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Instagram-Der Drang nach Anerkennung

by rcadmin

Dieser Text wurde aus der März Ausgabe der Xwebûn Zeitschrift entnommen.

JXK Berlin

Wenn etwas aus dem Alltag der heutigen westlichen Jugend nicht mehr wegzudenken ist, dann sind es die sozialen Medien. Über „Social Media“ wird kommuniziert, es werden Informationen ausgetauscht und Freunde werden auf dem neuesten Stand über das eigene Leben gehalten. Der Sinn der sozialen Medien besteht demnach scheinbar in der Kommunikation mit anderen.

Betrachten wir den Begriff der „sozialen“ Medien etwas näher. Wie viele andere deutsche Wörter, stammt auch das Wort „sozial“ aus dem Lateinischen. Es wird von dem Wort „socialis“ abgeleitet und bedeutet in etwa „die Gesellschaft betreffend“ oder „gesellig“. Der damit eng verwandte Begriff „socius“ wird mit „Genosse“ übersetzt.

Worin besteht nun der Zusammenhang zwischen den Aktivitäten der Jugend auf sozialen Netzwerken und der Geselligkeit bzw. der Genossenschaftlichkeit? Was bedeutet der Jugend „gesellig“ zu sein? Was bezeichnet für uns Genossenschaft?

Denkt man an „geselliges Miteinander“, kommen einem Bilder in den Kopf, von Menschen, die gemeinsam am Lagerfeuer Lieder singen oder Menschen, die sich beim gemeinsamen Kochen herzlich miteinander unterhalten. Denn das Gegenteil von Geselligkeit ist das Alleinsein. Der entscheidende Unterschied ist die Interaktion mit anderen Menschen, die physisch anwesend sind, was eben nur in Gesellschaft von anderen möglich ist. Geselligkeit hat demnach etwas mit der physischen Anwesenheit anderer zu tun.

Bewirken die sogenannten sozialen Medien jedoch nicht das genaue Gegenteil? Sind es nicht die sozialen Medien, die dafür sorgen, dass sich die Interaktion zwischen Freuden immer mehr im digitalen Raum und weniger in der Realität abspielen?

Schaut man sich auf den sozialen Medien, insbesondere auf Instagram, einmal um, so wird einem auffallen, dass die Plattform vor allem dafür genutzt wird, um zu zeigen was man besitzt. Auf der Fotoplattform stellen die Nutzer in erster Linie Bilder von sich selbst zur Schau, um das neueste Make-Up, die teure Kleidung oder das neue Auto zu präsentieren. Insbesondere junge Frauen werden ständig anhand ihres Aussehens verglichen und vergleichen sich selbst. Sie werden zu Objekten gemacht, die anhand ihrer Follower-Zahl gemessen werden. Je mehr Follower, desto größer ist der Beliebtheitsgrad. Es erinnert an einen Verkaufsbazar: je teurer die Ware, desto wertvoller. Es erweckt den Anschein, als würde es nicht mehr um die Kunst der Fotografie oder um die Bedeutung hinter den Bildern selbst gehen, sondern lediglich um die Anzahl der Likes, die man für ein Bild bekommen kann.

Durch das Erfüllen der auf Instagram (und in der Gesellschaft) gesetzten Standards und durch das Übertreffen der Konkurrenz, versuchen junge Frauen und Männer Bestätigung und Anerkennung zu finden. Dies rührt daher, dass wir in unser Gesellschaft schon von früh auf dazu heran erzogen werden, uns mit anderen zu messen und besser als diese zu sein. Bereits im Kindesalter werden durch das Bildungssystem erste Selektionen vorgenommen. So lernen die Kinder bereits früh den Konkurrenzkampf mit ihren Gleichaltrigen. Die Kinder und Jugendlichen werden zu Einzelkämpfern herangezogen, die beigebracht bekommen, dass sie diesen Kampf nur gewinnen können, wenn sie ihre Mitstreiter (die im gleichen System gefangen sind) übertrumpfen.

Dies führt zu einer individualistischen Denkweise, wobei der Gedanke an das Kommunale gänzlich verloren geht. Dass die Stärke in der Gemeinschaft liegt, wird versucht von den Herrschenden zu verleugnen. So behalten sie die Macht über all die kleinen Einzelkämpfer, die nicht in der Lage sind, sich gemeinsam zu organisieren.

Plattformen wie Instagram dienen diesem System des Individualismus und des Konkurrenzkampfes. In diesem Kampf um Anerkennung wird in Form von Bildern versucht ein scheinbar perfektes Selbstbild zu erzeugen. Die Perfektion wird dabei an Geldwerten gemessen, sowie an gesellschaftlich vorgegebenen Standards, wie junge Frauen und Männer auszusehen haben. Bei dem Versuch dieses Selbstbild darzustellen, entwickeln die Nutzer ein fiktives Leben, das sie immer mehr einnimmt. So entfernen sie sich von ihrem Leben und den sozialen Kontakten in ihrem Leben fernab der sozialen Medien. Es ist im Grunde eine Flucht vor der Realität. Hierbei sollte hinterfragt werden, was die Ursache für den Wunsch nach Flucht ist.

In einer Gesellschaft, in der der oben beschriebene Konkurrenzkampf die Gedanken dominiert, bleibt wenig Raum für das Gegenteil. Es sind Werte wie Gemeinschaftlichkeit, die den Menschen von klein auf auf natürliche Art und Weise wohl fühlen lässt. Insbesondere die Freundschaft und gegenseitige Unterstützung unter Frauen verleiht Stärke und ist zentral für den Kampf gegen eben dieses System, welches Einzelkämpfer heranziehen will um die Zukunft des Kapitalismus zu sichern.

Werden kommunale und zwischenmenschliche Werte in einer Gesellschaft bedeutungslos, wird auch die Existenz des Menschen bedeutungslos. Diese innere Leere, die als Folge dessen verspürt wird, führt zu einem Bedürfnis nach Flucht aus der eigenen Realität. Die Flucht in ein fiktives Leben in den sozialen Medien jedoch verstärkt das Gefühl der Leere und das Bedürfnis nach Anerkennung lediglich, weil sich der Mensch noch tiefer in genau das System hineinbegibt, das ihn (ob bewusst oder unbewusst) unglücklich macht.

Das Prinzip Instagrams ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Es veranschaulicht welche Werte in unserer Gesellschaft erwünscht sind bzw. welche Gesellschaftswerte von den Herrschenden gefördert werden. Der Konkurrenzkampf um Anerkennung auf Instagram ist das Ebenbild des Konkurrenzkampfes der Unternehmen im Kapitalismus. Einige Wenige schaffen es bis an die Spitze, die übrig gebliebenen werden von der Sehnsucht und dem Glauben daran ernährt, es den „Großen“ gleichzutun.

Es ist ein Konkurrenzkampf, der auch der Wirtschaft dient. Konsumgüter werden auf Instagram propagiert, sodass — um im Trend zu bleiben und Anerkennung zu erhalten — die Nutzer diese Güter erwerben wollen. Nicht ohne Grund wenden sich global agierenden Unternehmen an sogenannte „Influencer“, damit diese ihre Follower beeinflussen können die entsprechenden Produkte zu kaufen. Insbesondere sehr viele junge Frauen lassen sich häufig beeinflussen von solchen „Vorbildern“. Sei es materieller Besitz oder die Art und Weise wie der eigene Körper präsentiert wird. Mittlerweile ist es ein allgemeines Verständnis, dass junge Frauen wie auch Männer ihren Körper in Szene setzen und leicht bekleidet die schmale Taille oder den trainierten Oberkörper präsentieren. Dies verdeutlicht, dass der Fokus in den sozialen Medien sich auf die Selbstdarstellung verschiebt und weniger auf der Kommunikation liegt, für welche diese ursprünglich gedacht waren.

Des Weiteren sind soziale Medien ein Instrument der Ablenkung. Durch das tägliche gedankenlose scrollen durch anderer Leute Urlaubsfotos, bleibt wenig Raum für kritische Gedanken. Da wir mehrfach täglich mit den immer ähnlichen Bildern konfrontiert werden, schleicht sich das Gefühl ein, dass die Selbstdarstellung auf Instagram, Facebook und Co. das Zentrum unserer heutigen Gesellschaft ist. Mit der Zeit scheint es unumgänglich mit diesem Verhalten mitzuziehen. Es entsteht ein Gruppenzwang, dem nur wenige Stand halten können.

Selbst wenn sich einige junge Menschen bemühen möglichst bewusst mit äußeren Einflüssen umzugehen und gewisse Einflüsse zu vermeiden, so ist es doch z.B. auf Instagram unumgänglich die Bilder zu sehen, von denen es Instagram will, dass sie gesehen werden. Werden beispielsweise von jemandem lediglich politische oder kulturelle Seiten abonniert, so mischen sich doch unweigerlich die Bilder dazwischen, die von der Plattform beworben werden. Somit wird jeder Nutzer unterbewusst beeinflusst. Daher rührt es, dass selbst die Aufmerksamsten unter uns das Bedürfnis verspüren können etwas zu besitzen ohne einen tatsächlichen Bezug dazu zuhaben. Es wird kaum spürbar psychologisch zum Konsum angeregt.

Nichtsdestotrotz haben die sozialen Medien an sich, so auch Instagram, ihre Berechtigung. Wenn der Gebrauch sinnvoll gestaltet wird, kann es sogar als politisches Medium genutzt werden. Soziale und politische Aufklärung kann schnell und zielgruppengerecht verbreitet werden. Auch als Medium für visuelle Kunst, ist insbesondere Instagram geeignet. So ist es eine gute Plattform für Künstler, die Kunst mit einer kritischen Aussage machen und es anderweitig schwer gemacht bekommen ihre Botschaft an ein großes Publikum zu bringen. Um nun unser Verhalten auf den sozialen Medien reflektieren zu können, sollten wir uns selbst bestimmte Fragen stellen und versuchen diese ehrlich für uns selbst zu beantworten. Für welche Werte möchte ich einstehen? Verfolge ich meine eigenen Werte und Prinzipien überhaupt selbst? Was ist meine tatsächliche Motivation für ein Instagram-Profil?

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