwängen, platzte die Naht. Ich war anders. Ich passte nicht rein. Wie sehr ich in den Flüssen Europas versuchte mich zu finden, sosehr verlor ich mich. In mir herrschte eine tiefe Unruhe. Schwarze Stürme stürzten sich auf meine Vernunft. Ich sank im tiefen Ozean des Kapitalismus, konnte nicht mehr atmen, mich nicht mehr erkennen. Um mich selbst zu finden, suchte ich mich in der Vergangenheit, in der Geschichte. Mitten in den stürmischen Wellen ankerte ich auf einer Insel. Ich fand mich selbst auf dem heiligen Boden meiner Heimat wider. Langsam lernte ich zu verstehen, wonach ich suchte und wonach ich mich sehnte. Ich war Teil einer großen Geschichte, welche man versuchte auszulöschen. Ich empfand unglaubliche Liebe. Kein Buch konnte meine Sehnsucht stillen. Ich hörte kurdische Musik und weinte. Wie war dies möglich? Wie konnte ein Ort, ein Land alle Poren und Zellen meines Herzens bewegen? Wie konnte ich mich zu einer Geschichte zugehörig fühlen ohne sie gelebt zu haben oder etwas beigetragen zu haben? Es fühlte sich an, als ob ich jeden Moment, jeden Augenblick der Geschichte meiner Heimat miterlebt hatte. Ich war die Stimme meiner Großmutter, die sich gegen den Staat in Qoçgirî auflehnte. Ich war die Schwester meiner Mutter, die sich in Amed für den Weg in die Berge entschied. Ich war die kleine Şîlan die durch Bombenregen in Efrîn für immer unter der roten Erde meiner Heimat schlief.

Wir brauchen eine klare Definition von Welatparêzî

Die wichtigste Eigenschaft eines Revolutionärs ist, die bedingungslose Liebe zur Heimat und zur Revolution. Diese Liebe und der Hass gegenüber dem Feind sind die treibende Kräfte jeder Veränderung. Ist es möglich Liebe zu einem Ort zu empfinden, der tausende Kilometer von einem selbst entfernt ist? Gerade in Europa verlieren immer mehr Kurdinnen und Kurden die Liebe zur Heimat und somit ein Stück ihrer Geschichte. Für kolonialisierte Völker ist die Verbundenheit zu ihrer Heimat ein Kampf um ihre Existenz. Es ist eine verbotene Liebe. Denn diese Liebe löst Wut aus, führt zu dem Drang revolutionär zu handeln. Deshalb ist für die Kolonialherren der Verrat und die Loslösung von dieser Liebe der wichtigste Schritt zur Zerstörung einer Identität. Der Kapitalismus funktioniert nur mit schwachen und zerstörten Individuen, welche ihre eigene Identitätssuche aufgeben und sich im Netz des Systems verfangen. Deshalb ist für Europa die Assimilation unter dem Deckmantel der Integration von größter Bedeutung. Wenn Menschen aufgrund der ungerechten Lebensbedingungen oder Krieg flüchten, zwingt der Staat sie sich ins System zu integrieren und somit zu neuen Menschen zu werden. Sie sollen das neue, fremde Land und die neue Identität lieben. Sie sollen ihre Geschichte vergessen und ihrer Heimat nicht nur physisch, sondern auch psychisch verlassen. Je weniger Menschen ihre eigene Heimat lieben, desto bessere Ausbeutungschancen hat der Staat. Jede weitere Generation die in Europa aufwächst, wird stärker manipuliert und bearbeitet. Deshalb brauchen wir eine klare Definition von Welatparezî.
Es ist nicht ausreichend ein Bild Kurdistans auf dem IPhone als Hintergrundbild zu haben. Wir müssen uns die Liebe, die man versucht aus unseren Köpfen und Herzen zu vertreiben, von neuem erkämpfen! Wir müssen uns trauen zu hinterfragen, was wir bisher glaubten und für wichtig hielten. Wer bin ich eigentlich? Auch wenn wir Kurdistan niemals gesehen haben, gibt es eine tiefe Verbundenheit, die keine Wissenschaft erklären kann. Wir sind ein Teil einer Geschichte die durch biologische DNA Stränge auf unserer Haut und unser Gesicht übertragen wird. Deshalb ist es ganz egal, wo wir uns auf der Welt befinden. Die Geschichte, die Heimat und die Verbundenheit wird in unserer Existenz lebhaft. Wir spiegeln die Geschichte Kurdistans in unseren Augen wider. Unser Herz schlägt schneller bei kurdischer Musik, auch wenn wir unsere Muttersprache niemals gesprochen haben. Unsere Schultern bewegen sich zu den Def û Zirnê Rhythmen automatisch. Es ist eine jahrtausend alte Kultur, die durch unsere Venen fließt. Je mehr wir versuchen unsere eigene Geschichte zu verleugnen, umso größer wird der Widerspruch in unserer Person. Es ist eine Geschichte, eine Kultur, die durch uns Leben findet. Es ist die Wahrheit Mesopotamiens und die Wahrheit der Menschheitsgeschichte.
Doch leben wir in der Realität Kurdistans? Oder akzeptieren wir das Leben im Kapitalismus?

Akzeptanz bedeutet Verlust

Die Kolonialisierung unserer Kultur, unserer Geschichte und unserer Heimat beginnt mit der Akzeptanz des Individuums. Wenn wir anfangen zu akzeptieren, dass unsere Kultur, Geschichte und Heimat von Fremden besetzt ist, dann verlieren wir uns. Ein Mensch der seine Geschichte verliert, kann niemals frei sein, niemals wahre Liebe verspüren und Liebe weitergeben.
Beugst du dich und akzeptierst die Unterordnung, wirst du dich von der Heimat loslösen. Die Unterordnung zu akzeptieren, führt dich zum Stockholm-Syndrom: Statt gegen den Feind, der versucht deine Ethnie zu vernichten, aufzubegehren, fängst du an, ihn zu imitieren und ihm recht zu geben. Wir fangen an die Länder, welche für das Leid verantwortlich sind zu akzeptieren, lieben und sie zu rechtfertigen. Somit verlieren wir Tag für Tag unsere Liebe zu unserer Heimat und damit unsere Identität.

Denken wie der Staat

Wenn ihr jetzt denkt, dass ihr mit ein wenig Bildung von irgendeiner Universität in Europa Möglichkeiten für die Errichtung eines Kurdistans bekommt, muss ich euch enttäuschen. Im Kapitalismus gibt es keinen Platz für revolutionäres Leben und Gedanken. Nach solch einer Bildungsodyssee fangen wir an zu denken wie der Staat und zu argumentieren wie der Staat. Wir bemerken die Einflüsse und die psychologische Kriegsführung der Nationalstaaten nicht auf unsere eigene Persönlichkeit. Wir versuchen unsere Kultur, Herkunft, Geschichte von unserer Person zu distanzieren und werten sie als weniger wertvoll ein. Wir denken wie Deutsche, wir reden wie Deutsche, wir handeln wie Deutsche und wir leben wie Deutsche. Nur können wir nicht fühlen wie Deutsche. Denn fremde Gefühle sind nicht leicht zu vereinbaren mit einer Identität, die eigentlich eine Synthese aus tausenden von Jahren von Geschichte ist. Die Liebe, die wir im Herzen tragen, spiegelt unsere Identität wider.
Lasst uns doch den Widerspruch in unserem Leben näher begreifen: Wir leben in Deutschland. Deutschland ist der treueste Kriegspartner der Türkei. Deutschland willigt alle Kriegsinvasionen der Türkei und seine neoosmanischen Träume und verbietet den Freiheitskampf der KurdInnen in jeglichen Formen, unterstützt die Türkei bei ihrem Massaker gegen unser Dasein und gibt grünes Licht für alle Kriegsverbrechen. Können wir dann behaupten, dass Deutschland uns weniger hasst als die Türkei? Müssen wir nicht anfangen, Deutschland und seine Einflüsse aus unseren Köpfen zu bekämpfen? Müssen wir nicht unsere Liebe und Verbundenheit zu unserer Heimat hinterfragen? Müssen wir uns nicht auf die Suche nach unserer wahren Liebe begeben? Die Dengbêjs unserer Großeltern und die Schreie aus den Munzur Bergen bis nach Serêkaniyê fühlen? Sollten wir nicht anfangen unsere Gefühle zu leben und die Tiefen unserer Gedanken zu verstehen? Sollten wir nicht anfangen dieses System zu hassen? Dafür, was es aus uns macht? Welatparêzî ist eine tiefe Einheit zwischen Geschichte, Ort, Zeit, Gesellschaft und Individuum.

Welatparêzî ist Rache

Neben Liebe und Loyalität ist Welatparêzî auch Wut und Rache. Rache für all die Ungerechtigkeit, das Leid, die große Wut und die endlose Loyalität zur Heimat bis zur Befreiung.
Die Suche nach meiner Wirklichkeit brachte mich zurück zu meinen Wurzeln nach Kurdistan. Ich fand mich in der Geschichte und im Widerstand. Die Freiheit der kurdischen Jugendlichen in Europa kann nur durch die Befreiung Kurdistans erlangt werden. Denn für eine individuelle Befreiung ist die gesellschaftliche Freiheit der eigenen Identität eine Notwendigkeit. Deshalb ist es in erster Linie die Pflicht der jungen Frauen und Männer, die Jugend in Europa aus ihrem Assimilationsalptraum zu wecken und sie mit ihrer Realität zu konfrontieren. Kurdistan zu lieben bedeutet, Kurdistan zu leben und ein Teil der Geschichte Kurdistans zu werden. Es bedeutet die Kolonialisierung nicht zu akzeptieren und gegen sie anzukämpfen. Es bedeutet die Kultur und die künstlich geschaffene Identität Europas abzulehnen und die eigene zu erkämpfen. Seite an Seite für die Befreiung Kurdistans zu kämpfen. Die Heimat zu verteidigen. Die Ketten Europas zu zersprengen und eine neue Wirklichkeit zu erschaffen. Eine Kämpferin für die Freiheit zu werden. Die Kolonialisierung der kurdischen Jugend durch den direktes Handeln zu entgegnen.

Fürchte uns Europa!

Wir sind die Rache von tausenden von Jahren und ihr habt uns geboren!

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