Hexenverfolgung, ein Angriff auf den Widerstand der Frau

Wenn wir heute in die Geschichte Europas und der kolonialisierten Staaten der letzten Jahrhunderte sehen, dann gab es einen großen Angriff auf die Frau und die widerständige Gesellschaft, der unter dem Mantel der Hexenverfolgung stattgefunden hat.

ROSA ÇIYA

Hunderttausende Frauen wurden gefoltert, zerhackt, gewürgt, ertränkt und lebendig verbrannt. Dies ist ein grausamer systematischer Feminizid, der sich vom 13. und 14. Jahrhundert bis in die Geschichte des 21. Jahrhunderts zieht. Es ist wichtig zu verstehen, was ein so großer, brutaler und massenhafter Mord für die kolonialisierten Staaten und Europa bedeutet. Das Ziel dieses Angriffs war, die Abschottung von einem gemeinschaftlichen, freiheitlichen und sozialen Leben, hin zu einer neuen Phase intensivierter staatlicher Herrschaft. In der Frau wurde der Bezug zum lebendigen, zum freien Leben gesehen. Gegen die Frau und ihre matriarchalen Eigenschaften formierte sich einer der größten Massenmorde der Geschichte unter dem Titel der “Hexenjagd”.

Hexenverfolgung wurde in Europa vor allem im 16. und 17. Jahrhundert massenhaft organisiert. Wobei Hexen auch schon in den Jahrhunderten davor verfolgt worden sind und teilweise in Gesetzbüchern benannt wurden. Wir müssen uns die Hexenverfolgung als Phänomen massenhafter Morde an Frauen und teilweise auch Männern vorstellen, denn in Europa gab es hunderttausende Fälle bei denen „Hexen“ ermordet wurden. Wir können davon ausgehen, dass an jedem Ort eine jede Frau andere Personen kannte, die als Hexe ermordet wurden. Wir sollten uns auch vorstellen, welch großen Einfluss dies auf das Verhalten jeder Frau und ihre mentale Verfassung hatte. Je nach Ort und Zeitpunkt wurde die Hexenverfolgung auf unterschiedliche Art oder von verschiedenen Institutionen verübt. Sowohl das negative Frauenbild, was sich in den Strukturen der Kirche verfestigt hatte, als auch staatliche, sowie egoistische Interessen von Teilen der Bevölkerung spielten jeweils bei der Verfolgung eine Rolle. Die übliche Deutung der Hexenverfolgung in Europa, sie als Phänomen der rückständigen katholischen Kirche zu sehen, ist jedoch falsch. Es waren viel stärker weltliche Institutionen an der Verfolgung beteiligt. Es lässt sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen konfessionellen Haltungen der Regierung und dem Ausmaß oder der Praktizierung der Hexenverfolgung feststellen. Auch Martin Luther und die Evangelische Kirche befürworteten teilweise die Hexenverfolgung. Die falschen Interpretationen der Geschichte, die Verfolgung als rein kirchliches Phänomen anzusehen, zielt darauf ab, die wahren Ursachen der Hexenverfolgung zu verschleiern und zu behaupten, mit der Reformation, sowie einer Säkularisierung der katholischen Kirche sei das Phänomen überwunden. Dies ist keineswegs so. Vielmehr handelt es sich bei der Hexenverfolgung um eine Verschärfung patriarchaler Herrschaft, sowie die Zerschlagung von z. B. Alternativen, nicht kirchlichen Widerständen und die Durchsetzung vorkapitalistischer Strukturen in der Gesellschaft. Vor dem 16./17. Jahrhundert konnten Frauen sich grade im ländlichen Bereich noch stärker in das soziale Leben einbringen, aber mit der Industrialisierung war ihr Leben lediglich von Zwang und Armut geprägt. Sie wurde entweder ins Häusliche verbannt oder musste später in Fabriken schuften. Der Widerstand von Frauen brach durch die erlittene Folter und die gestreute Missgunst einen herben Schlag für Jahrhunderte. Dieser konnte bis heute in Europa nicht überwunden werden. Das Frauenbild, welches in der Zeit nach der Hexenverfolgung propagiert wurde, dass der zurückhaltenden und wohlerzogen Frau, bestimmt bis heute das Leben von Frauen.

Auch die akademische Gesellschaft hat an der Hexenverfolgung teilgenommen und diese zusätzlich theoretisch diskutiert. Es wurde umfassend Folter vom bestehenden Rechtssystem benutzt. Dabei wurden auch Frauen gezwungen, sich gegenseitig zu verraten, indem sie unter Folter andere Namen nennen sollten. So versuchten die Herrschenden Frauen voneinander zu trennen und Angst und Misstrauen zu erzeugen. Die Auswirkungen dieser Politiken sind bis heute im alltäglichen Umgang zwischen Frauen spürbar, wenn Konkurrenzverhalten das Leben junger Frauen prägt.

Der wirtschaftliche und soziale Hintergrund der Personen, die verurteilt wurden, unterscheidet sich. Teilweise wurden auch breite Bevölkerungsmassen zur Hexenverfolgung mobilisiert oder führten diese selbstständig durch. Hexenverfolgung wurde gleichzeitig als Mittel kolonialer Herrschaft in der gesamten Welt gebraucht. Sie diente dazu antikoloniale Widerstände zu zerschlagen und Unstimmigkeiten und Feindseligkeiten in der Bevölkerung zu sähen. Dadurch konnten bisherige gesellschaftliche Organisierungen z.B. in Lateinamerika zerschlagen werden und durch koloniale Herrschaft ersetzt werden. Dies wird noch heute praktiziert.

So wird noch im 21. Jahrhundert z.B. ein massenhafter Feminizid in Indien an Angehörigen der Adivasis, die ein naturbezogenes Leben führen, verübt. Auch in Saudi-Arabien wird die Hexerei und Zauberei mit Todesstrafe geahndet.

Wir können sehen, dass die Hexenverfolgung ein Versuch war, die sich befreienden, unabhängiger und selbstbewusst agierenden Frauen zu zerstören. Es wurden jene Frauen beschuldigt, die weniger stark in patriarchalen Familien eingebunden waren oder eine gesellschaftlich wichtige Rolle einnahmen. Sie war auch eine Antwort auf jegliche Alternative und widerständige Bewegungen, die Widerstand gegen die feudalen Verhältnisse leisteten. In dieser Zeit wurde das Verhältnis zum eigenen Körper der Frau komplett verändert. Anstelle einer gesellschaftlichen Frau wurde eine stummere, zurückhaltendere und passivere Frau erschaffen. Eine Frau, die sich heute in das zerstörte gesellschaftliche Bild des Kapitalismus stumm einfügt und dessen eigenen Lebensziele auf Konkurrenz und Egoismus basiert. Es wurden auch Frauen ermordet, die wichtige Aufgaben im heilenden Bereich übernahmen, wo sonst z.B. kirchliche Institutionen keine Hilfe baten. So wurde eine wichtige Kernstelle des Wissens der widerständigen Gesellschaft angegriffen und diese Lücke wurde später durch eine menschenverachtende, eine positivistische Krankheitslehre im staatlichen Rahmen gefüllt. Dadurch wurde ein wesentlicher Teil des Lebens von Menschen in den staatlichen Einflussbereich gezogen und eine große Abhängigkeit geschaffen.

Die Forschung über die Bedeutung der Hexenverfolgung fand in Europa hauptsächlich in den 80er Jahren auf Initiative der Frauenbewegung hin statt. Sie hat eine große Bedeutung für alle Frauenbewegungen weltweit. Als kurdische Frauenbewegung stehen wir heute gegen Feminizide auf und so sollten wir versuchen, weltweit der Hexenverfolgung ein Ende zu setzen und die Erinnerung der ermordeten Hexen in unserem Widerstand aufleben zu lassen. Ein jeder Bruch mit einem kapitalistischen, einem patriarchalen und passiven Frauenleben , ist ein Widerstand gegen die Hexenverfolgung.

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