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Hexen, Piraten und die PKK

by rcadmin

Ihr fragt euch sicherlich, was Hexen und Piraten mit der PKK zu tun haben. Diese Frage lässt sich lösen, wenn wir uns das neue Paradigma der Bewegung anschauen und wie Rebêr Apo die Geschichte analysiert. Dieser Text stammt aus der Oktober Ausgabe 2016 der Zeitschrift STÊRKA CİWAN.

DILSOZ HAVİN

Geschichte ist immer die Geschichte der herrschenden. Hexen waren böse Frauen, Piraten Wilde, die Schiffe überfallen haben und die PKK eine Terrororganisation. So lernen wir es in der Schule oder in den Medien. Eine andere Betrachtung wird kaum zugelassen. Wir müssen aber eine neue Betrachtung erkämpfen um Geschichte so zu begreifen, wie sie war, aus der Sicht der Unterdrückten. Rêber Apo bezieht sich in seiner Betrachtung von Geschichte auf den deutschen Philosophen Hegel, der eine sehr berühmte Idee entwickelt hat. Die Idee von These, Antithese und Synthese. Einfach gesagt, zwei Gegensätzen, die dadurch, dass sie gegeneinander „kämpfen“ Bewegung erzeugen. Bewegung als Synthese. Rêber Apo betrachtet die Geschichte in etwa so, dass er sagt, dass sich vor etwa 5000 Jahren in Mesopotamien Patriarchat (ein von Männern geprägtes System), Herrschaft und Staatlichkeit entwickelt haben. Vorher lebten die Menschen in der natürlichen Gesellschaft zusammen, in der alles geteilt wurde, niemand (Privat-)Eigentum hatte und die Gemeinschaft sich umeinander kümmerte. Das Leben in der natürlichen Gesellschaft war um die Frau/Mutter herum organisiert. Die Fähigkeit Kinder zu gebären, also neues Leben zu schaffen, betrachteten die Menschen damals als heilig. Auch die Gottheiten die wir damals in der Mythologie finden sind alle weiblich. Doch mit der Zeit werden sie durch männliche Götter verdrängt. Die zunehmende Organisierung von Männern und die immer stärker werdende Unterdrückung der Frau durch den Mann spiegelt sich also in der Mythologie wieder. Im Gegensatz zum klassischen Marxismus geht Rêber Apo nicht davon aus, dass sich die Geschichte wie eine schicksalhafte Abfolge entwickelt. Also auf das Eine zwingend das Andere folgen muss. Er versucht zu zeigen, dass die Entstehung von Staat und Patriarchat eben nicht eine „natürliche“ Abfolge war sondern ein gewaltsamer Umbruch, den die Männer organisierten.

Die These – Staatlich Zivilisation

Vor 5000 Jahren in Mesopotamien entstand somit die Zivilisation. Von dort entwickelte sich der Staat, Herrschaft und Patriarchat immer weiter und breitete sich aus. Es gab große Reiche wie etwa Ägypten, Babylonien usw. die viele Kriege führten, die Sklaverei und später in Europa dann die Entstehung von Kapitalismus und Nationalstaat. Das ist die Geschichte der Herrschenden, die Geschichte der staatlichen Zivilisation. Das ist die These.

Die Antithese – Demokratische Zivilisation

Doch es gibt auch eine Antithese. Die demokratische Zivilisation. Die Geschichte der Menschen, die nach Freiheit gestrebt haben, nach Selbstverwaltung und die sich organisiert und gekämpft haben. Zum Beispiel Spartakus, der den Sklavenaufstandgegen das römische Reich anführte, aber auch die Hexen, Piraten und die PKK. Es sind nicht alles die gleichen Bewegungen, sie beziehen sich auch nicht unbedingt aufeinander, aber was ihnen gemein ist, dass sie alle nach Freiheit, Demokratie – Selbstverwaltung gestrebt haben.

Synthese (Bewegung) – Entwicklung der Geschichte

Aus diesen beiden Hauptströmen, der These und der Antithese ist Bewegung entstanden (Synthese), dadurch hat sich Geschichte entwickelt. Was wir über mehrere Jahre in Schule, Medien und Büchern gelernt haben, ist vor allem die Geschichte der Herrschenden, der staatlichen Zivilisation.
Was wir jedoch erforschen, finden, aufschreiben und erzählen müssen ist die Geschichte der demokratischen Zivilisation. Denn das ist unsere Geschichte. Deswegen will ich ein paar Worte zu den Hexen und Piraten loswerden. Hexen so lernen wir, waren böse Frauen, die im dunklen Mittelalter verbrannt wurden. Das wars. Aber so lange ist das gar nicht her mit der Hexenverbrennung. Die wohl letzte Hexe in Deutschland wurde 1756 im bayrischen Landshut verbrannt. Sogar noch später im Jahr 1944 wurde in Großbritannien das letzte Urteil gegen eine „Hexe“ verhängt. Aber was waren die Hexen denn nun wirklich und wie kann man diesen mächtigen Angriff auf sie bewerten? Hexen waren vor allem Frauen, Frauen die arbeiteten und Wissen besaßen. Sie hatten viel Wissen über Krankheiten und Heilmethoden (man könnte vielleicht von Volksmedizinerinnen sprechen) und viele Frauen waren damals noch in Handwerksberufen tätig. Aus diesen Positionen sollten die Frauen vertrieben werden. Doch der Widerstand der „Hexen“ dauerte lange. Über eine Zeitspanne von 500 Jahren wurden sie massenhaft getötet. Oft wird nur von einigen tausend gesprochen,
feministische Forschungen sprechen eher von einigen Millionen. In jedem Fall können wir die Hexen als Teil der demokratischen Zivilisationsgeschichte bewerten und der Kampf gegen sie, ihre massenhafte Vernichtung als einen mächtigen Angriff des Patriarchats (der Männer). Als einen Angriff der herrschenden, staatlichen Kräfte.
Piraten waren Menschen die auf Schiffen mit Totenkopfflaggen über die Meere segelten und andere Schiffe überfielen wird uns beigebracht. Es wirkt so, als wären die Handelsschiffe die Guten und die Piraten die Bösen gewesen. Aber auch diese Geschichte müssen wir genauer betrachten. Wenn wir uns nämlich die Handelsschiffe angucken, dann waren sie autoritär organisiert. Alle mussten gehorchen und hatten keine Möglichkeit mitzuentscheiden. Außerdem wurden auf den Handelsschiffen meistens Waren transportiert, die von Sklaven erarbeitet und anderen Völkern gestohlen wurden. Auf diese Weise entstand der Großteil des Reichtums in Europa. Durch die Ausbeutung anderer Völker und Länder. Hier sieht man ganz klar, dass die Handelsschiffe teil der staatlichen, unterdrückenden Zivilisation waren. Es waren nicht die Schiffe der Guten. Die Piraten dagegen organisierten ihre Schiffe anders. Der Kapitän wurde demokratisch gewählt, die Besatzung erarbeitete gemeinsam eine Verfassung. Außerdem gab es bei den Piraten den Brauch, dass wenn sie ein Schiff überfielen, dort ein Gericht abhielten. Sie befragten die Besatzung des Handelsschiffes ob diese ihren Kapitän als gerecht einstufte. Tat sie das, so durfte er weiterleben, warf die Besatzung ihm jedoch große Ungerechtigkeit und Unterdrückung vor, so musste er sterben. Ein weiterer Punkt ist, dass die Piraten autonom, also unabhängig waren. Sie unterstanden keinem Staat,
keiner Macht. Sie entschieden gemeinsam, was sie machen und wie sie leben wollten. Wir können die Piraten also ganz klar als Teil der Geschichte der freiheitlichen, demokratischen Zivilisation einordnen.
Und die PKK? Die PKK können wir somit als eine Fortsetzung dieser Kämpfe nach Freiheit und Demokratie betrachten. Durch die Analyse der Geschichte und besonders die genaue Betrachtung des Kommunismus konnte Rêber Apo ganz klar zeigen, dass ein Staat nie ein Mittel zur Befreiung sein kann. Der Staat besitzt aus seiner Entstehungsgeschichte vor 5000 Jahren, aus seiner Rolle heraus immer einen unterdrückerischen, patriarchalen Charakter. Die Lösung für Frieden und Freiheit kann also nur in einem Modell ohne Staat gefunden werden. In radikaler Demokratie: Selbstverwaltung. Das ist einer der zentralen Punkte des neuen Paradigmas. Dafür kämpft die PKK.
Die Geschichte hat ganz klar gezeigt, dass es immer Menschen gab, die nach Befreiung vom Staat (Selbstverwaltung und Freiheit) gestrebt haben. Daran müssen wir anknüpfen. An diese Kämpfe. An die Kämpfe der Hexen und Piraten. Und die Kämpfe vieler Anderer. Mit dieser langen Geschichte der Freiheit, den vielen (noch unbekannten) Kämpfen und Erfahrungen wollen wir nun versuchen überall Räte und Kommunen als Orte der Selbstverwaltung
aufzubauen. Orte also, an denen die Menschen gemeinsam entscheiden, wie sie leben wollen und was sie brauchen. An denen alle Menschen teilhaben
können, egal welcher Religion oder Nationalität sie angehören.

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