Home ALLE BEITRÄGEMÄRTYRER Guerillatagbuch: Es gibt nur wenige, die tatsächlich das Leben verändern und die Freiheit wollen-Teil 4

Guerillatagbuch: Es gibt nur wenige, die tatsächlich das Leben verändern und die Freiheit wollen-Teil 4

by rcadmin

Aus dem Tagebuch von Selma Doğan (Zinarin), Teil IV

2. März 1997

Ich wollte gestern, anlässlich des 1. März, schreiben, aber ich habe es wegen Schlafproblemen verschoben. Wenn du nur sehen könntest, wie fröhlich und lustig der Frühling kommt… 
Heute früh habe ich vor und nach dem Morgensport den Vögeln zugehört. Sogar jetzt von meinem Platz aus kann ich ihr aufgeregtes, fröhliches Gezwitscher hören. Ich kann gar nicht genug davon bekommen! Mit ihren schwarzen Köpfen und der roten Brust, ihrem weißen Gefieder und den gelblichen und grauen Flügeln sind sie sehr interessante Vögel. Man denkt, auf ihren kleinen Rücken bringen sie uns den Frühling. Während manche Bäume bereits Knospen tragen, haben auch ein paar frühsprießende Pflanzen schon weiße Blüten in dieser eisigen Kälte. Und da die grünen Nadelbäume auf den weißen Steinfelsen, von denen Ciya Sipi1 seinen Namen hat, unbeeinflusst von dieser Kälte zu sein scheinen, fragt man sich – ist der Frühling schon da? So führen sie die Menschen an der Nase herum. Eigentlich ist es ein schönes Stück Natur hier. Mit den Nadelbäumen, den milchweißen Felsenriffen, den Rebhühnern, Tauben, Eulen, den schön singenden und gefiederten Vögeln und mit den verschiedenen Sträuchern ist es ein schönes Stück Kurdistan, ein schönes Stück des Südens. 
Aber, meine liebe Freundin, all das tröstet mich zwar, doch um wirklich glücklich zu sein, braucht man noch mehr. Denn wir sind im Gegensatz zur Schönheit der Natur in einem ständigen Kampf gegen das, was sich der Natürlichkeit des Menschen widersetzt. Ich bin es nicht leid zu kämpfen; der Kampf ist eine Lebensart, ja sogar Lebensenergie. Aber das Ausmaß der Falschheit der Menschen verblüfft mich doch. Wie weit kann die Falschheit gehen? Ich habe die hässlichen Methoden des Klassenkampfes erwähnt; im Kampf der Geschlechter sind diese Methoden noch miserabler. Der Mann ist jähzornig und unbändig, er schäumt vor Wut und gerät in Erregung und schreckt nicht davor zurück, jede Art von grundsätzlichen Erwägungen zunichte zu machen. Er ist in einem furchtbar rückschrittlichen Widerstand, um die Frau nicht zu verlieren. Er versucht, die Frau, in der er eigentlich deren Kraft erkennen kann, zu einer Person zweiter Klasse zu machen. Gelingt ihm das nicht, treibt ihn die Hoffnungslosigkeit noch mehr zum Wahnsinn.
Auf der Grundlage von Analysen, die wir gelesen haben, diskutieren wir seit zwei Tagen über YAJK2-Themen. Es gibt hier einen Gruppenkommandanten, zu dem ich seit dem ersten Tag kein besonders gutes Verhältnis habe. Ich denke, man hat ihn hier wegen seines theoretischen und politischen Wissens zu sehr verwöhnt und verehrt. Dann kam ich hierher und er musste mit mir die Aufgabe der politischen Erziehung der Gruppe teilen. So hat er natürlich seine Hoheit und Dominanz verloren. Dieser Freund ist ziemlich zornig darüber, dass manche der Ansicht sind, seit meiner Ankunft hier sei der Unterricht noch fruchtbarer geworden; er wehrt sich gegen meine theoretischen Erläuterungen. Deswegen ist er in der Woche, in der ich die Leitung des politischen Unterrichtes hatte, zwei Tage lang auf Wache gewesen, einen Tag lang krank, einen Tag Offizier, einen Tag war er Verantwortlicher in der Küche und einen Tag hat er das Brot gebacken. Am siebten Tag habe ich ihn kritisiert. Danach hat er zwar am Unterricht teilgenommen, aber wenn ich die Leitung hatte, hat er kein Wort gesagt. Wenn ich jedoch eine Stunde Pause gemacht habe, hat er allein eine halbe Stunde geredet. Du verstehst: unser Freund ist sehr entrüstet über mich. Ich bringe offensichtlich seinen ganzen männlichen und feudalen Stolz ins Wanken.
Während wir gestern die letzte Diskussionsrunde über die Geschlechterfrage abhielten, ist unser Freund Pir Ciwan aufgestanden und hat mir vorgeworfen, dass ich zwischen Mann und Frau differenziere, dass ich die Diskussion einseitig führe, dass ich die Frauen aufwiegele und dass er diese Diskussion sowieso als nicht notwendig erachte, weil darin nicht die Sichtweise der Partei vertreten werde.
Es gibt da noch einen anderen Freund, von dem ich dir schon früher berichtet habe, es ist Bedri, der stellvertretende Kommandant. Ihn als Typ näher zu betrachten, lohnt sich. Er ist sehr überheblich, ein typisches Beispiel für einen aufgeblasenen Wichtigtuer, der sich für einen Mann hält. Er hat unsere Diskussionen als Versuch bewertet, die YAJK von der PKK zu trennen und hat die YAJK als ein “soziales Gebilde” bezeichnet. Natürlich habe ich mit den Anwesenden klar und offen geredet. Unser Freund Pir Ciwan hat durch die Darstellungen des anderen Freundes neuen Mut gefasst und gleich nachgelegt. Diese zwei Freunde können es nicht ertragen, einer motivierten, selbstbewussten Frau, die offen redet, gegenüber zu stehen. So etwas haben sie vorher nie erlebt. Bedri ist mir gegenüber deshalb sehr ernst und wartet darauf, einen schwachen Punkt von mir zu erwischen. Aber ich bin voller Kraft. Aus Verzweiflung über seinen verletzten Stolz nutzt auch Pir Ciwan jede Gelegenheit, mich herunter zu machen.
Der Fall eines dritten Freundes ist zum Heulen. Dieser Freund leidet psychisch und physisch sehr stark am Frühjahrs-Wetterumschwung und auch an den politischen Gegebenheiten im Süden. Er leidet unter der Krankheit der Unbeständigkeit, das ist bei ihm chronisch. Er ist ein Leidender, der nicht stirbt. Ich weiß oft nicht, ob ich über Freund Seyfi lachen oder weinen soll. Es macht mich sprachlos. Wenn ich mit ihm alleine etwas bespreche, ist er mit ganzer Überzeugung meiner Meinung. Aber sobald irgendein Freund nicht meiner Meinung ist, ist er sofort auf dessen Seite. Wenn jemand zu mir sagt: “Du bist gut”, sagt er es auch. Wenn jemand sagt: “Du bist schlecht”, sagt er es auch. Gestern habe ich ihn in einer Unterrichtspause gefragt: “Heval, wie findest du den Unterricht?” Er antwortete: “Sehr gut”. Pir Ciwan und Bedri mischten sich ein. Sofort kam er und sagte: “Genau, Heval, ich wollte dich auch darauf aufmerksam machen, aber ich kam nicht dazu.” Ich war so sauer, dass ich ihn beinahe Wetterfähnchen genannt hätte: einmal in die, dann in die andere Richtung flattern! Ich habe mich sehr zurückhalten müssen; aber dieser Freund ist so schwach, dass er einfach jedem zustimmt. Ein Mensch ohne eigene Persönlichkeit. Zum einen nutzt er mich aus, – er lässt mich Arbeiten erledigen, die er selbst nicht kann – zum anderen hackt er am meisten auf mir herum, sobald mich jemand kritisiert.
Eigentlich ist das hier ein Machtkampf. Manchmal kommt es mir so vor, als könnten sich Seyfi und Bedri gegenseitig nicht leiden. Obwohl sie das verstecken wollen, ist es offensichtlich. Eigentlich will mich jeder von ihnen auf seiner Seite haben, aber da ich sie beide kritisiere, machen sie gemeinsam Front gegen mich. Heval Bedri ist eigentliche jemand, der von der Basis kommt. Er ist aus Botan und kämpft seit längerer Zeit. Das verschafft ihm einen Vorteil, denn jeder ist ihm zugetan. Auch wenn einige ihn manchmal kritisieren wollen, so traut sich niemand, das offen zu tun. Ich tue es zwar, aber auch ich muss zugeben, dass ich mich bei ihm zurückhalte. Er ist autoritär. Er lässt mich die ganze Zeit nicht aus dem Blick, was mich sehr stört. Wenn ich Seyfi kritisiere, dann ist er auf meiner Seite, aber wenn er merkt, dass ich ihn nicht beachte und das Problem auf geschlechtsspezifischer Ebene lösen möchte, dann kritisiert er wiederum meine Kritik an Seyfi und meine Herangehensweisen ihm gegenüber. Er kommt mir sehr negativ, sehr destruktiv vor. Wenn wir von hier weggehen freue ich mich, dass ich nicht mehr mit ihm an einem Ort sein muss. Außerdem verblüfft mich, dass unsere verschiedenen Kommandanten einander in Schutz nehmen. Seitdem ich hier bin, haben wir in der Gruppe drei Mal Auseinandersetzungen gehabt, die fast zur Schlägerei wurden und voller Beschimpfungen waren. Zu allen drei Ausschreitungen gab es nachher eine öffentliche Unterredung. Gestern ist es wieder passiert und wir sagten, dass dies unsere letzte Aufforderung zur Besonnenheit sei. Danach sagte einer der Kommandanten zu einem seiner Kämpfer interessante, drohende Worte und versuchte ihn zu verprügeln. Ein anderer Kommandant wiederum bezeichnete einen Kämpfer als “überflüssig”. Wir hatten bereits die Auseinandersetzungen verurteilt und ein letztes Mal unsere Forderung gestellt, aber unsere Verantwortlichen haben noch einmal die Beteiligten aufgefordert, ihr Verhalten zu begründen. Wo bleibt hier der Ernst der Sache? Ich forderte, dass beide zwei Tage lang unter Arrest stehen und einen Selbstkritik-Bericht schreiben sollen. Aber warum sollen sie sich gegenseitig bestrafen, sie sind doch alle in der gleichen Lage? Vor allem der höhere Kommandant ist den anderen Kommandanten gegenüber absolut nachlässig. Und am meisten dann, wenn ich deren Verhalten kritisiere, denn dann fühlt er sich noch solidarischer mit ihnen. Dann finden sie eine Übereinkunft und teilen mit, dass sich die Lage wieder normalisiert habe. Wie sehr ich ihre Geisteshaltung doch liebe!
Es gibt so wenige, die an die Partei und unseren Parteivorsitzenden denken. Alle sind bestrebt, den Status quo zu erhalten. Es gibt nur wenige, die die Revolution wollen. Es gibt nur wenige, die tatsächlich das Leben verändern und die Freiheit wollen.
Manche der Freundinnen sind das erste Mal bewusst mit der Geschlechterproblematik konfrontiert. Gestern haben die Frauen das Verhalten von Pir Ciwan scharf kritisiert. Sie ordnen sich nicht mehr wie früher einfach unter, sondern kritisieren. Das ist sehr schön, denn es zeigt, dass die Frauen schnell begreifen und wirklich etwas verändern wollen. Dafür liebe ich sie; wir haben uns aneinander gewöhnt und führen gute Gespräche. Zwischen uns und den Kommandantinnen gibt es Zusammenhalt. Ruken ist eine Freundin in unserer Gruppe. Aber sie hat Probleme, die auch ich nicht lösen konnte. Ihre Denkweise, ihr Verhalten, sogar ihre Mimik sind sehr schwerfällig, weswegen sie in der Gruppe ziemlich geringgeschätzt wird; keiner kümmert sich um sie, jeder nimmt sie auf den Arm oder greift sie sogar an.
Heute hat sie bei den B-73-Schüssen ins Ziel getroffen und plötzlich hat jede ihre Meinung über Ruken geändert. Es wurde verabredet, sie zu beschenken. Das ist das Maß für Liebe und Respekt. Mit der B-7 ins Ziel treffen… !

 

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