Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch ‚‚Plädoyer für den freien Menschen (Gefängnisschriften)‘‘ von Rêber APO. Das Buch wurde aus dem türkischen ‚‚Özgür Insan Savunmasi‘‘ von der Internationalen Initiative „Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan“ übersetzt. Im folgenden Textauszug handelt es sich um die Beziehungen zwischen dem Hellenismus und den Kurden.
RÊBER APO
Bei der Betrachtung der Beziehungen zwischen dem Hellenismus und den Kurden kann man bis zu den Hethitern zurückgehen. Die Hethiter formierten sich in der Epoche, in der sich die sumerische Zivilisation nach Obermesopotamien ausbreitete, als ein nach Anatolien hineinreichender Zweig der Hurriter, welche zu den benachbarten proto-kurdischen
Bergvölkern gehörten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich diese Formation durch eine Vermischung von aus dem Norden kommenden Barbarenstämmen mit lokalen zivilisatorischen Elementen bildete. Man kann eine sprachliche und kulturelle Verwandtschaft der Hethiter mit den Ariern und Hurritern nachweisen. Von 1700-1200 v. Chr. reichte das hethitische Reich, dessen Zentrum Hattuscha war, bis an die ägäische Küste heran. Seinen äußersten Punkt bildete der relativ autonome Stadtstaat Troja. Die Hethiter waren die ersten, die die Ägäisküste zivilisierten. Als sich um 1200 v. Chr. die zentralistische Struktur der Hethiter durch Angriffe vorwiegend hellenischer Stämme, auch als „Seevölker“ bezeichnet, die über die Meerengen kamen, sowie der Assyrer, der letzten Vertreter der sumerischen Zivilisation,
die von Süden her vordrangen, auflöste, bildeten sich in ihren Ländern erneut kleine Fürstentümer. Im Westen entstanden eher zentralistische politische Strukturen unter den Namen Phrygien, Lydien, Karien und Lykien. In den Siedlungsgebieten der Hurriter in Zentralmesopotamien traten die Mitanni auf den Plan, ein anderer protokurdischer
Zweig. Als die Assyrer neben den Hethitern auch die zentrale Struktur der Mitanni auflösten, entwickelte sich die urartäische Zivilisation (900-600 v. Chr.) mit Van als Zentrum. Es zeigt sich, dass es in der Epoche der Urartäer erstmals zu direkten Kontakten und Interaktionen der Proto-Kurden mit den Hellenen kam. Obwohl die Hellenen in Westanatolien alle Volksgruppen nach und nach absorbierten, gelang ihnen Gleiches gegenüber den kurdischen Stämmen nicht. Entscheidend dabei ist, dass diese sich auf eine weit zurückreichende Vergangenheit stützten, erste neolithische Strukturen schon um 10 000 v. Chr. ausgebildet hatten und daher einen stabilen kulturellen Kern besaßen. Wahrscheinlich hat kein Volk in der Geschichte so lange und so tief in der neolithischen Kultur gelebt wie das kurdische. Dabei spielen auch die rauen geographischen Bedingungen eine wichtige Rolle. Weder die aus dem Norden einströmenden
skythischen Stämme, noch die aus dem Süden vorstoßenden semitischen Stämme und die sumerischen zivilisatorischen Mächte, noch die aus dem Westen heranwallenden hellenischen Stämme konnten die kurdische Kultur und Landschaft völlig in Besitz nehmen und sie entscheidend kulturell beeinflussen. Mit den Urartäern und der später gegründeten medischen Konföderation entwickelten sich die kurdischen Stämme deutlich weiter in Richtung einer gesellschaftlichen und politischen Union. Dies ist die Epoche des Kontaktes mit den Medern, die die Hellenen so sehr beeindruckten.
Die Beziehung des Helden Theseus, über den der Gründungsmythos Athens berichtet, zu Medea ist sehr prägnant und interessant. Auch was Medea im Mythos von Jason und den Argonauten zustößt, fordert zu Interpretationen heraus. Obgleich die „Meder“ in der mythologischen Sprache als Begriff nicht vorkommen, zeigt sich, dass mehr von medischer als von hellenischer Stärke die Rede ist. Die Epoche der Beziehungen zu den Persern konkretisiert sich hauptsächlich in der Beziehung zu den Medern. Dabei spielt natürlich eine wichtige Rolle, dass die Meder Nachbarn der Hellenen sind. Die
Art und Weise, wie Alexander den Widerspruch Hellenen-Meder-Perser löst, ist ein Experiment, das auch heute noch beachtlich und lehrreich ist. Er vermischt zwei unterschiedliche Kulturen, und es gelingt ihm, dabei eine historische Synthese zu schaffen. In der Geschichte gibt es kaum ein Beispiel dafür, dass eine Ost-West-Synthese soviel Erfolg
hatte. In den Gebieten, in denen die Kurden hauptsächlich leben, bilden sich nach den Seleukiden drei wichtige politische und kulturelle Einheiten heraus, die über Jahrhunderte existieren. Commagene mit der Hauptstadt Samosata (beim heutigen Adiyaman), Abgar mit Urfa als Zentrum und Palmyra in Nordsyrien erleben von ca. 250 v. Chr. bis
ca. 250 n. Chr. eine kulturelle Blütezeit. In dieser 500-jährigen Periode vermischen sich die Kulturen. Es findet ein reicher Austausch von Sprache und Kultur statt. Nicht nur materielle, sondern auch ideelle Werte – Religionen, Götter, Vorstellungen – werden gegenseitig übernommen. Es findet eine tatsächliche Globalisierung statt. Das Christentum, viele gnostische Sekten und die bemerkenswerte Lehre des Mani sind Produkte dieser Zeit. Die fortschrittlichste religiöse Lehre
jener Zeit, der Manichäismus, trägt alle Eigenschaften einer universellen Strömung, die der Frontstellung Rom-Sassani die Stirn bietet. Ihre Geburtsquelle ist das mittlere Euphrat- und Tigrisbecken, sie hatte einen universalen Anspruch und schaffte es tatsächlich, sich über die ganze bekannte Welt zu verbreiten. Während der Hellenismus durch das Christentum an Substanz verlor, kam er durch den Aufstieg von Byzanz erneut zur Blüte. Dass im Iran die Dynastie der Parther gestürzt wurde und die Dynastie der Sassaniden an die Macht gelangte, führte zu einem Wiederaufflammen
der Ost-West-Gegensätze. In dieser Epoche der Auseinandersetzungen von 200-640 n. Chr. erfuhren beide Zivilisationen hohe Verluste. Für die Kurden, deren Gebiet sich genau im Zentrum der Gefechte befand, wurde sie zu einer Epoche der Zerstörung. Der folgende arabisch-islamische Aufbruch und seine Auseinandersetzungen mit dem christlichen Byzanz verwandelten ganz Anatolien und Obermesopotamien in ein einziges Schlachtfeld für Krieg und Dschihad. Diese Epoche war gleichzeitig diejenige, in der ein Wandel von der Zivilisation der Sklavenhaltergesellschaft zur Zivilisation
der Feudalgesellschaft eintrat. Die Trennung Ost-West durch religiöse Feindschaft erbringt Folgendes: An die Stelle kulturellen Austauschs tritt eine zunehmende Entfremdung. Die Begriffe „Kafir“ (Ungläubiger) und „Gottloser“ gewinnen an Bedeutung. Zwischen benachbarten Völkern wachsen ideologische Mauern. In der arabisch-umayyadischen und abbasidischen Epoche des Islam werden die Angriffe auf Byzanz durch den Missbrauch des ursprünglich heiligen Begriffs „Dschihad“ zu Mitteln eines neuen Lebensstils. Byzanz dagegen versucht beharrlich, das römische Erbe zu bewahren. Mit dem Sturz der Sassaniden wird der Weg für den Islam in den Iran und ganz Zentralasien frei. Die Ost-West-Trennung wird zu einem schier unüberwindlichen Graben zwischen Christentum und Islam. Bevölkerungsgruppen, die gestern noch befreundet waren, werden gegeneinander aufgehetzt und finden sich als Feinde in religiösen oder konfessionellen Kämpfen wieder. Den feudalen Mächten gelingt es, durch das neue System des Sultanats ihre Interessen zu wahren und ihren ideologischen und politischen Boden zu festigen, während sie ihre Bevölkerungen in sinnlose Feindschaft hetzen. Die Völker, die in dieser Epoche am meisten verlieren, sind die an der Grenze lebenden islamisierten Kurden und die christianisierten Assyrer, Armenier sowie die Griechen Anatoliens, auch als „Rhomäer“ bekannt. Die Religionskriege bedeuten eine ständige Schwächung dieser Völker und ihrer Kulturen und bringen sie in Gefahr, im Schmelztiegel der Herrschenden eingeschmolzen zu werden. Als gegen Ende des 11. Jahrhunderts die Kreuzzüge beginnen, wird die Situation noch auswegloser. Die in Schwierigkeiten geratenen arabischen Herrscher ernennen zahlreiche kurdische und türkische Militärkommandanten, durch die sie ihre eigene Macht zu stärken versuchen. Durch die kurdische Dynastie Saleh ed-Din Eyyubis (Sultan Saladin) und die türkische Seldschuken-Dynastie werden Türken und Kurden nun zu den wichtigsten Verteidigern des Islams gegen Byzanz, die Kreuzfahrer und die Mongolen. Aus Sicht der Kurden sind die Hellenen nun ein vergessenes, entfremdetes Element. Das über Jahrhunderte bestehende Zusammenleben ist einer durch religiöse Entfremdung geschürten Feindschaft gewichen. Im Inneren Anatoliens haben die Türken die Aufgabe übernommen, den Islam zu verteidigen und zu verbreiten. Zwischen die Kurden und die anatolischen Griechen schieben sich nun in immer breiter werdenden Landstrichen türkische Volksgruppen.