“Ein internationalistischer Frauenkampf strebt nicht nach Macht. Wir stellen uns gegen die Macht selbst, während wir etwas Neues erschaffen”. Der folgende Text ist eine kollektive Arbeit, verfasst von den in der Internationalistischen Kommune Rojava organisierten Frauen. Er ist im Orginal auf Englisch veröffentlicht worden und wir freuen uns, ihn nun in einer deutschen Übersetzung zu teilen.
Internationalismus und antipatriarchaler Kampf
Ein globales Problem bedeutet einen globalen Kampf und macht Internationalismus notwendig. Aber was bedeutet Internationalismus in einem revolutionären Sinne? Was bedeutet er für Frauen?
Frauenkämpfe waren immer internationalistisch. Was wir gemeinsam haben, ist schwer mit Worten zu beschreiben. Es ist das Gefühl, das wir haben, wenn wir sehen, hören oder uns daran erinnern, dass Frauen sich auflehnen, ihrer Stimme für unsere Freiheit Gehör verschaffen, für eine Welt ohne Patriarchat, eine Welt ohne Unterdrückung von Mensch und Natur.
Als militante Frauen und nicht-binäre Menschen entwickeln wir in unserer Praxis Werkzeuge, welche die gesamten Strukturen betreffen, in denen sich alle Geschlechter gemeinsam organisieren. Wir finden es wichtig, autonome Räume zu haben, um diese Werkzeuge zu entwickeln, um zusammen zu kommen, zu lernen und zu teilen. Von hier lassen wir unsere Erfahrungen, Ideen und Kämpfe in die gesamte Gesellschaft zurückfließen. Unser Kampf als internationalistische Frauen ist immer ein zweifacher: den Feind in uns selbst zu töten und den Feind im Außen zu bekämpfen.
Unser Ziel ist klar, hier und wo immer wir sind. Wir fühlen den Schmerz und die Erfolge der anderen. Daher versuchen wir immer mehr zu machen, als uns die Realität „erlaubt“.
Ein internationalistischer Frauenkampf strebt nicht nach Macht. Wir stellen uns gegen die Macht selbst, während wir etwas Neues erschaffen. Dies kann auch in den revolutionären Entwicklungen in Rojava und Nordsyrien gesehen werden. All die autonomen Frauenstrukturen sind Vorbilder für uns. In diesen Räumen feiern die Freundinnen all die Unterschiede, die wir in den gemeinsamen Kampf einbringen.
Mit unserer Kreativität und weil wir das Leben lieben, können wir alles in ein Werkzeug verwandeln, um die Freiheit zu verteidigen. Es gibt eine lange Tradition internationalistischer Frauen, die die Waffen gegen das System erhoben haben, welche wir unter den Ruinen der patriarchalen Geschichte ausgraben, um sie zurück zu erlangen und ihren Ideen und Aktionen zu folgen. Die militante Gruppe Rote Zora in Deutschland hat, neben vielen anderen, diesen klaren ideologischen Weg durch ihren Kontakt mit dem Arbeiterinnenkampf in Asien und ihren koordinierten Aktionen gegen einen globalen Feind, gezeichnet. Solidarität bedeutet, unseren Gedanken und Überzeugungen entsprechend zu leben und zu handeln. Und hierin ist der Widerstand der Frauen niemals von den anderen Kämpfen abgespalten.
Aber wie die richtigen Methoden finden? Wir wollen so für Freiheit kämpfen, dass Frauen um uns herum und Menschen im Generellen verstehen können, wie die Freiheit erreicht werden kann, wie wir sie erreichen können. Unsere Ideen verteidigend, gehen wir Schritt für Schritt, weil wir in einem System leben, dass auf Jahrtausenden der Frauenversklavung basiert. Das bedeutet, dass ein revolutionärer antipatriarchaler Kampf, wenn wir es langfristig meinen und erfolgreich sein wollen, ein Gleichgewicht und viel Geduld braucht. In diesem Sinne können wir sagen, dass Frauenbewegungen in der Vergangenheit einige Schritte „übersprungen“ haben. Wenn in Kämpfen/ Gruppen/ Orten gesagt wird, dass Frauen und nicht-binären Menschen „gleich“ sein wie Männer und in der Gesellschaft anerkannt werden würden, dann wurde der „Mann in sich“ noch nicht überwunden. Wir sind Spiegel füreinander. Ausgehend von uns selbst, mit den Kritiken die wir geben und bekommen, kann sich der Kampf entwickeln und wachsen.
Selbstverteidigung
Das Konzept der Selbstverteidigung wurde in den Bewegungen, von denen wir kommen, nicht ernst genug genommen. Es ist unsere Realität als Frauen, dass wir bereit sein müssen, uns selbst und unsere Genoss*innen gegen das Patriarchat zu verteidigen. Für jede soziale Organisation ist Selbstverteidigung notwendig. In Kurdistan und insbesondere in der Demokratischen Autonomie in Rojava sehen wir, wie Frauen in Aktion treten, um das, was sie schaffen, zu verteidigen. So lernen wir zusammen, dass es niemand anderes für uns übernehmen wird. Außerdem wissen wir – von sehr unterschiedlichen Hintergründen herstammend -, dass es keinen Ort gibt, an den wir rennen können, um nicht mit den Problemen der patriarchalen Mentalität konfrontiert zu sein. Die Tatsache, dass hier, in dieser Revolution, weniger internationalistische Frauen als Männer sind, macht erneut sichtbar, wie Unterdrückung auf globalem Level funktioniert. Es ist nicht der Fall, dass weniger Frauen kämpfen oder dass sie nicht „mutig genug“ sind. Die meisten von ihnen, können es sich nicht leisten zu kommen:
Es sind unsere weiblichen Genossinnen, die weiterhin die Verantwortungen und täglichen Arbeiten in den Strukturen unserer lokalen Kontexte zu Hause übernehmen oder die sich um Familienangehörige kümmern. Aus diesen Gründen erinnern wir insbesondere an sie, während wir dies schreiben.
Ein Phänomen, das wir sowohl in den Medien als auch an unseren männlichen Genossen beobachten können, ist die Frage nach dem Bestehen der Erlaubnis das Patriarchat zu diskutieren. Mit anderen Worten Fragen wie: „Habe ich – als Mann – das Recht über Sexismus zu sprechen?“. Auf die Reaktion: „Es scheint, als sollte es ausschließlich die Aufgabe von Frauen sein, dass Patriarchat zu bekämpfen und zu überwinden.“, kommt meist die Antwort „Natürlich nicht“; aber am Ende scheint es doch oft so, als wüsste kein Mann, wie eine Veränderung aussehen könnte.
Es gibt keine Liste mit richtigem und falschem Verhalten, was gesagt werden darf und was nicht. Und die meisten Genossinnen wollen auch nicht nach solchen „Anweisungen“ gefragt werden. Also, was ist zu tun? Wie damit umgehen? Wie gemeinsam mit allen Geschlechtern gegen das Patriarchat kämpfen und wie es überwinden? Um Wege und Methoden zu finden, müssen wir einen Blick in die Geschichte werfen und versuchen die Entwicklung des Patriarchats, seiner starken Mechanismen und die kapitalistische Persönlichkeit, die das Patriarchat schafft, zu verstehen.
Herrschaft und Unterdrückung, als Elemente hierarchischer Macht, gab es nicht immer. Sie entwickelten sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte. Der erste Schritt in diese Richtung war es, getrennte Gruppen zu erschaffen und diesen anschließend einen unterschiedlichen Wert zuzuschreiben. In anderen Worten, die Schaffung der unterdrückerischen Hierarchie zwischen Männern und Frauen. Wenn wir die Menschheitsgeschichte vor diesen Änderungen betrachten, können wir sagen, dass es keine Menschen gab, die weniger Wert hatten als andere. Während des paläolithischen und des neolithischen Zeitalters, was vor ca. 5.000 Jahren endete, waren Menschen in Gruppen um die Figur der Mutter herum organisiert (in Matriarchaten) und lebten in nicht-unterdrückerischen Beziehungen miteinander.
Eine Mutter liebt das eine Kind nicht mehr als das andere oder behandelt sie unterschiedlich. Menschen nahmen die Beziehung zwischen Mutter und Kind als Vorbild für ihre eigenen sozialen Beziehungen, was einen ausgeprägten Sinn für Gegenseitigkeit, Verantwortung und Gerechtigkeit bedeutet. Die Menschen waren in dieser Zeit, bevor das Patriarchat etabliert wurde, nicht alle „gleich“, sie hatten unterschiedliche Aufgaben usw., aber es gab keinen Anlass Menschen zu spalten und in dichotome Gruppen, basierend auf gut und schlecht, wichtig und unwichtig, zu kategorisieren. Diese Art von Bewertung und Klassifizierung ist eine zentrale Säule des patriarchalen Denkens und durch die Einführung dieser Unterscheidungen wurde die mutter-zentrierte Gemeinschaft brutal zerstört.
Dieser Prozess dauert seit ca. 5.000 Jahren an. Seit dem wurde die Spaltung der Menschen, die auf diese Weise anfing, vertieft und umfasst mehr und mehr Dimensionen. Dies ist in unser aller Persönlichkeiten eingeschrieben. Frauen, ebenso wie Männer, sind von den patriarchalen Geschlechterrollen von Unterdrückten und Unterdrückern stark beeinflusst, etwas was heutzutage stark mit den kapitalistisch-liberalen Annäherungen von Wettbewerb und Individualismus vermischt und verwoben ist. ABER: Betrachten wir die gesamte Menschheitsgeschichte – die mehrere Millionen Jahre umfasst -, können wir sagen, dass dieses System nur ein sehr kleiner Teil von ihr ist, erst ein paar tausend Jahre alt. Das bedeutet, dass die Geschichte der Menschen die längste Zeit frei vom Patriarchat war. Sie ist nicht nur die Geschichte von Kriegen und Gewalt. Und das bedeutet auch, dass wir – als Menschen – die Kraft haben, sie zu ändern. Vielleicht haben wir einfach Pech, genau jetzt geboren worden zu sein.
Wir kämpfen um die Befreiung vom kapitalistischen Patriarchat. Als Ausgangspunkt für diese Befreiung können wir nicht die HIS-story1 setzen und auch nicht für die Suche nach Strategien, um sich ihr anzunähern. Das wäre eine falscher Bezugspunkt. Wir sind auf der Suche nach Lösungen, auf der Suche nach Wegen in Richtung Freiheit. Wir sollten uns auch bewusst über die Tatsache sein, dass das System auch in uns selbst existiert, sich in unserem Denken, Sprechen und Handeln zeigt. Wenn jede*r von uns das System durch die eigene Persönlichkeit reproduziert, können wir einander und uns selbst analysieren, Kritik und Selbstkritik üben und das System durch die Veränderung von uns selbst verändern. In diesem Mechanismus liegt auch die Antwort auf eine der Fragen, mit denen wir begonnen haben: „Habe ich – als Mann – das Recht über Sexismus zu sprechen?“. Ja. Ja und wir können sogar sagen, dass es kein Recht, sondern die Bedingung für Veränderung ist.
Aber, wie wir sehen können, wenn wir einen Blick auf die Menschheitsgeschichte werfen, sollten Männer nicht damit anfangen, von ihrem Blickpunkt aus den Kampf von Frauen zu beurteilen und zu bewerten. Sie sollten keine Ratschläge geben, sondern ihre eigenen Positionen überdenken. So wird es möglich sein den Blick der Realität des weißen, europäischen, heterosexuellen Mannes als den einzigen Maßstab, zu überwinden.
Ein Beispiel ist die Diskussion um die Geschlechter-Quote. Für Männer könnten in diesem Sinne interessante und wichtige Fragen folgende sein „Was mache/ denke/ repräsentiere/ sage ich (als Mann im Patriarchat), um eine Situation und ein System zu schaffen, sodass so viele Menschen eine Geschlechter-Quote fordern?“, anstatt zu beurteilen, ob sie richtig oder falsch wäre. Nach ihrem eigenen patriarchalen Verhalten und Denken zu suchen, anstatt die Arbeiten, Konzepte und Ideen von Frauen zu beobachten und zu beurteilen, wird einen Weg aufzeigen, um die Verantwortung im Kampf um Geschlechterbefreiung zu erfüllen. Vielleicht kann das den Kreislauf von Schuld durchbrechen und durch das „Töten des Mannes in ihnen“ zur Geschlechterbefreiung führen.
Frauenkampf und Klassenkampf
Die Betrachtung der Unterdrückung von Frauen als eine Konsequenz des Kapitalismus’ und der Klassenunterdrückung, kann sehr schnell zu einem oberflächlichen Verständnis vom Patriarchat und seinen Auswirkungen auf die Entwicklung der Mentalität der Kapitalistischen Moderne führen. Angesichts des Problems der unbezahlten, freien Hausarbeit als zentrales Thema, wird die Aussicht eine Welt zu erschaffen, die die Perspektive von Frauen beinhaltet, eingeschränkt. All die Terminologien der politischen Philosophie wurden von Männer erfunden. Und die sogenannte „Befreiung“ der Frauen war zumeist auf den ökonomischen Aspekt beschränkt. Es ist wichtig zu erinnern, dass Wettbewerb, der der kapitalistischen Denkweise innewohnt, ein Teil patriarchalen Verhaltens ist. Er schafft verschiedene Formen der Hierarchie und führt unweigerlich dazu, dass die verlierende Person unterlegen ist.
Positivismus2, der auf Produktivität beruht, hat Frauen in die Kategorie von Objekten innerhalb dieser von Männern geschaffenen Welt gepresst. So wurden Frauen Teil dieser einfachen Realität, in der sie als Anhängsel von Männern betrachtet werden. Sie konnten nur innerhalb der Grenzen dieses aufgezwungenen Systems selbst entscheiden, in welchem die Männer die Subjekte in der Gesellschaft darstellen. Das kapitalistische System hat die Rolle der Frauen auf die Reproduktion menschlicher Arbeitskraft beschränkt, um mehr Arbeiter auf die Welt zu bringen. Im Zuhause, in der privaten Sphäre ist diese Produktivität im Sinne von Pflege, Putzen und Kindererziehung wie hinter Gefängnismauern verborgen. Frauenarbeit und deren Ausbeutung war eine Bedingung für die Ausbeutung des gesamten Proletariats und gleichzeitig wurden wir für unseren Klassenkampf meist weniger anerkannt.
Die Geschichte zeigt, dass viele Revolutionen, Kämpfe und Kriege zu neuen und immer ausgefeilteren Formen der Unterdrückung geführt haben, wie etwa die Behandlung von Frauen während der bolschewistischen Regierung nach der Oktoberrevolution. Innerhalb weniger Jahre wendete sich die angeblich progressive Sowjetregierung, um andere Formen der Ausbeutung der Arbeitskraft von Frauen in Fabriken und Kolchosen sowie die “Küchensklaverei” zu erschaffen.
Es ist an der Zeit wieder gegen diesen Feind zu kämpfen, der mit unterschiedlichen Masken auftaucht, sei es Liberalismus, sogenannter roter Sozialismus oder der fake-humanitäre NGO-Diskurs. Es ist an der Zeit, dass wir uns verbinden, uns auflehnen als internationalistische Frauen. Die Revolution geht weiter und es liegt ein langer und wunderschöner Kampf vor uns, der unseren Weg erfolgreich sein lassen wird.
1Wir verweisen auf eine Geschichte, die Frauen an den Rand der Gesellschaft drängt und den ständigen, furchtlosen Widerstand von Frauen und anderen Marignalisierten gegen das Patriarchat ignoriert.
2Positivismus: ein Standpunkt oder ein Weg, die Realität nur durch harte Fakten zu verstehen.
