STÊRKA CİWAN
Viele Mythologien erklären zu Beginn die Handlung des Lesens zum ersten Gebot Gottes. Das Johannesevangelium sagt in seinem ersten Vers „Im Anfang war das Wort.“ Der Koran sagt zu Beginn: „Lies! Im Namen deines Herrn.“ Der Ausdruck, also das Wort, bildet die Grundlage der Bedeutung und des Deutens. Verstehen und Deuten öffnen gleichzeitig den Weg für das Erkennen und Erkanntwerden. Es ist ein derartig großes Bedürfnis, verstanden zu werden, dass in einem Hadith steht „um erkannt zu werden habe ich das Universum erschaffen.“
Die Geschichte der Nutzung von Begriffen ist sehr alt. Die Menschheit hat zu jeder Zeit Wege gesucht, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, diese Suche hat sie dann zu verschiedenen Erfindungen getrieben. Die Benennung dieser Erfindungen verlief parallel zu ihrer Herstellung. Die Wahrheit, dass die meisten Erfindungen der Geschichte im Zeitalter des Neolithikums entwickelt wurden, sagt uns, dass die meisten Begriffe auch zu dieser Zeit gehören. Da die Sprache sich aufeinander aufbauend entwickelt hat, hat das Neolithikum einen großen Einfluss auf unsere heutige Sprache. Vor allem in der kurdischen Sprache und Kultur, welches stark von den Besonderheiten der natürlichen Gesellschaft des Neolithikums beeinflusst wurde, ist dies deutlich erkennbar.
Die Bedeutungen von Begrifflichkeiten, welche lange Zeit Gesellschaften zum Selbstausdruck nutzten, wurden durch die kapitalistische Zivilisation entweder aus ihrem Kontext gerissen oder gar ganz ausgelöscht. Während zum Beispiel der Begriff der Ästhetik das „Schöne“ ausdrückt, wird er inzwischen auch in der „Schönheitschirurgie“ verwendet, welche den menschlichen Körper als Ware vermarktet. Ein anderes Beispiel ist der Begriff der Ökonomie. Obwohl der Begriff der Ökonomie eigentlich das systematische Verwalten der materiellen Bedürfnisse einer Gesellschaft beschreibt, ist es heute ein Begriff, der die Ausbeutung der Völker durch die herrschenden Staaten zum Ausdruck bringt. Allein diese beiden Beispiele beweisen uns, dass es notwendig ist, den Kern der Begriffe zu verstehen. Jedoch hat Rêber APO uns auf eine Schwierigkeit hingewiesen, und zwar die Notwendigkeit, Begriffe mit anderen Begriffen zu erläutern. Diese Worte Rêber APOs weisen uns darauf hin, dass wir bei der Erläuterung von Begriffen sehr sorgfältig vorgehen müssen.
Heute werden wir versuchen, die beiden Begriffe „Ideologie“ und „Politik“, welche extrem aus ihrem Kontext gerissen wurden, wieder einzufangen.
Ideologie
Der Liberalismus, der vom kapitalistischen System in jede Zelle der Gesellschaft eingepflanzt werden soll, propagiert, dass das Zeitalter der Ideologien vorbei sei und dass jeder sich nun darauf konzentrieren solle, das eigene Leben in den Griff zu bekommen. Dabei ist diese Behauptung eine Verdrehung der Tatsachen; denn Ideologie taucht täglich in den Lebenspraktiken eines jeden Menschen auf. Der Liberalismus führt diesen Propagandafeldzug derartig hinterhältig aus, dass wir von unserer Familie oder unserem Umfeld gesagt bekommen: „Misch dich nicht in Links-Rechts Angelegenheiten ein, konzentriere dich auf deine Arbeit, Politik ist unnötig“. Dies hat vor allem in der Psyche der Jugend große Schäden hinterlassen. Dabei hat Şehîd Rûstem Cûdî in seinem Buch „Ideologie“ verdeutlicht, dass Ideologie der Punkt ist, an dem sich Gesellschaft, Organisation und die Einzelnen selbst definieren. Das heißt, wie wir unser Leben führen und uns selbst definieren, das ist unsere Ideologie. Wenn wir nach liberalem Muster leben, ist unsere Ideologie der Liberalismus, wenn wir auf eine anarchistische Art leben, ist unsere Ideologie der Anarchismus, und wenn wir nach apoistischem Muster leben, ist unsere Ideologie der Apoismus.
Die Bedeutung von Ideologien misst sich nach ihrer Gesellschaftlichkeit. In diesem Punkt können wir sagen, dass die apoistische Ideologie die gesellschaftlichste der ganzen Geschichte ist, weil diese Ideologie jedem Punkt der Gesellschaft und des Lebens eine Bedeutung gibt und diese so bezeichnet. Da Ideologien sich selbst über ihre erschaffenen Paradigmen definieren, zeigt der Apoismus durch sein demokratisches, feministisches und ökologisches Paradigma, dass er eine gesellschaftliche und kommunale Ideologie ist.
Kurz gesagt: dem Liberalismus, der uns vorschreibt, ohne eine Ideologie zu leben, und Menschen dazu treibt, im puren Egoismus zu verweilen, setzen wir eine Ideologie entgegen, die uns zu uns macht und den Menschen die stärkste Bedeutung gibt: den Apoismus. Wir müssen uns an dieser Ideologie ausrichten und entsprechend leben.
Politik
Ein Begriff, dessen Bedeutung genauso bewusst manipuliert wurde wie der der Ideologie, ist ‚Politik‘. Auch die Bedeutung des Wortes Politik wurde, und wird, bewusst verzerrt. In jedem Wörterbuch wird Politik vom griechischen Wort polis für ‚Stadtverwaltung‘ abgeleitet, um den Eindruck zu erwecken, als wäre der Begriff mit der Zivilisation entstanden. Doch eigentlich ist ‚Politik‘ eine der stärksten Besonderheiten des Neolithikums.
Rêber APO sagt: „Sowie Menschen mit der Instanz der Moral die gesellschaftlichen Arbeiten am besten vollbringen wollten, haben sie mit der Politik die Arbeit gesucht, die das Beste für sie ist.“ Das heißt, die heutige Bedeutung des Begriffs Politik ist nicht nur das Senden von Abgeordneten in kolonialistische Parlamente oder die Stimmabgabe bei Wahlen. Politik ist auf keinen Fall ein Begriff, der staatsbezogen oder dem Staate eigen ist. Im Gegenteil: der Staat bedeutet sogar die Negation der Politik.
Im wahren Sinne ist Politik der Bereich, in dem sich die Gesellschaft am freiesten fühlt und die Einzelnen ihre gesellschaftliche Freiheit ausleben. Aufgrund dessen ist es eigentlich nicht möglich, dass ein Mensch außerhalb von politischer Aktivität steht. Der Mensch als gesellschaftliches Wesen gibt seinen Aktionen und Ergebnissen ebenfalls einen gesellschaftlichen Wert. Somit verbringt eigentliche Jede und Jeder das Leben damit, Politik zu machen. Jedoch sollte nicht vergessen werden, dass die moralischste Politik dort gemacht wird, wo die Gesellschaftlichkeit, also der kommunale Gedanke, am stärksten ist.
Deshalb müssen wir als Jugend diejenigen Orte schaffen, in der wir am besten Politik machen können. Räume, in denen man auf Grundlage der apoistischen Ideologie zusammenkommt, müssen geschaffen werden. Den Willen, Kommunen zu gründen und in diesen Zentren, in der Gesellschaft eine starke Stimme zu besitzen, ist für uns als Jugend die moralisch-politische Aktion, welche uns mehr als alle anderen befreit.
