Aus dem Tagebuch von Selma Doğan (Zinarin), Teil III
22. Februar 1997
Die Menschen machen mir Angst. Du wirst nicht glauben, wie sie die Zäune der Liebe und der Werte durchbrochen haben. Sie sind im Stande, alles zu tun.
25. Februar 1997
Gestern Nacht habe ich im Traum unseren Parteivorsitzenden gesehen; es war ein schöner Traum. Es war wieder einer jener Momente, in dem er mir Tatsachen sehr liebevoll mitgeteilt hat. Er sagte mir, dass es mir jetzt leid tue, dass ich ihn anfangs nicht verstehen wollte. Wie immer in großer Erschütterung gegenüber der Wahrheit sagte ich: “So ist es, Vorsitzender”. Wenn Du wüsstest, wie sehr ich das vermisse: Alles, was er sagt, findet hunderte Male Widerhall in meinem Kopf und hinterlässt seinen Klang, und lässt jede einzelne Faser meines Herzens schmerzen. (…) Ja, vielleicht so, als könnte ich, wenn ich meine Hand ausstreckte, alle lebendigen Farben seiner Stimme und seines Wesens berühren. Ich bin in Sorge, ob ich im Herzen unseres Vorsitzenden meinen Platz bewahre. Der Verlust dieser Liebe wäre für mich als würde ich alles verlieren, wenn eine Blume die Sonne verliert, ungefähr so. Und das hängt vom Erfolg ab: “Wenn Du mich wirklich liebst, wird es in Deiner Umgebung immer den Sieg geben.” So entschieden hat unser Vorsitzender seinen Grundsatz dargelegt. Ich liebe auch, sagte ich. Dann, …
Wir gehen Heval!
Wir gehen weg von Çiyaye Sipi*.
Seit die Südprovinz ihre militärischen Einheiten hierher verlegt hat, hat unser Bataillon hier nichts mehr zu tun und wir werden uns innerhalb einer Woche nach Haftanin zurückziehen. Eigentlich ist das eine erfreuliche Nachricht für mich. Ich habe Çiyaye Sipi, trotz seiner schönen, schneeweißen Felsenriffe nicht sehr liebgewonnen. Man kann einen Ort doch nicht nur mögen, weil die Felsenriffe schön und weiß sind. Man liebt Orte, an denen man Freundschaften, schöne Kameradschaften, innigste Freuden, Liebe und auch Trauer erlebt hat, nicht wahr? Ich habe in Çiyaye Sipi bei einem Großteil der Menschen Hinterhältigkeit angetroffen. Es gibt auch reine, herzliche, anständige und sensible Menschen. Aber sie waren so hilflos, dass sie nichts bewirken konnten und manchmal haben sie allein aus dieser Hilflosigkeit und Schwäche heraus einen Schatten auf ihr reines Wesen geworfen. Die Kraft, aus dem der Starke schöpfte, war eine widerliche Lüge, ein Sumpf aus Heuchelei und Falschheit. Die Hilflosigkeit der Aufrichtigen war niederschmetternd. Das hat die Tage hier im Çiyaye Sipi am meisten geprägt.
Ich habe oft gegen meine Schwachheit angekämpft, gegen die Probleme mit meinem Selbstbewusstsein, aber was soll man tun, Melsa? Die Ordnung bestimmen sie.
Was das Verhältnis von Frau und Mann angeht – wie sie sich an ihre gegenseitigen Schwächen geklammert haben! Wenn Du wüsstest, wie ich das verabscheue, aber ich ergebe mich auch nicht. Sie sagen, entweder musst Du deine Liebe lassen oder Dein Leben. Ich sage, keines von beiden. Und so dauert unser Kampf an.
Und wieder: die Waffen, die gegen mich gerichtet sind, die Organisation, die Einheit, der Kollektivismus und ähnliches – allgemeine Waffen. Aber erklär das mal. Für einen entschiedenen Erfolg ist die Frau, ist deren Freiheit notwendig. Wem willst Du das erklären, wer würde das verstehen? Außerdem ist nicht Verstehen deren Problem, die haben Probleme mit dem Akzeptieren.
Aber trotzdem liegt der Hauptgrund, warum ich nicht ganz erfolgreich bin, bei mir selber. Das Anklammern an meine Vergangenheit hindert mich daran, mich mit der Gegenwart intensiv genug zu beschäftigen. Eine furchtbare Sentimentalität packt mich. Die Sehnsucht, das Vermissen, dies alles hält mich davon ab nachzudenken, Entscheidungen zu treffen. Und deshalb laufe ich ganz unvorbereitet in jede Falle und verschieße dann quasi unaufhaltsam meine Munition. Ich erschieße und werde erschossen. Beunruhigend ist, dass ich Sachen erlebe, die ich nicht erleben will, da ich mich nicht konzentrieren kann. Inmitten von Wölfen bedeutet das aber den Tod. Eigentlich gibt es Vieles, das ich noch schreiben möchte, aber ich muss gehen, Heval. Wenn ich zurückkehre, werde ich Dir wieder schreiben.
Wieder die offene Tür des Ofens, mit seinen roten Flammen, die dem Vorrücken reitender Heere ähneln, das knisternde Brennen der Glut, das faszinierende Feuer ist von meinem Sitzplatz aus zu sehen. Ich bin in einer kleinen Höhle. Wie natürlich alles ist. Wie nahe alles seinem Ursprung ist, wie es selbst. Die kalten Steine der Höhle, rot wie Flammen, der Wind, der draußen weht und die durch die Öffnung der Höhle eindringende rabenschwarze Dunkelheit.
Alles, alles ist wie es selbst. Aber – der Mensch, der am meisten er selbst sein soll, ist weit entfernt davon. Er ist nicht er selber. Manchmal, wenn ich die Natur beobachte, bekomme ich nicht genug, manchmal bedrückt es mich, vielleicht verspüre ich auch ein wenig Eifersucht. Ein Baum zu sein, ein Stein, Wasser, Berg oder Stern zu sein ist so viel schöner als bloß Betrachter davon zu sein. Sogar weitaus mehr als nur schöner, nämlich notwendig, scheint es. Wie es mich schmerzt, dass ich in diesem Moment nicht so bin. Es ist wie eine Art Stechen: Die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen. Der Mensch, der sich in seiner Primitivität und Verständnislosigkeit vorwärts bewegt und damit seinem Ende nähert. In diesem Augenblick wird er auf natürliche Weise wieder wachsen, er wird wieder Mensch. Noch schöner vielleicht als die wunderschöne Natur, als der Sonnenuntergang, die Flüsse und das Feuer.
Wie sehr ich diesen Menschen vermisse.