HALİL DAĞ
Ich habe öfter nach ihm gerufen: Cûdi, steh auf… steh auf, lass uns von hier gehen. Sieh, das ist die letzte (militärische) Stellung. Sieh, das ist der letzte Kessel… Die Freunde sind gleich da drüben… steh auf, ich flehe dich an, steh auf…
Ich habe meinen Rucksack, in dem ich meine Kamera trug – die ich wie meine eignen Augäpfel hüte –, schnell unter Schmerzen von meiner Schulter genommen. Es war dieselbe Kugel, die meinen Arm und meine Tasche durchbohrt hat.
Ich habe lediglich einen kurzen Blick auf meine Tasche und auf meine treue Freundin – meine Kamera – werfen können. Ich war ihr die Treue schuldig. Dank ihr habe ich die kurdische Freiheitsbewegung kennengelernt. Meine Reise aus Europa in den Mittleren Osten hatte mit ihr begonnen. Wir hatten gemeinsam den ersten Schritt in die Berge getan und gemeinsam die Guerilla kennengelernt. Jede Arbeit, die ich mit ihr begann, habe ich mit Erfolg abgeschlossen. Nichts blieb halb liegen. Sie war die Freundin, die mich zu dem machte, der ich heute bin. Aber der Moment der Trennung war gekommen.
Als die Handgranate neben uns fiel, konnte ich nur die Kassetten um meinen Hals schlingen und mich zur Seite werfen. Unter der Explosion und dem Kugelhagel habe ich noch einmal zu meiner Kamera gesehen.
Als Cûdî auf die gegenüberliegende Stellung verwies und rief, dass wir sie angreifen sollten, gingen meine Gedanken zu den Andenken an meinem Hals und Arm durch meinen Kopf. Als ich mich auf den Weg machte, bekam ich sie von den Freunden, damit sie Glück bringen: die Mädchenuhr an meinem Arm, das Lederband – ohne mich genau daran zu erinnern, woher es eigentlich war –, ein Stück Şutîk (ein langes Tuch, das sich die Guerilla um die Taille bindet), das ich aus Bêrîtans Grab genommen hatte, die Muska (ein Amulett mit aufgeschriebenem Sinnspruch) um meinen Hals, wofür ich mein Wort gab, sie fünfhundert Jahre zu tragen, und all die Gesichter meiner Freunde, die mir diese Gegenstände geschenkt haben, erschienen mir vor den Augen.
Würden all diese Andenken mich wirklich schützen oder sind sie nur eine Geschichte?
Das ging durch meinen Kopf, als ich die Muska zwischen meine Zähne nahm und mich gemeinsam mit Cûdî auf die gegenüberliegende Stellung zubewegte. Während ich darauf wartete, dass eine der zu Hunderten abgeschossenen Kugeln meinen Körper durchbohrt, bemerkte ich, dass ich über Soldatengräber laufe. Alles passierte innerhalb eines Augenblickes und die gegenüberliegende Stellung war gefallen.
Meine Augen suchten Cûdî. Unter dem Getöse der Waffen schrie ich mit voller Kraft: „CûdÎÎÎÎÎÎ!“ Doch es kam keine Antwort. Während ich mein Magazin nachlud, um die Schüsse aus der Seitenstellung zu erwidern, schrie ich weiter. Aber ich konnte Cûdîs Stimme nicht vernehmen.
Dann erblickte ich Cûdî. Er lehnte an einem Felsen, seine Brust ausgestreckt, stand er in all seiner Gelassenheit. Er schoss nicht mehr. Die gegnerischen Kugeln kamen nacheinander und bohrten sich in seine blutüberströmte Brust. In seinem schönen Gesicht war kein Ausdruck des Schmerzes. Ich habe mehrmals nach ihm gerufen: „Steh auf Cûdî… Steh auf, lass uns von hier gehen. Sieh, das ist die letzte Stellung… Sieh, das ist der letzte Kessel… Steh auf… Ich flehe dich an, steh auf… Lass mich nicht allein in diesem Kessel… Steh auf, Cûdî, steh auf…“
Ich weiß nicht mehr, wie oft ich seinen Namen gerufen habe. Ich weiß auch nicht, wie lange ich in dem Kugelhagel verharrte. Die Zeit verflog wie ein ganzes Leben – und Cûdî verließ seinen Platz nicht mehr. Mit seinen einzigartigen nassen Augen sah er mich zum letzten Mal an, nur ich konnte seine folgenden Worte unter dem Lärm der Waffen hören: „Ich sagte dir doch, unter meinem Feuerschutz wirst du herauskommen…“
Als in dieser Nacht die Helikopter Soldaten auf dem Berg Pervari absetzten, um nach Überlebenden zu suchen, marschierte ich einsam, mein verletzter rechter Arm und mein verletztes Herz schmerzten von dem Aufschlagen des kalt wehenden Windes. In dieser Finsternis hafteten die Worte von Cûdî zwischen meinen zitternden Lippen und die Tränen flossen aus meinen Augen, die keiner sehen konnte.
Dieser junge Guerilla hatte sein Wort gehalten, und ich…