Heskîf – ein Weltkulturerbe geht unter Wasser

Heskîf (Hasankeyf) ist ein Landkreis in Êlih (Batman). Es ist ein antiker Ort, der durch die türkische Regierung mit einer Zerstörung konfrontiert ist. Eine 12.000 jährige Geschichte soll geflutet und damit ausradiert werden. Für tausende von Menschen wird das die Zwangsumsiedlung bedeuten.

SARA BAKUR

Kulturerbe

Heskîf ist eine Stadt mit ca. 3.326 Einwohnern, welche zu der Provinz Êlih (Batman) gehört. An der Stadt entlang fließt der Fluss Dîcle (Tigris). Das macht diese Gegend auch so nährreich.

Seit über 12.000 Jahren leben hier Menschen aus verschiedenster Herkunft. Bevor es die Sumerer, Babylonier und Hurriter gab, existierte Heskîf bereits. Die ersten Ansiedlungen entstanden an diesem Ort. Heskîf ist somit eines der längsten ununterbrochenen Ansiedlungsorte der Welt.
Es gab schon viele Imperien, Kaiser- und Königreiche, die Heskîf eroberten. Einer der Gründe, weshalb sich die Mächte um Heskîf bekriegt haben, waren die versteckten ökologischen Ressourcen. Auffällig ist, dass keine dieser Mächte je vorhatte, das Kulturerbe zu vernichten. Stattdessen hat jedes Imperium ein Teil seiner Kultur dort verewigt. Bis heute haben sie noch Bestand. Das macht die Stadt so reich an Geschichte, Kultur und Natur.

An diesem Ort kann man Zeuge einer Geschichte sein, die bis zum Neolithikum reicht. Durch ihre alten Bauten, ihrer besonderen Architektur, die Geografie und ihre Historik, ist die Stadt in eine mysteriöse Atmosphäre eingehaucht. Doch es ist eine Stadt voller geschichtlichem und kulturellem Reichtum. Hunderte von Befunde sind in dieser Stadt geborgen. Noch ist die Stadt nicht gänzlich erforscht. Viele Geheimnisse liegen noch im Verborgenen. Deshalb weiß man bis heute noch nicht viel über Heskîf.
Vermutet wird, dass die ersten Ansiedler kurdischer Herkunft waren. Das heißt auch, dass Heskîf für uns ein wichtiger Teil unserer Kultur ist. Das allein ist für die türkische Regierung nur ein weiterer Grund zur Vernichtung dieses Kulturerbes, da die kurdische Identität und Kultur bis heute noch verleugnet, und offiziell als eine Abzweigung des Türkentums betrachtet wird.

Ilisu Staudamm Projekt

Und dieser einzigartige Ort soll schon bald nicht mehr existieren. Dafür soll der Ilisu-Staudamm sorgen. Dieses Projekt stellt das größte Staudamm Projekt der Türkei dar. Es handelt sich bei diesem Staudamm um ein Milliardengeschäft von dem die türkische Regierung, Großgrundbesitzer und einige Großunternehmen profitieren. Dafür sollen 22 Talsperren und 19 Wasserkraftwerke gebaut werden. Die Anwohner Heskîfs jedoch werden gezwungen ihre Stadt zu verlassen, die bald unter Wasser stehen soll.

Entstehen soll ein künstlich erzeugter Stausee, so groß wie München, also ca. 310,7 km². Das ist eine immens große Fläche. Geplant ist das Projekt schon seit über 20 Jahren. Dafür wurden in der Vergangenheit schon viele Vorbereitungen getroffen. Vorher wurden Brände gelegt, worunter die Natur, Tiere und die Bewohner schon stark gelitten haben. Ein Teil der Stadt ist bedauerlicherweise schon vom Wasser verschluckt worden. Es konnten daher schon große Schäden festgestellt werden und in jeder Sekunde wird die Zerstörung weiter vorangetrieben. Im November diesen Jahres soll Heskîf gänzlich unter Wasser liegen und irgendwann selbst nur Geschichte sein.

Das alles geschieht unter dem Deckmantel vom „Wirtschaftswachstum”. Man darf dieses Projekt nicht unterschätzen, denn es würde nicht nur bloß eine einfache Stadt verschwinden. Das Dîcletal stellt eine Lebensgrundlage für rund 100.000 Menschen dar. Es gibt der Gesellschaft eine besondere Vielfalt und ist ein Teil unserer kurdischen Identität. Dieses Herzstück Ober-Mesopotamiens würde also untergehen. Trotz der Zahl von Anwohnern wird dieses Projekt so weit vorangetrieben, wie es nur geht.

Die Überflutung der reichen Kulturlandschaft würde für über 100.000 Menschen somit Zwangsassimilation bedeuten. Die KurdInnen und AraberInnen, die dort gemeinsam leben, wären dazu gezwungen alles aufzugeben, weil ihre Lebensgrundlage vernichtet wird. Für die Anwohner Heskîfs ist als „Alternative“ ein Siedlungsbau geplant, der teilweise so teuer ist, dass man sich das Wohnen kaum leisten kann. Dazu kommt, dass man die massiven ökologischen Auswirkungen außer Acht lässt, u.A. die Verschlechterung der Wasserqualität oder auch das Absterben von Organismen, welche in tieferen Schichten des Dîcles leben. Auch die Natur wäre von der Überflutung massiv bedroht. Ebenso würde es zur Klimaänderung führen. Die Liste ist noch länger…
Man kann sich kaum vorstellen mit welchem Grad der Umweltzerstörung man damit konfrontiert wäre. Es wäre eine Katastrophe!

Bester Partner der Türkei: Europa

Die Türkei allein könnte sich dieses Projekt nicht leisten, da sie grade am Rande einer Inflation und von Schulden geradezu überschüttet ist. Europa war dabei ein relevanter Finanzpartner der Türkei. Europäische Banken wie Societe Generale, Dekabank und Bank of Austria/UniCredit, Alstom aus der Schweiz und Züblin aus der BRD, die das Zwei-Milliarden-Euro-Projekt mitfinanzierten, zogen ihre Finanzierungsgarantien nach großen Protestwellen zurück. Das österreichische Wasserkraftwerksbau Andritz profitiert noch immer von dieser Zerstörung.

Protestwellen

Der Kampf um Heskîf läuft noch. Seit über 15 Jahren regt sich Widerstand gegen den Staudamm auf, welcher bis heute anhält. Gäbe es diesen Widerstand dagegen nicht, wäre Heskîf schon längst unter Wasser.
Aber vor allem die Jugend sollte sich dieser bevorstehenden Naturkatastrophe bewusst werden und trotz den Repressionen die Fahne des Widerstandes erheben. Geht Heskîf unter, geht auch ein Teil der Geschichte unter. Die Überflutung Heskîfs ist ein direkter Angriff auf 12.000 Jahre alter Kultur. Es ist ein Angriff auf unsere kurdische Kultur!!! Wir dürfen diese Geschichte nicht so einfach untergehen lassen, denn Heskîf ist unsere Identität, ist unsere Würde.

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