Kämpfe, wie eine Frau (Fight like a girl)

„Der einzige Weg, momentan auf diesem Planeten in Menschenwürde leben zu können, ist zu kämpfen.“ (Assata Shakur, schwarze Aktivistin). Dieser Text wurde aus der Zeitschrift Xwebûn entnommen.

XWEBÛN

Am 09. Januar 2019 jährt sich zum 6. Mal die Ermordung der Genossinnen Hevala Sara, Rojbîn und Ronahî in Paris durch den türkischen Geheimdienst MIT. Der Angriff auf diese 3 revolutionären Genossinnen, ist nicht anders zu verstehen als ein Angriff des Patriarchats auf die widerständigen und kämpfenden Frauen weltweit. Dieser Angriff, in dem auch andere Staaten ihre Finger im Spiel haben, ist ein verzweifelter Versuch, die sich entwickelnde kurdische Frauenbewegung zu stoppen.

Es sind solche direkten Angriffe, die den Charakter des patriarchalen Systems mit aller Offenheit ans Tageslicht bringen. Diese Angriffe sind systematisch, geplant und zielorientiert. Wenn revolutionäre Frauen angegriffen werden, dann nicht, weil sie dem System ein wenig Schaden zufügen. Sie werden angegriffen, weil sie den Frauen weltweit die Augen öffnen, uns unsere Unterdrückung vor Augen führen, und in uns eine Hoffnung jenseits von Unterdrückung, Patriarchat und Gewalt aufblühen lassen. Sie sorgen für Bewegung, für Gemeinsamkeit. Sie sind Motoren des Frauenwiderstandes, welcher die Ordnung des krankhaften kapitalistischen Systems zum Zerfallen bringen wird.

Zum richtigen Verständnis von Patriarchat – Staat – Kapitalismus

Das Patriarchat hat sich durch die Unterdrückung der Frau etabliert. Heutzutage lässt uns das Patriarchat fast schon vergessen, dass nur aufgrund von Gewalt, Krieg und Kolonialisierung vorhergehende matriarchale Gesellschaften beeinflusst und umgeformt wurden. Um seine Macht zu festigen, hat sich das Patriarchat ein eigenes System, eine Institution zum Herrschen, geschaffen. Diesen Machtapparat nennen wir Staat. Mit dem Staat hat das Patriarchat sich eine Möglichkeit geschaffen seine Unterdrückung, Ausbeutung und Umweltzerstörung zu erweitern. Damit die Menschen, die unter diesem Staat leben, ihre eigene Unterdrückung akzeptieren, wurden verschiedene Ideologien verbreitet. Religiöser Fundamentalismus, Egoismus, Faschismus, Rassismus, Sexismus, Liberalismus und Positivismus sind bis heute wichtige Instrumente des Staates. Im 16. Jh. entwickelt sich in Europa eine neue Ideologie, die alle Werte der Gesellschaft kolonialisiert, die Ausbeutung von allen Lebenswesen zu einem System formt und die Rolle der Frau maßgeblich verschlechtert – Kapitalismus. Das Patriarchat hat mit der Entwicklung der kapitalistischen Mentalität jegliche menschenwürdigen Grenzen überspannt, seine unterdrückerischen und ausbeuterischen Mechanismen erweitert und das Konzept des Nationalstaates glorifiziert. Mit einer männlich-sexistischen Ansicht wurden modernen Rollen der “emanzipierten, liberalen Frau” erschaffen. Mit pinken Parfümwolken, glänzender Mode und aufreizenden “Freizügigkeiten”, wurde die Frau zur lebendigen Werbetafel des patriarchalen Systems. Das Leben in diesem System hat weder Platz für Würde, noch für Freiheit. Das Leben in diesem System ist ein Leben, das auf der Macht des Mannes basiert. Weder die Frau noch der Mann hat in einem solchen System Luft zum Atmen. Denn das Leben wird in den Dienst des Patriarchats gestellt. So wie Rêber APO sagt, wird man, besonders die Frau, bis in die Haarspitzen ausgebeutet. Plötzlich heißt Sexismus nicht mehr Sexismus sondern “modern”, Unterdrückung nicht mehr Unterdrückung, sondern “zivilisiert”.

Die Gewalt des Patriarchats endet nicht, wenn man nach Hause geht. Ab der Haustür der Wohnung herrscht das Familienpatriarchat innerhalb der “Privatsphäre” des Hauses. Im System dient selbst die Familie dem Patriarchat, da sie mit ihrer Hierarchie und den klassischen Rollen die patriarchale Ideologie stützt und von Generation zu Generation weitergibt. Die Familien fungieren wie Agenten des Staates.

Wir als Frauen müssen uns demnach einem Kampf stellen, der hauptsächlich 3 Dimensionen hat:

1. Kampf gegen das Patriarchat und alle seine Mechanismen.

2. Kampf gegen die Institutionalisierung der Macht der Männer: dem Staat.

3. Kampf gegen die kapitalistische Ideologie und Lebensweise.

1. Wir führen den Kampf gegen das Patriarchat und damit gegen Mechanismen, welche die Meinung von Frauen als minderwertig ansehen, unsere Repräsentation als Teil der Gesellschaft, als unwichtig ansehen und uns unserer Selbstbestimmung berauben. Das Patriarchat als Ideologie sieht vor, dass die Frau immer unter dem Mann steht und der Mann deshalb die Macht hat, sowohl körperlich als auch geistig über die Frau zu herrschen. Eine klare Kampfansage gegen den Patriarchat ist der Weg zum “Xwebûn”.

2. Es ist notwendig die Macht des Nationalstaates zu zerbrechen. Dieser Kampf ist ein Kampf gegen eine Institution, die Privilegien, aufgrund des Geschlechts, der Klasse und der Rasse vergibt. Mit der Wissenschaft in seiner Hand, dem technologischen “Fortschritt” und den Medien schafft es der Nationalstaat seine patriarchale Mentalität bis in die Schulen und die Wohnungen zu tragen. In seinen Bildungsstätten verbreitet er Rassismus, Sexismus und Egoismus wie eine Seuche. Der Nationalstaat verbreitet Elend und Armut in den Ländern, die er ausbeutet, um seine eigenen Lebensumstände zu verbessern.

Die Politik der Staaten dient dazu, die Menschen einzuschläfern und apolitisch zu machen. Jeder kümmert sich um seinen Körper, die neueste Mode oder um die eigene Karriere, doch wer kümmert sich um den gesellschaftlichen Zerfall, wer hört auf sein Gewissen und tut ernsthaft etwas für die Umwelt?

3. Wir führen den Kampf gegen den Kapitalismus, welcher uns als Objekte ansieht und vermarktet und unsere gesellschaftliche und reproduktive Arbeit, als geringeren Wert darstellt als die Lohnarbeit. Wir werden in den häuslichen Bereich verbannt oder sollen uns doppelt ausbeuten lassen, durch Lohnarbeit und kostenlose Reproduktionsarbeit. Jeder Teil der Frau wird zum Objekt, bereit, um auf dem Markt verkauft zu werden. Wir sprechen nicht nur von Prostitution – selbst der Blick einer Frau, ihre Gangart, sogar ihre Fußnägel werden objektiviert und übersexualisiert, fast so, als sei die Frau kein Mensch, sondern eine Vollzeit-Dienerin des Kapitalismus.

Vor allem die Natur leidet unter der brutalen Zerstörungsgewalt des Staates. Alle Ressourcen werden bis ins unerträgliche ausgenutzt und vermarktet. Genauso sieht es mit Kunst, Kultur, Geschichte usw. aus.

Revolution zum Blühen bringen

In all diesen Punkten ist die Kolonialisierung der Frau, die Vereinnahmung ihres Körpers und ihres Geistes, der Ausgangspunkt für die Kolonialisierung der Natur, der Völker, der Gesellschaft… Deshalb ist auch der Kampf der Frauen ein Schlüssel für die Zerstörung des Patriarchats, des Kapitalismus und des Nationalstaates. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Patriarchat und seine kapitalistische Institution – der Nationalstaat – Angst vor starken, widerständigen Frauen haben, welche all diese Punkte in Frage stellen und die Kolonialisierung aufbrechen wollen. Über Jahrhunderte hinweg waren Frauen widerständig. Frauen haben sich nie gänzlich dem patriarchalen System gebeugt. Ständig musste das System nach neuen Auswegen suchen, um uns Frauen mundtot zu machen, um uns endlich zu kolonialisieren und für das System nutzbar zu machen.

Im Namen der Wissenschaft, welche heute ebenfalls als Machtinstrument des Staates dient, versucht man uns zu verkaufen, dass die Unterdrückung der Frau schon immer Teil der natürlichen Gesellschaft war, und dass die Frau rückständiger als der Mann sei. Durch HIStory, die Geschichte, die vom Mann verfasst wurde, wurde die Kraft der Frau überdeckt. Doch alle Frauen weltweit haben einen Teil ihrer jahrhundertealten Geschichte in sich. Und jede von uns kann den Geist der freien Frauen wiederbeleben, wenn man die Geschichte aufholt. In jeder von uns schläft eine widerständige und revolutionäre Persönlichkeit! Wenn wir uns als Frauen gegen das kapitalistische Patriarchat auflehnen würden, dann würden wir eine Gefahr für das System werden. Manchmal agiert das System aus Angst und Ausweglosigkeit, mit blanker Gewalt, mit Ermordung, so wie bei den drei Genossinnen. Wenn wir Heval Sara betrachten, die schon mit 21 Jahren in Bakûr (Nordkurdistan) zu 24 Jahren Haft verurteilt wurde, spricht das für die massive Angst des Systems vor einer Frau, welche unbeirrt ihren Weg Richtung Freiheit und Gleichheit geht. Durch ihre starke Persönlichkeit konnte sie viele Menschen von der Richtigkeit der Werte der PKK, wie die Freiheit der Frau, Ökologie und basisdemokratischen Werten überzeugen. Selbst innerhalb des Gefängnisses, konnte der Staat ihren Widerstand nicht brechen und sie schaffte es, anderen GenossInnen im Gefängnis dadurch Kraft zu geben.

Ein weiteres Beispiel ist Rosa Luxemburg, welche eine der bekanntesten Persönlichkeiten der sozialistischen Bewegung in Deutschland war. Auch sie hatte erkannt, dass der Kampf immer gegen den Kapitalismus gerichtet sein muss und das nicht durch eine elitäre Gruppe, sondern durch eine Bewegung der gesamten Gesellschaft. Sie war überzeugt, dass der Generalstreik das beste Mittel sei, um ArbeiterInnen zu radikalisieren und die Revolution zu beginnen. Durch ihre charismatischen Reden erreichte sie viele Menschen und gründete letztendlich den Spartakusbund mit.

Aufgrund ihrer Aktivitäten sah sich der Staat und damit das kapitalistische und patriarchale System gezwungen auch sie zu inhaftieren. Denn ihre Gedanken waren revolutionär, ihre Haltung widerständig. Nachdem sie Teil des Spartakusaufstandes war, wurde sie kurze Zeit später entführt und ermordet. Denn auch sie wollte sich nicht durch Gefängnis oder Repression in ihrer revolutionären und widerständigen Haltung beugen lassen, somit wurde sie, wie auch Heval Sara, zum Ziel des Systems. Denn die Angst davor, dass Frauen sich aus der Unterdrückung und Ausbeutung erheben, ist die größte Angst, die das Patriarchat und der kapitalistische Staat haben.

Frauen führen überall auf der ganzen Welt den gleichen, universellen Kampf. Beispielsweise gab es auch in Nordamerika KämpferInnen, wie Anna Mae Aquash, welche eine der bekanntesten Mitglieder des American Indian Movement (AIM) war. Durch ihren Kampf gegen die Ausbeutung und Unterdrückung der Native Americans und für ihre Rechte, wurde sie zur Gefahr des Systems, welches seine Existenz auf Kolonialisierung und Verleugnung errichtete. Man vermutet, dass Anna Mae Aquash von FBI Agenten ermordet wurde. Man fand sie tot in der Nähe des Reservats, für das sie kämpfte, auf.

Der Kampf ist unaufhaltbar!

Anna Mae Aquash ist ein Beispiel einer langen Kette kämpfender und revolutionärer Frauen. Jeder Schritt dieser Frauen ebnet einen neuen Weg für einen gemeinsamen, unaufhaltbaren Kampf. Ein Mord, und selbst all die Feminizide, können uns nicht davon abhalten für ein würdevolles, freies und bedeutsames Leben zu kämpfen. Denn der Samen von Frauen mit revolutionärer Haltung ist über Jahrhunderte weitergegeben worden. Man kann zwar eine Blume abschneiden, aber den Frühling kann man nicht aufhalten. Wenn in uns die Kraft, der Wille und das Wissen von einer anderen Welt wie eine Flamme brennt, kann uns das System nicht brechen! Durch nackte Gewalt ist es dem System gelungen Heval Sara physisch zu töten, aber was das System nicht geschafft hat, ist das Feuer, das sie in uns entflammt hat, auszulöschen.

Und so sollten auch wir jede gefallene Freundin als einen weiteren Antrieb sehen, diesen Kampf noch intensiver zu führen und an den Zerfall des Patriarchats zu glauben. Wir müssen unseren Willen wiederentdecken und uns nicht den Lügen des Patriarchats, von scheinbarer Gleichberechtigung und Freiheit, hingeben. Denn unsere Liebe für die Freiheit wird immer stärker sein, als alle Mittel, die das System gegen uns einsetzen kann!

Alle kämpferischen Frauen haben ihre Kraft, ihren Willen und ihr Wissen bis heute an uns weitergegeben, denn in jeder von uns liegt ein Samen dieser Kraft, dieses Willens und Wissens verborgen. Wir müssen ihn nur finden und zum Blühen bringen!

Rosa Luxemburg lebt, Anna Mae Aquash lebt, Heval Sara, Heval Rojbîn und Heval Ronahî leben!!!

„Unsere Hoffnung ist es, dass sich unsere Situation eines Tages ändern wird, dass uns Frauen mit Respekt, Gerechtigkeit und demokratischen Werten begegnet wird.“ Commandante Ramona EZLN

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