In der Vergangenheit wurde die Geschichte von Staaten oft mit der Geschichte ihrer Herrscher gleichgesetzt, was letzteren nahezu göttliche Qualitäten verlieh. Diese Praxis änderte sich mit dem Aufkommen des Nationalstaates. Nun wurde der Gesamtstaat idealisiert und auf eine göttliche Ebene erhoben.
RÊBER APO
Nationalismus
Angenommen, wir vergleichen den Nationalstaat mit einem lebendigen Gott, dann wäre Nationalismus die entsprechende Religion. Trotz einiger scheinbar positiver Elemente weisen Nationalstaat und Nationalismus metaphysische Eigenschaften auf. In diesem Zusammenhang wirken kapitalistische Profit- und Kapitalakkumulation wie geheimnisumwobene Kategorien. Hinter diesen Bezeichnungen steht ein widersprüchliches, auf Macht und Ausbeutung basierendes Beziehungsgeflecht. Das hegemoniale Machtstreben dient der Profitmaximierung. In diesem Sinne erscheint Nationalismus wie eine quasi-religiöse Rechtfertigung. Seine wahre Mission ist jedoch sein Einsatz für den scheinbar göttlichen Nationalstaat und dessen ideologische Vision, die alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt. Kunst, Wissenschaft und soziales Bewusstsein: Nichts davon ist unabhängig. Für eine wahre intellektuelle Aufklärung bedarf es daher einer grundlegenden Analyse dieser Elemente der Moderne.
Positivistische Wissenschaft
Das Paradigma einer positivistischen oder beschreibenden Wissenschaft bildet eine weitere ideologische Säule des Nationalstaates. Der Positivismus füttert die nationalistische Ideologie wie auch den Laizismus, der die Gestalt einer neuen Religion angenommen hat. Andererseits ist er eine der ideologischen Grundlagen der Moderne, und seine Dogmen haben die Sozialwissenschaften nachhaltig beeinflusst. Positivismus kann als philosophischer Ansatz umschrieben werden, der sich strikt auf die Erscheinungsform von Dingen beschränkt und sie mit der Realität gleichsetzt. Da im Positivismus das Erscheinungsbild Realität ist, kann nichts ohne Erscheinungsbild Teil der Realität sein. Wir wissen jedoch von der Quantenphysik, der Astronomie, einigen Feldern der Biologie und vom Wesen des Denkens selbst, dass die Realität in Welten jenseits wahrnehmbarer Ereignisse auftritt. In der Beziehung zwischen Beobachtungsobjekt und Beobachter ist die Wahrheit zu einem Rätsel geworden, das nicht mit physikalischen Maßstäben oder Definitionen zu fassen ist. Der Positivismus bestreitet das und ähnelt so in gewisser Weise der Götzenverehrung vergangener Zeiten, als das Götzenbild das Abbild der Realität darstellte.
Sexismus
Eine weitere ideologische Stütze des Nationalstaates ist der Sexismus, der die gesamte Gesellschaft durchdringt. Viele zivilisierte Systeme haben den Sexismus zum eigenen Machterhalt benutzt. Sie erzwangen die Ausbeutung der Frauen und gebrauchten sie als ein wertvolles Reservoir an billiger Arbeitskraft. Frauen werden auch insofern als eine wertvolle Ressource gesehen, als sie Nachkommen produzieren und für die menschliche Reproduktion sorgen. Demnach ist eine Frau sowohl ein Sexualobjekt als auch ein Gebrauchsgegenstand. Sie ist ein Werkzeug zum Erhalt von Männermacht und kann im besten Fall zu einem Accessoire der patriarchalen Männergesellschaft werden. Einerseits stärkt der gesellschaftliche Sexismus des Nationalstaates die Macht der Männer; andererseits verwandelt der Nationalstaat seine Gesellschaft durch die Ausbeutung von Frauen in eine Kolonie. In dieser Hinsicht können Frauen auch als eine ausgebeutete Nation betrachtet werden. Im Laufe der Zivilisationsgeschichte festigte das Patriarchat das traditionelle Hierarchiegefüge, das im Nationalstaat durch Sexismus in Gang gehalten wird. Gesellschaftlich verankerter Sexismus ist genau wie Nationalismus ein ideologisches Produkt von Macht und Nationalstaat. Gesellschaftlich verankerter Sexismus ist nicht weniger gefährlich als Kapitalismus. Das Patriarchat jedoch versucht diese Tatsachen unter allen Umständen zu verbergen. Das ist im Hinblick darauf, dass alle Machtverhältnisse und staatlichen Ideologien durch sexistische Ideen und Verhaltensweisen funktionieren, verständlich. Ohne die Unterdrückung der Frauen ist die Unterdrückung der gesamten Gesellschaft nicht vorstellbar. Der Sexismus innerhalb der nationalstaatlichen Gesellschaft verleiht dem Mann einerseits die größtmögliche Macht und verwandelt andererseits die Gesellschaft durch die Frau in die schlimmste aller Kolonien. Folglich ist die Frau gesellschaftshistorisch eine kolonisierte Nation, die im Nationalstaat ihre unvorteilhafteste Position erreicht hat. Alle Macht- und Staatsideologien sind auf sexistische
Einstellungen und Verhaltensweisen zurückzuführen. Die Versklavung der Frau stellt einen im höchsten Maße verborgenen und verschleierten gesellschaftlichen Bereich dar, in dem alle Formen von Sklaverei, Unterdrückung und Kolonisierung realisiert sind. Kapitalismus und Nationalstaat agieren im vollsten Bewusstsein dessen. Ohne Versklavung der Frau kann keine der anderen Formen von Sklaverei bestehen geschweige denn sich entfalten. Kapitalismus und Nationalstaat kennzeichnen den weitest institutionalisierten dominanten Mann. Deutlicher gesagt Kapitalismus und Nationalstaat sind der Monopolismus des despotischen und ausbeuterischen Mannes.
Religiosität
Selbst wenn der Nationalstaat dem Anschein nach wie ein säkularer Staat handelt, scheut er sich nicht, für seine Zwecke eine Mischung aus Nationalismus und Religion zu nutzen. Der Grund dafür ist einfach, dass Religion in einigen Gesellschaften oder in Teilen von ihnen noch immer eine wichtige Rolle spielt. Insbesondere der Islam ist in dieser Hinsicht sehr agil. Dennoch spielt die Religion im Zeitalter der Moderne nicht länger ihre traditionelle Rolle. Ob als radikaler oder als gemäßigter Glaube, Religion im Nationalstaat hat nicht länger eine Aufgabe in der Gesellschaft. Sie darf lediglich tun, was der Nationalstaat erlaubt. Ihr noch vorhandener Einfluss und ihre Funktionalität, die zur Förderung von Nationalismus missbraucht werden können, sind für den Nationalstaat interessante Aspekte. In manchen Fällen übernimmt Religion sogar die Nationalismusrolle. Die Schia im Iran ist eine der mächtigsten ideologischen Waffen des iranischen Staates. In der Türkei spielt die sunnitische Ideologie eine ähnliche, aber begrenztere Rolle.
Nationalstaat und Gesellschaft
Es wird oft behauptet, der Nationalstaat kümmere sich um das Los der einfachen Leute. Das ist nicht wahr. Vielmehr ist er der
nationale Statthalter des globalen kapitalistischen Systems, ein Vasall der kapitalistischen Moderne, der viel tiefer in die vorherrschenden Strukturen des Kapitals verwickelt ist, als wir gemeinhin neigen anzunehmen: Er ist eine Kolonie des Kapitals. Egal wie nationalistisch sich der Nationalstaat präsentieren mag, er dient im selben Maße den kapitalistischen Ausbeutungsprozessen. Es gibt keine andere Erklärung für die schrecklichen Verteilungskriege der kapitalistischen Moderne. Daher ist der Nationalstaat nicht auf der Seite der einfachen Leute – er ist ein Feind der Völker. Beziehungen zu anderen Nationalstaaten und internationalen Monopolen werden durch die Diplomaten des Nationalstaates koordiniert. Ohne die Anerkennung durch andere Nationalstaaten könnte keiner von ihnen überleben. Der Grund dafür liegt in
der Logik des globalen kapitalistischen Systems. Nationalstaaten, die die geschlossene Phalanx des kapitalistischen Systems verlassen, werden entweder von demselben Schicksal ereilt, wie es das Regime Saddam Husseins im Irak erfahren hat, oder mit den Mitteln des Wirtschaftsembargos in die Knie gezwungen. Wir wollen nun ausgehend vom Beispiel der Republik Türkei einige Charakteristiken des Nationalstaates ableiten.
