Home ALLE BEITRÄGEINTERVIEW Im 21. Jahrhundert wird es eine Neubestimmung der Geschlechterbeziehungen geben

Im 21. Jahrhundert wird es eine Neubestimmung der Geschlechterbeziehungen geben

by rcadmin

Das folgende Interview ist ein Auszug aus dem Buch ‘Die Männlichkeit töten’ von Mahir Şayan. Der Schriftsteller hatte die Gelegenheit, einige längere Gespräche Rêber APO zu führen und die Aufzeichnung dieser Gespräche als Buch zu veröffentlichen. In dem folgenden Auszug geht es vor allem um die gesellschaftliche Dimension der Beziehungen von Mann und Frau und die Notwendigkeit ihrer Veränderung.

Die Kapitalisten triumphierten, der “Sozialismus sei vernichtet” worden und anschließend versprachen sie der Menschheit eine “schöne Welt”. Denn der Frieden sei zurückgekehrt, es gäbe keine Kriege mehr und die Gefahr des Kommunismus sei gebannt. Globale Werte würden auf der ganzen Welt herrschen und die Menschheit…

…würde sich ihrem Ende nähern…

Die Menschheit könne von nun an ungestört an ihrem Weg weiter arbeiten, sagten sie. Was steht der Menschheit ihrer Meinung nach auf wirtschaftlichem, politischem, kulturellem, sozialem, nationalem, sexuellem und ökologischem Gebiet bevor?

Rêber APO: Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die gesellschaftlichen Widersprüche sich im Vergleich zum 19. Jahrhundert bzw. zur ersten Hälfte des 20. Jahrhundert verschärft und verändert haben. Die Widersprüche zwischen Arbeit und Kapital, bzw. Proletariat und Bourgeoisie und zwischen den ausgebeuteten Völkern und den Kolonialmächten, beherrschten im 19. Jahrhundert die Auseinandersetzung. Diese Widersprüche haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr diese Bedeutung. Sowohl der ökonomisch bestimmte Klassenkampf als auch der herkömmliche Kolonialismus haben nur noch eine begrenzte Bedeutung. Der Widerspruch hat sich verallgemeinert und hat neue Formen angenommen. Er ist umfassender geworden. Meiner Meinung nach ist das dringendste Problem, dass der Imperialismus, also der Kapitalismus in seinem derzeitigen Stadium, eine Gefahr für sämtliche Bereiche der Gesellschaft ist. In welcher Hinsicht? Die Art der Ausbeutung und Herrschaft ist unglaublich verfeinert und perfektioniert worden. Beispielsweise die Monopolisierung, die Entwicklung der Holdinggesellschaften, der Medien, die Lenkung der Informationsflüsse, usw. Das sind erschreckende Entwicklungen.
Der Kapitalismus hat die ganze Gesellschaft vereinnahmt; er spielt mit ihr, ihren verschiedenen Klassen, besonders mit dem Kleinbürgertum, der „zwischen den Klassen stehender Klasse“, und mit den Geschlechtern. Besonders ausgenutzt werden die Kinder und die Frauen.
Die sogenannte Globalisierung bedeutet, dass der Kapitalismus/Imperialismus die ganze Welt wie ein Polyp umschließt und wie eine Walze alles überrollt. Die Entwicklung der technischen Möglichkeiten, also der Produktionsmittel, macht dies möglich. Wir müssen bedenken, dass gesellschaftliche Manipulation durch die Medien in diesem Maße erst seit ca. 50 Jahren stattfindet. Diese Entwicklung birgt mehr Gefahren in sich, als bislang zugegeben wird.
Die Situation kann wie folgt charakterisiert werden: über die Klassenwidersprüche und die Widersprüche zwischen den kolonisierten Völkern und deren Kolonialmächten hinaus gibt es den Widerspruch zwischen der ganzen Gesellschaft und der kleinen Minderheit, die die Medien und die technische Entwicklung in der Hand hält und die ganze Gesellschaft zu beherrschen versucht.
So beeinflusst der Supermachtanspruch der USA jede Gesellschaft auf der ganzen Welt.
„Globalisierung“ und „neue Weltordnung“ sind die Namen für die Ziele, die die ganze Menschheit bedrohen. Das ist der eine Widerspruch.
Der zweite ist, dass der Abgrund zwischen Gesellschaft und Natur immer größer wird.
Auf jeden Fall besteht ein Zusammenhang zwischen der Machtpolitik der Supermacht und der Entfremdung der Gesellschaft von der Natur.

Sie meinen, der Widerspruch zwischen den Weltmachtansprüchen der USA und der Menschheit fungiert als Ursache für die anderen Widersprüche?

Rêber APO: Sie können ihre Macht nicht ewig halten, denn da der Mensch der bewussteste Produktionsfaktor ist, können sie den Menschen nicht ganz kontrollieren. Sie versuchen, alles in den Griff zu bekommen, aber selbst die riskantesten Methoden führen sie nicht planmäßig durch. Wie bei der Behandlung des Krebs, bei der in der Regel nicht die Krankheit beseitigt, sondern der Körper des Patienten angegriffen wird, wird in diesem Fall die Umwelt zunehmend zerstört. Weil sie von dieser Produktionsweise nicht absehen können, wird sowohl die Atmosphäre als auch die Erde, die Pflanzen und Tierwelt vernichtet. Meines Wissens nach ist in den letzten 50 Jahren mehr Natur zerstört worden als in der ganzen übrigen Menschheitsgeschichte.

Das stimmt.

Rêber APO: Die Umweltverschmutzung ist niemals so hoch gewesen wie heute. Es ist nicht nur eine Verschmutzung, sondern die Zerstörung der Natur. Durch die Zerstörung der Atmosphäre steigt die Durchschnittstemperatur an. Wenn es so weiterläuft, wird unser Lebensraum wohl binnen 50 Jahren zu einer Wüste. Das ist nicht ernst genug zu nehmen! Das hat eine noch größere Bedeutung als der Klassenkonflikt. Dadurch sind auch viele neue Krankheiten entstanden und werden noch mehr entstehen. Die Widerstandskraft, die Moral der Menschen ist am Boden; die Rede ist vom Stress; die Menschen werden zu Insekten verkommen, wenn sie weiterhin in Betonblocks leben müssen. Wir brauchen keine Angst zu haben, aber der Kapitalismus lässt die Menschen zu Insekten verkommen. So bereitet der Kapitalismus das Ende der Menschheit vor. Über diese Themen muss breit diskutiert werden. Diese Diskussionen müssen in neue sozialistische Theorien und Programme münden.
Es muss ein sozialistisches Modell entwickelt werden, das den Menschen entwickelt und mit dem die Probleme in den Griff zu bekommen sind. Die Menschen können davon überzeugt werden, dass z.B. das Bevölkerungswachstum kontrolliert werden muss. Der Kapitalismus überzeugt die Menschen nicht, er verführt, manipuliert und benutzt sie. Aber der Sozialismus überzeugt sie und Maßnahmen, Einschränkungen und Veränderungen geschehen auf freiwilliger Basis. Beispielsweise kümmert es derzeit niemanden wenn gesagt wird, dass der Kohlendioxidausstoß heruntergesetzt werden muss. Es wurde eine enorme Konsum– und Schmarotzergesellschaft geschaffen. Aus Europa kommen einige hierher, denen habe ich den Namen “Konsumungeheuer” gegeben. Wenn in Zukunft alle zum Konsumungeheuer werden, wird es nichts mehr zu konsumieren geben und dann werden sie sich gegenseitig auffressen.
Wenn heute die Produktion zu 2/3 herabgesetzt und von der militärischen Produktion Abstand genommen würde, könnte es der ganzen Menschheit sehr gut gehen.
Es gäbe weder die Umweltzerstörung, noch die Grausamkeiten in der Gesellschaft. Auch der Bevölkerungszuwachs könnte eingedämmt werden. Die Wirtschaft könnte gezielt balanciert werden. Das ist der Sozialismus. Sozialismus heißt heute Widerstand gegen die Konsumgesellschaft, Umweltzerstörung, Geiselnahme der Gesellschaft durch die globalen Medien etc. Der Sozialismusbegriff des 19. Jh. kann heute nicht genügen. Die alten starren Begriffe wie “Klasse gegen Klasse”, “nationale Befreiung gegen Kolonialismus” sind zwar immer noch gültig. Doch grundsätzlich gilt heute z.B. für die übriggebliebenen sozialistischen Länder, dass sie in ihrem sozialistischen System die Demokratie entwickeln müssen.
Auf der anderen Seite muss in den kapitalistisch/imperialistischen Ländern gegen die Umweltzerstörung und die Konsumgesellschaft vorgegangen werden.
Das kann das neue Programm des Sozialismus werden. Und meiner Meinung nach, ist das einerseits der einfachste Ausdruck des Sozialismus und andererseits die Befreiung der Menschheit selbst. In diesem Sinne ist der Sozialismus die einzige Zukunft der Menschheit.
Wenn es keine soziale Weiterentwicklung gibt, dann bringt dies den Menschen auf die Ebene des Tieres, und unter den Bedingungen des Kapitalismus führt das zur Entwicklung gefährlicher Ungeheuer. Darum ist der sozialistische Kampf in dieser Epoche des Kapitalismus der einzige Weg zur Befreiung. Denn die Kapitalisten haben die Atmosphäre zerstört, das Wasser verbraucht, keine Bodenschätze mehr übrig gelassen. Sie haben alles verschmutzt, die Krankheiten haben eine sehr gefährliche Dimension erreicht, jeder versucht, wie ein Ungeheuer zu essen und zu konsumieren. Wenn ein derartiger allgemeiner sozialer Abstieg nicht gestoppt wird, dann führt das zum Ende der Menschheit. Deshalb sage ich: Den Sozialismus verteidigen heißt die Menschheit verteidigen!

Möchten Sie noch mehr Details hinzufügen?

Rêber APO: Ich kann diese Themen detaillierter erörtern. Das Beharren auf den allgemeinen Werten der Menschheit ist auch gleichzeitig die Schaffung der sozialistischen Kultur. Die Kultur stellt in dieser Beziehung eine sehr große Kraft dar. Was heißt das? Es ist die Übereinkunft auf eine Lebensweise, es ist die Schaffung des Kollektivismus. Hier kann es keinen Zwang geben, die Basis ist Freiwilligkeit, und für ihre Entfaltung spielt die Institutionalisierung eine wichtige Rolle. Freiwillig geschaffene Institutionen sind sehr wichtig. Was führt denn zur Institutionalisierung? Eine Verständnisweise, Gedankenkraft, das ist systematisierter Ideenreichtum gekoppelt mit starker Vorstellungskraft. Die sozialistische Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der die Gedanken frei und unabhängig sind. Darum wird eine auf freiwilliger Basis errichtete Institutionalisierung zur Freiheit führen und nicht zur Unterdrückung der Individuen durch die Institutionen. Das bedeutet die Entwicklung einer sozialistischen Kultur, Lebensweise und Moral. Aber es wurde bisher der Fehler gemacht, dass der Sozialismus sich zu wenig mit der langen Geschichte der Menschheit beschäftigt hat. Im Gegenteil: die jeweils Herrschenden leugneten wesentliche Aspekte der Geschichte der Menschheit. Sie besiegten ihren Gegner und schrieben die Geschichte der Menschheit um, verwischten die Spuren der Geschichte. Aber der Sozialismus muss möglichst die ganze Menschheitsgeschichte mit allen Strukturen erforschen. Also die negativen und positiven Seiten der Herrschenden und Beherrschten, der Unterdrücker und Unterdrückten etc., sie alle müssen herausgearbeitet werden. Und die vergangenen Kulturen müssen Teil unseres heutigen Alltags werden. Mit Untersuchungen, Museen, Literatur, Musik, Folklore, usw. Welche Mittel es auch immer gibt: sie müssen im Sinne der Gesellschaft genutzt werden, um sich die Geschichte der Menschheit anzueignen. Der Sozialismus muss das Geschichtsbewusstsein entwickeln können, also die gemeinsame Kultur und Moral. Es müssen nicht nur aus der Sicht des Profits die Konsequenzen gezogen werden: Die Moral muss hier mindestens genauso viel Platz einnehmen wie der Profit.
Der Sozialismus entwickelt andere, neue Formen der Politik. Hier entwickeln sich die Institutionen als Teil der Gesellschaft. Die einzelnen Persönlichkeiten nehmen entsprechend ihren Fähigkeiten auf freiwilliger Basis ihre Positionen ein, auch Führungspositionen. Es kann keine Führung geben, die sich der Bevölkerung aufzwingt und mit Unterdrückungsmethoden arbeitet. Sie muss von der Bevölkerung bestimmt und legitimiert werden. Diese Art politischer Kultur ist notwendig.
Ich werde in nächster Zeit verstärkt über die Beziehungen der Geschlechter zueinander arbeiten. Ich denke, im 21. Jh. werden sich am meisten die Geschlechter–Beziehungen entwickeln. So wie die erste Konterrevolution in diesem Bereich stattfand, die Durchsetzung des Patriarchats, wird sich die nächste große Revolution in den Beziehung der Geschlechter ereignen. Die Geschlechterbeziehungen sind komplexer als allgemein angenommen wird. Sie überdecken die weitere Ausbeutung und Unterdrückung. Viele Probleme haben ihren Ursprung in diesem Verhältnis. Der Widerspruch zwischen den Geschlechtern ist sogar größer als der zwischen den Klassen oder zwischen den Kolonialmächten und den unterdrückten Nationen. Es gibt kaum jemanden, der/die davon nicht betroffen wäre. Deshalb muss die meiste Arbeit der revolutionären Entwicklung und Tätigkeit in Zukunft im Bereich der Geschlechterfrage geschehen. Dieses Problem wird mehr als die Religionen tabuisiert. Dagegen muss vorgegangen werden. In meinen Aktivitäten nimmt das Thema einen wichtigen Platz ein. Die Beschäftigung mit der Religion war im Vergleich dazu nicht so schwierig. Es herrscht eine große Unwissenheit vor. Aber das Wohlergehen und die Lebenskraft der Gesellschaft hängt von der Neuordnung der Geschlechter–Beziehungen ab.

Der Widerspruch zwischen den Geschlechtern lässt sich vielleicht mit dem Widerspruch zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie vergleichen. Kann gesagt werden, dass, so wenig die Bourgeoisie das Proletariat versteht, so wenig verstehen wir Männer die Frauen?

Anstatt solch einfacher Vergleiche anzustellen, denke ich, dass alle Klassengesellschaften in der Geschichte die Frau ausgebeutet und unterdrückt haben. Hier begegnen wir einem anderen Widerspruch als bei den Klassen. Hier kommt z.B. die Ausnutzung der natürlichen Eigenschaften und Unterschiede der Geschlechter hinzu. Das ist der erste und komplexeste gesellschaftliche Widerspruch. Jede Klassengesellschaft hat etwas dazu beigetragen; die Sklavenhaltergesellschaft, die Phase des Feudalismus, der Kapitalismus und der Imperialismus. Die Frau ist nicht mehr die Frau und den Mann kann ich auch nicht mehr erkennen. Meiner Meinung nach sind beide der Menschlichkeit entfremdet. Ich habe mich davon etwas befreit und verstehe mich nicht mehr im klassischen Sinne als Mann. Diese Freiheit schätze ich sehr. Sie könnten es nicht mit ihrer Männlichkeit vereinbaren. Das ist ein schwieriges Leben. Aber für mich ist das ein sehr wichtiges revolutionäres Leben. Die Auseinandersetzung mit der Gefahr, ein klassischer Mann zu sein, also die männliche Identität gegen die Frau zu richten, ist für mich sehr wichtig. Ich denke viel darüber nach und beziehe Stellung.
Diese Frage hat sich zu der wichtigsten Frage der Gesellschaft entwickelt.
Es herrscht eine große Lieblosigkeit vor. Die Lebensqualität leidet sehr unter der Entfremdung der Geschlechter voneinander. Hier muss eine neue Moral her. In dieser Hinsicht muss der sozialistische Mensch entwickelt werden.

Hat das sozialistische System in dieser Hinsicht keine Fehler gemacht? Wie sehen Sie die Entwicklungen nach der sozialistischen Revolution in Bezug auf die Freiheit der Geschlechter?

Rêber APO: Natürlich, die Frage der Geschlechter wurde von der Philosophen des Sozialismus sehr vernachlässigt. Marx hatte ein aristokratisches Frauenbild. Seine Beziehung mit Jenny war eine bürgerliche. Er hat den Charakter der Liebesbeziehungen nicht überwinden können. Stalin war gegenüber seiner Frau ein Feudalist, sie verlor später ihre Sprache. Andere haben Selbstmord begangen. Auch Lenin war in dieser Hinsicht ein Kleinbürger, der keine große Entwicklung machen konnte. Es kann für mich zwar negative Auswirkungen haben, aber ich bleibe bei meinen Bewertungen…

Wenn sie Fehler hatten, muss es gesagt werden.

Rêber APO: Sie hatten diese Frage als eine soziale Frage behandelt. Jetzt wissen wir, dass es ein Fehler war. Bevor nicht die Frage der Geschlechter gelöst wird, kann die gesellschaftliche Demokratie nicht hergestellt werden. Wenn man die Beziehung mit dem anderen Geschlecht oder Lebenspartner nicht ordnen kann, wie kann man dann eine Demokratie entwickeln?

Genauso wie in der nationalen Frage, nicht wahr?

Rêber APO: Natürlich.

Kann die unterdrückende Nation frei sein?

Rêber APO: Die Freiheit der unterdrückenden Nation hängt von der Freiheit der unterdrückten Nation ab. Das gleiche gilt auch für die Klassen. Die Frage ist in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern noch akuter. Ein Mann, der über eine Frau herrscht, kann kein Demokrat sein. Das ist klar. Noch etwas: Die Beziehungen zwischen Mann und Frau werden entweder von den Instinkten oder von den Familientraditionen bestimmt. Ich glaube, die meisten Beziehungen basieren auf dem Motto, dass auch geheiratet werden soll, weil alle es tun. Es ist nur eine Tradition. Und zumeist binden sich die Menschen instinktiv aneinander, ohne frei darüber nachzudenken.

Im Westen gibt es eine neue Realität. Die meisten um die vierzig lassen sich scheiden.

Rêber APO: Das ist ein großes Problem, das in Zukunft zunehmen wird. Beispielsweise gibt es in Russland eine große Rückentwicklung. Das zeigt, dass die Frage unter den Teppich gekehrt und unterdrückt wurde. Die Frau hat ihre Identität noch nicht gefunden. Sie hat sich deshalb noch nicht verwirklichen können. So wie kein sozialistischer Mensch hervorgebracht wurde, so wurde auch keine sozialistische Frau geschaffen. Ich sage: es gibt den Namen der Frau, doch sie selbst existiert nicht. Sie existiert höchstens in Grundzügen. Es gibt eine oberflächliche Sexualität, aber die Frau existiert noch nicht als Mensch. Hier muss noch viel getan werden. So schwierig es ist, an die Frage der Schaffung eines sozialistischen Menschen heranzugehen, um so schwieriger ist die Entwicklung der sozialistischen Frau und der sozialistischen Beziehung zwischen Mann und Frau. Denn diese Frage ist Tabu, es herrscht große Unwissenheit hierüber. Hier herrschen Tradition und Instinkt. Das ist sehr gefährlich.

Was sagen Sie dazu, wenn ich folgendes behaupte? Trotz dieser Unterdrückung und Persönlichkeitsstörungen bergen die Frauen hinsichtlich der Zukunft viel mehr in sich als die Männer.

Rêber APO: Das kommt daher, dass die Frau sich immer der unterdrückten Klasse, der Nation und unterdrückten Individuen nah fühlte. Sie ist nicht verantwortlich für die Geschichte. Denn der Mann hatte die Initiative. Die Frau wurde passiv gehalten und musste zuschauen. Deshalb setzt sie sich für die Gleichberechtigung, den Frieden und für lebenswerte Gesellschaften ein, was die Befreiung der Frau beinhaltet. In Friedenszeiten und in den Zeiten, in der das Leben reichhaltiger wird, kann die Frau sich entwickeln. Aber in Kriegszeiten gewinnt der Mann an Macht, und er entwickelt sich.

Die Gewalt ist in den Händen des Mannes.

Ja. Die Gewalt hat den Mann zum Mann gemacht. In diesem Sinne, wenn der Sozialismus für sich den Anspruch erhebt, die Gewalt aufzuheben, so muss er aus Sicht der Frau die im Mann personifizierte Gewalt aufheben. Wenn der Sozialismus gegründet wird, muss gleichzeitig auch die auf den Mann zentralisierte Gewalt aufgehoben werden. Dies wird zur freien Individuen führen, was die Freiheit der Frau bedeutet. In dieser Epoche kann die Frau nicht viel erreichen. Und je mehr die Frau unterdrückt wird, um so weniger kann eine gesunde Familie gegründet werden. Wie sehr auch die Rede von den Liebesliedern, Legenden und Gefühlen ist, gibt es da einen Haken: da beide Geschlechter nicht gesund sind, wurden die Begriffe tabuisiert und fetischisiert, ihres menschlichen Sinnes beraubt. Es muss eine natürlichere Basis geschaffen werden. Dafür werde ich mich wieder der These von dem sozialistischen Menschen bedienen. Der sozialistische Mensch glaubt an sich, er ist fähig, er ist schön. Er ist nicht austauschbar. Das sind Eigenschaften, die in den Geschlechter–Beziehungen nötig sind. Die Beziehungen durch Unterdrückung und Gewalt führen zur Degeneration. Auch Beziehungen nach Tradition haben keine Zukunft. Keiner soll von heute auf morgen die freie Beziehung erwarten. Und keiner soll glauben, er sei fehlerlos. Ich sage es noch einmal: ich schaffe es nicht, ein klassischer Mann zu sein. Ich versuche ein Sozialist zu sein, was in dieser Zeit sehr schwer ist. Aber allein der Versuch ist aufregend. Das ist anziehend.

ÄHNLICHE ARTIKEL