Home ALLE BEITRÄGEJUNGE FRAUEN ,,Jin Jiyan Azadî” – Nur für Frauen?

,,Jin Jiyan Azadî” – Nur für Frauen?

by rcadmin

WELAT SERHAT

Jin trägt im Kurdischen die Bedeutung der Frau. Jiyan trägt neben dem die Bedeutung des Lebens. Azadî bedeutet Freiheit.
Im Kurdischen kann man die Wörter Jin und Jiyan nicht von einander getrennt in die Hand nehmen. Wenn es die Frau nicht gibt, kann auch kein Leben entstehen, nicht nur für den Menschen, sondern für jedes einzelne Lebewesen.
Jin und Jiyan bedingen sich gegenseitig. Das Schicksal der kurdischen Frau hat sich mit der Gründung der PAJK und der PKK um 180 Grad gewendet. Rêber APO rächt sich mit der Gründung der PKK nicht nur an dem Feind, sondern auch an die Geschichte, die das Zeitalter der Frau, also das Neolithikum, verleugnet. Die Linie der Frauenbefreiungsideologie gilt vor allem als ein Verteidigungsmechanismus innerhalb der Partei. Jede Organisation hat seine eigenen Prinzipien. „Wenn ihr die Prinzipien der Frau aufgebaut habt, habt ihr das erste Zeichen für die Freiheit gegeben (…)“- Rêber APO.

Prinzipien des freien Lebens

Das erste Prinzip zur Organisierung ist Welatparezî. Jede Frau steht in einer Dialektik zu ihrer Erde. Die Erde widerspiegelt die Geschichte der Vorfahren, es zeigt die Entwicklung. Mit Welatparezî meinen wir nicht die Liebe zum Land, sondern zum Boden. Es widerspiegelt die Verbindung der Mutter zur Erde ohne jeglichen nationalistischen Gedanken.
Das zweite Prinzip ist das Glauben an die freie Denkweise und den Willen der Frau. Die Frau kann sich erst dann von allen Ketten der Feudalherrschaft loslösen, wenn sie ihren Glauben an eine freie autonome Denkweise bis ins Endstadium bringt. Der feudale Mann hat seine stärkste Waffe geschaffen, indem er die Frau zum Zweifeln mit sich selbst brachte.
Das Prinzip der Organisierung bringt alle Prinzipien des freien Lebens zusammen. Eine richtig organisierte Frauenbewegung bringt das Patriarchat zum Bröckeln, daher wecken Slogans wie „Jin Jiyan Azadî“ bei Männern Ängste hervor. Das Prinzip der Organisierung bringt alle Punkte auf einen Nenner. Es lässt die Denkweise zum Leben werden. Das Prinzip des Widerstandes verdeutlicht, wie sehr das Wort Widerstand und die Frau in einer Dialektik zueinander stehen. Das freie Leben fängt mit dem Widerstand an. Jedoch sollte man nicht reaktionäre Widerstände leisten, die keine großen Ergebnisse erzielen, sondern sein ganzes Leben der Organisierung widmen.
Das letzte Prinzip, damit ist die Ästhetik gemeint, gibt der Bedeutung des Widerstandes eine neue Farbe. Das Leben mit einem neuen positiven Blick zu betrachten, gibt der Lebensform eine neue Bedeutung. Allem im Leben eine richtige Bedeutung zu schenken, ist ein Teil der ästhetischen Denkweise. Eine neue freie Lebensform für die Frau kann nur mit einer richtigen Organisierung beantwortet werden.

Wozu „Jin, Jiyan, Azadî“ rufen?

Rêber APO sagte, wenn der „innere Mann“ getötet ist, wird der Nährboden für die Liebe aufgebaut. Jeder Ruf nach „Jin Jiyan Azadî“ ist daher ein Ruf gegen die patriarchale Mentalität, die uns seit klein auf aufgedrückt wird. „ Jin Jiyan Azadî“ wurde weltweit durch die Revolution in Rojava, dem Widerstand der YPJ bekannt. Die Bilder dieser Frauen, die für das Leben ihr Leben aufs Spiel setzen und kämpfen, gehen um die Welt. Aber was bedeutet überhaupt Leben?
Immer wieder bekommt man mit, wie viele Freunde der Meinung sind, dass dieser Slogan nur Frauen bestimmt ist oder sich nur auf Frauen bezieht. Aber da muss ich Euch enttäuschen, denn so ist es nicht.
Für die Frauenbefreiung zu kämpfen, bedeutet zur selben Zeit für die Befreiung aller zu kämpfen. Das heißt solange das Patriarchat herrscht, solange herrscht die Mentalität der Unterdrücker und Unterdrückten, die sich überall im Leben zeigt. Diese Mentalität ist der Grund, warum heute unsere Heimat angegriffen wird, warum heute Menschen sterben müssen.
„Jin Jiyan Azadî“ ist vor allem eine Haltung gegenüber allen Denkweisen, die die zentrale Rolle der Frau in den Schatten werfen. Die Wichtigkeit der Frauenbefreiungsideologie kann man anhand eines Beispiels verdeutlichen: Stellt Euch für einen Moment vor, dass am 27. November 1978, am Tag der Gründung der Partei, keine Frauen anwesend wären.
Alle vorherigen Revolutionen waren nicht so erfolgreich und konnten nicht das angestrebte Ziel erreichen, weil sie den Willen der Frau nicht ernst genommen haben. Eine liberale Herangehensweise an die Revolution hatte im Endeffekt zum Scheitern der Revolution geführt. Rêber APO präsentiert die radikalste Veränderung für die Gesellschaft mit der Annäherungsweise der „Tötung des inneren Mannes“. In seiner Kindheit setzt er sich stets für seine Kindheitsfreunde ein. Das tiefe Hinterfragen seines Lebens führt zu Erneuerungen. Die Geschichte der Frauenideologie hat seinen Kern in Rêbertî’s Leben. Aus diesem Grund kann man sagen, dass wenn man die Frauenbewegung, Frauenideologie von der Wahrheit der Partei trennt, es keinesfalls zu einer Veränderung des Lebens kommt. JIN JIYAN AZADÎ bringt vielleicht vielen GenossenInnen bei Demonstrationen zum Lachen, es wird nur als ein einfacher Slogan angesehen, jedoch handelt es sich um eine Lebensphilosophie, welche uns zeigt, dass nur durch die freie Frau, das freie Leben aufgebaut werden kann.

Nach der Revolution wieder in die Küche?

Wenn eine revolutionäre Person das System zum Sprengen bringen will, müssen sich sowohl die Frau als auch der Mann von der Bedeutung der Frauenrevolution überzeugen. Die Frauenideologie ist in erster Hinsicht ein Mechanismus der Verteidigung innerhalb der Partei. Männer, die die Vorreiterrolle der Frau zu verleugnen versuchen, haben vor allem Angst um ihre eigene Position. Die Nicht-Akzeptanz der Vorreiterrolle bedingt auch aus diesem Grund. Männer spielen zum ersten Mal nicht die Hauptrolle in ihrem Umfeld, diese Rolle trägt nun die Frau, die freie selbstbewusste Frau, die nicht auf einen Mann angewiesen ist. Kein Grund also zur Schmeichelei eines Männerstolzes. Wenn man innerhalb der Revolution alle Ketten der Feudalherrschaft sprengt, alle Klassen bekämpft, jedoch die Versklavung der Frau nicht sieht und diese nicht als zentrales Problem aller Faschismus-, Versklavung- und Unterdrückungsformen sieht, kann man kein gesellschaftliches Problem aufheben. Diese falsche Annäherung sah man deutlich am Realsozialismus. Man stellte die Frauenfrage hinter den Klassenkampf, um die man sich angeblich nach der Revolution auch noch kümmern kann. Bei dieser Annäherungsweise ist das Ergebnis des Realsozialismus‘ gar nicht so unverständlich. Stellt euch vor, die Revolution in Kurdistan ist beendet und die Frau kehrt wieder in die Küche zurück?

Das freie Leben leben, nicht nur skandieren!

Für alle Frauen wurde vor Jahrzehnten das Schicksal bestimmt, wie sie zu reden haben, wie sie sich zu kleiden haben, wen sie zu heiraten haben. „Jin Jiyan Azadî“ ist vor allem eine große Kritik an die Geschichte, es ist die Nicht-Akzeptanz der Verleugnung. Alle Jugendliche, die den Slogan „Jin Jiyan Azadî“ auf Demonstrationen rufen, es auf ihren Kleidungen tragen, ihn als Status posten oder als Motto verwenden, sollten bei jedem Rufen die Schmerzen der Frauen spüren, die für diesen Slogan Blut vergossen haben oder sogar ihr Leben dafür geopfert haben. Sakine Cansız, Rosa Luxemburg und Clara Zetkin sind Frauen, die die ersten Schritte zu Jin, zu Jiyan und zu Azadî gewagt haben. Wir können ihren Erben nicht bedeutungslos erscheinen lassen, weil Männer nicht mutig genug sind, sich zu ändern. Mein Aufruf an alle jungen Frauen ist deshalb: Lasst nicht zu, dass JIN JIYAN AZADÎ verleugnet wird. Es ist es wert, einen mutigen Kampf für das Leben zu geben. Wenn wir leben sollten, dann ein Leben, wofür es sich zu Kämpfen lohnt.

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